Farbenlehre Reloaded

Die Redaktionen sind immer noch auf der Suche nach der richtigen Hautfarbe.

Wir mussten uns schon mehrfach mit einem der bedeutenderen Probleme der Neuzeit, der Menschheit und erst noch des Journalismus beschäftigen. Durch unsere einfühlsame Beschreibung der in Zeiten der political Correctness und des Genderwahns existenziellen Suche nach der richtigen Farbe von Kamala Harris. Zum ersten Mal, als sie zur Kandidatin fürs Amt der Vizepräsidentin gekürt wurde. Dann, als alle (ausser Donald Trump und sein Anwalt) Harris als gewählte Vizepräsidentin würdigten.

Fundamental-Antirassisten mögen nun einwenden, dass überhaupt die Verwendung einer Farbbezeichnung eindeutig diskriminierend ist. Käme den jemand auf die Idee, Joe Biden ständig als weissen Präsidenten zu beschreiben? Eben. Aber nun ist es schon wieder passiert, sie ist seit Mittwoch amtierende Vizepräsidentin. Also stellt sich die Frage nach der Hautfarbe schon wieder. Genauer: nach der richtigen, korrekten, über jeden Verdacht erhabenen Beschreibung der Hautfarbe.

Die Ergebnisse sind nicht wirklich bunt, und auch nicht richtig überzeugend.

«20 Minuten» legt sich fest: Harris ist die erste Frau und die erste Schwarze als Vizepräsidentin.

Der «Blick» schwänzelt um die Frage herum und zitiert lieber.

Auch «watson» will lieber andere entscheiden lassen.

Originell im «Bieler Tagblatt»: Links die Schwarze Harris, rechts der, nun ja, dunkelschwarze Verteidigungsminister.

Keine Angst vor Haue: Peter Rothenbühler in der «Weltwoche».

Wie gesagt, wir haben es hier mit einem der schwierigeren Probleme zu tun; wer hätte das auch ahnen können. Seit der Glosse von Kurt Tucholsky, bei der die Erwachsenen verzweifeln, wie sie einem Kind erklären sollen, wie die Löcher in den Käse kommen, war kaum so viel Hilflosigkeit.

Können wir helfen? Aber sicher. Zunächst: Harris mag viel sein, aber sie ist sicher nicht schwarz. Erst recht nicht, wenn sie deutlich aufgehellt wird wie beim «Vogue»-Cover. Aber mindestens so sehr wie über das Weisseln regten sich die Leser darüber auf, dass Harris respektlos fotografiert worden sei. Mit ihren geliebten Chucks an den Füssen, lockere Haltung, tritt ungeniert auf den Vorhang. Also musste «Vogue» noch ein staatstragenderes Cover nachschieben.

Auch «20 Minuten» liegt voll daneben. Der Haarschopf vor Harris, das ist schwarz. Gut, es ist wohl klar, welche Hautfarbe sie nicht hat. Aber …

Ihre Herkunft hilft auch nicht wirklich weiter. Sie ist die Frucht der Liebe zwischen einer Inderin und einem Jamaikaner. Also genauer einer Tamilin und einem Jamaikaner. Das hilft allerdings auch nicht wirklich weiter. Denn eine weitere Möglichkeit, sich aus der Farbwahl zu schleichen, wäre ja die ethnische Zugehörigkeit. Aber danach wäre Harris eine Afroamerikanerin oder eine Afroasiatin. Eventuell eine karibische Inderin.

Also grenzen wir das Farbspektrum doch einfach ein. Sie ist nicht schwarz, weiss ist sie auch nicht. Wirklich Asiatisches oder Indigenes ist ihr auch nicht anzusehen. Damit fällt immerhin gelb und rot weg.

Ah, aber wie wär’s denn mit Farbige? Das ist doch neutral und zutreffend; im Gegensatz zu einem Weissen oder Schwarzen ist sie farbig. Wäre toll, geht aber leider auch nicht. Dieser Begriff für Nicht-Weisse wurde in Rassentheorien für rassistische Ansichten missbraucht. Schade.

Wagen wir uns vor und werfen das Wort braun in die Debatte. Wer mag, kann noch ausdifferenzieren, hellbraun, Café au lait-Braun, das könnte es doch sein. Mulattin hingegen ist auf Deutsch ganz pfui, Mestizin würde auch nur halb stimmen.

