Neue Chefredaktoren gesucht

Gleich bei zwei Branchenmagazinen braucht’s neue Chefs.

Der Schweizer Journalist muss künftig ohne CR David Sieber auskommen und auch beim Gewerkschaftsheft Edito ist Nina Fargahi nicht mehr dabei. Während Sieber schon seit einigen «SJ»-Ausgaben angezählt wirkte, kam die Kündigung von Fargahi doch eher überraschend.  Gegenüber dem Onlineportal persoenlich.com sagte sie: «Nach über drei Jahren ist die Zeit für mich gekommen, Neues zu wagen.» Sie jubiliert ähnlich wie ein Fussballtrainer, der ein besseres Angebot bekommen hat. Als Grund des Wechsels gibt sie an: «CH Media hat eine grossartige Publizistik und ich freue mich auf die Berichterstattung aus Bundesbern sowie auf die Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen.» Das tönt nicht unbedingt nach einer unabhängig-versierten Medienkritikerin. Aber die Abstecher ins Metier der Medienkritik ist nun ja vorderhand auch Geschichte. Damit zur grossen Frage, wer die Nachfolge antritt. Beide Verlage wollen in Kürze informieren.

Zeit für ein wenig Werweissen

Kronfavorit für den Schweizer Journalisten ist ohne Zweifel Dennis Bühler.  Der talentierte und kritische Schreiber ist zwar erst 34-Jährig. Er hat aber einen eindrucksvollen Werdegang hinter sich. Taktisch klug hat er regelmässig die Stelle gewechselt und kennt sich somit hervorragend in der Medienwelt aus. Seit 2018 berichtet er für das unabhängige Magazin Republik aus Bundesbern. Wie bei Nina Fargahi wäre nun ein Karrieresprung angezeigt. Positiv für die Ausgewogenheit des Schweizer Journalisten wäre zudem, dass Dennis Bühler seit April 2016 Mitglied der 1. Kammer des Schweizer Presserats ist.

In die engere Auswahl kommt – und ja, warum nicht – Nina Fargahi. Sie hat nämlich nur einen befristeten Vertrag bis Ende Jahr bei CH Media. Nach der Männerdominanz beim Schweizer Journalisten wäre sie eine durchaus starke Antwort. Denn vor David Sieber war Kurt W. Zimmermann am Ruder, er folgte auf Markus Wiegand, der das Blatt 2005 fulminant in bisher unerreichte Höhen führte. Weitere herumgereichte Namen: Rafaela Roth (33), die bei der NZZaS ein wenig zu versauern scheint, sowie Adrienne Fiechter, welche dem online angestaubten Branchenblatt neuen Schub verleihen könnte.

Bleibt die Frage, was mit dem Edito, dem Gewerkschaftsheft, geschehen soll. Man muss es offen sagen: In der heutigen Form hat das Magazin keine Zukunft. Die Papierausgabe hinkt enorm hinter dem aktuellen Geschehen hintennach. Die Recherchetexte wiederum riechen zu stark nach gewerkschaftlichen Gefälligkeiten. Das ist darum stossend, weil die Journalistengewerkschaften keinen Stich haben, wenn es ums Eingemachte geht. Siehe die Fusion von CH Media, siehe das Trauerspiel bei Tamedia. Dass ZACKBUM das Edito übernimmt und es vom Gewerkschaftsmief befreit, ist übrigens nicht mehr als ein Gerücht. Und diese werden nicht kommentiert, wie die Pressestelle von ZACKBUM zu sagen pflegt.

Frage an die ZACKBUM-Leserschaft: Wer ist für Dennis Bühler? Wer für …. ? Und was soll mit dem Edito geschehen?

 

 

 

 

Ex-Press XXV

Blüten aus dem Mediensumpf.

Sonntag, Früher Primeur-Tag (weil man am Samstag nur schwer eine superprovisorische Verfügung kriegte), inzwischen Gähn-Tag.

 

Ist Pensionär Müller in der NZZaS zu Selbstkritik fähig?

Felix E. Müller, die schreibende Sparmassnahme bei der Medienkritik der NZZaS, macht in Selbsterkenntnis. «Macht doch weniger Interviews», fordert er nassforsch. Sei doch nur eine Sparmassnahme, schnell gemacht, schnell Seite gefüllt. Vor allem Führungsfiguren würden doch sowieso nur «gedankliches Styropor» absondern, reine «Worthülsen».

Hoch das Glas: Müller als angemieteter Fachreferent auf grosser Fahrt.

Man ist sich sicher: das ist die Einleitung zu einer Selbstkritik. Denn ist Müller nicht selbst Autor des schnarchlangweiligen Buchs «Gespräche mit Alain Berset»? 106 Seiten gedankliches Styropor in Fragen und Antworten, für happige 29 Franken. Ein Weihnachtsgeschenk für den Bundesrat, als ihn noch alle richtig lieb hatten.

Während früher für Müller galt: nichts ist älter als seine Schlagzeile von gestern, hat er sich weiterentwickelt: nichts ist älter als sein Buch von gestern. Nur in einem ist er sich treu geblieben: Selbsterkenntnis, Selbstkritik, selbst wenn sie bei diesem Thema mit beiden Armen winkt? I wo, ach was, Müller doch nicht. Das wäre doch keine Medienkritik, sondern Kritik an einem gedanklich inkontinenten Rentner.

Wir sehen auch das Positive

Aber, wir sehen auch Positives, angesichts des bevorstehenden Prozesses in Frankreich, bei dem es darum geht, ob die 4,5-Milliarden-Euro-Busse gegen die UBS auch von der zweiten Instanz aufrecht erhalten wird, macht die NZZaS endlich mal ein lobendes Porträt von Markus Diethelm.

Und der Haifisch, der hat Zähne: Markus Diethelm.

Das ist der Chief Legal Councel der Grossbank, das dienstälteste Mitglied der Geschäftsleitung. Der mit Abstand cleverste Kopf in der Führungsetage einer Bank. Er machte das Unmöglich möglich und fabrizierte im Steuerstreit einen Vergleich, bei dem die UBS mit 780 Millionen Dollar Busse sehr glimpflich davonkam. Die CS, da sind halt andere Pfeifen am Gerät, kam mit 2,6 Milliarden an die Kasse. Ein Meisterstück. Als Opferanode musste die UBS Kundendaten ausliefern, was der Bundesrat per Notrecht bewilligte. Damit war das Bankgeheimnis Geschichte, aber die UBS gerettet.

«Willst Du es mit dem Geier aufnehmen, musst du das Spiel des Geiers spielen», soll seine Maxime sein, laut NZZaS. Interessant, so überlebt man offensichtlich bei der UBS am längsten. Nächste Bewährungsprobe: die 4,5 Milliarden müssen weg. Da er höchstpersönlich die UBS vertritt: nichts ist unmöglich.

 

Wenn der Papagei onaniert

Dieser Titel hat wirklich Potenzial, in die heilige Halle der ewig besten aufgenommen zu werden: «Hilfe, mein Papagei onaniert!» Erschwerend komme noch hinzu, dass die Vögel dabei mit 110 Phon ihr Wohlbefinden ausdrücken.

Ist das die Nuss danach? Befriedigter Papagei.

Ohne falsche Scham klärt hier die «SonntagsZeitung» über «Geile Vögel und ihre Sextoys» auf. Die Autorin zitiert sogar Fachleute auf diesem Gebiet: «Vor allem im Frühling würden Papageien und Sittiche viel onanieren. «Da sind sie alle ein bisschen verrückt»», weiss die Leiterin der Auffangstation für Papageien und Sittiche (APS) in Matzingen TG.

Aber nicht nur Vögel vögeln mit sich selbst, es gibt auch «horny Hörnchen», Schildkröten (wie die das wohl tun?), Pferde, Delphine und natürlich viele Affenarten, weiss ein britischer Wissenschaftler, der «die erste Datenbank über masturbierende Vögel» bewirtschaftet.

Ich hätte allerdings eine alternative Verwendung für diesen Titel: Könnte man den nicht über viele Werke der arbeitsplatzsichernden Mainstream-Journalisten schreiben? Vielleicht eröffnen wir hier eine neue Rubrik.

