Ex-Press VI

Blasen aus dem Mediensumpf

 

Da kann dann nichts schiefgehen

Endlich hat Zürich wieder etwas Glamour. Wir begrüssen das Zurich Film Festival in dieser Blütenlese des Sumpfsinns.

Alle guten Kräfte sind versammelt. Alain Berset setzt sich den Hut als Kulturminister auf. «Natürlich kommt auch Daniel Koch», verrät Direktor Christoph Jungen persoenlich.com. Die Fragen wurden vorsichtshalber schriftlich gestellt, man will ja jede Ansteckung vermeiden.

Was uns allerdings mehr als die Starparade oder die Rede des Bundesrats interessiert: Trinkt Koch wieder ein Corona? Stürzt er sich in den Zürichsee?

Oder nein, das ist’s: er wird die Verfilmung seines Lebens ankündigen. Max Schreck ist für die Titelrolle vorgesehen.

Die Klimajugend, die Schlingel

«Für die Besetzer war die Räumung bei Regen hart», barmt CH Media, aber die sonst so bekenntnisfreudigen linken Nationalräte wurden offenbar auf dem falschen Fuss erwischt. Ob die den Besetzern des Bundeshausplatzes den Schutz ihrer parlamentarischen Immunität gewähren würden? «Wenn es terminlich passt, ja», berichtet CH Media. Das ist grossartig; Klimarettung ja, aber nur, wenn es zwischen «Hasta siempre» grölen und dem Verfassen einer Solidaritätsadresse für Venezuela reinpasst.

Verblüffendes vermelden auch die Blätter aus dem Hause Tamedia: «Auf die Besetzung des Bundesplatzes waren wir und auch die Polizei eindeutig nicht vorbereitet», behauptet dort der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried. Ohne rot zu werden. Dabei hätte er sich nur bei der Medienmeute erkundigen müssen, wann’s denn nun losgeht.

Wenn schon keine richtige Beteiligung der SP-Linken am Happening, dann wenigstens klare Worte, was die Medien tun sollen und was nicht: «Vorher habt ihr den huere fucking Glarner, who cares, gefilmt, statt die Forderungen der Jugendlichen», schimpfte SP-Nationalrätin Jacqueline Badran ins Mikrophon von «Echo der Zeit».

Auf jeden Fall zeigen die Leitmedien, dass sie einer illegalen Besetzung viel mehr Sympathie entgegenbringen als einer legalen Demonstration. Kommt halt immer aufs Thema an.

Schon wieder ein Corona-Opfer

Der Job fordert offenbar das Letzte ab, er fordert zu viel. Schon Mr. Corona Daniel Koch verabschiedete sich mitten in der Krise in die Pension. Und musste ein kühlendes Bad in der Aare nehmen. Darauf übernahm mit Stefan Kuster ein genauso unrasierter, aber viel jugendlicher wirkender Beamter, die Position des Sprechers des Bundesamts für Gesundheit.

Aber obwohl er nur watteweiche Allgemeinplätze parat hatte, war der Job offenbar zu hart für ihn. Spätestens am 1. Dezember wird er seine Position aufgeben, bestätigt das BAG Informationen des «Blick». Verständlich irgendwie, bald kommt die Weihnachtszeit, Geschenke kaufen, Baum schmücken, da muss der Beamte Prioritäten setzen.

Wie man ein Gerücht am Leben erhält

Der muntere Finanzblog «Inside Paradeplatz» hatte mal wieder die Nase vorn: Er vermeldete Gespräche der beiden VR-Präsidenten von UBS und Credit Suisse über eine mögliche Fusion. Darauf fand das Gerücht natürlich den Weg in die Leitmedien und wurde fleissig kommentiert, analysiert, Fachmeinungen eingeholt, weitere Gerüchte dazugestellt.

Im Prinzip wäre das vielleicht auch keine schlechte Idee, nachdem beide VR-Präsidenten unter kräftiger Mithilfe der Geschäftsleitungen beide Banken so geschrumpft haben, dass zum Beispiel die CS locker mit einem Jahresgewinn einer US-Bank aufgekauft werden könnte, dermassen ist sie zu Schanden geritten.

Gibt’s was Neues? Aber sicher, während eines Gerüchts ist nach einem Gerücht. Die «Bilanz» verbreitet nun das Gerücht, dass die Fusionsgespräche «ruhen». Was via Reuters oder andere Agenturen wieder den Weg in die Leitmedien findet.

Das ist wirklich kreativer Journalismus. Weder die UBS noch die CS haben bislang solche Gespräche bestätigt, noch viel weniger deren Abbruch. Aber wenn das Gerücht schon mal in der Welt ist, dann muss es natürlich auch wieder aus der Welt. Woher hat denn nun die «Bilanz» diese brandheisse News? Ach so, sie beruft sich auf «zwei Insider». Ob das wohl Axel Weber und Urs Rohner persönlich waren?

CH Media lässt Mitarbeiter im Ungewissen

CH Media informierte am Donnerstag die Medien mit ihrem «Effizienzprogramm»: Bis Ende 2022 sollen 30 Millionen Franken eingespart werden. Bluten müssen alle. Grund ist für einmal nicht (nur) die Coronakrise und das serbelnde Werbegeschäft. «Die Weiterentwicklung des Bereichs Entertainment erfordern weiterhin hohe Investitionen», heisst es in der Mitteilung. Die im Herbst übernommene Fernsehgruppe 3+ reisst anscheinend noch tiefere Löcher als gedacht.

Im Unterschied zu anderen Medienkonzernen und ihren Sparübungen, lässt CH Media ihre Angestellten im Ungewissen. Die Stimmung auf der Redaktion muss momentan ziemlich mies sein. Auf die Frage hin, wie viele gehen müssen, weiss selbst die Medienstelle keine Antwort. «Der Grund ist, dass wir das noch nicht wissen. Auch die Geschäftsleitung nicht.» Die Geschäftsleitung soll keine Ahnung habe, wie viele Leute ungefähr gehen müssen? Weiss sie immerhin, wie viele Eier sie hat?

