Die Pfusch-Force sollte weg

Jeder Journalist weiss inzwischen: willst du einen Aufreger, nur die Corona-Task-Force fragen.

Dass sich die «Swiss National COVID-19 Science Task Force» so ziemlich in jeder Beziehung lächerlich gemacht hat, ist kein Geheimnis. Kakophonie, immer neue Horrorszenarien, Warnungen, Befürchtungen.

Gar mit eigener Pressekonferenz, in der die Entscheidungen des Bundesrats und der Kantone beäugt, selten gelobt, häufig kritisiert wurden. Ab und an trat ein Mitglied aus, unter Protest, oder weil die öffentliche Präsenz für einen besseren Job gesorgt hatte.

Diese Task Force hatte sich kurzerhand selbst ins Leben gerufen und dann an den Bundesrat rangeschmissen. Kostenlose Beratung durch die wirklichen Cracks der Virologie und Epidemiologie; erst noch gratis. Da konnte der Bundesrat nicht nein sagen. Obwohl es doch seit Jahren eine «Eidgenössische Kommission für Pandemievorbereitung und -bewältigung» gibt. Genau für solche Fälle; repräsentativ gewählt, kompetent – und ins Abseits gedrängt.

Immer ein Szenario zur Hand, in düsteren Farben

Die Glitzer-Task-Force, die entweder in corpore wichtig in die Kameras unkte, oder aber Solo-Auftritte hinlegte, wenn ein Mitglied unter mangelnder Aufmerksamkeit litt, pustete ein «Szenario» nach dem anderen raus. Die alle zwei Dinge gemeinsam haben, kann man überprüfen: sie waren viel zu pessimistisch. Und sie trafen nie ein. Was speziell merkwürdig ist, weil normalerweise die Eintrittswahrscheinlichket bei binären Prognosen steigt, wenn man immer die gleiche wiederholt.

Morgen regnet’s. Ausserhalb der Wüste Gobi wird und muss das einmal zutreffen. Die Prognosen der Task-Force lagen aber immer daneben. Glücklicherweise hört man auch immer weniger auf sie. Nun könnte es durchaus ein wissenschaftlich interessanter Ansatz sein, sich zu fragen, wieso eigentlich diese Task Force so konsequent sogar ausserhalb der Wahrscheinlichkeit falsch liegt.

Da stellte sich der Task-Force-Chef Martin Ackermann den bohrenden Fragen der NZZaS. Wenn das ein Ausdruck der Befähigung zu Selbstreflexion, Ursachenüberprüfung oder der Fehlerkultur in der Wissenschaft sein sollte, dann gute Nacht.

  • Frechheit eins: «Es gibt einen Unterschied zwischen Alarmschlagen und Alarmismus.» Worin besteht der genau, wenn Ackermann bis zu 20’000 Neuinfektionen täglich in diesem Frühling vorhersagte, es zurzeit aber nur 2000 sind?
  • Und überhaupt, Frechheit Nummer zwei: «Das war das schlimmste von mehreren Szenarien.» Na, das ändert alles, dann war’s nicht um den Faktor 10 daneben, sondern halt ein «schlimmes Szenario». Also keinerlei Fehler gemacht?
  • Ackermann räumt ein: «Ich gehe vor allem von drei möglichen Punkten aus, die wir falsch eingeschätzt haben könnten.» Also der gedoppelte Konjunktiv. Aber in jeder falschen Prognose steckt ein Stückchen Trost: «So gesehen haben die nun kritisierten Modelle vielleicht mitgeholfen, die Pandemie zu bremsen.» Frechheit drei.
  • Das ist eine astreine wissenschaftliche Analyse. Wir haben «buhu» gesagt, immer noch viele Schweizer sind darauf reingefallen und haben Schiss gekriegt.

Das Bananenschalen-Szenario

Das ist ein Erkenntnismodell, das noch etwas ausgearbeitet werden muss. «Die Leute schmeissen immer mehr Bananenschalen auf die Strasse, das wird zu einem deutlichen Anstieg der Oberschenkelhalsbrüche führen, was wiederum die Intensivstationen an den Rand des Zusammenruchs bringt.» – «Oh ist nicht eingetroffen. Na wunderbar, hat unsere wissenschaftliche Prognose doch gewirkt.»

So ungefähr hört es sich an, wenn man den Bereich der wissenschaftlichen Seriosität endgültig verlassen hat. Der immer noch nicht gewonnene Kampf gegen die Pandemie ist aber zu ernst, um eine solche Blödeltruppe weiterhin Zugang zu öffentlichen Plattformen zu erlauben.

Da sie ja, vielleicht abgesehen von ein paar Insidergeschäften, nichts verdient, sollte das doch niemanden kratzen. Selber konstituiert, selber sich abgeschafft, das wäre endlich ein Beitrag zur Versachlichung der Debatte.

Pech für die Journalisten; aber es gibt ja noch genügend Einzelkämpfer-Unken, die man jederzeit in Stellung bringen kann.

Erinnert sich noch jemand?

NZZaS Magazin: kleines Zwischenhoch

ZACKBUM kann auch nichts dafür, wenn neben dem Kulturbund auch das Magazin gelobt werden will und muss.

Das bedeutet nicht, dass wir diverse Rubriken nicht weiterhin schmerzvoll vermissen. «Stammesrituale», «Beziehungsverhalten» oder «Perfekt», das war eine neue feuilletonistische Lockerheit, wie sie nur die NZZ kann.

Wie sie dann nur die NZZ konnte, als sie in den letzten Sommerferien das Magazin schmerzlich einschrumpfte. Zusammenhakte. Auf Unter-Normal absenkte. Tieferlegte. Schrecklich. Christoph Zürcher beweist weiterhin seine Existenzberechtigung im «Kanon». Aber sonst? «Selbstbetrachtungen», von Zuza Speckert ausgewählte Personen, deren Bedeutung, Wichtigkeit ihrer Ansichten – ohne ihnen zu nahe treten zu wollen – nicht erkennbar ist.

Oder möchte jemand ernsthaft wissen, dass eine Sommelière für sich alleine lieber Tee als Wein trinkt und eine Reise durch die Wildnis für sie wichtig war? Auch alle anderen überlebenden oder neuen Gefässe zeichnen sich durch eine gepflegte Beliebigkeit aus, eine Glätte wie das Hochglanzpapier, auf das sie gedruckt werden. Stilberatung ist ja gut und schön, aber brauchen wir das zu Fragen wie der, ob man als Besitzer eines E-Bikes bergauf keuchende Velofahrer beim Überholen grüssen soll oder nicht?

Hier kommt das Lob

Gut, aber wo bleibt das Lob? «Trinken kann eine Lösung sein», wussten wir das nicht alle, so insgeheim? Nun gibt es sogar einen Film darüber, den Oscar-Gewinner «Drunk» aus Dänemark. Mit dem einzigen Superstar des Landes, dem eigentlich immer grossartigen Mads Mikkelsen in der Hauptrolle. Aber das ist ein Zitat aus dem Interview mit dem Regisseur des Films. Und das ist eine seltene Sternstunde, in der sowohl die Fragen wie die Antworten interessant, intelligent, spannend sind.

Auch das ein seltener Lichtblick im Vergleich zu der Dutzendware «Was fühlten Sie in dem Moment, als Sie den Oscar bekamen?» Das fängt schon mit der ersten Frage an, über die Bedeutung eines Kierkegaard-Zitats (Nora Zuckker, nur googlen, wobei: vergessen Sie’s, zu schwierig), das dem Film vorangestellt ist:

«Was ist Jugend? Ein Traum. Was ist Liebe? Der Inhalt des Traums.»