Also, Problem gelöst. Harris ist braun. Aber nur für die, die meinen, die Hautfarbe eines Menschen extra erwähnen zu müssen. Meine Frau ist zum Beispiel eine dunkelbraune und stolze mulata aus Kuba. Ihre Hautfarbe ist sowohl ihr wie mir eigentlich schnurz. Ausser, dass sie deshalb Kleider und Schmuckstücke tragen kann, mit denen sich jede Weisse lächerlich machen würde.

Mal schauen, wie lange es dauert, bis die angeblich so überkorrekten Journalisten aufhören, das unwichtigste Merkmal von Harris ständig zu erwähnen. Dabei erst noch falsch.

Inflation für Dummys erklärt

Aber leider auch von einem Dummy: Patrizia Laeri stöckelt durch die Teuerung.

Ihre gesponsorte, betrommelte und von Ringier durch alle Gefässe gezogene Wirtschaftssendung mit dem merkwürdigen Titel «#DACHelles» dümpelt mit einer deflationären Einschaltquote vor sich hin, dass bald einmal mehr Leute im Studio sind als vor dem Bildschirm.

Ein weiteres prima Marketingelement soll ihre Kolumne im «Blick» sein. Hier tritt sie als «#aufbruch mit Patrizia Laeri» auf. Was sie damit will? Nun, bei Twitter beschreibt sie sich so: «committed to change the face of the media industry.» Vielleicht noch ein Überbleibsel aus ihrer Zeit als am kürzesten und unbezahlt amtierende Chefredaktorin der Schweiz.

Aber gut, Geld scheint zumindest nicht ihr Problem zu sein. Denn sie beginnt ihre Erklär-Kolumne «So teuer ist das Pandemie-Leben wirklich» mit, das soll doch für Leserbindung sorgen, einem persönlichen Erlebnis.

Jessas, ein harmloser Grosseinkauf kostet fast 500 Stutz

Der Grosseinkauf für die Grossfamilie zu Hause. Huch: «485 Franken, bitte.» Laeri räumt einen leichten Kaufrausch ein, «zugegeben, das Laufband lief lange», aber so viel Geld «für Lebensmittel, ein paar Zahnpasten und Duschgel? Sind die Preise derart gestiegen?»

Nun, das kommt darauf an. 500 g Kaviar aus China kosten schon 1390 Franken. Wer mit gutem Gewissen bei Farmy einkaufen will, legt für 50 g echten Schweizer Kaviar 125 Franken hin. Ein Duschgel von «Angel», wenn Laeri das gleiche Parfum verwendet, dass Tamedia bei Melania Trump erschnuppert haben will, kostet 50 Franken. Für schlappe 200 ml.

Aber Laeri will einer anderen Spur nachgehen. Corona habe unser Kaufverhalten auf den Kopf gestellt, es seien viel mehr Lebensmittel gekauft worden, und die deutlich im Preis gestiegen, wie zum Beispiel Butter. Dagegen wollten uns die «Statistiker des Bundes das Gegenteil weismachen». Das Leben sei 2020 um 0,7 Prozent billiger geworden.

Laeri zeigt mit Plattitüden, dass sie den Durchblick hat

Aber nicht mit Laeri, die geht der Sache mal auf den Grund. Inflation werde anhand eines Warenkorbs gemessen. Soweit richtig. Aber: «Der Landesindex der Konsumentenpreise entspricht immer weniger der Lebensrealität der meisten Menschen hierzulande.» Das ist auch richtig, nur: Der Warenkorb bildet die Grundbedürfnisse einer Durchschnittsfamilie ab. Eben zum Beispiel einen Einkauf von Lebensmitteln und Hygieneartikeln.

Butter ist da auch dabei, WC-Papier sowieso. Also wenn es da Preissteigerungen gegeben hat, wären die garantiert im Index drin. Also bleibt es dabei: weniger einkaufen, oder mehr auf die Preise achten. Dann wird das schon mit Laeri und der Inflation.

Recht hat sie hingegen wieder mit der Feststellung, dass bedeutende Ausgaben wie Wohnen oder KK-Prämien absurderweise nicht in diesem Warenkorb enthalten sind. Das führt dann tatsächlich zu einer sogenannten «gefühlten Inflation», die aber auch mit einem breiteren Produktekorb gemessen wird.

Den falschen Baum angebellt, sagt man auf Englisch

Laeri hat sich allerdings nicht über ihre Miete oder über die KK-Prämien für ihre Grossfamilie aufgeregt. Ausserdem gäbe es noch die nicht unwichtige hedonische Messmethode, aber das ist dann eher was für Fachleute.