 

Kindisch-arrogante Dialogverweigerung

Reden wir mal drüber? Nicht mit der Klimajugend.

Es war schon immer das Privileg von Autokraten und Diktatoren, von vermeintlich unangreifbaren Autoritäten, die Debatte zu verweigern.

Das chinesische Regime will keinen Dialog mit Dissidenten. Der weissrussische Autokrat Lukaschenko will keinen Dialog mit den Demonstranten gegen seine manipulierte Wiederwahl.

Damit soll die andere Seite nicht aufgewertet, nicht anerkannt, ihr Legitimität abgesprochen werden. Denn Regimes und Autokraten haben Angst vor dem freien Wort, vor der Debatte.

Alle Heilslehren, Religionen, hermetisch geschlossene Ideologien haben Angst vor der Debatte. Im Islam ist das bis heute unmöglich; die christliche Kirche musste dazu gezwungen werden, auf Zweifel und Gegenargumente nicht mit der Inquisition zu reagieren.

Nur im offenen Widerstreit der Argumente ist Erkenntnisgewinn möglich

Natürlich ist die Freiheit der Debatte nicht grenzenlos; sie braucht Regeln, die Teilnehmer müssen geschützt sein. Aber es gehört zu den fundamentalen Vorteilen unserer zivilisierten Gesellschaftsform, auf dieser kleinen Insel des offenen Streitens, dass Konsens herrscht: nur im Widerstreit der Meinungen ist Erkenntnisgewinn möglich.

In hermetisch geschlossenen Systemen, in Autokratien, in absolutistischen Regimes wird dekretiert, worüber debattiert werden darf – und worüber nicht. In fundamentalistischen Glaubensgebäuden gilt Zweifel als blasphemisch, der sogar mit dem Tod bestraft werden muss.

Offenes Streiten über alles ist nur in einigen Staaten Europas, in den USA, in wenigen Staaten Asiens, nirgendwo in Afrika oder Lateinamerika möglich. In zu vielen Ländern der Erde riskiert der Vertreter einer unliebsamen Meinung, dass er zensiert, boykottiert, bedrängt wird. Schlimmer noch, dass er bedroht wird, Nachteile in Kauf nehmen muss. Vielleicht sogar sein Leben verliert.

Kleine Inseln der Glückseligen im Meer der Intoleranz

Wir leben hier in der Schweiz auf einer der wenigen Inseln der Glückseligen, wo im Rahmen des Anstands und der Gesetze ein offener Meinungsstreit nicht nur möglich ist, sondern auch eine lange Tradition hat. In jeder Form.

Eine dieser Formen ist das Streitgespräch in der Öffentlichkeit. Auf Podien, in Sälen oder vor Mikrophonen und Kameras. Die einzige Sendung des Schweizer Fernsehens, die eine solche Streitkultur pflegen will, ist die «Arena».

Man kann, was dort stattfindet, als Schaukampf kritisieren, bemängeln, dass es nur rhetorische Spiegelfechterei sei, dass man sich nicht zuhöre, sondern jeder Teilnehmer nur möglichst viel Redezeit für sich erobern will. Auch diese Meinungen kann man frei äussern.

Wir sprechen gerne mit allen, nur mit dem nicht

Nun überrascht das «Kommunikationsteam des #RiseUpForChange» damit, dass es «sehr gerne auch mit Menschen spricht, welche unterschiedliche Ansichten haben». Allerdings bestimmt es selbstherrlich, mit wem es nicht spricht. Denn die Redaktion der «Arena» bestehe doch tatsächlich «auf der Einladung Roger Köppels».

Eine Unverschämtheit für das «Kommunikationsteam», denn «Roger Köppel und seine Zeitung hetzen seit Beginn der Klimastreiks massivst gegen Klimastreikende». Daher habe man «einstimmig beschlossen, die Einladung zur SRF Arena nicht anzunehmen».

Genauer gesagt: Die Teilnahme zurückzuziehen, nachdem man offensichtlich mit dem Erpressungsversuch scheiterte, nur aufzutreten, wenn Köppel nicht dabei ist. Das ist so unverfroren und unerhört, dass man es kurz abschmecken muss.

Wenn die Massstäbe völlig verrutschen

Die gleichen Vertreter einer Bewegung, die die Toleranz der Gesellschaft aufs «massivste» strapazierten, indem sie ein Lager auf dem Bundesplatz vor dem Schweizer Parlament aufschlugen, das trotz klarem Gesetzesverstoss von der Berner Regierung toleriert wurde, wollen die Teilnahme eines missliebigen Kontrahenten in einer Debatte nicht tolerieren.

Dabei haben sie sich offensichtlich verschätzt und überhoben, indem sie meinten, mit ihrer Drohung, der Debatte fernzubleiben, könnten sie Köppel ausladen, obwohl ihnen weder seine Einladung noch seine Ausladung zusteht.

Die Begründung fürs Schmollen ist aberwitzig: Köppel leugne oder relativiere die Existenz des menschengemachten Klimawandels. «Dieser ist wissenschaftlicher Konsens und kann nicht zur Debatte stehen.»

Die Klimajugend will bestimmen, was debattiert werden darf

Das erinnert an die absolute Arroganz der Kirche, die Galileo Galilei mit dem Zeigen der Folterinstrumente klar machte, dass die Erde eine Scheibe sei und unverrückbar im Zentrum des Universums stünde. Das sei wissenschaftlicher Konsens und könne natürlich nicht zur Debatte stehen.

Nun hat Köppel vielleicht nicht das Format eines Galileis. Aber ein paar erregte Jugendliche haben noch viel weniger das Format oder die Autorität, darüber zu entscheiden, was zur Debatte stehen darf und was nicht.