Kandidat für eine neue Rubrik

Als erster Kandidat bietet sich Denis von Burg an, der Politchef der SoZ. Mit Füssen getretene «politische Redlichkeit», «realpolitisch irr», kommt der Haltung der «Corona-Leugner nahe», «skandalös», gar «faktisch ein Putschversuch». Natürlich wird hier mal wieder «an den Grundfesten der Demokratie gerüttelt». Himmels willen, müssen unsere wehrhaften Mannen das Sturmgewehr aus dem Schrank nehmen und in Bern die Demokratie retten? Gegen wen nur, wer wagt solch finsteres Tun?

Weiss immer, wie es ist: Denis von Burg.

Oh, «bürgerliche Parlamentarier», die sich, – vade retro, Satana, schleich dich, Satan – hinter dem Ex-SVP-Präsidenten Albert Rösti scharen, wollen, nomen est omen, dass Gaststätten schon früher wieder öffnen können. Oh, sichern, Munition rausnehmen, Gewehr wieder in den Schrank. Ohne sich in den eigenen Fuss zu schiessen, das erledigt schon von Burg vom Titel abwärts: «Die Bürgerlichen verhalten sich wie in einer Bananenrepublik».

Allerdings gräbt auch die SoZ einen kleinen Streit aus, der durchaus höheren Unterhaltungswert hat. Denn Ex-Task-Force- und Immer-noch-Präsident des Schweizer Nationalfonds tritt dem bekannten Epidemiologen Marcel Tanner öffentlich kräftig in den Hintern.

Wenn zwei Wissenschafter öffentlich catchen

Mit einfachen Mitteln. Matthias Egger stellte ein Bild von Tanner auf Twitter, mit einer Aussage von ihm vom letzten Mai. «Es werde keine zweite Welle geben» hatte Tanner damals prophezeit. Maliziös ergänzt das Egger mit einem Auszug aus wissenschaftlichen Standesregeln: «Vermeiden Sie ungerechtfertigte Gewissheit.» Wunderbar, nur sollte diese Regel für alle Wissenschaftler gelten, die kakophonisch in die Pandemie hineinkrähen.

 

Ende mit kurzem Schrecken

Ach ja, dann soll es noch den «SonntagsBlick» geben. Bevor der zu quengeln beginnt: Das Interview mit dem inzwischen 80-jährigen Tom Jones ist unterhaltsam, aber vor allem wegen Jones. Das Porträt der Corona-Kreische Emma Hodcroft, die etwas unter Aufmerksamkeitsmangel leidet, ist hingegen schnarchlangweilig und überflüssig.

Topseriöse Wissenschaftlerin: Emma Hodcroft.

Und unser neuer Lieblingskolumnist Frank A. Meyer? Schimpft etwas lahm – im Vergleich zum Ausbruch beim Thema Burka – gegen den Ausverkauf der Heimat und Aufenthaltsbewilligungen für ganz Reiche. Aber die Schlusspointe reisst’s dann fast wieder raus:

«In der Schweiz ist Korruption gratis.»

 

CH+ oder CH++

Noch ein Aperçu aus dem «berühmt durch Corona»-Sumpf. Marcel Salathé, inzwischen anderweitig versorgt und der Durchstarter dank Covid19, hat aus anhaltender grosser Sorge mit 15 weiteren «Personen aus Wirtschaft und Wissenschaft» die «gemeinnützige Organisation CH++» gegründet. Dabei ist all diesen Koryphäen wohl entgangen, dass es bereits die im Handelsregister eingetragene GmbH CH+ gibt. Die zufälligerweise dem Autor gehört. Guter Start; Abmahnung wegen Verwechslungsgefahr ist unterwegs, die Chance, dass CH++ bald ins Minus rutscht, ist gross.

Keystone-SDA auf Verbrecherjagd

Erste Plagiate entdeckt.

Wer behauptet, Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Keystone-SDA würden lediglich Medienmitteilungen abschreiben, liegt falsch. Gestern reiste ein Journalist extra nach Wohlen, um Teilnehmer einer Demonstration zu zählen.

Der Arme kam auf 1500 Personen und zitierte sich stolz: «Laut einem Korrespondenten der Nachrichtenagentur Keystone-SDA versammelten sich in Wohlnen (sic!) rund 1500 Personen zum Protestmarsch.»

Die NZZ nahm diese Kuriosität auf und erwähnte die Rechenleistung des SDA-Mitarbeiters. Selber ging sie von «mehreren Hundert Personen» aus, die Veranstalter übrigens von 2000.

Die Minimeldung hat 54 Wörter. Trotzdem ging Keystone-SDA an die Decke. Über ihr Ventil Inside SDA/ATS wettert sie über die NZZ: «Noch schöner, wenn Ihr eure Chefs dazu bringt, dafür auch zu bezahlen.»

Die NZZ verzichtet nämlich seit Anfang Jahr auf die Texte der Agentur.  Der Tweet zeigt aber, wie blank die Nerven liegen. Mit Argusaugen werden die Texte der Ex-Kunden durchleuchtet: Klaut jemand von uns Texte?

Kann man machen. Ob das zu neuen Verträgen führt? Fraglich. Im Umkehrschluss dürfte dann auch die Agentur keine Nachrichten der NZZ mehr vermelden, wie erst kürzlich geschehen. Was Keystone-SDA aber langsam verinnerlichen müsste: Die Zeit für Häme ist vorbei. 2021 sollte das Jahr der Demut werden – und das der Rechtschreibung. Denn auch der tapfere Kopfzähler ist nicht sattelfest in der Orthografie: «Wohlnen» und «bewiligt» lassen grüssen.

Witze zum Totlachen

Der Tagi schmeisst sich kichernd weg, aber wer in fundamental-irren Ländern keine Burka trägt, wird gesteinigt.

Wenn Philipp Loser in die Tasten greift, bleibt keine Auge trocken. Öfter auch seins. Der Loser hat das wohl übelste Stück an Konzernjournalismus zu verantworten, das in den letzten Jahren erschien – und wieder gelöscht wurde.

Über dem «Alten vom Berg» sollen «Geier kreisen», aus dem «Palast Lebrument» sei ein «MausoLöum» geworden, kalauerte Loser, dass es dem Leser die Fussnägel hochrollte. Ein hübsches Stück Rufmord und Kreditschädigung am Somedia-Verleger und Patriarch Hanspeter Lebrument. «Auf der Strecke bleibt: Lebrument und seine Somedia.» Sie sei zu klein, um eine entscheidende Rolle zu spielen. Ob Loser mit dem Titel auf den auch so genannten mittelalterlichen Assassinenführer anspielen wollte, oder auf den Beatles Song «The Fool on the Hill»? Wahrscheinlich nicht, das gibt sein Bildungsniveau nicht her.

Ein sauberer Blattschuss, der allerdings schnell zum Rohrkrepierer wurde. Denn nicht nur, dass der Artikel über «Peter Lebrument» angekündigt wurde. Auch sonst wurde passend gemacht, was nicht ins Narrativ passte. Fürchterliche finanzielle Situation, alles knirsche und knacke im Somedia-Verlagshaus. Aber: keine einzige Zahl konnte Loser liefern, alle Anschuldigungen kamen von anonymen Quellen, als wär’s ein Stück der «Republik».

Als Sahnehäubchen konnte man Lebrument leider keine Stellungnahme anbieten, der sei unerreichbar in den Ferien gewesen. Sicherlich auch sein CEO, seine Familienmitglieder oder jeder andere, der dem Unsinn von Loser hätte widersprechen können. Der Artikel nahm schnell das erwartete Ende: Er wurde gelöscht; Loser musste persönlich bei Lebrument zu Kreuze kriechen.

Der inzwischen gelöschte frühere Missbrauch der «Seite Drei».

 

Aufarbeitung, Qualitätsstandards bei Tamedia?

Wie üblich versprach Tamedia damals, den «Fall intern aufzuarbeiten», weil so etwas natürlich nicht den «Qualitätsstandards des Hauses» entspreche. Spätestens heute kann man sagen: Aufarbeitung null, Qualitätsstandards weiterhin unterirdisch, Loser ungehindert am Gerät.