Laeri will nicht nur erklären, obwohl sie schon daran scheitert. Sie will auch kritisieren, eine Lanze für die Menschen draussen im Lande brechen, für die «Blick»-Leser. Denn wenn man «die Teuerung falsch berechnet», hat das furchtbare Konsequenzen. Beispielsweise für die Löhne. Natürlich sinkt dann die Kaufkraft vor allem bei den «weniger finanzkräftigen Familien».

Sind nun die Reallöhne gesunken oder gestiegen?

Nun sind aber die Reallöhne nach vorläufigen Schätzungen 2020 um 1,2 Prozent – gestiegen. Auch das hält Laeri nicht von ihrer populistischen Forderung am Schluss ab: «Die Schweiz muss die Teuerung endlich volksnäher berechnen.»

Genau; dann können sich sicher auch finanzschwache Familien einen Grosseinkauf für fast 500 Franken für ein paar Lebensmittel, Zahnpasta und Duschgel leisten. Aber eben, leider hören viel zu wenige (und immer weniger) auf Laeri. Kleiner Tipp: Manchmal steigert schon der Kauf von Louboutins die Stimmung ungemein.

Embolo, oh Embolo

Die Blick-Fussballredaktion stiehlt sich aus der Verantwortung.

Wie gewonnen, so zerronnen. René Fasel, bald abtretender oberster Eishockeyfunktionär der Welt, wird von allen Journalisten fallen gelassen. Sein Fehler: Er zeigte sich in Minsk allzu kollegial mit dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko. Die «Schweizer Illustrierte» etwa, sonst immer offen für eine Homestory, urteilte: «Bitte keine Diktatoren umarmen! Gar nicht! Nie! Auch wenn’s um Hockey geht.» Kein Problem: Fasel ist 70, tritt bald zurück und ist dann nicht mehr interessant für Journalisten.

Anders sieht es beim erst 23-jährigen Nationalspieler Breel Embolo aus. Der wuchtige Fussballer von Borussia Mönchengladbach mit breitestem Basler Dialekt hat ein gröberes Problem. Er soll an einer Party «mit leichtbekleideten jungen Damen» dabei gewesen sein. Sein Alibi: Nicht gerade hieb- und stichfest. Was macht nun der «Blick»? Natürlich bringt er die Story und einige Nachzüge. Aber er bedient sich eines Kniffs. Gezeichnet sind die Artikel («Neue, pikante Details zur Skandal-Party», «Polizei bringt Nati-Star Breel Embolo in Erklärungsnot!») mit «Fussball-Redaktion» – oder gar nicht. Etwas, das in der Schweiz nicht üblich ist, und eigentlich gar nicht geht. Doch die Fussball-Experten von «Blick» wollen es sich nicht verscherzen mit Breel Embolo. So bleibt offen, wer nun Embolo im Blatt kritisiert hat. Alle und niemand. So ist eher gesichert, dass Breel Embolo vor der Fussball-WM in Katar 2022 den «Blick» in seiner Loft in London oder Liverpool empfängt – exklusiv!

 

Ex-Press XX

Blasen aus dem Mediensumpf.

Diesmal Sonderausgabe USA: je ruhiger, desto lärmiger.

Donald Trump hat das Weisse Haus verlassen, ohne einen Atomkrieg anzufangen. Die Medien können’s nicht fassen.

So sieht Unbelehrbarkeit aus. Unhöflich, ohne seinen Nachfolger zu empfangen, hat Familie Trump ihre Siebensachen eingepackt, und tschüss. Freiwillig. Ohne den Dritten Weltkrieg loszutreten. Ohne sich im atombombensicheren Befehlsbunker zu verschanzen. Nicht mal Graffitis haben sie hinterlassen; «Biden, go home!» oder «I am the President».

Das Ende der Demokratie ist auch nicht angebrochen, die Institutionen haben sich als stabil erwiesen. So wie das stabile Genie Trump. Die schändlichen Szenen bei der Erstürmung des Capitols sollten auch verdaut sein.

In dem Moment, wo Joe Biden den Amtseid ablegte, wurde der berühmte Koffer mit den Codes für die Auslösung eines Atomschlags durch den Präsidenten, der mit Trump nach Florida flog, deaktiviert.

Aber die deutschsprachige Journaille bleibt sich treu. Um so leiser und reibungsloser diese Machtübergabe funktioniert, desto lärmiger und aufgeregter muss sie berichten. Denn ein neuerliches Eingeständnis, völlig daneben gelegen zu haben, das wäre zu viel für das sowieso schon angeknackste Selbstbewusstsein.