Man könnte nun Milde walten lassen und verständnisvoll darüber hinwegsehen, dass ein paar Idioten in jugendlichem Ungestüm noch keine Ahnung haben, was Meinungsfreiheit und Toleranz bedeuten. Unheimlich wird es aber, wenn ein Krisenkommunikationsberater wie Mark Balsiger Wind in eigener Sache macht, indem er per unverlangter Ferndiagnose schon vor der Debatte weiss, dass Köppels «Teilnahme in der Sendung nichts» bringe.

Ein Krisenkommunikator als Krise in eigener Sache

Wer solchen Unsinn verzapft, ist selber die Krise, die er kommunikativ zu bewältigen verspricht. Es mag durchaus zweifelhaft, gar falsch sein, unsinnig, unwissenschaftlich, hanebüchen, was Roger Köppel oder andere Autoren der «Weltwoche» über Klimaveränderung sagen.

Aber selbst wenn das so ist: Das ist ein laues Lüftchen im Vergleich zu dieser arroganten Borniertheit, in einer Debatte bestimmen zu wollen, wer mit welchen Meinungen daran teilnehmen darf – und wer nicht.

Selbstverständlich findet die «Arena» unter Teilnahme von Roger Köppel statt, und das ist gut so. Die Klimajugend hat sich hingegen als ein dummer Haufen von trotzenden Rotznasen entlarvt. Erstaunlich höchstens, dass diese «Kollektiv» auch für Greenpeace spricht. Dieser Organisation konnte man bislang eine gewisse Vernunft nicht absprechen.

Aber hier ballt sich eine üble Mischung aus geschichtsvergessener Dummheit, Borniertheit und Rechthaberei zusammen. Von Menschen, die vergessen haben – oder nie wussten –, wie kostbar das Gut der freien Debatte ist, und mit wie vielen Opfern es erkämpft werden musste.

Deshalb dürfen nur weit gefasste Gesetze, so wie in der Schweiz, die freie Meinungsäusserung beschneiden. Niemals selbsternannte «Kommunikationsteams» von Kommunikationsverweigerern.

Staatliche Medienförderung

Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

Wie haben wir gelacht über die sozialistische Presse. «Prawda», «Neues Deutschland», «Granma» und wie sie alle heissen. Wenn das Modewort vom «Branded Content» wo zutrifft, dann bei diesen Blättern.

Immerhin machten sie aus ihrer Parteilichkeit kein Hehl; tapfer identifizierten sie sich als Zentralorgane der jeweils herrschenden kommunistischen Partei. Also sahen sie sich als staatstragend an, solange der Staat noch von der KP beherrscht wurde.

Das bedeutete, dass am weisen Ratschluss und dem Führungsanspruch der fortschrittlichsten Parteien auf diesem Planeten, unter deren Anleitung ihre Völker direkt ins irdische Paradies schlendern, kein Zweifel aufkommen durfte.

Nachrichten aus der heilen Welt

Pläne waren dazu da, übererfüllt zu werden. Invasionen waren dazu da, Völker vom imperialistischen Joch zu befreien. Aufrüstung war dazu da, die Friedensliebhaber gegen Aggressoren zu beschützen. Ach ja, und sozialistische Wahlen legten alle paar Jahre den Beweis ab, dass nur im Sozialismus eine echte Vertretung der Volksinteressen per Wahl möglich ist.

Das alles funktionierte so wunderprächtig, dass eigentlich immer die Wahlergebnisse schon von Vornherein vorhergesagt werden konnten. Zumindest, was die beiden Stellen vor dem Komma betrifft. Das waren immer alle Neune.

Nur Nordkorea blieb es allerdings bislang vorbehalten, auch Resultate vorweisen zu können, die schlichtweg nicht zu überbieten sind: 100 Prozent Zustimmung. Was will man mehr? Okay, das nächste Mal vielleicht 127,5 Prozent, wenn man wünschen darf.

Das vernichtende Urteil über diese Art Medien

Gegängelt, zensuriert, realitätsfern, gefiltert und voller Lügen, Beschönigungen, Auslassungen. So lautete das vernichtende Urteil über diese Staatsmedien. Prostitution, Korruption, Inkompetenz, Kriminalität, Machmissbrauch? Also bitte, solche üblen Vorkommnisse gibt’s doch nur im Spätkapitalismus kurz vor seinem Ende.

Gut, diese Zeiten sind doch eigentlich vorbei; nicht wahr? Ja, in den meisten Ländern des ehemaligen sozialistischen Lagers schon. Aber wie steht es denn in der Schweiz? Was für eine Frage, hier herrscht Meinungsfreiheit, hier erscheint eine freie Presse.

Ach ja? Es ist tatsächlich so, dass die Zeiten der zumindest parteinahen Zeitungen vorbei ist. Mit der typischen Unfähigkeit, die Genossen als Unternehmer auszeichnet, wurde der AZ-Zeitungsverbund gegen die Wand gefahren. Selbst der «Walliser Bote» würde sich nicht unbedingt als CVP-Zentralorgan verstehen, und bei der NZZ könnte man höchstens noch von einer gewissen FDP-Nähe sprechen.

Will man den grossen Elefanten ignorieren?

So weit, so gut. Aber so zu tun, als ob es keine staatsnahen Medien in der Schweiz gäbe, hiesse, den grossen Elefanten mitten im Raum zu ignorieren. Der trägt den Namen SRF. Lassen wir die Debatte, ob das ein mit Zwangsgebühren finanzierter Staatsfunk ist oder ein gebührenfinanzierter Service publique. Grosse Staatsferne kann man SRF auf jeden Fall nicht vorwerfen.

Bislang ist es SRF auch gelungen, heimische Vollprogramm-Privat-TV-Stationen plattzumachen. Ausser CH Media setzt zurzeit niemand auf ernstgemeinte Versuche, mit TV-Programmen und Lokal-Radios gegen SRF in den Kampf zu ziehen.

Das faktische Monopol von SRF wird auch kaum mehr kritisiert, seitdem auch private Verleger ein paar Brosamen aus dem grossen Gebührentopf bekommen. Alles, was noch vor einigen Jahren als multimediale Multichannel-Lösungen hochgejubelt wurde, ist still und leise zu Grabe getragen. Nur Ringier versucht gerade, mit Internet-TV mit Nachrichten unter dem Brand «Blick» ein Scheibchen vom Kanal bewegtes Bild abzuschneiden.