Diesmal hat er sich das Thema Burka-Initiative vorgenommen, unterstützt vom Gender-Sternchen Salome Müller. Man ahnt es: Das kann nur grauenhaft ins Gebüsch fahren. Eine ganze «Seite 3» verschwendet Tamedia für ein Stück unter dem Titel: «Ist alles nur ein Witz?» Eigentlich müsste es sich die Süddeutsche verbitten, dass dieses von ihr erfundene Gefäss dermassen zu Schanden geschrieben wird.

Scherz lass nach. Frauenquälen ist doch lustig, finden Loser und Müller.

Ein Witz? Gute Frage, wenn sie sich auf den folgenden Schmerztext bezöge. Allerdings wäre auch da die Antwort: nein, das ist überhaupt nicht witzig. Denn die beiden Tiefflieger fragen sich ernsthaft, ob die Initiative nicht schlichtweg ein Witz sei. Beziehungsweise, dass man ihr gar nicht anders als witzig begegnen könne, denn ernst nehmen, also wirklich, wer kommt den auf so eine absonderliche Idee?

Zwei renommierte «Satiriker» machen sich lustig, nein, lächerlich

Also was meinen ausgewählte Berufswitzler dazu? Der «Satiriker» Gabriel Vetter behauptet, dass er keine Witze darüber machen könne, «ich habe schliesslich auch meinen Berufsstolz». Der hindert ihn nicht daran, hier sein Versagen einzugestehen. Allerdings: Ich zwinge alle Leser, die ihn für einen Satiriker halten, sich diesen Auftritt bei «Deville» anzuschauen. Garantie: man bekommt sofort den gleichen Gesichtsausdruck wie Sibylle Berg, nämlich etwas zwischen peinlich berührt und «wie kann ich schnell und unauffällig verschwinden?»

Aber es gibt ja noch «seine Kollegin» Patti Basler. Die riskiert den Brüller «Next-Level Realsatire». Versteht zwar keiner, aber leider könne sie dieser «Pointe» als «Satirikerin» nichts hinzufügen. Dann tut sie es doch, hätte das aber lieber gelassen: «Eigentlich müsse man doch verbieten, dass Männer Frauen Kleidervorschriften machen dürfen. «Aber stattdessen will man Frauen verbieten, wie sie sich kleiden»», sagt sie völlig sinnbefreit.

Ein Professor für «Sozialpsychologie» an der Uni Zürich, der leider nichts mit Corona zu tun hat, ergreift die Gelegenheit, wenigstens ein, zwei Schwafelsätze unterzubringen: «Die Bildsprache der Initiative verfolge ein anderes Thema als der eigentliche Wortlaut.» Die armen Studenten.

Was halten die Tagi-Redaktoren von Mehrheitsentscheidungen? Nichts

Als Beweis, dass diese Initiative doch wirklich ein Witz sei, wird dann noch das Intellektuellen-Blatt «watson» zitiert, natürlich darf auch das Magazin der anonymen Quellen nicht fehlen, die «Republik». Am Schluss versucht das Autorenduo Infernal noch etwas Optimismus zu versprühen: «Eine Abstimmungsniederlage ist einfacher zu verdauen, wenn man den Inhalt der Initiative nie richtig ernst genommen hat

Abgesehen davon, dass das tief blicken lässt, was die beiden von demokratischen Mehrheitsentscheiden halten – nichts, wenn sie nicht damit einverstanden sind –, ist es eine Geschmacklosigkeit sondergleichen, diese Thematik als Anlass für schlechte Witze zu nehmen.

Sicher, der ins zweite Glied zurückgestutzte und verzwergte Co-Chefredaktor des Tagi hatte schon in einem «Leitartikel» die Marschroute vorgegeben: die Initiative sei abzulehnen. Und Loser ist es sich gewohnt, auf his master’s voice zu hören. Beiss den Lebrument, und er sagt wuff. Burka-Initiative ist SVP, blöd, kann man nicht ernst nehmen: Witz komm heraus, du bist umzingelt, folgt der Schreibbüttel der Anleitung.

Als Methode zur Arbeitsplatzsicherung könnte man das noch menschlich verstehen. Aber: Niemand bringt das ganze Elend dieser schmerzhaften Scherzparade besser auf den Punkt als Basler. Man wolle Frauen «verbieten, wie sie sich kleiden». Echt jetzt? Darf man so einen Schwachsinn im Tagi unwidersprochen sagen? Wo bleiben da die Qualitätsstandards?

Sollen wir das Banner des fanatisch-fundamentalistischen Islams tolerieren?

Ich war auch etwas hin und her gerissen, wie ich abstimmen soll. Passt das zu einer freiheitlichen Gesellschaft? Aber jeder, der dieses Argument ins Feld führt, übersieht, dass es niemals totale Freiheit geben kann. Erst Grenzen machen sie sozialverträglich. Zudem ist diese Art der Verhüllung von Frauen weder die Erfüllung religiöser Vorschriften, noch Ausdruck einer «freien Wahl». Wie Alice Schwarzer, die schon für die Rechte der Frauen kämpfte, als Loser noch in den Windeln lag und Müller nicht mal als Idee existierte, bringt es auf den Punkt: Das ist das Banner des fundamentalistischen Islam.

Wo er herrscht, setzt er diese mittelalterliche Absurdität mit drakonischen Mitteln durch. Mit Bestrafung, Schlägen, Steinigungen, Folter gegen Frauen, die sich eben nicht verbieten lassen wollen, wie sie sich kleiden möchten. Zum grossen Tort dieser religiösen Wahnsinnigen können sie ihre absurden Herrscherfantasien über Frauen als Stückgut, Eigentum und rechtloser Sklave, in der Schweiz nicht durchsetzen. Für Fanatiker wie Nicolas Blancho sind Steinigungen «für mich als Muslim ein Bestandteil, ein Wert meiner Religion». Schmerz- und scherzfrei begeben sich die Autoren in das Umfeld solcher Vollpfosten. Müller sollte man die Sternchen-Taste sperren; für Loser würde ich anregen, ihm endlich einen Maulkorb zu verpassen.

Denn einen Loser in seinem Lauf hält weder Nikab noch Burka auf. Im «Magazin» schreibt er sich gleich nochmal den Frust von der Seele, bei der Abstimmung höchstwahrscheinlich zu den Losern zu gehören. Duftmarken: «Direkte Demokratie im Nichts», «grundsätzlich absurd», «manchmal muss direkte Demokratie wie die Fasnacht funktionieren. Als Ventil. Als Triebabfuhr. Als «Zeichen».» Mit dieser Einstellung zu Demokratie könnte Loser problemlos unter einem fundamentalistischen Regime leben. Unvorstellbare Zustände bei Tamedia.

 

 

Auf den ersten und zweiten «Blick»

Die E-ID und die unabhängige Berichterstattung: auf klarem Kollisionskurs.

Wenn die Nachfrage nachlässt, gibt’s Rabatt. Ein altbekanntes Prinzip, angewendet im ältesten Gewerbe der Welt – wie auch von Medien. Leider gibt es eine weitere Gemeinsamkeit.

So wie jede käufliche Dame auf Wunsch oder zur Kundenbindung behauptet, dass der jeweilige Benutzer der tollste Hengst sei, dem sie jemals begegnete, gibt jedes Medienhaus markige Geräusche von sich, dass bezahlter Inhalt und redaktionelle Leistung nichts miteinander zu tun hätten, deutlich getrennt seien, das eine niemals das andere beeinflusse.

Gleichzeitig wurde ein ganzer Zoo von Werbeauftritten erfunden, der nichts anderes im Sinn hat, als diese Grenze zu verwischen.

In den guten alten Zeiten war klar: Wenn links das Inserat des Detailhändlers steht, dass Schweinefleisch diese Woche besonders günstig sei, und rechts ein redaktioneller Beitrag, dass wissenschaftliche Studien erwiesen hätten, dass der regelmässige Verzehr von Schweinefleisch gegen Herzinfarkt, Inkontinenz und Krebs wirke, sahen da nur sehr naive Leser keinen Zusammenhang.

Dass das meiste, was über Kosmetika, Reisen, Autos oder Shoppingtipps erscheint, weder selber bezahlt, noch ausgewählt wurde, ist altbekannt. Unsichtbar, aber auch sehr wirksam sind sogenannte Partnerschaften. Also Bank XY zahlt einen grossen Batzen an das Folkfestival, ausgerichtet von Zeitung YZ. Da versteht es sich von selbst, dass spätestens der Chefredaktor einem unverständigen Journalisten klarmacht, dass es überhaupt keine gute Idee sei, etwas Kritisches über Bank XY zu schreiben.