Als Regisseur Thomas Vinterberg darauf die intelligente Erklärung liefert, die ihm seine Frau geschenkt habe, muss man einfach weiterlesen. Dass der Interviewer dann locker mit weiteren Zitaten des bedeutendsten dänischen Philosophen fortfährt, auch nicht schlecht. Zum Beispiel noch der hier: «Zu wagen bedeutet, für einen Moment den Halt zu verlieren. Nicht zu wagen bedeutet, sich selbst zu verlieren.»

Søren Kierkegaard (1813 – 1855).

Also vier grossartige Seiten, die durchaus noch hätten weitergehen können. Aber sie werden leider durch zehn Seiten abgebrochen, die sich der Frage widmen, wer denn die nächste Präsidentin der Zürcher Kunstgesellschaft werden soll. Genau, es gibt eine Kandidatin und einen Kandidaten. Wobei Mark van Huisseling, sonst eher im mittleren bis unteren Society-Bereich unterwegs – sozusagen die männliche Ausgabe von Zuza Speckert –, keinen Zweifel daran lässt, wen er für «die erste Wahl» hält. Da das auch zufällig die erste Wahl von Walter Kielholz ist, dem langsam abtretenden grossen Mischler – und immer wieder durch Fehlgriffe auffallenden letzten Tycoon – des Zürcher Daigs, wird das van Huisselings Schaden nicht sein.

Wer sich in die Sonnenstrahlen von Kielholz legen kann …

Himmels willen, nicht pekuniär. Aber die Sonne von Kielholz scheint immer noch so hell, dass es einem in seinen Strahlen nie ganz schlecht geht. Nun ist es fotografisch herausfordernd, den noch leeren Neu- und Anbau des Zürcher Kunsthauses zu bespielen. Das ist aber nichts dagegen, einen leeren Text über das Offensichtliche abzuliefern, dass Anne Keller in jeder Beziehung die Wahl des Establishments ist, stinkreich und durchaus auch kompetent.

Es aber einen Frechdachs gibt, viel jünger, nicht die Wahl des Establishments, der ebenfalls antritt. «Florian who?», wie van Huisseling in aller gebotenen Neutralität schreibt. Florian Schmidt-Gabain, 39, Anwalt aus Lengnau im Kanton Bern, spezialisiert auf Kunstrecht, Lehrbeauftragter an den Unis Basel und Zürich, Präsident und Gründer des «Zentrum für Künstlerische Nachlässe (ZKN)».

Wie soll man nun «Florian who?» einordnen? Da hilft van Huisseling: «Ein gut 15 Jahre älterer Collega, er darf als der Anwalt in Zürich für Kunstangelegenheiten bezeichnet werden, hat allerdings weder vom ZKN noch von Rechtsanwalt Schmidt-Gabain jemals zuvor etwas mitbekommen», weiss der Autor.

Wieso er allerdings den Namen des Kunstanwalts nicht nennen mag? Hat sich das Dr. Andreas Ritter wohl ausbedungen? Nur echt mit Künstlermähne, lieber Heckenschütze als offener Gegner? Nun, das ist nun leider alles kein Niveau, das einer NZZaS würdig wäre.

Aber, wir wollen auch diesen Artikel versöhnlich ausklingen lassen; die Woche ist noch jung, es war ein sonniger Sonntag. Auf der nächsten Doppelseite widmet sich Michèle Roten dem weiblichen Körper. Das ist nun nicht nur für unheilbare Sexisten oder Machos ein spontaner Grund, sofort umzublättern.

Auch der weibliche Körper kann interessieren

Das wäre hier und ausnahmsweise ein schwerer Fehler. Denn Roten nähert sich diesem Thema, über das sie natürlich auch ein Buch geschrieben hat, mit so viel Witz, doppelbödiger Ironie und einer durchaus lesenswerten Anamnese der Besonderheiten des weiblichen Körpers, dass es zudem interessant ist.

Schon für den Satz

«Um nicht an dieser Stelle schon alle männlichen Leser wütend zu machen, möchte ich festhalten, dass der weibliche Körper nicht interessanter ist als der männliche. Das kann ich leider aber nicht, denn er ist es»,

möchte man mindestens drei Gendersterne geben. Für die Begründung nochmals zwei.

Dass dann das Magazin wieder völlig absackt, indem es einen angeblich corona-tauglichen «schmackhaften Zeitvertreib» lobt: «zu Hause Pilze züchten», sei ihm noch verziehen. Dass aber anschliessend wieder mal die völlig ab- und durchgenudelte «Asiatische Kokossuppe» in der veganen Ausfertigung (frischer Ingwer! Zitronengras! Limettensaft! Limettenblätter!) dem Leser aufs Auge gedrückt wird, das ist dann wieder unverzeihlich. Dieses Wunderwerk der asiatischen Küche wurde schon gelobt, als Jackets sowohl für Frauen wie auch für Männer dicke Schulterpolster hatten. Und das ist schon ein Weilchen her.

NZZaS: kleines Zwischenhoch

ZACKBUM ist unparteiisch und so objektiv wie ein Objektiv. Daher Lob, wem Lob gebührt.

Die ersten Bünde der aktuellen NZZaS kann man überblättern. Nicht schlecht, nicht wirklich gut. Besser als die übrige Sonntagspresse. Das ist allerdings ein Kompliment wie: ein Burger von McDonald’s ist besser als kein Burger.

Aber dann kommt der Kultur-Bund. Von erschreckendem 10-Seiten-Umfang. Auf der letzten Seite noch Leserbriefe, Wetter und Impressum. Wo ist Jonas Projer, fragt man sich dort. Aber wer kennt schon alle Sitten des Hauses.

Aber vorher, da geht die Post ab. Es sind zwar zwei Leihstücke, aber das macht ja nichts; man muss auch richtig auswählen können. Zunächst Sophie Passmann mit einem Essay über die sozialen Netzwerke. Sie seien so wie «früher das Fischessen am Aschermittwoch: Statt Freiheit herrschen Kontrolle und Gruppenzwang».

Kann man aus diesem nun doch nicht neuen Thema noch Neues herauskitzeln? Durchaus, wenn man kann. Schon alleine, um die Fallhöhe zu bestimmen, die hier zum Flachsinn existiert, der bei Tamedia, «Republik», CH Media das Wort Essay missbraucht, sollte man das lesen.

«Jede Botschaft auf Facebook, Twitter oder Instagram funktioniert als Ich-Botschaft. Es geht nicht um den Artikel, den ich teile, sondern die Gefühle, die ich beim Lesen des Artikels habe. Es geht auch nicht darum, wie der Inhalt des Artikels in der Welt funktioniert, sondern darum, wie die Tatsache dass ich den Artikel teile, mich im digitalen Raum positioniert. Ich, ich, ich.»

Ein Vorspiel zu einem grossen Essay

Das ist keine schlechte Ergänzung zu dem, was wir hier als das Betasten des eigenen Bauchnabels bezeichnen. Das Ich bekommt eine ganz neue, auch ausgeliehene Wichtigkeit. Früher war sich der Schreiber an «mein liebes Tagesbuch» bewusst, dass der Leserkreis doch sehr überschaubar bleibt. Er also etwas mit sich selbst ausmachen wollte. Heute, dadurch, dass diese Tagebücher öffentlich geworden sind, meinen leider allzu viele, dass ihre völlig unerhebliche, uninteressante persönliche Befindlichkeit zu irgendwas eine Bedeutung hätte. Indem andere Witzfiguren ein Smiley, einen Daumen oder gar einen Kommentar dazustellen.

Aber das ist nur ein Vorspiel zu einem wirklichen Essay. Das ist von Daniel Kehlmann (nur googeln, liebe Frau Zukker). Es ist gleichzeitig ein Vorabdruck, denn Kehlmann hat es zu einer Neuedition der «Stoffe» geschrieben. Nicht googeln, Frau Zukker, das ist oberhalb Ihrer Gehaltsklasse.