Die privaten Verleger kauen auf den Zückerchen

Ansonsten wurden die Privatverleger mit Zückerchen bei der Frühzustellung bei Laune gehalten, ausserdem waren sie – Stichwort Admeira – auch intensiv mit sich selbst beschäftigt. Aber dann war Pandemie, und das übliche Wehklagen schwoll zum lautstarken Gejammer an. Nun sei staatliche Unterstützung aber dringend geboten.

Rechtzeitig wurden wieder die salbungsvollen Worte von Vierter Gewalt, unabdingbar in einer funktionierenden, direkten Demokratie, Wächteramt, usw. abgestaubt und ins Schaufenster gestellt. Und es sieht ganz danach aus, als ob der Staat ein Einsehen hätte und das Füllhorn milder Gaben umfangreicher über Privat-Medien ausschütten wird.

Wie sich das dann mit kritischer Distanz zur Hand, die die Medien füttert, entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Dass ständig kräftig reingebissen wird, ist eher nicht anzunehmen. Die völlig unkritische Distanz zu den drakonischen COVID-19-Massnahmen der Regierung lässt nichts Gutes ahnen.

Und übersehen dabei, wohin der Elefant sich bewegt

Verblüffend ist aber eine ganz andere Entwicklung. Seit es online gibt, haben alle privaten Medienkonzerne erbittert darum gekämpft, dass SRF mit seinem Internet-Auftritt ja nicht die anderen News-Anbieter konkurrenzieren dürfe. 1000 Zeichen pro Beitrag maximal, ja keine Webauftritt, der gratis anbietet, woran die Verlage verdienen wollen. Das war der Schlachtruf über lange Zeit; jeder zaghafte Versuch von SRF, online zu punkten, wurde mit so lautem Geschrei kritisiert, dass man sogar vibrierende Halszäpfchen sah.

Aber, Wunder über Wunder, gerade hat die neue SRF-Direktorin – neben Einsparungen – angekündigt, dass der neue Schlachtruf «Digital first» heisse. Sieht man irgendwo ein Halszäpfchen? Nein.

Auch SRF müsse sich nach der Decke strecken, meint Nathalie Wappler, die neue eiserne Lady des Schweizer Farbfernsehens. Daher müsse man, geradezu machiavelistisch argumentiert, den Konsumenten dort abholen, wo er sei, um den Auftrag eines Service publique erfüllen zu können.

Und der Konsument ist heutzutage halt online, der Zuschauer mit der Fernbedienung in der Hand und der Zuhörer draussen im Lande vor dem Radioapparat, die Sendungen dann über sich ergehen lassen, wenn sie ausgestrahlt werden, dieses Publikum stirbt langsam aus.

Alles digital, was will man machen

Heute ist eben alles digital. Natürlich nicht nur Ton und Bewegtbild. Gerade im Nachrichtenteil muss der Konsument auch mit Buchstaben auf dem Laufenden gehalten werden. Also genau damit, womit die Medienkonzerne weiterhin verzweifelt Geld zu verdienen versuchen. Deshalb haben sie sicherlich schon die Pferde gesattelt, schwingen Morgensterne und Hellebarden, um gegen diesen neuen Versuch, ihnen das Wasser abzugraben, anzukämpfen.

Nein, verblüffenderweise ist Ruhe. Vielleicht werden alle Kräfte absorbiert, um den eigenen Verlag in eine möglichst günstige Position zu manövrieren, wenn es dann Subentions-Guetzli regnet. Dass so der Staat mit einer Hand gibt, mit der anderen wegnimmt, das zu kapieren übersteigt offenbar das Erkenntnisvermögen der Verlagsmanager.

Statt sich um Strategien in die Zukunft zu kümmern, verkünden sie lieber eine Sparrunde nach der anderen. Um die Forderungen nach Subventionen zu unterfüttern. Und ich dachte immer, führende Banker seien einzigartig in ihrer Unfähigkeit.

Branded Content: angebrannter Quark

Werbung at its worst. Mal’s hübsch an und sag’s auf Englisch.

Es gibt eine banale Frage, bei der jeder Content Creator erblasst, jeder Social Media Manager erzittert. Sie lautet: Welchen Return on Investment gibt es eigentlich pro Franken, der in diesen Unsinn investiert wird?

Social First Mindset, authentisch, interagieren, echt, Haltung, relevant, Social Campaining, die Jungen dort abholen, wo sie sind, multichannel, Story Telling, Echtzeit, viral, off und online, Gold Members, Community Building, Branded Content. Keywords und Buzzwords, you know.

Ständige Optimierung, call to action, den User ernst nehmen, Shitstorms vermeiden, das Produkt emotional machen, echt, Begleiter, Ratgeber, Nutzwert, Reputationsmanagement, organic traffic, Follower, Likes, Scheinwerfer richtig einstellen, im Driver Seat fahren, auf Augenhöhe bleiben. Reporting, Analytics, Message Ads, personalisierte Werbung.

Eigentlich hätte man sehr oft einen grossen Haufen Geld sparen können, wenn man statt einem jungen, dynamischen und erfolglosen Team von Digital Natives einen Mike Shiva angestellt hätte. Aber der ist leider tot, also geht das auch nicht mehr.

Profitieren von weit verbreiteter Unkenntnis

Profitieren können diese Dummschwätzer von der immer noch weit verbreiteten Unkenntnis, was das Internet kann und was nicht. In den vergangenen dreissig Jahren haben die meisten Schweizer KMU immerhin den Schritt von Ignoranz über Staunen zu einer eigenen Webseite geschafft.