Die Publireportage in immer neuen Kleidern

Von der anderen Richtung her arbeitet all das, was früher schamvoll Publireportage genannt wurde. Also eine Werbung, die so nahe wie möglich an den redaktionellen Inhalt heranrückt. Aufmachung, Typo, Layout, Look and Feel, alles möglichst ähnlich.

Weiterhin ist das Prinzip das gleiche, Reportage ist nix, und Publi bedeutet schlichtweg: da hat einer dafür bezahlt, aber auch hier gibt es immer wieder neue Wortschöpfungen. Native Ad ist so eine, wenn der bezahlte Inhalt in ein möglichst werbefreundliches Umfeld gestellt wird.

Das machen inzwischen alle, von der NZZ abwärts. Aber der «Blick» legt schon noch einen Zacken zu, wie es sich für den Boulevard gehört. Denn zufälligerweise ist der CEO und Mitbesitzer Marc Walder der Gründer und Präsident von «digitalswitzerland».

Das ist ein Zusammenschluss von rund 140 Firmen, die die Schweiz zum «digitalen Hub» machen wollen.

Der digitale Hub und die digitale ID

Trotz Lockdown und damit der Unmöglichkeit, gross Abstimmungskampf zu betreiben, nähert sich der nächste Abstimmungssonntag mit grossen Schritten. Da steht im Schatten der Debatte über das Burkaverbot auch die Frage, ob die Schweiz eine E-ID haben will oder nicht.

Jetzt wird es einen Moment typisch schweizerisch filzig. «digitalswitzerland» hat sich zu einem Who’s who der Schweizer IT-Branche, Banken, Versicherungen und Grossfirmen gemausert. Hier sind fast alle dabei, die CS, die UBS, Swiss Re, die Post, unvermeidlich Ruedi Noser, dazu der CEO der NZZ – und der CEO der «Swiss Sign Group», Markus Naef.

Dann muss man nur noch wissen, dass Swiss Sign mit der Swiss ID schon einen Riesenflop gelandet hat. Und natürlich dabei wäre, wenn wie vom Bundesrat gewünscht die Ausstellung der neuen E-ID von Privatfirmen übernommen wird. Obwohl die E-ID kein Pass sein soll und zur zweifelsfreien Identifikation im Internet dienen, ist das Misstrauen in der Bevölkerung gross, was die Datensicherheit betrifft, bzw. was mit den Daten passiert, die der Hersteller lagern muss, um allfälligen Missbrauch nachvollziehen zu können.

Die Abstimmung steht auf der Kippe

Die Abstimmung steht auf der Kippe, leichte Vorteile für die Gegner. Höchste Zeit, dass der Ringier-Verlag richtig Gas gibt. Damit keine Missverständnisse aufkommen: In jedem Medienorgan (ausser ZACKBUM.ch) gibt es natürlich inhaltliche Vorgaben. Der Chefredaktor der NZZ, wenn er nicht gerade am Fasten ist, würde einen Arzt rufen, sollte ein Redaktor auf die Idee kommen, in der alten Tante eine Lanze für die Abschaffung des Privateigentums zu brechen.

So ist das natürlich auch bei Ringier und im «Blick». Ein nettes Wort über Christoph Blocher oder die SVP? Ausgeschlossen. Soweit business as usual. Aber nun ein exemplarisches Beispiel, was passiert, wenn man zu viel Gas gibt.

Zunächst betrachten wir diesen «Artikel», übrigens der jüngste in einer ganzen Serie. «E-ID-Gesetz: Ein Modell für die Zukunft». Kommt täuschend ähnlich wie ein redaktioneller Beitrag daher, aber rechts unten steht «Präsentiert von digital switzerland». Erst, wer draufklickt, könnte die Autorenzeile überlesen: «Das ist ein bezahlter Inhalt, präsentiert von digitalswitzerland». Und, immerhin, als Artikelanfang: «Bei diesem Beitrag handelt es sich um politische Werbung.»

Rollenteilung von Medien und Wirtschaft.

Auf Deutsch: ein bezahltes Inserat, das so ähnlich wie möglich als redaktioneller Beitrag daherkommt. Allerdings muss Ringier happige Preise verlangen. Denn für eine anständige Illustration war offensichtlich kein Geld mehr vorhanden. Anders ist das hier nicht zu erklären:

So sähe es vielleicht nach einem Anschluss an die EU aus.

Die ewige deutsche Erika Mustermann auf einer deutschen ID, ob das in der Schweiz mehr Vertrauen schafft? Aber rein schweizerisch und echt redaktionell ist gleich darunter ein «grosses Interview mit Bundesrätin Karin Keller-Suter». Wobei Interview hier ein grosses Wort ist, näher an der Realität wäre wohl: Wir liefern die Stichworte, Sie dürfen ausholen. Allerdings, auch der «Blick» ist nicht mehr in Höchstform, ein eher merkwürdiges Titelzitat.

Befürchtet Doppelklatsche: Karin Keller-Suter

Wenn irgendwas, was die Gegner angeblich wollten, gescheitert sei, wieso soll das dann ein Grund sein, mit Ja zu stimmen? Wie auch immer, wir freuen uns schon auf die kritischen Beiträge, die sicherlich im «Blick» noch folgen werden.

Die Kanonen des SIG

Der neue SIG-Präsident schiesst scharf

Kürzlich hat uns die Tochter die Toilette geschändet. Mit Buntstiften kritzelte sie an der Türe «Bite klopfen, dann drei mal halo sagen». Obwohl ich mit ihr verwandt bin, habe ich den Fall an den Schweizerischen Toilettenverband Schweiz (STS) gemeldet. Eine Untersuchung ist im Gange. Der STS klassiert die Schmiererei als schweren Vorfall, die Tochter erhält nun zwei Monate lang keinen Süsskram.

Der tragische Vorfall ähnelt in verblüffender Weise der Schandtat in Biel. Dort wurden an der Synagogentür antisemitische Kritzeleien entdeckt. Wie reagiert man auf so etwas? Das jüdische Wochenmagazin «tachles» findet die richtigen Worte: «Schändung der Synagoge».

Der «schwere antisemitische Vorfall» habe sich am Donnerstagmorgen ereignet. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) zeigt sich in einer Medienmitteilung «zutiefst schockiert», die Polizei ermittelt in alle Richtungen.

Die Schandtat von Biel machte natürlich die Runde. Die NZZ und anderen Medien übernahmen gerne die Meldung der «Schändung». Für den SIG handelt es sich aber um mehr: «Die Einritzungen stellen eine massive Schändung der Synagoge und einen schweren antisemitischen Vorfall dar.»

Wer sich die Bilder der Schandtat anguckt, zweifelt in erster Linie aber an der Zurechnungsfähigkeit des SIG. Diese Kritzeleien sollen eine massive Schändung darstellen? Ist das nicht ein bisschen starker Tobak?

Die Medienmitteilung erstaunt nicht. In der gleichen Woche jaulte der SIG ebenfalls schockiert auf. Grund war ein launiger Meinungsartikel von Klaus J. Stöhlker auf Inside Paradeplatz. Stöhlker lästert ein bisschen über gewisse Juden, alles im erlaubten Rahmen. Nur einen groben Schnitzer machte er: «Einer der intelligentesten Juden in der Üsserschwiz ist Yves Kugelmann, der Chefredaktor der liberalen jüdischen Wochenzeitung Tachles.» Aber auch hier: Richtig falsch sind nur die drei Wörter «einer der intelligentesten»

Ralph Lewin, der ziemlich neue SIG-Präsident, reagierte gleich mit einem «Offenen Brief». Lewins Sorgen möchte ich haben. Ihn stört allen Ernstes, dass Stöhler über Juden schreibt, dass «sie kultiviert, gebildet und reich seien.» Lewin unterstellt Stöhlker, dass er Juden als «unverschämt reich» darstellt. Davon ist nirgends die Rede. Stöhlker, so Lewin, beschädige mit seinem Artikel «die Aufklärungs- und Vermittlungsarbeit vieler engagierter Menschen.»