Als wär’s ein Stück von Dürrenmatt

Ich gebe zu: die «Stoffe» von Friedrich Dürrenmatt waren mir als Gesamtwerk zu monströs. Als er mir in seinem letzten Interview vor dem Tod sagte, dass ihn das Stoffe-Projekt irgendwie entwuchert war, er sich wohl noch länger, aber vergeblich darum bemühen müsse, es zu bändigen, es halt nicht zuletzt ein typischer, absurder Dürrenmatt geworden sei, da beschloss ich, «Turmbau» und «Labyrinth» so sein zu lassen.

Bis mir hier Kehlmann erklärt, dass das ein Fehler ist. Völlig überzeugt bin ich nach diesem Vergleich:

«Seine späte Prosa mit ihren Labyrinthen, Minotauren und unablässig lockenden Weltuntergängen hat wohl kaum einen engeren verwandten als den argentinischen Magier Jorge Luis Borges.»

Obwohl Borges in meinem privaten Götterhimmel der ganz Grossen hell leuchtet, wäre ich nie auf diesen Vergleich gekommen. Der aber sofort einsehbar und  richtig erscheint. Es wäre natürlich nicht ein Stück von Dürrenmatt und hier über Dürrenmatt, wenn es nicht eine Monstrosität enthalten würde.

Das ist der Anlass des Essays; eine Neu-Edition des Stoffe-Projekts. Fünf Bände, 2208 Seiten, erweiterte Online-Version. 483 Franken. Danke, Diogenes. Aber es gibt auch weniger umfassende Ausgaben der Stoffe. Und die müssen nun natürlich gelesen werden. Danke, NZZaS.

Es darf gelacht werden: Diesmal zum Muttertag

Er ist – wie der Valentinstag – im Kalender aller Floristen rot angestrichen. Und die arme Journaille muss sich jedes Jahr aufs Neue einen abbrechen.

Denn es ist doch so: Wir alle haben Mütter. Die meisten von uns kennen sie sogar. Bei Vätern ist das schon so eine Sache. Und denen (einen Vatertag gibt’s natürlich auch) gedenkt man weltweit am zweiten Sonntag im Mai. Ausser in England, die wollen halt immer einen Sonderzug, da ist’s der vierte Sonntag in der Fastenzeit. Weil die Mütter da nicht kochen müssen? Die spinnen, die Engländer.

Aber zurück zu ernsteren Würdigungen. Zur Verteidigung des Tages als solcher wirft sich die NZZ in die Bresche, in die Schlacht: «Jetzt gehen sie auf die Mutter los». Aber nicht mit uns, sagt die alte Tante rabiat und kampfeslustig wie selten.

Was brechen sich die anderen Sonntagsblätter ab, nachdem der Blattmacher melancholisch in die Runde fragte: Also, wer will sich den Pulitzerpreis holen, indem er eine neue Story zum Muttertag erfindet?

Ein bunter Strauss zum Muttertag …

Die Ergebnisse sind durchaus vielfältig, wenn auch nicht alle originell. Die «Sonntagszeitung» probiert’s mit:

«Wenn man Kinder mehrheitlich ohne Partner grosszieht, bleibt das Liebesleben oft auf der Strecke. Vier Single-Mütter erzählen, was sie beim Dating erleben»

Kann man machen, muss man nicht. Hat man schon. Kann man auch wieder machen. Machen andere auch (siehe weiter unten).

An eine andere Lösung des Dating-Problems erinnert das Schweizer Farbfernsehen SRF: «Vor zwanzig Jahren wurde das erste Babyfenster der Schweiz eröffnet.»

Der «Sonntags Blick» (auch mit Regenrohr) erteilt seiner Kolumnistin Milena Moser das Wort, das kann nicht gutgehen: «Seit einem Jahr drehen sich meine romantischen Fantasien um die Ankunftshalle im Zürcher Flughafen und meine Söhne. Jetzt hat sich dieser Wunsch erfüllt.»

Öhm. Der Wunsch einer romantischen Fantasie hat sich erfüllt? Das hat auch noch niemand der Ankunftshalle dargeboten. Leider versteht das weder der Flughafen Zürich, noch der Leser. Vielleicht die romantischen Fantasien, die sich um ihre Söhne drehen? Müssen wir da an Oedipus denken (Frau Zukker, das war, aber lassen wir das)? Na, wir verlassen den SoBli so schnell wie möglich.

Und retten uns in den «Berner Oberländer»: «So vieles ist derzeit anders – und doch bleibt eines gleich: Die erblühende Natur sorgt für ein schönes Stück Vertrautheit, schreibt Martin Leuenberger.» Das ist so unfassbar wahr und tief. Das geht nur in einem «Wort zum Sonntag», das dem «Maien- und Muttertag» gewidmet ist. Denn auch Gottesmänner haben eine Mutter. Auch katholische; die haben allerdings keine Frau, aber das wäre wieder ein anderes Thema.

Noch mehr welke Blumen aus dem Muttertagsstrauss

Was macht «watson.ch» aus diesem Thema? Soll das eine ernstgemeinte Frage sein? «Weil wir alle das beste Mami der Welt haben: Die 18 lustigsten Mutter-Tweets». Zum Beispiel? Nein, das kann definitiv keine ernstgemeinte Frage sein.

Prosaischer geht es «20 Minuten» an: «Bis zu 28 Grad erwartet – Perfektes Wetter für den Muttertags-Brunch auf der Terrasse.» Wir fragen uns nur: wer keine Terrasse hat, was macht denn der? Noch neutraler ist nur nau.ch: «Sommerliches Wetter: Schweiz knackt am Muttertag die 25-Grad-Marke.»

Nun ja, allerdings lässt es nau.ch nicht bei einem Sonntagsbrunch oder Blumensträussen bewenden; das Online-Organ hat sein Ohr ganz nah am weiblichen Unterleib:

«Umfrage zum Muttertag: Schweizer Single-Mamis wollen Sex-Abenteuer».

Na, das war in den Anfangszeiten des Muttertags aber noch anders, da wäre die Heilsarmee energisch eingeschritten.

Echten Lokaljournalismus betreibt hingegen der «Landbote»: «Run auf Blumen in Wiesendangen: Aus Liebe zum Mami standen manche schon sehr früh auf».

Besinnliches am Schluss; kath.ch wirft eine weitere, entscheidende Frage auf:

«Der Muttertag ist kein katholischer Feiertag. Soll ihn die katholische Kirche in den Gottesdiensten trotzdem aufgreifen?»

Es erteilt, der Herr ist gross, zwei Katholikinnen dazu das Wort, obwohl die in den Gottesdiensten doch ruhig bleiben müssen. Obwohl sie fordern:

«Der Muttertag soll ein Tag der Umkehr sein.»

Was immer sie uns damit sagen wollen. Wir haben fertig.

 

 

 

 

 

Ein (vorläufig) letztes Mal Auschwitz

Wenn man ernsthaft über die Frage nachdenkt, ob und wie man das Wort verwenden darf.

Was immer mehr um sich greift: das geliehene Leiden, die geklaute Empörung. Die Stellvertretergefühle, weil innen drin alles aus Plastik ist und stumpf. Es gibt Menschen, die ritzen sich. Um sich zu spüren, um sich wenigstens durch Schmerz zu spüren.

Das ist bedauerlich und man wünscht Heilung. Aber es gibt immer mehr Rumkrakeeler, deren Geist, deren Wissen, deren Fähigkeit zur erkenntnisfördernden Debatte voller Löcher ist. Zerfranst, in Fetzen von ihren unschönen Leibern hängt.