Der «Spiegel» geht nochmal in die Vollen

Ist deswegen aber nicht minder peinlich. «Diese Witzfigur wird nie gewählt; bis vor seinem Abgang, wenn er überhaupt das Weisse Haus freiwillig verlässt, muss mit allem gerechnet werden.» Zweimal Quatsch, von Anfang bis Ende.

Beim ersten Quatsch half eine gewisse Fassungslosigkeit, dass wenigstens kurzzeitig Ruhe eintrat, und sogar die eine oder andere selbstkritische Bemerkung herausgequetscht wurde. Das ist diesmal nicht der Fall. Im Gegenteil, es wird gekeift, als müsste man Trump noch aus der Präsidentschaft schreiben.

Unser Lieblings-Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» greift nochmal in die Vollen: «Das Weisse Haus wird desinfiziert», titelt der Korrespondent, als wäre Trump eine ansteckende Krankheit. Als weitere wichtige Information, eines Qualitätsmagazins würdig, lässt er uns noch wissen, dass wie üblich auch die Matratzen gewechselt würden. Da aber die Bidens wohl – anders als Ehepaar Trump – in einem Bett nächtigen würden, müsse nur eine ersetzt werden.

Soweit die hämische bis dämliche Abteilung. Aber es muss doch auch noch anders gehen. Dafür stellt sich gerne Torben Lütjen zur Verfügung. Als vertretender Professor für vergleichende Politwissenschaften in Kiel ist er sicher der geeignete Mann für eine Fernanalyse der Zukunft. Insbesondere, weil Kiel einen Ruf wie Donnerhall bei Amerikanisten hat.

Lütjen liefert natürlich, was ihm auch nicht schwerfällt. Schliesslich ist er der Autor des aufrüttelnden Werks «Amerika im kalten Bürgerkrieg». Leider kein Bestseller geworden, Amazon hält noch zwei Exemplare an Lager, aber es gibt genügend Angebote, es gebraucht und günstig zu kaufen. Aber vielleicht gibt sein Gastkommentar im «Spiegel» dem Absatz nochmal Schub. Denn da unkt er schon im Titel: «Amerikas Demokratie kann noch immer scheitern». Au weia, und was ist mit dem Bürgerkrieg? Da fürchtet Lütjen noch Schlimmeres: «Wahrscheinlich war der 6. Januar der Startschuss zu einer Dekade rechtsradikalen Terrors.»

Wahnsinn, diese seherische Kraft. Wir müssen also damit rechnen, dass in den nächsten zehn Jahren immer wieder Abschaum, meistens tätowiert und verfettet, manchmal auch mit merkwürdigem Kopfschmuck, die USA terrorisiert. Insgeheim angeführt oder angefeuert vom Ex-Präsidenten. Vielleicht sollte der vertretende Professor seine Medikamente wieder nehmen.

Tamedia zeigt zurzeit Gelassenheit, «watson» bleibt im Kreischmodus

Gelassener nimmt es zurzeit Tamedia: «Es kann nur besser werden.» Wenn endlich mal auf den Ratschlag von Stephan Israel gehört würde. Über ihrer Erleichterung wegen des Abgangs Trumps sollten die Europäer «als wichtigstes Projekt» unbedingt mit den USA eine «gemeinsame Strategie gegenüber China entwickeln». Da würde dann China erzittern.

Gut, es ist ein wenig unfair, aber der Gerechtigkeit halber erwähnen wir nun auch das Millionengrab «watson». Da darf Philipp Loepfe mal wieder unter Beweis stellen, dass er nichts von Wirtschaft versteht und deshalb gerne übers Ausland schreibt. Aber davon versteht er leider auch nix.

«Donald Trump: Das Ende», so titelt er unheilsschwanger. Dann, dank seines fortgeschrittenen Alters, langweilt er die «watson»-Leser mit einem Ausflug in die Musikgeschichte. «This is the end, my only friend», sang Jim Morrison von den «Doors». 1967, seit 1971 kann man Morrison auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris besuchen.

Das sei nicht nur der passende Soundtrack zu «Apocalypse Now» (Antikriegsfilm, 1979), sondern auch für die Ära Trump. Wieso? Morrison reflektierte in diesem Song über die Trennung von seiner damaligen Freundin. Was soll das mit dem «Irrsins-Trip», dem «Horror-Trip», der «fürchterlichen Bilanz» von Trump zu tun haben? Man weiss es nicht. Genauso wenig, wieso dennoch 74 Millionen Stimmbürger diesen Riesenversager nochmal gewählt haben.

Aber das zu erklären, das sieht Loepfe natürlich nicht als seine Aufgabe an. Ausserdem hat er auch davon keine Ahnung.