Das ist leider die Sprache des SIG. Antisemitische Kritzeleien bedeuten für ihn gleich eine «massive Schändung» und eine Meinungsäusserung zerstören irgendwelche Aufklärungsarbeit. Es ist eher umgekehrt. Wer keine kritischen Meinungen zulässt, erntet anonyme Kritzeleien.

Vielleicht sollte der SIG sein Kriegsarsenal nochmals überdenken. Auf Spatzen kann man auch Kieselsteine werfen.

Das Unsagbare in Bilder gefasst

«Black Earth Rising» ist nur was für starke Nerven.

Ja, die Miniserie erblickte schon 2018 das Licht der Welt. Sie wurde bereits von BBC2 gezeigt. Sie ist schon einige Zeit auf Netflix.

Ich habe sie aber erst vor Kurzem gesehen. Wir leben in abgehärteten Zeiten, und seit Steven Spielberg in «Schindlers List» Juden in die Gaskammern von Auschwitz mit der Kamera begleitete (aber eine akzeptable Auflösung für diesen Tabubruch fand), meinen wir vielleicht, dass schon alles Grauen der Welt in Bilder gefasst wurde.

Wer das Werk von James Nachtwey, Dmitri Baltermanc oder Don McCullin kennt, glaubt vielleicht, dass es zu diesen Schreckenskunstfotos keine Steigerung mehr gibt. Auch das Genre der Antikriegsfilme ist wohlbestückt mit so genialen wie aufrüttelnden Filmen.

Kann man den unvorstellbaren Völkermord in Ruanda verfilmen?

Aber es gibt Ereignisse, die man nicht für adäquat verfilmbar hält. Dazu gehörte für mich der Genozid in Ruanda. In rund 100 Tagen wurden wohl über eine Million Tutsi ermordet. Von einem durch Propaganda, eine Radiostation und finstere Gestalten aufgestachelten Mob. Der Abschuss der Präsidentenmaschine eines diktatorisch regierenden Hutu, der die politische und wirtschaftliche Dominanz der Tutsi gebrochen hatte, die von Uganda aus als Guerilla die Macht zurückerobern wollten, wurde von der Mehrheit der Hutu als Startschuss zu einem in seinem Ausmass unvorstellbaren Massaker genommen.

Mit Macheten, Benzin und Reifen bewaffneter Mob raste, Frauen, Kinder, Alte, Junge, es wurde kein Pardon gegeben. Nachtwey hat wohl das ikonische Bild davon geschossen. Ein Tutsi, dessen Kopf mit langen Narben von den Machetenhieben verunstaltet ist, und in dessen Augen ein unauslöschliches Entsetzen lodert, weil er überlebte.

Ohne Worte und hoffentlich mit Einverständnis von James Nachtwey.

Wie kann man ergründen, wie das möglich war?

Wie war das möglich? Wieso ging die Saat der Hetze gegen die Tutsi und sogar gegen Huti, die nicht für ihre Vertreibung oder Ermordung waren, dermassen schrecklich auf? Reichte wirklich das Hate-Radio «Radio-Télévision Libre des Mille Collines» mit seiner unsägliche Hetze, seinen Aufrufen zum Gemetzel, dazu aus, die Huti (zu 40 Prozent Analphabeten) aufzustacheln und in einen Blutrausch zu treiben?

«Hotel Uganda» versuchte 2004, anhand einer wahren Geschichte die Ereignisse des Völkermords nachzuerzählen. Inklusive des so dramatischen Versagens der Weltgemeinschaft, dass einer der Befehlshaber der UN-Friedenstruppen im Land später Selbstmord beging. Aber «Hotel Ruanda» ist sehr Hollywood. Es gibt die Unschuldigen und die Bösen. Es gibt Helden, und am Schluss geht die Geschichte wenigstens für die Protagonisten gut aus.

«Black Earth Rising» ist ganz anders. Das fängt schon mit der Titelmusik an; einer der letzten Songs von Leonard Cohen, «You want it darker». Näher kann man mit Musik dem Tod nicht kommen. Aber auch nicht der Hoffnung auf Erlösung. Das setzt sich in einem Ensemble fort, das besser nicht hätte ausgesucht werden können.

Ein fantastisches Ensemble von Schauspielern

In erster Linie die unglaubliche Michaela Coel. Sie hat ein dermassen ausdrucksstarkes Gesicht, in dem sich alles auf ihre Augen, ihre Nase, ihre Lippen konzentriert, dass sie mit kühler Gelassenheit und Intellektualität das Grauen viel stärker macht. Und mit ihren (wenigen) Ausbrüchen, wenn sie zum Beispiel einem der ruandischen Kriegsverbrecher in seiner luxuriösen Villa begegnet, der tatsächlich die Stirn hat, ihr sein eigenes Leiden erklären zu wollen, lässt sie den Zuschauer verstört zurück.

Dazu John Goodman, so häufig in seichten Klamaukfilmen besetzt, der hier wieder einmal seine ganze schauspielerische Wucht als englischer Anwalt für Prozesse gegen Kriegsverbrecher ausspielt. Tamara Tuni, sonst in Polizeiserien unterwegs («Law and Order»), Harriet Walter, langjähriges Mitglied der «Royal Shakespeare Company». Bis in die Nebenrollen hinein grossartige Schauspieler, die niemals in den Fehler verfallen, angesichts dieses Themas ihre Rolle aus Betroffenheit zu überspielen. Overacting nennte man das.

Dazu ein fantastischer Drehbuchautor und Regisseur und Schauspieler

Schliesslich noch Hugo Blick, Drehbuchautor und Regisseur. Mir vorher unbekannt, seit dieser 8-teiligen Serie halte ich ihn für Oscar-würdig. Ohne Frage. Worum geht es hier, in der Art von «Der Nachtportier» nach dem Roman von John Le Carré aufgebaut? Es geht um die zufällig überlebende Ruanderin Kate Ashby (Coel), die von einer bekannten englischen Anklägerin vor dem Internationalen Gerichtshof adoptiert und aufgezogen wurde.

Nun arbeitet sie in der Anwaltskanzlei von Michael Ennis (Goodman), zusammen mit einer US-amerikanischen Staatssekretärin und einer ruandischen Nationalheldin ein Freundeskreis, der gemeinsam eine Absicht verfolgt.

In einer Nebenrolle Blick selbst, der sich dafür eine der widerlichsten Figuren ausgesucht hat. Einen englischen Anwalt, der den ruandischen Kriegsverbrecher verteidigt, der sich in Europa zur medizinischen Behandlung befindet und sich völlig sicher fühlt. Obwohl die vier Freunde, die eine gemeinsame Vergangenheit verbindet, seiner habhaft werden wollen. Zusammen mit Coel natürlich, die aber erst Schritt für Schritt eingeweiht wird.

Kein zur Belehrung erhobener Zeigefinger, keine moralische Lektionen

Aufgebaut ist das Ganze wie ein klassischer Thriller. Cliffhanger, Wendungen, Wahrheit wird zur Lüge, Lüge ist Wahrheit, was ist Gerechtigkeit, wer war schuldig, wer nur Opfer? Was für eine Rolle spielten die ehemaligen Kolonialmächte, Frankreich und England, welche Rolle die Coltran-Vorkommen in dieser Gegend, deren Ausbeutung und Wegtransport garantiert werden sollte?

Wer ist nun die von Coel umwerfend gespielte Adoptivtocher? Sie ist Ruanderin, natürlich. Sie wurde in einer Kirche unter einem Leichenberg gefunden, unter ihrer toten Mutter, unter ihrer toten Familie. Als sie dorthin zurückkehrt und die Kirche betritt, die als Mahnmal unverändert gelassen wurde, nur die Leichen wurden weggeschafft, ihre Kleider liegen nun auf den Kirchenbänken, fragt man sich, ob das als Film statthaft ist. Wenn man ein so guter Regisseur wie Blick und eine solche Ausnahmeschauspielerin ist, dann geht das.

Am Ort des Grauens. Aber auch Kate Ashby ist nicht die, die sie zu sein glaubt.

Allerdings brennt sich diese Szene, und nicht nur die, ins Gemüt auch wenig zartbesaiteter Menschen ein. Das kann man mir glauben; ich habe schon Leichenberge in echt gesehen.