Die sich nur über erfundene, nicht empfundene Leiden mitteilen können. Sich nur als Opfer sehen möchten. Sehr selten von Leiden, das ihnen tatsächlich zugefügt wird. Meistens von Leiden, das sie behändigt haben. Gestohlen. So wie es immer wieder traurige Gestalten gibt, die sich eine jüdische Familiengeschichte mit der Holocaust-Tragödie erfinden.

Das ist auch krank. Schwer heilbar, löst keinerlei Mitgefühl aus. Womit wir mitten im Thema wären. «Tanz den Adolf Hitler», titelte Jahre zurück mal einer in der deutschen taz, der täglichen Ausgabe der WoZ. Provokation, Aufschrei, Ziel erreicht. «Ich liebe den Geruch von frischem Napalm am Morgen», das zweitbeste Zitat aus «Apocalypse now». «Der Führer war ein armes Schwein, er hatte keinen Führerschein.» Darf man das witzig finden?

Wer darf was, und wer entscheidet das?

Durfte Charlie Chaplin «The great Dictator» machen? Er selbst sagte doch, dass er den Film vielleicht nicht gedreht hätte, hätte er um alle Greuel und Verbrechen der Nazis gewusst. Hätte dann auch Lubitsch «To be or not to be» nicht machen dürfen? Gibt es eine Banalität des Bösen, gibt es Worte, die in so dunkle Zonen führen, dass sie gemieden werden sollten? Hat Claude Lanzmann seine gewaltige Dokumentation «Shoa» umsonst gefilmt? Raul Hilberg sein Lebenswerk über die Vernichtung der europäischen Juden vergebens geschrieben? Kogon seinen SS-Staat, wurden alle Braunbücher umsonst verfasst? Das Tagebuch der Anne Frank? «Erfolg» von Feuchtwanger, die wohl präziseste Darstellung der Gesellschaft, aus der die braune Pest entsprang?

Haben sich alle vergeblich geopfert (oder sind geopfert worden), weht nur der Wind über die Gräber der 98-Prozent-Generation? Das ist der Jahrgang sowjetischer Soldaten und Helden, von dem nur zwei Prozent überlebten? Darf eine dumme Kuh wie Simone Meier schreiben, dass die Juden unter Hitler «gecancelt» wurden?

Ja, das darf sie. Unbedingt. Das verstösst gegen kein Gesetz, und das muss der einzige Massstab sein, um Worte zu verbieten. Sie darf sich unsterblich blamieren, lächerlich machen, Abscheu erregen mit ihrer Indolenz und Unfähigkeit zur Selbstreflexion. Sie darf auch entsprechend niedergemacht werden. Das gehört alles zur Debatte in einer freien Gesellschaft.

Wer gefährdet das freie Wort, die Debatte?

Davon gibt es nur kleine Inseln auf der Welt. Einige in Europa. Die USA. Englische Ex-Kolonien, denn dort überlebte Demokratie. In spanischen, portugiesischen oder holländischen wurde sie nicht einmal versucht. Auf diesen Inseln gilt das freie Wort. Noch. Das macht sie so erfolgreich. Deswegen werden sie von finsteren Gottesstaaten so beneidet. Die ihr mittelalterliches Dunkel wieder über Europa bringen wollen.

Mit Terror, Zerstörung und dem Appell an unsere Toleranz. Dass wir ihnen erlauben, ihr Werk zu verrichten und den Tschador des Grauens auch über die Schweiz zu legen. Dabei haben sie dumme Helfershelfer, die Religionsfreiheit krähen, die Toleranz fordern, Respekt auch, keine postkoloniale Arroganz. Das Annehmen, Tolerieren fremder Sitten und Gebräuche. Gut, Klitorisbeschneidung vielleicht nicht, auf jeden Fall nicht in der Schweiz. Aber sonst? Seid umarmt, finstere Gestalten des Mittelalters.

Wer solchen Brei im Hirn hat, spielt sich auch gerne als Grossinquisitor in vermeintlich eigener Sache auf. Gibt es etwas Lächerlicheres als weisse, verwöhnte Kids, deren grösste Erfahrung von Diskriminierung darin bestand, dass sie einmal nicht sofort das neue iPhone kaufen konnten? Gibt es etwas Lachhafteres, als wenn die niederknien, schuldbeladen das Haupt beugen und «Black Lives matter» grölen? Gestohlenes Leiden, unterfüttert mit einer erfundenen Geschichte der Beteiligung am Sklavenhandel der Schweiz.

Das ist ekelerregend. Die Gleichen, Arm in Arm mit vielen anderen, hören das Wort Auschwitz. Wie pavlovsche Hunde fangen sie an zu sabbern, zu winseln, zu bellen. Anlass, Umfeld, Zusammenhang, Absicht? Völlig egal, viel zu kompliziert. Der Autor des Wortes ist weder als rechtsradikaler Flachdenker, noch als skrupelloser Haudrauf bekannt? Na und? Der Autor hat mehr Kultur und Kenntnisse unter seinem linken Fingernagel als die meisten dieser Schreihälse im Kopf? Na und?

Glocke, Fresschen, sabber. So einfach muss das sein. Adolf Muschg, Vergleich mit Auschwitz, laber. Dem aufdringlichen Hund wird mit einem «pfui» begegnet. Ebenso dem Verwender des Wortes Auschwitz.

Die Kritik an der Ausgrenzung ist berechtigt

Wobei sich seine Kritiker nicht mal einig sind, ob man dieses Wort überhaupt nicht verwenden sollte, immer als Symbol für eine unvorstellbare Steigerung des Grauens, oder nur nicht als Vergleich zu irgendwas. Die Killing Fields der Roten Khmer in Kambodscha? Kein Auschwitz. Stalins Gulags? Kein Auschwitz. Die Massaker in Afrika der Kolonialherren? Kein Auschwitz. Die weitgehende Ausrottung der Urbevölkerung in Nord- und Südamerika? Kein Auschwitz.

Die völlig berechtigte, analytisch hergeleitete Kritik an der Abstemplung, Ausgrenzung durch diese fanatischen Rechthaber, im Besitz der Wahrheit und der Entscheidungskompetenz? Verbunden mit dem Wort Auschwitz? Niemals. Da sind diese Schreihälse sogar zu blöd, um zu merken, dass sie sich genauso verhalten, wie Muschg zu Recht kritisiert. Selten ist eine philosophische Betrachtung so direkt und brutal in der Realität bestätigt worden.

Alles Phantom-Schmerzen

Lerne zu klagen, ohne zu leiden. Das Motto so vieler Gruppen, Bewegungen heutzutage.

Die weiblichen, ausschliesslich die weiblichen Mitarbeiter von Tamedia sind Opfer unerträglicher Arbeitsbedingungen. Sie werden diskriminiert, schikaniert, negiert, demotiviert.

Aber das lassen sie sich nicht länger bieten, nehmen es nicht mehr hin. Weil es nicht zum Aushalten ist. Also schreiben und unterschreiben sie zuhauf einen Protestbrief zuhanden der Geschäftsführung von Tamedia. Irgendeine Unterzeichnerin hält es zudem für eine gute Idee, ihn Jolanda Spiess-Hegglin zuzuhalten, die in ihrem ambivalenten Verhältnis zur Wahrheit flugs behauptet, sie habe das Schreiben im Fall in «Absprache» mit den Unterzeichnern ins Netz gestellt.

Seither sagt sie nichts mehr dazu. Seither beantworten die Unterzeichner keine einzige Anfrage von mir. Sondern schweigen ebenfalls finster. Das ist alles Schnee von vor zwei Monaten. Das Protestschreiben ist Plusquamperfekt, vergilbt.