Nicht allzu wenigen wurden dann auch noch die gnadenlosen Vorteile eines Web-Shops vor Augen geführt. 24 Stunden geöffnet, grossartige Kundenführung, mit möglichst wenig Klicks zum Entscheidenden, dem verbindlichen Kauf: tolle Sache. Braucht dann natürlich schon ein CMS, Content Management System, you know, aber ist keine Sache, hübsche Lösungen gibt es schon ab 30’000 Franken. Wobei, also mit ein paar wirklich nötigen Gadgets drauf kostet es dann 50’000. Aber anschliessend kann man nur noch Geld zählen.

Und schon mal an CRM gedacht, so im Rahmen eines Intranets? Muss man haben, heutzutage.

Warum? Muss man heute einfach haben

Dann kam die grosse, weite Welt der Social Media. Facebook, Instagram, Twitter, you know. Schüchterne Fragen, was denn das solle und ob man da wirklich mitspielen müsse, wurden souverän abgebügelt: Muss man heutzutage einfach haben, haben alle, wer nicht mitmacht, verliert. Ist ausserdem so ähnlich wie bei Google; vorne dabeisein ist alles. Geht übrigens auch bei Linkedin und so. Und was, Sie haben noch keine App?

Aber überhaupt, wir erleben ja gerade die Wiederauferstehung des Contents. Inhalt zählt, content is king, you know. Produkte werden über Storys verkauft, inhaltlicher Mehrwert, Emotionen, spannend, nachhaltig, disruptiv, zukunftsfähig. Wer will heute schon noch einfach einen Liter Benzin verkaufen. Ist doch viel besser, eine Story über den Schutz von Amazonas-Indianern zu verbreiten, die extra noch alphabetisiert und geimpft werden, bevor sie der Erdölkonzern von ihrem Land vertreibt, äh, ihnen eine viel bessere Lebensqualität anbietet. Und pro Liter Benzin bekommt jedes Indio-Kind eine Windel gratis.

Ist halt nicht ganz billig

So macht man Brand Building heute, das freut die Klimajugend. Nun ja, in der Tat, diese Kanäle müssen natürlich bespielt werden, also mit Inhalten gefüllt. Dann müssen sie ständig moderiert werden, damit sich da nicht eine Dynamik in die falsche Richtung entwickelt. Dann muss das alles noch koordiniert werden, stimmt schon. Ach, und ein paar testimonials, you know, das ist immer gut. So eine positiv konnotierte Referenzperson, halt so einer wie Roger Federer; gesehen, wie dieser Tennisschuh abgeht wie eine Rakete?

Natürlich, ist nicht ganz billig, dann kann man aber auch ein paar Influencer, you know, stattdessen nehmen. Wenn die dann jeden Morgen mit Eurem Rasierwasser gurgeln, geht der Absatz durch die Decke. Oder habe ich da gerade was durcheinander gebracht?

Ach, da war doch noch eine unbeantwortete Frage, Return on Investment, you know. Was genau bekomme ich für einen Franken, den ich in diese Blackbox stecke? Ist die falsche Frage? Kann man so nicht messen? Muss man heute einfach haben?

Echt jetzt?

Herr Doktor, übernehmen Sie!

Über Sinn und Unsinn, den höchsten akademischen Grad in Medienmitteilungen und Texten zu nennen.

Heute gibt’s mal einen Ausflug in die Unternehmenskommunikation, ein Blick hinter die Kulissen, den Fokus voll auf die Feinmechanik grosser Verwaltungseinheiten gelegt. Der Aufhänger? Die Schwarzwald-Klinik hat einen neuen Chefarzt. Oder ist es die Hirslandengruppe? Die gebeutelte Herzklinik am Unispital? Nein. Es sind die Verkehrsbetriebe der Stadt Zürich VBZ. Sie haben bald einen neuen Chef. Naja, in etwa sechs Monaten. Aber schon heute berichteten die VBZ darüber. Der Titel der Meldung: «VBZ-Stabsübergabe von Dr. Guido Schoch an Dr. Marco Lüthi im Frühling 2021». Herr Doktor X übergibt also an Herrn Doktor Y. Eigentlich logisch, denkt sich der interessierte Laie. Die haben natürlich auch komplizierte Innereien. Der Beschaffungskrimi um die neuen Flexity-Trams wurde zeitweise fast schon blutig. Und die 50-jährigen Trams, die momentan noch herumkurven, bedürfen ebenfalls komplizierten Operationen.

Doch genug geschnödet. Akademische Titel in Ehren. Aber in Medienhäusern wird einem eigentlich eingetrichtert, dass das Doktor nur im medizinischen Umfeld genannt Sinn macht und usus ist. Doch nicht einmal bei (Dr.) Francesco Maisano und bei (Dr.) Paul Vogt, den beiden Hauptbeteiligten beim immer noch schwelenden Streit in der Zürcher Uni-Klinik, erwähnten die Medien den akademischen Titel. Geht’s nicht um Medizin, wirkt die Angabe des höchsten akademischen Titels sogar eher abwertend. Herr Dr. Christoph Blocher verlangt seine Pensionsgelder zurück. Herr Dr. Roger Schawinski bietet Corona-Leugnern Raum für ihre Ansichten. Herr Dr. René Zeyer kritisiert das Branchenheft Edito.

Doch wie kommen Medienmitteilungen wie jene der VBZ an? Nau übernahm den Lead fast 1:1. Und blieb im ganzen Text beim «Dr.». Der Schnellleser wähnt sich tatsächlich im Spitalumfeld.

Andere Medien ignorieren solche Schleim-Meldungen. Schleim deshalb, weil die Mediensprecher offensichtlich nicht die Kraft und den Mut haben, ihre Chefs besser zu beraten. Dazu gehört in der VBZ-Medienmitteilung leider ein sich über drei Sätze hinziehendes Zitat des Stadtrats über den abtretenden VBZ-Direktor. Ein Ausschnitt gefällig? «Besonders hervorheben möchte ich dabei neben dem zentralen Kerngeschäft auch die Ausrichtung in eine innovative und digitale Zukunft». Oft sind solche Medienmitteilungen nicht für das Aussen geschrieben, sondern für das Innen. Das muss nicht schlecht sein, doch das Echo in den Medien ist dann meist enttäuschend.