Die Darstellung der Wirklichkeit als komplex macht den Film einzigartig

Grossartig machen den Film auch die geschliffenen Dialoge, gnadenlos, direkt, faszinierend. Nicht minder grossartig macht den Film, dass es kein Schwarzweiss gibt. Nirgends. Nicht bei den ehemaligen Kolonialmächten, wo es aufrechte Kämpfer für Gerechtigkeit und üble Schurken gibt, die keine alten Schuldgeschichten aufwärmen wollen. Und selbst die aktuelle Präsidentin von Ruanda akzeptieren, obwohl die sich verfassungswidrig zum zweiten und dritten Mal wiederwählen lassen will.

Weil sie der festen Überzeugung ist, dass nur sie das Land heilen kann, statt in die Vergangenheit zurück in die Zukunft führen, mit Hilfe westlicher Konzerne endlich die Profite aus dem Abbau von Rohstoffen in die Kasse Ruandas lenken. Dabei begleitet von einem Mastermind, einem sehr intelligenten Ratgeber. Man kennt sich schon lange, war auch einmal ein Paar. Aber auch er ist nicht das, was er zu sein scheint.

Nicht mal bei den Hutu und Tutsi sind die Rollen klar verteilt, es gab auf beiden Seiten Kriegsverbrecher und Massenmörder. In dieser Serie wird es dem Zuschauer nicht so leicht gemacht, dass er mit den Helden mitfiebert, um sie am Schluss glorreich triumphieren zu sehen. Im Gegenteil. Kaum etwas ist so, wie es am Anfang scheint, die Chefanklägerin samt einem anderen Kriegsverbrecher, den sie anklagt, der aber keiner ist, werden erschossen. Die übrigen Protagonisten werden von Krankheiten geplagt, die Hauptfigur ist schwer traumatisiert, muss ihre Ausbrüche mit Medikamenten unterdrücken.

Es geht darum: Die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit ist gut. Selbst wenn sie schmerzhaft und traumatisch ist. Selbst wenn sie vieles als Lüge aufdeckt, was vorher als sichere Wahrheit galt. Aber: Wie viel Wahrheit verträgt der Mensch? Eine Gesellschaft? Wie kann man sich wieder versöhnen?

Wie kann man einen Völkermord verfilmen?

Auch zur Frage, wie er denn die Ursache des Traumas der Protagonistin darstellen soll, den Völkermord selbst, das Gemetzel, die rot gefärbten Flüsse, in denen wochenlang Leichen trieben, ist Blick eine grossartige Lösung eingefallen. Denn wie sollte er auch das von einem französischen Priester mitzuverantwortende Gemetzel in seiner Kirche filmen, dem die Filmfigur nur aus purem Zufall entkam; schwer verletzt, eigentlich auch dem Tod geweiht. Wenn nicht Zufälle, die das Leben bestimmen, sie gerettet hätten?

In Form einer Erzählung? In Form von fiktiven Szenen in einem Gerichtssaal? Oder gar real, sozusagen ein Blick in die afrikanische Ausgabe des KZ-Grauens? Nein, er hat sich für etwas anderes, Besseres entschieden. Diese Szenen sind schwarzweiss gezeichnet. Mit Symbolkraft, die durchaus an die Wirkung der Schauspieler heranreicht.

Der Moment ihrer Rettung unter den Leichen.

Ich finde: Wer sich für eine grossartig gemachte, gespielte, gefilmte, spannende und vielschichtige Darstellung eines unvorstellbaren Grauens interessiert, der muss unbedingt «Black Earth Rising» anschauen. Kleiner Ratschlag: mehr als zwei Folgen am Stück sollte man sich nicht antun. Dann braucht man eine Pause.

Die Gier von Ringier

Ahnungslose Leser übertöppeln – why not?

Das unterbietet sogar die Output-Leistung der «Republik»: In den letzten 15 Jahren veröffentlichte die «Konferenz der ChefredaktorInnen» genau 6 (sechs) Stellungnahmen und andere Zuckungen. Der Präsident des Vereins ist Ringier-Chefoberchefchefwuff Christian Dorer. Im Jahre 2007, da war Dorer vermutlich noch in der Primarschule, gab die Konferenz «Empfehlungen zum Umgang mit bezahlter Werbung» ab.

Die Konferenz empfiehlt: «Jede Form von Sponsoring muss deklariert werden.» Das war vor 14 Jahren. Heute heisst es: «Jede Form von Sponsoring könnte im Prinzip, sofern möglich und durchsetzbar, theoretisch und zu einem gewissen Prozentanteil deklariert werden.» Ein schönes Beispiel ist der Jubelartikel von Blick über einen Lautsprecher von Braun.

 

Wer auf den Artikel klickt. landet auf die Ringier-Seite daskannwas.ch. Gemäss Impressum finanziert sich die Seite durch Werbung, Partnerschaften und Affiliate-Links. «Wenn Sie Produkte über Links von Daskannwas.ch kaufen, unterstützen Sie das Portal finanziell.» Blickleser finanzieren also den Verlag, wenn sie ahnungslos auf den vermeintlichen redaktionellen Text klicken. Gemäss Anzeigenliste verdient Ringier pro Klick etwa 3 Rappen. CPM (Cost per Mille) bedeutet die Kosten für 1000 Einblendungen einer online Werbeanzeige.Wird der Artikel 100’000 angewählt, resultiert aus dem Geklicke knapp 3000 Franken.

Ringier schreibt auf Anfrage: «Die Produkttests sowie die Vergleiche sind nicht bezahlt, da dies dem Grundsatz der Plattform – ehrlich und unabhängig zu testen – widersprechen würde.» So ein Geschäftsmodell wäre auch zu auffällig. Es geht vor allem um den Link im Text, der zum Hersteller leitet:

 

Maske raus, Maulkorb runter

Den Jungmillionären und «Masken-Schnöseln» muss man eins lassen: ihre Lernkurve ist sehr steil.

«Zürichberg-Kids machen Millionen mit Masken.» Wie so oft bringt «Inside Paradeplatz» mit seinem unermüdlichen Aufdecker Lukas Hässig als erster diese Meldung. Und legt eine Woche später, am 18. Juni 2020, nochmal nach, als sich die beiden zwei Luxusschlitten kaufen.

Der böse Verdacht: Zwei Jungunternehmer machen das Geschäft ihres Lebens mit dem Import und überteuerten Verkauf von Gesichtsmasken. Dabei nützen sie die übliche Unfähigkeit von staatlichen Behörden aus, die panisch Schutzmasken kaufen wollen. Ist ja das Geld des Steuerzahlers, daher bietet zum Beispiel die Schweizer Armeeapotheke bis zu 10 Franken. Für eine Maske.

Durch diese Verkäufe, in der Schweiz, aber auch in Europa, vor allem nach Deutschland, sollen die beiden Dutzende von Millionen verdient haben. Pro Nase. Also wie auf dem Serviertablett: zwei moralfreie Dealer verdienen sich am Schutzbedarf für die Bevölkerung zwei goldene Nasen. Skrupellos, rücksichtslos.

Leid schamlos ausgenutzt?

Am 30. Juli vermeldet der «Blick»:

«Brandanschlag gegen SVP-Masken-Millionäre».

Linksradikale bekennen sich dazu: «Damit bestrafen wir die dort ansässige Emix Trading und ihre Besitzer dafür, das Leid vieler schamlos ausgenutzt zu haben, indem sie durch überteuerte Maskenverkäufe an den Bund dick Kasse gemacht haben

Ende Januar 2021 stochert der «Tages-Anzeiger» nach: «Schweiz zahlte Millionen für nutzlose Masken». Auf der Packung steht «FFP2», das Gütezeichen für bessere Schutzmasken. Nur: der ägyptische Hersteller sagt auf Anfrage, dass er niemals solche Masken hergestellt habe und auch kein Zertifikat einer italienischen Prüfstelle beantragt hätte.

In der offensichtlichen und nicht falschen Annahme, dass öffentliche Gegenwehr zuerst gut organisiert werden muss, sollte sie etwas bewirken, gehen die beiden Inhaber der Handelsfirma Emix nun in eine sorgfältig geplante Offensive.