Wir stellen ein Ultimatum

Allerdings: Wie es sich für einen Klagenkatalog mit anonymen Beispielen gehört, enthält er auch Forderungen. Wie es sich für Forderungen gehört: Mit Deadline. Am 5. März mit genügend Spielraum gesetzt: der 1. Mai.

Bis dahin wird erwartet, muss erfolgen, ist es dringend nötig, Blabla. Sonst? Sonst wird gestreikt? Dienst nach Vorschrift? Die Damentoilette verstopft? Die Damen- und die Herrentoilette verstopft? Das schöne Glashaus besprayt? Rutishauser mit Tampons, Supino mit gebrauchten Tampons beworfen?

Schmerzen nur im Hirn.

Aber nein. Es geschieht – einfach nichts. Niemand kümmert sich mehr um diese Datum. Weder die Unterzeichner noch die Kollegen der übrigen Medien. Angeblich sollte es unerträgliche Zustände zumindest abmildern. Nun bleiben die Zustände unerträglich – und unverändert.

Weil das ein Phantom-Schmerz ist, nicht mehr, nicht weniger.

Gestohlenes Leiden für mehr Lebenssinn

Ein unversehrter Mensch hält sich plötzlich für einen Beinamputierten. Und beklagt Schmerzen im fehlenden Bein. Aber er tut das nur stellvertretend. Weil er sich ein Leiden leihen möchte. Es auf sich übertragen. Weil sein Leben sonst so langweilig und leer wäre.

Der Treiber für solche Phantom-Schmerzen, für geliehenes, gestohlenes, angeeignetes Leiden sind die Krachverstärker, die versumpfenden Kammern des Wahnsinns und des Echos, der Selbstverstärkung, die sogenannten sozialen Plattformen. Hier hetzt die Meute von einem Leiden zum nächsten.

Hinauf oder hinunter?

Sie leidet am Mohrenkopf. Sie leidet an angeblich diskriminierenden Bezeichnungen an uralten Häusern in der Zürcher Altstadt. Sie leidet an Denkmälern, die angeblich Sklavenhändlern und Rassisten huldigen. Sie leidet am Klima. Auch an der Rassendiskriminierung. Nicht nur in der Schweiz, vor allem in den USA. Gibt es einen lächerlicheren Anblick, als wenn weisse Bürgerkids mit schuldgebeugtem Rücken und niedergeschlagenem Blick in der Schweiz niederknien und «Black lives matter» grölen?

Kämpfe und Schlachten im Nirgendwo

Gibt es etwas Kindischeres, als wenn Journalisten, die wahrlich anderes zu tun hätten, einen verbissenen Kampf um das korrekte Setzen eines Sternchens führen? Weil sie damit, selbst in privilegierter Position und grossflächige Multiplikatoren benützend, ein Zeichen setzen wollen für die Unterdrückten, Diskriminierten, Beleidigten, Erniedrigten?

Weil auch hier fremdes Leid, vermutetes Leid angeeignet, gestohlen wird, um das eigene banale Leben wenigstens mit etwas Grösserem aufzupumpen. Mit der Imitation von Schmerzen, mit Phantom-Schmerzen, ohne dass vorher etwas abhanden kam.

Es gibt etwas noch Kindischeres. Wenn man Journalisten dabei zuschauen muss, wie sie ihren eigenen Bauchnabel betrachten. Ihn betasten, drücken. In der perversen Hoffnung, noch ein neues, individuelles, nicht schon beklagtes Leiden zu evozieren. Denn allzu viele sind schon besetzt. Erobert, werden mit Nachdruck verteidigt. Wer schon unter Rassismus leidet, obwohl ihm noch nie etwas Rassistisches widerfuhr, will dieses Leiden nicht einfach teilen.

Tut was weh?

Wer unter Sexismus und männlicher Unterdrückung leidet, will das lautstark und gemeinsam tun. Selbst wenn Frauen wie Claudia Blumer ein entsprechendes Protestschreiben unterzeichnen, obwohl sie einräumt, selbst noch nie mit den dort beklagten Verhaltensweisen konfrontiert worden zu sein. Aber keiner, keine zu klein, Leidender zu sein.

Falls man ums Verrecken kein individuell zugeschnittenes Leiden findet, sozusagen ein massgeschneidertes, dann leidet man halt an der Welt. Dazu gehört dann vor allem ein grimmig-melancholischer Gesichtsausdruck. Lukas Bärfuss hat hier Bahnbrechendes geleistet. Es gibt ihn nur in ernst, in besorgt, in beunruhigt. In wütend. Vor allem mit diesem Gesichtsausdruck hat er sogar den Büchner-Preis erobert. Denn an seinen schriftlichen Werken kann das nicht gelegen sein.

Hinter all dem Abgründe von Heuchelei

Hinter all diesen Leidensmienen, hinter diesen Klagegesängen über Phantom-Schmerzen steckt aber noch etwas anderes. Noch mieseres, als sich mit fremdem Leiden zu schmücken. Dahinter steckt eine abgrundtiefe Heuchelei, eine Verlogenheit, die übelkeitserregend ist.

Mit einem Tweet, einem Daumen hoch, einem «ich bin dabei»-Blödspruch Solidarität für, den Kampf gegen, ein «gemeinsam werden wir» wohlfeil zu «unterstützen», zu meinen, damit einen kleinen, aber doch bedeutenden Beitrag gegen das Unrecht auf dieser Welt geleistet zu haben, das ist verlogen.

Heuchlerisch ist, sich angeblich gegen das Unrecht, die Ausbeutung, das Leiden hier und vor allem in der Dritten Welt einzusetzen. Kinderhände, die in Färbebottichen verstümmelt werden, furchtbar. Kleine Gestalten mit alten Gesichtern, die mit blossen Händen wertvolle Erden aus auf ihre Grösse in den Boden gehauenen Gängen herausbrechen. Ständig in der Gefahr, verschüttet zu werden. Unerträglich.

Und dann erst China; diese Sklavenarbeiter dort. Diese Ausbeutung, das Fehlen von Rechten, Zuständige wie bei der industriellen Revolution. Das geht alles nicht, dagegen muss etwas unternommen werden. Her mit dem Hashtag, wo kann man ein Fanal setzen. Braucht’s auch ein Foto? Das Gleiche wie immer oder muss ein neues mit Pappkarton und anderem Spruch drauf gemacht werden?

Man könnte auch, aber wieso denn eigentlich?

Alles kein Problem, am besten mit dem neuen iPhone, Samsung, Huawei. Man könnte sich auch ein nachhaltig hergestelltes kaufen. Aber kennt jemand überhaupt eine solche Marke? Richtig, dann ist’s teurer und hat noch nicht 5 G, und die Kamera, vor allem im Dämmerlicht; also das geht gar nicht.

Vielleicht könnte man ja zertifizierte Lebensmittel oder Kosmetika oder Kleidung kaufen. Was immer die Labels auch wert sein mögen: die so bezeichneten Produkte werden meistens fairer hergestellt als die ohne Label. Das wäre doch was, dabei so einfach. Genau. Deshalb gibt jeder Schweizer pro Kopf und Jahr für nachhaltige Produkte – ziemlich genau 100 Franken aus. Es wäre noch weniger, wenn es beispielsweise bei Migros oder Coop bestimmte Früchte anders als mit Zertifizierung gäbe. Aber wer eine Banane kaufen will, muss das dort in Kauf nehmen, dass sie Max Havelaar kontrolliert ist.

Alles nur Kopf-Fehlgeburten.

Gibt es eine unangenehmere Mischung? Stehlen von Phantomschmerzen. Heuchelei, Verlogenheit. Ach, und tiefste Humorlosigkeit. Denn das Grauen der Welt kann nur ernst bekämpft werden. Zumindest, wenn man so tut, als ob.