Die 3 Todesfallen im seriösen Journalismus

Todesfalle Nr. 1: Fake News.

Nr. 2: die Quelle.

Nr. 3: die haltlose Behauptung.

Journalismus ist in erster Linie Vertrauenssache. Und Vertrauen bekommt man nicht einfach mit der Bezahlung des Kaufpreises eines Medienprodukts frei Haus mitgeliefert.

Vertrauen muss man sich erarbeiten. Wieder und wieder. Immer. Denn nur der Leser oder Konsument, der seiner Nachrichtenquelle vertraut, sieht ihre Bezahlung als sinnvolle Ausgabe an. Selbst wenn er nur mit seiner Attention und ein paar Daten bezahlt.

Denn der stillschweigende Kontrakt zwischen Konsument und Produzent ist: Der Produzent liefert nach bestem Wissen und Gewissen und unter Beachtung journalistischer Grundregeln erstellte Artikel ab. Dabei bemüht er sich so weit wie möglich, den Bericht vom Kommentar, von der Einfärbung durch Meinung, zu trennen. Denn der Journalist hat gegenüber dem Konsumenten einen unschlagbaren Vorteil: Er war am Ort eines Geschehens. Er hat mit Menschen gesprochen, er durchdringt Zusammenhänge.

Er liefert auch die Zusammenfassung, die Verdichtung eines umfangreichen Vorgangs. Exemplarisch bei Gerichtsverfahren. Die dauern oft lange, spielen sich nach dem Laien nur teilweise verständlichen Regeln ab.

Vertrauen auf korrekte Wiedergabe

Besonders hier muss der Rezipient auf die Fähigkeit des Journalisten vertrauen, eine korrekte Zusammenfassung des Ausgangs eines Verfahrens zu liefern. Wenn also Journalist X schreibt, dass die Partei Y auch in einem Berufungsverfahren gesiegt, Recht bekommen habe, dann muss das so sein. Wozu sollte der Konsument – dafür bezahlt er ja – selber das Gerichtsurteil nachlesen oder nach der Pressemitteilung des Gerichts suchen.

Gift für dieses Vertrauensverhältnis ist aber, wenn sogar ein publizistischer Leiter vom siegreichen Ausgang eines Prozesses für die Partei Y schreibt, während in der Pressemitteilung schwarz auf weiss steht: Im Urteil weist das Gericht die Berufung der Partei Y vollumfänglich ab.

Gelogen wie gedruckt

Das sind dann sogenannte Fake News, alternative Wahrheiten, oder auf gut Deutsch: da wird gelogen wie gedruckt. Schlimmer noch: Der Konsument eines Medienorgans ist im Allgemeinen ein treuer Mensch. Er hat seine lieben Gewohnheiten, und die lässt er sich auch durch höhere Preise für magereres Angebot nicht so schnell vermiesen. Stellt er aber fest, dass er da und dort brandschwarz beschummelt wurde, dann verliert er recht schnell das Vertrauen – und ist dann mal weg.

Zweite Todesfalle: die Quellen

Die zweite Todesfalle sind die Quellen. Normalerweise gilt auch in der Berichterstattung, dass der Urheber einer Aussage mit seinem Namen dazu steht. Nun gibt es natürlich Fälle, in denen das aus den verschiedensten Gründen nicht möglich ist. Dem Urheber könnten berufliche, persönliche, gesellschaftliche Nachteile drohen. Er könnte sogar an Leib und Leben bedroht werden. In solchen Fällen operiert der Journalismus mit der «Quelle». Genauer: mit der «mit der Sache befassten», mit der «vertrauenswürdigen» Quelle.

Noch besser natürlich: mit «zwei voneinander unabhängigen Quellen», die übereinstimmend A gesagt haben. Das Gleiche gilt auch für Dokumente. Die Geschäftsgrundlage bei all den sogenannten Leaks, also dem Diebstahl von Geschäftsunterlagen, ist immer, dass die Quelle anonym bleibt. Verständlich, sie hat ja einen Gesetzesverstoss begangen. Problematisch, denn weder der Leser noch der Ausschlachter solcher Leaks weiss, aus welchen Motiven diese Unterlagen den Medien zugespielt wurden. Und ob sie vorher frisiert wurden.

Auch bei den anonymen Quellen von Aussagen muss der Konsument dem News-Produzenten vertrauen, dass es diese Quellen tatsächlich gibt, ihre Angaben so weit wie möglich überprüft wurden, und dass «wie wir aus einer gut unterrichteten Quelle erfahren» nicht einfach der Euphemismus ist für: Es wird ein Gerücht herumgeboten, das gerade gut in den Kram des Newsproduzenten passt.

«Quellen» verringern das Vertrauen

Denn er kann sich dabei auf seinen rechtlich garantierten Quellenschutz berufen; sich also weigern, die Identität seiner Quelle zu enthüllen. Das entbindet ihn aber nicht davon, den Wahrheitsbeweis für Behauptungen antreten zu müssen. Meine Quelle M hat mir plausibel versichert, dass K ein Betrüger und Krimineller ist, genügt natürlich nicht.

So nötig Quellenschutz auch sein mag, angesichts des zunehmenden Misstrauens gegenüber dem Realitätsgehalt von Berichten lässt die Verwendung von «Quellen» das Vertrauen in den Wahrheitsgehalt eines Artikels abschmelzen.

Dritte Todesfalle: nicht überprüfte Aussagen

Todesfalle 3 ist die Behauptung. X hat das gemacht, Y hat das gesagt, Z hat dieses entschieden. Das einfach mal so rauszuhauen, stellt eine ewige Versuchung im Journalismus dar. Ein Ressortleiter hat ein Buch in Auftrag gegeben, der Chefredaktor und der Verleger distanzieren sich davon.