Zuerst CH Media, dann die NZZ

Zuerst kam Henry Habegger zum Handkuss. Er schreibt heute für CH Media, nachdem er bei Ringier gefeuert wurde, als Opfer eines der ganz wenigen Machtkämpfe, die Frank. A. Meyer verlor. Habegger erzählten die beiden die Geschichte ihrer Firma. Eine typische Tellerwäscher-zum-Millionär-Story.

Parallelimporte von Coca-Cola, Verteilung an Pizzerien und Döner-Buden im Kleinwagen. Dann Kontakte nach China, Exporte von Schweizer Produkten. Es ging Schritt für Schritt aufwärts. Schliesslich die Pandemie, die beiden setzten alles auf eine Karte. Bauten eine Lieferkette auf, mieteten ganze Frachtmaschinen für den Transport in die Schweiz.

Mr. Corona Daniel Koch sagte damals zuerst tapfer, dass die Verwendung von Schutzmasken in der breiten Bevölkerung nichts bringe, ihre Wirkung sei nicht erwiesen. Eine letzte Schrecksekunde, denn hätte Emix die Masken nicht verkaufen können, wären sie pleite gewesen.

Natürlich seien sie zutiefst betroffen von der Anschuldigung, auf Kosten der Not der Menschen einen Riesengewinn gemacht zu haben. Natürlich war der Kauf von Luxusauto eine jugendliche Übersprungshandlung, verständlich, aber von der Wirkung her fatal. Aber: sie seien schliesslich voll ins Risiko gegangen, hätten als fast einzige liefern können, und was da für ein Stress dahinter gestanden sei, unvorstellbar. Habegger notierte und berichtete, als alter Boulevard-Hase, mit dem Titel: «Jetzt reden die «Masken-Schnösel»».

Die NZZ rollt den ganz breiten Teppich aus

Nicht gerade ein voller Erfolg, aber man kann ja nachlegen. Dazu bietet sich – who else – die NZZ an. Riesenstory im Blatt mit Riesenfoto, online ohne Bezahlschranke lesbar. «Sind sie Helden, Schurken oder einfach nur clevere Unternehmer?», fragt sich das NZZ-Team Linda Koponen und Jan Hudec. Sie Jungredaktorin, er schon länger im medizinischen Themenbereich unterwegs.

Kommentierte Chronologie, also die CH-Media-Story nochmals ausführlicher ausgebreitet, und dann natürlich noch das Interview. Rund 300 Millionen Masken hat Emix nach Europa verkauft. Bei einer behaupteten Marge von 20 bis 30 Prozent und Verkaufspreisen von bis zu knapp 10 Franken, man rechne.

Aber ihr Geld haben sie nicht nur für Luxusautos rausgeworfen; diesmal empfangen sie die NZZ in ihrem Hauptquartier in Zug, wohin die Firma natürlich gezügelt ist. So wie ihre Inhaber nach Freienbach, zwei Niedrigsteuergebiete. Sie sind von gleich zwei Anwälten umrahmt. Der eine ist der Wirtschaftsanwalt Peter Ackermann, der die beiden 23-Jährigen schon länger begleitet und juristisch berät.

Der jammert über die Medien, dass deren «Berichte meinen Ruf wahrscheinlich unwiderruflich zerstört» hätten. Nur: Was für einen Ruf? Laut seiner Berufserfahrung ist er seit 2021 «Investor und Verwaltungsrat», bei Emix natürlich. Weitere rechtliche Beaufsichtigung des Gesprächs ist die Aufgabe der Medienanwältin Rena Zulauf.

Sportliche Honoraransätze treffen auf tiefe Taschen

Sonst für ihre Feldzüge beispielsweise in Sachen Jolanda Spiess-Hegglin bekannt, für die sie vor Kurzem beim Zuger Obergericht eine gewaltige Klatsche einfing. Aber Zulauf ist auch für ihre sportlichen Honoraransätze bekannt, und das dürfte bei Emix überhaupt kein Problem sein. Im Gegensatz zu ihrer Mandantin Spiess-Hegglin. Zulauf sieht weder Widerspruch noch Problem: «Ich vertrete Personen und Unternehmen bei erfolgten oder drohenden medienrechtlichen Grenzüberschreitungen.»

Zulauf tut auch energisch etwas für ihr Geld. Als «Inside Paradeplatz», schliesslich der Aufdecker dieses Falles, sich mit ein paar Fragen an die beiden Jungunternehmer wendet, bekommt der Blog einen Feuerstoss als Antwort. Aber Lukas Hässig ist sich garstige Reaktionen von Finanzhäusern gewohnt. Wobei Zulauf hier schon an die Grenze der putativen Notwehr geht:

«Meine Klientschaft behält sich zivil- und strafrechtlich Schritte aus unlauterem Wettbewerb und Persönlichkeitsrecht, insbesondere – aber nicht ausschliesslich – Schadenersatzansprüche wegen entgangenem Gewinn, gegen Inside Paradeplatz GmbH und Sie persönlich ausdrücklich vor und wird rechtliche Schritte gegebenenfalls ohne Vorankündigung einleiten», so die Anwältin auf Fragen an die Emix-Leute. Es ging darum, wie viel genau die Emix-Unternehmer mit der Schweizer Armee eingenommen hatten und wie viel mit Deutschland.

Auch das sieht Zulauf anders: «Die rechtliche Belehrung stand im Kontext vorangehender fehlerhafter Berichterstattung, bei der neben einer verlangten (und publizierten) Gegendarstellung auf rechtliche Schritte verzichtet worden war.»

Inzwischen ist eine Strafuntersuchung eingeleitet

Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Zürich ein Strafverfahren gegen Unbekannt im Zusammenhang mit Schutzmaskenverkäufen der Emix Trading eröffnet. Dabei dürfte auch die Strafanzeige wegen Wuchers eines Luzerner Anwalts eine Rolle spielen.

Die NZZ listet aufrecht alle Vorwürfe auf, die zurzeit um die beiden Jungmillionäre schwirren. Die dürfen sich selbst in einem möglichst guten Licht präsentieren: «Wenn wir die Masken ohne Risiko nach Europa gebracht und mit hoher Marge durch überhöhte Preise verkauft hätten: Dann könnte ich die Kritik nachvollziehen. Führt man sich jedoch vor Augen, dass unser Gewinn durch vorausschauende Verhandlungen bei Einkauf und Logistik und durch das riesige Volumen zustande gekommen ist, habe ich keine Sekunde ein schlechtes Gewissen», lässt sich einer der Beiden zitieren. Aber:

«Wir haben uns alles selbst erarbeitet und auf Freunde und Freizeit verzichtet, um an diesen Punkt zu kommen

An welchen Punkt? Man merkt dem Artikel deutlich an, dass sich die beiden Autoren nicht wirklich entscheiden können. Eben: Helden, Schurken oder clevere Unternehmer? Man weiss nicht, ob man es im heutigen Gesinnungs- und Positionsjournalismus begrüssen oder bedauern soll, dass die Antwort der NZZ ist: Das kann man so oder so oder so sehen.

Stöhlker im tiefen Tal vor hohen Bergen

Der Mann wird dieses Jahr 80. Leider hat auch er den Moment verpasst, wo’s dann mal gut ist.

Das erste Mal hörte ich den Namen Stöhlker, als Elisabeth Kopp ins Kreuzfeuer der Medien geraten war. Man konnte nicht mehr mit der bald einmal Alt-Bundesrätin direkt kommunizieren, sondern wurde an einen Klaus J. Stöhlker verwiesen. «Beratung, Öffentlichkeitsarbeit», das war 1988 in der Schweiz was Neues.

Bis heute pflegt Stöhlker sein deutsches Schweizerdeutsch, das jeden Eidgenossen die Wände hochtreibt. Um Sympathiepunkte ging es ihm nie, typisch deutsche Arroganz und Besserwisserei verbarg er nie. Genauso wenig, dass er zu eigentlich allem sofort eine Meinung hat, die natürlich die einzig richtige ist.

Sein Geschäftsprinzip, mal erfolgreicher, mal weniger, war immer: man muss mich nicht mögen. Aber wenn man mich braucht, liefere ich. Lange Zeit war er auf seinen Gebieten konkurrenzlos, bis immer neue Heerscharen von um ihre Zukunft fürchtenden Journalisten auch die Einkommensquelle «kommunikative Beratung jeder Art» entdeckten.