Halt! Haltet einmal ein

Lassen sich Jolanda Spiess-Hegglin und Andreas Glarner auf ein Experiment ein?

Von Adrian Venetz

Ohne Streit erlischt die politische Debatte. Unterschiedliche Meinungen sind das Benzin jeder Demokratie. Dabei geht es aber um viel mehr als um das unsäglich ermüdende Links-Rechts-Gepolter, das vor allem in sozialen Medien auf die Spitze getrieben wird. Die «Linken» sind weder besser noch schlechter als die «Rechten»– et vice versa. Wer die Weltwoche und den Nebelspalter als einzige vernünftige Informationsquelle ansieht und alles andere verteufelt, hat genau so wenig begriffen wie jemand, der keine politische Berichterstattung rechts von WoZ und Tagi zulassen will. Es ist gut, dass es linke Meinungen gibt. Es ist gut, dass es rechte Meinungen gibt. Und es ist wichtig, dass sie sich aneinander reiben.

Weniger gut ist, dass es Menschen gibt, die ihre Fehden auf Twitter und Co. austragen. Denn hier finden wir vor allem die Kläffer und Kurzdenker. Zwei prominente Beispiele dafür sind Andreas Glarner und Jolanda Spiess-Hegglin. Mit beiden habe ich noch nie ein Wort gesprochen. Beide erwecken bei mir den Eindruck, dass sie mit ihren Äusserungen auf den sozialen Medien nichts, aber auch gar nichts zu einer anständigen Auseinandersetzung mit kontrovers diskutierten Fragen beitragen. (Was aber keineswegs heissen soll, dass andere – inklusive ich – als Musterknaben gelten.)

Kürzlich hat ein Kommentator hier geschrieben, Jolanda Spiess-Hegglin sei eine durchaus vernünftige und umgängliche Frau, wenn sie nicht vor einer Tastatur sitze. Gewiss sagen Glarners Freunde dasselbe von ihm. Und da dürfte etwas Wahres dran sein. Ich glaube aber nicht, dass die Tastatur das Problem ist. Vielmehr ist es das Publikum auf Twitter, das pausenlos kommentiert, retweetet, Herzchen verteilt. Es ist wie in Kafkas Parabel «Auf der Galerie»: Glarner und Spiess-Hegglin werden von all den Dampfhämmern auf Twitter durch die Manege gejagt, führen brav ihre Kunststückchen auf, unterhalten ihr johlendes Publikum. Sie kommen nicht zur Ruhe.

Ich möchte Jolanda Spiess-Hegglin und Andreas Glarner Folgendes beliebt machen:

  • Beide sind während zwei Wochen mucksmäuschenstill auf Twitter. Sie verteilen keine Herzchen, sie retweeten nicht, sie kläffen nicht.
  • Sie treten stattdessen auf der neutralen Plattform jolandreas.ch in einen Dialog. Ein digitaler Briefwechsel. Durchaus pointiert, aber anständig. Beide schreiben in diesen zwei Wochen mindestens zehn Beiträge mit je mindestens 300 Wörtern. Sie beleidigen sich nicht, sondern legen ihre Standpunkte dar und gehen auf die Standpunkte ihres Gegenübers ein. Sie verhalten sich wie zwei vernünftige Menschen. Sie beweisen, dass sie mehr können als kläffen.
  • Auf jolandreas.ch kommen nur diese zwei Personen zu Wort. Ihre Beiträge werden nicht kommentiert. Es werden keine Daumen nach unten verteilt, keine Herzchen gesammelt. Das Publikum hält einfach die Schnauze.
  • Einen ersten Beitrag zu einem aktuellen politischen Thema schicken Jolanda Spiess-Hegglin und Andreas Glarner bis spätestens Dienstag, 11. Mai, 20 Uhr. Geschieht das nicht, wird die Website gelöscht. Lassen sie sich darauf ein, gilt ab diesem Zeitpunkt das zweiwöchige Twitter-Verbot. Liefert nur eine der beiden Personen einen Beitrag, schicke ich dieser Person eine gute Flasche Walliser Weissen, verbunden mit einer Portion Respekt.
  • Halten sich die beiden an die oben aufgeführten Spielregeln, spende ich je 300 Franken an eine von ihnen ausgewählte wohltätige Institution. Ich bin finanziell alles andere als auf Rosen gebettet, 600 Stutz sind verdammt viel Geld für mich. Aber mein Ehrenwort gilt.

Wer ich bin? Ein Niemand. Nur ein Zuschauer, der das Halt! durch die Fanfaren des sich immer anpassenden Orchesters ruft.

Hilfe, mein Papagei onaniert VIII

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch. Heute: weniger Kontrolle, mehr Stuss.

 

Fragen hat der Tagi …

Ein Astronaut, ein Raumfahrtkenner. Mehr braucht es nicht, um einen Raketenabsturz zu erklären. Besonders gespannt ist der Laie auf die Beantwortung der Frage, was denn ein «missglückter Raketenabsturz» sein mag. Aber noch wichtiger: was ist dann ein geglückter Absturz?

 

Echter Nutzwert mit «Blick»

Die einzige Zeitung mit Regenrohr im Titel ging der Frage nach, wie gespart werden kann. Reporter und Wirtschaftsspezialist Marc Iseli recherchierte gnadenlos. Fand aber heraus, dass er nichts herausfand. Nun gäbe es drei Möglichkeiten. Die Story wird gespült, war nix. Iseli wird nochmal losgeschickt. Oder aber, Variante drei:

Problem gelöst. Passt der Artikel nicht zum Titel, muss einer von beiden weichen. Artikel umfangreich und schwierig, Titel leicht und einfach. Klare Sache.

Auch die NZZ …

Das Blatt der tiefen Nachdenke und der zurückhaltenden Sprache, das gerne ein Erdbeben als tektonische Verwerfung bezeichnen möchte, wird doch langsam lockerer im Gelenk. Und schreibt über die Verwendung des «N-Worts» in den USA: «Wer als Weisser «Nigger» sagt, ist erledigt.» In der schwarzen Hip-Hop-Szene werde das «explosivste Wort Amerikas» aber «geradezu obsessiv» verwendet. Was soll da der arme «Black lives matter»-Unterstützer in der Schweiz damit anfangen? Der hat «Nigger» gesagt, dieser Rassist, Unmensch, Hetzer. Oh, es handelt sich um einen schwarzen Hip-Hop-Performer? Ähm, dann ist es eine offensive Aneignung, um ein Schimpfwort zu entwaffnen. Oder so.

Rechtzeitig zum Muttertag macht sich die NZZ für diesen Begriff stark. Muss sie das? Aber sicher, denn wenn der Sprachreinigungswahnsinn endemisch wird, dann ist nichts mehr vor ihm sicher. Nicht mal Mama.

 

Sprachschule mit «20 Minuten»

Die gute Nachricht ist: Dieser Donnerstag war doch eher ereignisarm. Abgesehen davon, dass «exklusive Nacktfotos» geleakt wurden. Immerhin waren es diesmal keine Geschäftsgeheimnisse. Und die Bestohlene reagiert auch cool:

Zumindest ZACKBUM lernt ein neues Wort, das wir aber auch gleich wieder vergessen wollen.

Hier die neuste Fortsetzung bei «watson»

Nach all den Serien mit «-Porn» am Schluss, ist man hierfür natürlich dankbar:

So cute das auch sein mag (schnell Hand hoch: wer versteht den Begriff? Aha, und wie viele verstehen ihn, wenn wir uns den «watson»-Leser vorstellen? Aha), was ist hier schon wieder der Newswert? Der Nutzwert? Überhaupt ein Wert? Ach so, «watson» ist gratis, stimmt.