Das ist eine Traum-News, wenn man die exklusiv hat. Die hat man allerdings nur deswegen exklusiv, weil man es einfach behauptet. Denn das grosse Hindernis, manchmal sogar unüberwindbar, ist die sogenannte Möglichkeit zur Stellungnahme. Die Konfrontation des oder der Betroffenen mit solchen Behauptungen.

Das kann Ärger und Ungemach geben. Ärger, wenn der Konfrontierte einfach bestreitet, so etwas getan oder gesagt zu haben. Ungemach, wenn der Konfrontierte noch zusätzlich mit dem Kadi winkt, sollte die Behauptung dennoch aufgestellt werden. All das kann man natürlich vermeiden, indem man auf diesen lästigen Umweg verzichtet und die News mal raushaut.

Etwas hängen bleibt immer

So wie beim modernen, einfallslosen Eishockey: Den Puck einfach ins gegnerische Drittel dreschen, und dann weiterschauen. Sollte die Behauptung tatsächlich nicht stimmen, dann kann man ja immer noch in Verhandlungen eintreten, den Beitrag elektronisch löschen, eine Gegendarstellung einrücken oder im schlimmsten Fall sich sogar dafür entschuldigen.

Das ist besonders widerlich, wenn es nach der Devise geschieht: Lass die Kacke mal fliegen, etwas hängen bleibt immer. Jeder, der schon einmal von solch üblem Journalismus selber betroffen war, weiss: Es ist einfach unappetitlich. Wehrt man sich, hält man das Thema am Köcheln. Wehrt man sich nicht, bleibt irgendein Unfug so stehen und wird irgendwann mal gegen einen verwendet.

Aber auch hier gilt: Bemerkt das der Konsument, bemerkt er zudem, dass es sich nicht um einen einmaligen Ausrutscher handelt, dann verliert er auch hier das Vertrauen in das Medium.

Drei Schläge daneben – und weg ist der Konsument

In den USA gibt es die schöne Regel: three strikes – and you’re out. Vom Baseball auf Straftaten übertragen: Beim dritten Verbrechen wirst du lebenslänglich aus dem Verkehr gezogen. Das gilt auch für die Medien. Wer Schlag für Schlag das Vertrauen seiner zahlenden Kundschaft verspielt, der ist dann mal draussen. Erledigt. Eingegangen. Worum es dann auch nicht schade ist.

Endlich! Edito!

Das «Schweizer Medienmagazin» schafft wieder Durchblick.

Immerhin die dritte Ausgabe in diesem Jahr, unterstützt von der «Stiftung für Medienvielfalt» und der «Oertli-Stiftung» und «zahlreiche Spenden» von begeisterten Lesern.

Natürlich, um dieses Argument gleich aus dem Weg zu räumen: wir sind neidisch. Wir schreiben uns hier einen Ast, haben mehr Leser als bajour oder Edito, und keiner zahlt was. Dabei haben wir in den knapp zwei Monaten unserer Existenz schon 165 Artikel veröffentlicht.

Aber genug des Gejammers, es soll gelobt werden. Das neue «Edito» ist mal wieder randvoll mit News, Anregungen, Einblicken und Durchblicken. Nun ja, was halt auf 16 A4-Seiten Platz hat. Aber dafür in Farbe.

Wir blättern kurz, sehr kurz um

Obwohl schon das Cover eher düster daherkommt, und wer versteht schon «Las vidas de la gente negra importan». Aber sei’s drum, auch auf so wenig Seiten kann man einen «Fokus» machen, überraschungsfrei natürlich zum Thema «Rassismus».

Da blättern wir doch kurz, sehr kurz um, und schon sind wir auf Seite 4 der Ausgabe. Hier präsentiert das Schweizer Medienmagazin zwei Tänzerinnen vor einem Denkmal des Generals Robert E. Lee in Richmond.

Ich begebe mich jetzt auf ganz dünnes Eis und behaupte, dass es sich um zwei ausnehmend hübsche Schwarze handelt. Pardon, um zwei Afro-Amerikanerinnen. Oder so. Ihre Attraktivität kontrastiert stark mit dem Hintergrund. Denn auf dem Denkmal hat sich die «Black lives matter»-Bewegung mit ein paar originellen Graffiti verewigt: «Fuck cops», «Fuck pigs», «black lives murder» oder schlichtweg «Fuck». Das ist mal eine Ansage, ein Angebot zum Dialog wahrscheinlich.

Interview mit einer ungeeigneten Person

Aber gut, noch viel interessanter ist auf Seite 5 das Interview mit der «Berliner Publizistin Ferda Ataman». Sie wird dem unschuldigen «Edito»-Leser als «Vorsitzende der Neuen deutschen Medienmacher*innen vorgestellt; der grössten Vereinigung von Journalist*innen aus Einwandererfamilien».

Leider unterlässt es das Medienmagazin, den Leser darüber aufzuklären, dass Ataman auch Muslimin ist. Das wäre ja nicht weiter schlimm, wenn sie nicht – als «Spiegel»-Kolumnistin – den Kopftuchzwang im Iran verteidigt. Beziehungsweise sich über die deutschen Zuschauer der «Tagesschau» echauffiert, die nicht verstehen, wieso die ARD-Korrespondentin in Teheran ein Kopftuch trägt, tragen muss.

Genauso um Dialog bemüht ist Ataman, wenn sie fordert, man müsse den Begriff «Migrationshintergrund» abschaffen, schliesslich seien Menschen mit diesem Hintergrund in Deutschland «längst in der Mehrheit». Aufsehen erregte Ataman auch mit ihrer Meinung zum Höhepunkt der Corona-Krise, dass sie angeblich eine Ahnung habe, «welche Bevölkerungsgruppen in Krankenhäusern zuerst behandelt werden», wenn die Beatmungsgeräte knapp würden. Nämlich die «Kartoffeln». So werden in diesen Kreisen Deutsche ohne Migrationshintergrund genannt.

Also eine absolut ideale Person, um über strukturellen und anderen Rassismus zu sprechen. Aber leider nicht über ihren eigenen, islamistisch unterfütterten.