Mit der Zeit wurde es voller beim Angebot von Beratungen

Die Konsulenten und Co. über ihm, Katastrophen-Sacha Wigdorovits unter ihm, die Angebote wucherten, aber Stöhlker hielt sich über Wasser. Bis er dann 2003 seinen Söhnen Fidel und Raoul die Geschäftsleitung übergab, um sich der Rolle des «grumpy old man» zu widmen. Als grantiger, griesgrämiger Kommentator der Weltläufe und der Schweiz. Sozusagen Waldorf und Statler in einer Person, aus der Loge ins Publikum motzend. Aber nur selten so witzig wie die Zwei.

Was ihn auch auszeichnet, ist die Pflege seines Images als unguided missile. Da ohne eigene Haltung, entschied er sich oftmals spontan für eine Position. Unvergesslich, wie das Markus Gilli bei einem Talk recht ins Schwitzen brachte. Er hatte Stöhlker als Verteidiger des Finanzplatzes Schweiz eingeladen, mich als Bankenkritiker. Aber schon mit seinem ersten Votum schlug sich Stöhlker auf meine Seite und gab mir völlig recht.

Leider konnten die Zuschauer das lange Gesicht von Gilli nicht sehen, der dann – als gewiefter Talkmaster – halt selber die Rolle des tapferen Verteidigers der Gierbanker übernehmen musste. In Stereo beharkt von Stöhlker und mir.

Soft-Rassimus gegen einen eloquenten Deutschen

Es gibt allerdings ein Thema, bei dem entgleist Stöhlker schnell. Als vor einigen Jahren Roger Schawinski in seiner Talkshow die naheliegende Frage stellte, ob die Wahl der Vornamen seiner beiden Söhne vielleicht etwas mit den Gebrüdern Castro zu tun haben könnte, wurde Stöhlker unwirsch. Denn darauf wird er zwar häufiger angesprochen, verweigert aber jede Erklärung. Als ihn Schawinski daran erinnerte, dass Stöhlker wegen «unlauterer Geschäftsmethoden» aus dem Schweizer PR-Verband ausgeschlossen wurde, feuerte Stöhlker zurück, dass das eine Art von Soft-Rassismus sei, gegen einen eloquenteren Deutschen. Und überhaupt, Schawinski diskreditiere doch wegen seiner Herkunft laufend Moslem und Araber.

Als Schawinski dies klar dementierte und nachhakte, worauf sich Stöhlker beziehe, meinte der wichtigtuerisch, er habe dazu viele Belege in seinem Dossier über Schawinski. Sozusagen ein Klein-Cincera, ältere Semester erinnern sich noch. Schawi, verständlicherweise hartnäckig, hakte nach und verlangte diese Unterlagen. Stöhlker teilte ihm schliesslich lapidar mit, es gebe gar keine solchen Dossiers. Dazu Schawinski: «Ich empfand sein Verhalten als schändlich. Das war’s für mich. Ich wollte mit diesem Typen nie mehr etwas zu tun haben.» Vergangen, aber die Beschreibung ist nötig, um es mit Stöhlkers heutiger Darstellung zu vergleichen.

Deutsche und Juden, bis heute ein schwieriges Verhältnis

Man könnte den Mantel des Vergessens, die Gnade der späten Geburt über einen Ausraster Stöhlkers legen. Wenn er nicht kürzlich sich ohne Anlass oder Not des Themas Juden wieder angenommen hätte. In einer – gelinde gesagt – absonderlichen Art. So schreibt er auf «Inside Paradeplatz»: «Einer der bekanntesten Juden in Zürich ist Roger Schawinski, der Radio- und TV-Pionier. Seine freche und manchmal beleidigende Interviewtechnik machte ihn zur Kultfigur. Er holte mich für mehr als ein Jahrzehnt in die beste Talksendung der Schweiz, den «SonnTalk» von TeleZüri. Wir lieferten uns Schlachten.»

Schon hier ist alles drin, was den Text – und damit Stöhlker – unter Verdacht stellt. Denn Schawinski ist nicht «einer der bekanntesten Juden», sondern einer der bekanntesten Medienunternehmer, Publizisten, Talkmaster. Gleichzeitig kann’s Stöhlker nicht lassen, sich in Eigenlob zu baden. Grundfalsch, wie so oft bei Stöhlker, ist auch seine Behauptung von «mehr als ein Jahrzehnt» Sonntalk. Schawinski war nur sieben Jahre, von 1994 bis 2001, Besitzer und Chef von Telezüri. Stöhlker sass nur während eines Bruchteils dieser Zeit in einer regelmässigen Runde mit Schawinski und Peter Rothenbühler.

Nun muss man wissen, dass das Verhältnis von Deutschen zu Juden bis heute ein ganz anderes ist als das von Schweizern. Dass Schawinski jüdischen Glaubens ist, hat er nie ins Schaufenster gestellt oder im Sinn der Nazikeule verwendet. Also zum Austeilen von Beschimpfungen wie «das ist brauner Antisemitismus» oder «ich darf das so sagen, ich bin Jude». Erst in seiner Autobiographie geht er auf dieses Thema ein.

Stöhlkers Meinungsstück ist überschrieben mit «Kein Platz mehr für Juden im Saastal». Dessen Einwohner hätten «erneut ein Zeichen gesetzt, dass jüdische Touristen in der Schweiz nicht unbedingt willkommen sind».

Das könnte man noch als Kritik an dieser Haltung verstehen. Aber Stöhlker streut noch weitere Beispiele in den Text, als letztes eins aus Crans-Montana: «Der Besitzer der dortigen Bergbahnen, einiger Hotels und vieler Wohnungen, ist ein tschechischer Hedge Fund-Manager jüdischen Glaubens, der laufend im Konflikt mit den Behörden steht.»

«Die aus New York eingeflogenen Sänger waren Weltklasse»

Von diesem reichen und konfliktiven, ausländischen Juden wechselt Stöhlker dann nach Zürich. Dort lobt er zuerst deren «brillanten Köpfe in der Wissenschaft, als Unternehmer oder Künstler». Als Rückversicherung erwähnt er noch: «Immer wieder besuchte ich mit meiner Frau Kulturanlässe konservativer Juden in Zürich. Die jiddischen Lieder sind grossartig. Die aus New York eingeflogenen Sänger waren Weltklasse.» Ein gerne verwendetes Argument: Ich mag schwarzen Blues, wie kann ich da Rassist sein?

Auch hier entgleist ihm das Lob, «die aus New York eingeflogenen Sänger», man hat’s ja, als Jude. Dann die «Golan-Höhen» im Zürcher Enge-Quartier, der staunende Gast in jüdischen Protzvillen: «Jeder einzelne Raum ist von einer Pracht, die auch am reichen Zürichberg immer weniger anzutreffen ist.»

Sie sind halt auch ewige Wanderjuden: «Sie kommen aus aller Welt in unsere Berggebiete und erwarten, dass man auf sie eingeht. Niemand sollte erwarten, dass sie auf uns eingehen. Sie, die Frauen vor allem, tragen gerne Vollkörper-Badeanzüge im Pool. Sie essen nur koscher. Das gefällt nicht allen unseren Hoteliers und Wirten. Solche, die sich nicht gerne umstellen.»

Respekt und Toleranz, dann geht das schon mit den Nachbarn

Am Schluss dann ein Aufruf zu «Respekt und Toleranz», der in Zürich wie im Wallis erschalle und ein optimistischer Blick in die Zukunft: «Dann gehören die Konflikte zwischen der Grüezi- und der Koscher-Kultur bald der Vergangenheit an.»

Aber nur, wenn Stöhlker, wie viele Deutsche, die noch vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren wurden, zu diesem Thema die Schnauze hält. Nicht weiter grund- und sinnlos so ziemlich alle Klischees bedient, die das Verhältnis zwischen Deutschen und Juden bis heute schwierig machen. Obwohl Stöhlker sich als Schweizer versteht und so auch die ewige Einleitungsfrage von Schawinski «wer sind Sie?» beantwortete, ist er beim Thema Juden ein in der Wolle gefärbter Deutscher. Mit welcher Farbe, das kann jeder Leser selbst entscheiden.

Packungsbeilage: René Zeyer publiziert gelegentlich auf «Inside Paradeplatz» zu wirtschaftlichen Themen.