Nach «watson» kann nur noch die «Republik» kommen

Wir sind ja verständig und geben eins ums andere Mal zu, dass 50 Nasen und 6 Kisten im Jahr viel zu knapp dafür sind, jeden Tag wie versprochen drei Artikel rauszuhauen. Oder wenn, dann kann das natürlich nicht alles die Redaktion leisten. Glücklicherweise gibt es genügend Gastautoren, die gerne in die klaffenden Lücken springen.

Hier sehen wir ein idealtypisches Zusammentreffen für das Online-Magazin. Das rasend spannende Thema «Muttertag». Das einen jedes Jahr aufs Neue aus dem Hinterhalt anspringt. Ein Gastautor (rechts unten im Bild), der nostalgisch 50 Jahre zurückgeht (als das Frauenstimmrecht endlich eingeführt wurde!). Das nennt man dann «persönlicher Essay». Persönlich mag’s ja sein, aber Essay? Die Bemerkung «heiss heute», bezeichnet man wohl auch nicht als meteorologische Analyse.

Aber völlig unakzeptabel ist: Der Schreibende, also der/die/das Autor*In** ist ein Mann. Roland Jurczok ist sein Name, er soll «zu den Spoken-Word-Pionieren der Schweiz» gehören. Schon wieder ein literarischer Muskel, der ZACKBUM völlig entgangen ist. Bislang. Was wir aber weiterhin so halten wollen. Denn für das Lesen einer schnarchlangweiligen Beschreibung eines Besuchs bei Mama ist das Leben eigentlich zu kurz. Obwohl der Essay mit 13’561 Anschlägen geradezu ein Kurzsprint ist.

Rotz WoZ: endlich widerspruchsfrei

Comedy mit Eiern geht anders. Karin Hoffsten gehört zu dieser Truppe, und eine Professorin aus Kanada missbraucht ihre Familiengeschichte.

Hoffsten schreibt Kolumnen. Ist erlaubt. Viele. Ist auch nicht verboten. In der WoZ. Besser als auf «bajour» oder in der «Republik». Da kann ja mal auch eine neben den Eiern in die Hose gehen.

Neben ihr lässt sich Sibylle Berg – wie immer gebildet und elegant – über Urs Schwarzenbach aus, den Milliardenverwalter ohne allzu viel Bargeld. Nebenbei lässt Berg durchblicken, dass sie auch schon in Schwarzenbachs Hotel Dolder weilte. Und ihn irgendwie nicht leiden kann. Darf sie.

Hoffsten hat sich hingegen Michèle Binswanger vorgeknöpft. «Jeanne d’Arc irrt sich», titelt sie. Guter Start, Hoffsten macht sich damit über eine Bemerkung von Binswanger lustig, die von der hoffentlich nicht ganz ernst gemeint wurde.

Hoffsten irrt sich allerdings noch mehr. Die Ursache ist klar: Realitätsverlust durch Leben in der Gesinnungsblase. Da dürfen nur Meinungen eindringen, die kompatibel sind. Sonst verwandelt sich die Blasenhaut in Panzerglas. Schusssicher, selbst gegen unbestreitbare Argumente.

Also schliesst sich Hoffsten den Idioten an, die meinen, wenn eine porträtierte und kranke Frau befremdliche Dinge im Internet postet, dann müsse das zwei Konsequenzen haben. Erstens, sie sei dann wohl gar nicht so krank. Dass ein Arzt das Gegenteil bestätigt, was soll’s. Und zweitens, das hätte Binswanger unbedingt dem Leser mitteilen müssen. Denn: «Für die Einordnung des Behaupteten wäre das unabdingbar gewesen!»

Gesinnungswahn ist ansteckender als Corona

Nun hat der Gesinnungswahnsinn auch die WoZ erreicht. Also wer möglicherweise irgendwelche absurde Verschwörungstheorien verbreitet, der kann gar nicht richtig krank sein. Und wer das dem Leser vorenthält, dem «muss der journalistische Kompass inzwischen komplett abhandengekommen sein».

Nein, Frau Hollsten, wer auf anonyme Quellen auf Twitter vertraut, wer ärztliche Atteste ausblendet, wer das Leiden einer Frau bezweifelt, weil sie vielleicht die falsche Gesinnung hat, und wer schliesslich nicht mal den Anstand hat, sich bei dieser Frau zu erkundigen, wie das denn sei, ihrer Meinung nach, dem ist nicht der Kompass abhanden gekommen. Der ist völlig ins Gebüsch gefahren, hat Anstand, die Anwendung von Basics über Bord geworfen. Fehlurteilen über jemanden geht immer dann am besten, wenn man sich von einer Stellungnahme dieser Person die eigene These nicht kaputt machen lässt. Wie armselig, eierlos, witzlos. Bedauerlich für die WoZ.

Leider ist das nicht der einzige fragwürdige Beitrag. Man muss schon betriebsblind sein (oder fanatisch überzeugt), um diese naheliegende Parallelität nicht zu sehen. Der von Binswanger beschriebenen Frau wird ihre Glaubwürdigkeit, die Richtigkeit ihres Zeugnisses, ja sogar ihr Leiden in Frage gestellt, abgesprochen, ins Lächerliche gezogen. Weil sie vielleicht die falsche Gesinnung hat.

Vergangenheit legitimiert oder diskriminiert. Je nachdem

Auf der anderen Seite darf eine Frau mit der Legitimation, dass ihre Familie jüdische Wurzeln hat und ihre Grossmutter in Auschwitz ermordet wurde, über alle herfallen, die es wagen, das Wort Auschwitz in den Mund zu nehmen oder sich über die «Cancel Culture» zu beschweren. So donnert die WoZ, nicht diese Autorin, im Lead:

«Adolf Muschg hat die «Cancel Culture» mit «Auschwitz» verglichen und wird dafür auch noch verteidigt. Das ist eine unerträgliche Banalisierung des Holocaust, stellt die Tochter eines Überlebenden klar.»

Ach ja? Wäre es die Tochter eines KZ-Wächters, dann dürfte sie das nicht? Oder andersherum, weil sie die Tochter eines Überlebenden ist, gibt ihr das eine überlegene moralische Autorität in diesen Fragen? Wer Nachgeborener in einer Familie ist, die Tragisches erlebte, darf deshalb eine ja nur geliehene Urteilsinstanz verkörpern?

Darf ich da als Sohn eines antifaschistischen Widerstandskämpfers sagen: das ist unangemessen, entwertet auf seine Art ebenfalls das Wort Auschwitz, weil es einfach nun als Gegenkeule missbraucht wird. Und nein, diese Familiengeschichte von mir gibt mir weder mehr, noch weniger Gewicht in der Beurteilung solcher Fragen.

Die weitere Parallele zum Schwachsinns-Text von Hoffsten besteht darin, dass auch diese Autorin hier sich mit der Argumentation von Adolf Muschg in keiner Form auseinandergesetzt hat. Der habe den Holocaust banalisiert, werde dafür auch noch verteidigt. Unerträglich.

Das alles ist natürlich falsch, unredlich und oberflächlich. Auch wenn das einigen WoZ-Lesern und -Machern wohl den Adrenalinspiegel in Unordnung bringt: die WoZ wäre gut beraten gewesen, das zu tun, was die «Weltwoche» getan hat. Nämlich zunächst einmal Adolf Muschg das Wort zu erteilen. Der Mann ist zur differenzierten Selbstreflexion in der Lage, im Gegensatz zu allen seinen Kreischkritikern, inklusive solchen, die die eigene Familiengeschichte missbrauchen, um sich mehr Gewicht zu verleihen.