Noch ein paar Duftmarken

Wir sind schon fast durch, aber noch ein paar weitere Duftmarken: «Der Effekt, dass aus öffentlichen Geldern private Gewinne finanziert werden, sollte theoretisch nirgends vorkommen», sagt Urs Thalmann, Geschäftsführer von «impressum»; dem Verband, den auch ich mit meinen Mitgliederbeiträgen unterstütze.

Vielleicht könnte sich Thalmann mal energischer dafür einsetzen, dass es mal wieder einen Gesamtarbeitsvertrag in der Medienbranche gibt, wenn ich das als kleiner Selbständiger ganz uneigennützig einwerfen darf. Vielleicht könnte er auch mal einen Moment darüber nachdenken, dass private Gewinne ihrerseits eine wichtige Quelle für öffentliche Gelder sind. Denn die fallen nicht, wie häufig vermutet wird, einfach vom Himmel oder aus den Taschen von sowieso viel zu Reichen.

Wo bleibt denn das Positive?

Wo bleibt das Positive, das Lob? Bitte sehr; das Interview mit dem Leiter des «Interaktiv-Teams von Tamedia», das das Dashboard mit den jeweils neusten Zahlen zur Pandemie betreibt, ist erhellend. Besonders, was die Unfähigkeit des Bundesamts für Gesundheit betrifft, bis heute spezifische Zahlen zu liefern oder Schnittstellen zum Datenausgleich einzurichten.

Allerdings: das Interview fand am 10. August statt. Zum Interview mit der Professorin Monika Bütler von der HSG, Mitglied der «Swiss National COVID-19 Science Task Force» sage ich lieber nichts, sonst bleibt’s nicht positiv. Ausserdem habe ich schon einiges zu ihr gesagt.

Tja, und schon sind wir auf Seite 18; spiegelbildlich auf den Kopf gestellt ist rechts nochmal die Seite 18; auf Französisch.

War’s das? Das war’s. Braucht’s das? Nein das braucht’s nicht. Kann das weg? Das kann weg. Wegen mangelnder Qualität und Professionalität.

Der billige Schnabel der NZZ

Die NZZ macht auf billigen Jakob. Kauft. bitte. ein!

Die NZZ geht aufs Ganze. Noch nie in den letzten 50 Jahren lag die Printauflage so tief wie aktuell. „Die Kunst kennt keine Krise“, sinnierte sie am Dienstag auf ihrer Frontseite. Also, Fronstseite nach drei Seiten Kunst und einer Seite Porschewerbung. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte wirbt sie auf ihrer ersten redaktionellen Seite für den NZZ-Shop und versucht ihren Lesern einen Deal anzudrehen: Ein Druck des Künstlers Julian Schnabel „zum Vorzugspreis“ von 1500 Franken.

Nun, die Kunst kennt tatsächlich keine Krise, aber die NZZ kennt und erlebt sie seit vielen Jahren. Es ist wie bei der Tante auf Facebook: Wenn diese Fotos von ihrer gelungenen Gemüsewähe postet, ist es langsam Zeit, Facebook zu verlassen.

Gleiches gilt bei der alten Tante NZZ. Natürlich ist sie nicht die erste Zeitung, die in ihrem Kiosk einen Schnabel verkaufen will. Die FAZ hat ihr das bereits vorgemacht. Auch das Handelsblatt hatte diese Idee bereits.

Das echte Problem aber ist: Der NZZ-Schnabel ist kaum eine Wertanlage. Die Stückzahl beträgt 100. Das ist nur knapp unter Rolf Knie. Die Schnäbel der FAZ und des Handelsblatts hingegen sind auf 25 begrenzt. Der Wert steigt fast exponential, je geringer die Auflage ist. Ausserdem ist das Kunstwerk der NZZ etwas sehr plakativ: Ein Typ in einem Gefängnisanzug. Sogar die NZZ knackt das Rätsel:

„Kennen wir den Mann mit der orangen Mähne und dem hellroten Gefängnisanzug? Ja, er muss es sein, Donald Trump.“

Wie peinlich. Kennen wir eigentlich auch das Auto links vom Editorial? Ja, es muss der neue Porsche Panamera sein. Die NZZ macht mal wieder dort Werbung, wo es vielen Abonnenten weh tut in der Brust, aber gut tut im NZZ-Portemonnaie.

Zurück zur FAZ und Handelsblatt. Die verkaufen Kunstwerke von Julian Schnabel, wo der Betrachter eben nicht gleich blökt: „Ja, es muss das und das sein.“ Ob das auch das NZZ-Feuilleton so sieht?

Jägersprache beim «Blick»

Was heisst das denn, wenn ein Esel von Wölfen genutzt wird? Der «Blick» fällt durch Fachchinesisch auf.

Gestern auf der Titelseite des Blick. «Wolfsrudel reisst Esel». Soweit, so schlimm. Der letzte Satz der Kurzmeldung lautet dann: «Das Tier sei von den Wölfen stark genutzt worden.» Genutzt? Sind die Wölfe auf dem Esel geritten, wie die Bremer Stadtmusikanten? Hat ihnen der Esel Getränke in luftige Höhen getragen? Eine kurze Internetkonsulation bringt keine Erklärung zutage. «Nutzung» scheint also nicht einmal bei Profis ein Begriff für «verspeist, abgefressen» zu sein. Den Text hat «Blick» via Keystone-SDA vom Amt für Jagd und Fischerei des Kantons Graubünden übernommen. Dort, beim Jagdamt Graubünden,  werden fast täglich ähnliche Meldungen aufgeschaltet. Beispiel gefällig? «22.09.2020: Am 21. September wurde ein neugeborenes Kalb aus einer Mutterkuhherde genutzt aufgefunden. Die Nutzung geschah wahrscheinlich durch einen Wolf. Weitere Untersuchungen wurden eingeleitet.»

Merke: Wer den «Blick» liest, muss sich zwar manchmal etwas zusammenreimen, lernt dann aber etwas dazu. Waidmannsheil! Blattschuss! Jägermeister Prost!