Ergänzt ist diese Stellungnahme von Muschg durch eine intelligente Analyse von Allan Guggenbühl: «Ablenkende Selbstinszenierung». Nicht, weil ich selbstverständlich argumentativ die Position Muschgs verteidige: in dieser Reflexion Muschgs und in dieser Einordnung Guggenbühls ist auf insgesamt zwei Spalten mehr Esprit, Kultur, Intelligenz, Nachdenklichkeit, intellektuelle Redlichkeit enthalten als in all dem Gewäsch der Kritiker zusammen.

Auch hier ist es sehr bedauerlich, dass die WoZ nicht in der Lage ist, Widersprüche auszuhalten. Sich argumentativ mit jemandem auseinanderzusetzen, der das durchaus verdient hätte.

Eine doch etwas gehobenere Flughöhe

Schon an diesen beiden Überlegungen von Muschg könnten sich diese kulturfernen Kritiker mal abarbeiten:

«Aus erpressten Identitäten wird nie eine friedensfähige Gesellschaft, und von der angenommenen Identität ist es nur noch ein Schritt zur «Volksgemeinschaft» um jeden Preis.»

«Canceling bleibt eine Kultur der Spaltung, und ihr Kern steckt in uns selbst. Solange wir im geschwärzten Gesicht des Anderen nicht den eigenen Schatten erkennen wollen, erscheint der Andere als Feind.»

Davon habe das Gespräch in der «Sternstunde» gehandelt, und deshalb bleibt Muschg dabei: «Ich nehme nichts zurück

Das ist auch gut so; und wer nicht mit denn ganz breiten und hohen Scheuklappen durchs Leben stolpert, muss zugeben: das ist eine ganz andere intellektuelle Flughöhe hier, das ist zumindest eine Debatte wert. Auschwitz gesagt, pfui, grenzt ihn aus, stigmatisiert ihn, geht nicht auf seine Worte los, sondern auf seine Gesinnung, auf ihn als Person: das ist in Wirklichkeit erbärmlich. Unabhängig von der Genealogie der Familie des Kritikers.

 

 

Insiderhandel in der Schweiz

Was ist das, wer macht das, darf man das?

Die Mainstream-Medien haben es immerhin geschafft, mal der Frage nachzugehen, wie viel Big Pharma eigentlich an der Pandemie verdient. Beziehungsweise an der Herstellung und dem Verkauf von Impfmitteln. Das ist ein schön grosses, weltweites Thema, daher kann man da per copy/paste gut arbeiten.

Etwas anstrengender wäre es, der Frage nachzugehen, ob jemand in der Schweiz Insiderhandel im Zusammenhang mit der Pandemie betrieben hat. Dazu müsste man wissen, was Insiderhandel ist, wie und von wem der verfolgt und bestraft wird. Die Definition ist der einfache Teil: das Ausnützen der Kenntnis von vertraulichen und kursrelevanten Tatsachen beim Börsenhandel.

Der Klassiker: ein Geldonkel empfiehlt ein «strong buy» bei einem kleineren Aktientitel. Hat er seine Fangemeinde, dann schlägt die zu. Hat er sich schon vorher eingedeckt und vielleicht sogar gehebelt, ist das ein sure win. Ungefähr so schwierig zu erzielen wie ein Gewinn am Roulettetisch, wenn man vorher weiss, wohin die Kugel fallen wird.

Darf man das in der Schweiz? Seit 1988 im Prinzip nein. Inzwischen ging die Untersuchungskompetenz von den Kantonen an den Bund über. Das bedeutet, dass in erster Linie die Finanzmarktaufischt (Finma) zuständig ist. Die Börsenaufsicht muss ihr, wie Banken beim Verdacht auf Geldwäsche, bei suspekten Transaktionen Meldung machen.

Durch die zunehmende Elektronisierung des Handels sollte die Verfolgung von Insiderhandel eigentlich leichter geworden sein. Die Zahlen sprechen allerdings eine andere Sprache. Pro Jahr werden in der Schweiz rund 300 Verdachtsfälle untersucht. Seit 1988 kam es zu rund – zwei Dutzend Verurteilungen. Das ist lachhaft. Aber immerhin, seitdem Verwaltungsräte für gewisse Vorfälle in Regress genommen werden können oder haftbar gemacht, gab es noch – keine einzige Verurteilung.

Alles sauber oder alles verhüllt?

Nun sind Schweizer Börsenhändler vielleicht sauber und korrekt, niemals käme ein VR auf die Idee, sein Vorwissen finanziell auszunützen. Oder ein Bundesbeamter, der Vorkenntnisse über dramatische Entscheidungen hat, bevor die verkündet werden. Wer damals wusste, wann die Untergrenze für den Euro kommt, dieses Wissen ausnützte, konnte sehr schnell sehr reich werden. Dito bei der Aufhebung. Selbst der damalige Präsident der Schweizerischen Nationalbank stolperte über dieses Thema.

Obwohl die Finma auch hier ganz energisch tut, sind schon mal die gesetzlichen Grundlagen arg verstreut und nur für Insider verständlich. Oder haben Sie schon mal etwas vom «Bundesgesetz über die Finanzmarktinfrastrukturen und das Markverhalten im Effekten- und Derivatehandel» (FinfraG) von 2015 gehört? Auch nicht von der entsprechenden Verordnung (FinfraV)? Von einschlägigen Orientierungsschreiben der Finma? Vom Kotierungsreglement der Schweizer Börsen?

Macht ja nix. Ab einer Million so erworbenes Geld geht’s ins Gefängnis; für bis zu 5 Jahre. Und der Gewinn wird eingezogen. Soweit die Theorie. Dazu kommen noch Vorschriften zur sogenannten Ad-hoc-Publizität und der Transparenz von Management-Transaktionen. Es wird also einiges unternommen, um das Ausnützen von Vorwissen oder Kursmanipulationen zu verhindern. Auf dem Papier.

Der Insider Daniel Senn, Ex-KPMG.

Wie meist allein auf weiter Flur nimmt Lukas Hässig die Spur auf, dass die Finma Deals von Covid-Experten untersucht, zum Beispiel beim Handel mit Lonza-Aktien. Im Zusammenhang mit Spekulationen über eine Beteiligung des Bundes an der Impfstoffherstellung fuhren deren Aktien hübsch Achterbahn.

Nachweis der Kausalität ist das grosse Problem

Jeder, der zu Beginn der Covid-19-Hysterie auf fallende Aktienkurse setzte und mit Leerverkäufen gross einstieg, hatte ausgesorgt. Jeder, der vorher weiss, dass eine Pharmabude eine frohe Ankündigung machen wird, kann das Wissen in Gewinn umsetzen. Man muss sich dabei aber recht blöd anstellen, so wie ein ehemaliger KPMG-Kadermann, damit man dabei auch erwischt wird.

Der Insider Hans Ziegler, Ex-Firmensanierer.

Denn der Nachweis eines kausalen Zusammenhangs zwischen Vorwissen und Effektenhandel, das ist der Knackpunkt – und sehr schwer. Hat der Infekteologe X, der Virus-Forscher Y, der Pandemie-Experte Z Insiderwissen ausgenützt und Titel deswegen rechtzeitig gekauft oder verkauft? Oder hatte er einfach den richtigen Riecher? Ziemlich aussichtslos wird der Nachweisversuch, wenn der Insider einen Treuhänder, eine Briefkastenfirma auf Virgin Islands oder Ähnliches dazwischenschaltet.

Dass die Finma auch bei Covid-Transaktionen mit «diversen Akteuren im Austausch» sei, dazu seien «auch diverse Abklärungen in die Wege geleitet», hört sich energisch an. Wird aber genauso im Dickicht verröcheln wie Hunderte von Untersuchungen zuvor.

Obwohl man diesen «Experten» mit ihrer übergrossen Gier nach öffentlicher Aufmerksamkeit ohne weiteres auch Geldgier unterstellen kann. Passt doch irgendwie zusammen.