Kein Kommentar von «20 Minuten»

Da lobt man sich mal wieder die absolute «jetzt geig ich’s mal wieder allen mit einem gepfefferten Kommentar»-Abstinenz von «20 Minuten». «Joe Biden ist US-Präsident», ist der faktentreue Haupttitel, «Erfolge und Misserfolge in vier Jahren Trump» verspricht wenigstens Ausgewogenheit als Fotogalerie, und «Das wünscht sich die Schweiz von Joe Biden», in Form einer Umfrage. Vermisst man da was? Eigentlich nicht. Eine Einschätzung auf NZZ-Niveau vielleicht, aber das liefert die alte Tante ja selbst.

Auch «nau.ch» verhält sich weitgehend zivilisiert. «Joe Biden als 46. Präsident der USA vereidigt», wird trocken vermeldet. Aber dann gehen «nau.ch» doch die Gäule durch: «Melania Trump ist unbeliebteste First Lady aller Zeiten». Laut einer CNN-Umfrage. Sippenhaft, die Arme. Schon unangenehm nach Demagogie riecht das Foto, das «nau.ch» als Artikelaufmacher benützt:

Sag’s im Titel, sag’s im Lead, sag’s in der Bildunterschrift. Nau.ch hält nicht viel von seinen Lesern.

«blue news», immerhin eines der besucherstärksten Newsportal der Schweiz, lässt es bei einem simplen «News-Ticker» bewenden. «Washington D.C. gleicht einer Militärfestung», tremoliert der zum «Blick-USA-Reporter vor Ort» aufgewertete Nicola Imfeld, der sonst aus dem fernen San Diego nach Washington rüberschaut. Jetzt steht er aber sichtbar fröstelnd (San Diego 22, Washington 4 Grad) vor dem «harten Checkpoint», noch ein paar Kilometer von der Zeremonie entfernt:

Bericht aus der Ferne; im Hintergrund der unüberwindbare «harte Checkpoint.

«Hart» ist er offenbar deswegen, weil hier Endstation für Imfeld ist, nur wenige Journalisten hätten Zugangserlaubnis vom Secret Service bekommen. Deshalb ist er zwar vor Ort, hat aber keine Ahnung, was in Washington abgeht. Im Gegensatz zu vielen Kollegen, die munter diese volle Härte überwunden haben.

Aber: Die gute Nachricht des Tages ist, dass Bürgerkrieg, Terroranschläge, in die Nationalgarde infiltrierte Rechtsradikale im Blutrausch, Schiessereien, Bombenattentate, weitere Schändungen nationaler Heiligtümer – ausgeblieben sind.

Wir freuen uns schon auf die nächsten krachenden Fehlanalysen. Die Journaille nimmt bereits Anlauf. Erste Vizepräsidentin: «historisch». Biden: «Kaum im Amt, schon beschlossen». Völlig aus der Spur ist Alexandra Kedves von Tamedia. Eigentlich Kulturredaktorin (das merkt man an einem falsch verwendeten Brecht-Zitat), schliesst sie sich der schwärmerischen Backfisch-Riege an: «Zum Heulen schön: Was für eine Biden-Show!» – «Kehle-Zuschnür-Momente, die hier für diese so gespaltene, so wunde Nation geschaffen wurden.» – «Das rote Haarband der schwarzen Poetin und Aktivistin Amanda Gorman – der jüngsten Dichterin, die je zur Vereidigung eines US-Präsidenten auftrat.» – «Selbst die Farbwahl bei den Damen trommelte sozusagen Bedeutung ins Bild; war eine Verneigung vor dem langen Kampf der Feministinnen.» – «Rau, ehrlich und aus dem Herzen gesprochen wirkte die Rede.»

Das nennt man journalistische Objektivität, sich mit keiner Sache gemein machen. Hedwig Courths-Mahler hätte es nicht besser gekonnt. Nur war die keine Journalistin.

Keystone-SDA: Vier Mio. Bundesgelder, eine Redaktion weniger

Schliessung eines Regionalbüros, 12 Regional-Stellen abgebaut.

Das Bakom ist wie erwartet in ihren gestern publizierten Leistungsvereinbarungen auf die Maximalbitte der Nachrichtenagentur Keystone-SDA eingegangen. Das Uvek gewährt der Agentur eine jährliche Finanzhilfe von 4 Millionen Franken.

Die 4 Millionen Franken vom Bund sind als Defizitgarantie zu verstehen: «Finanziert werden nur Kosten, welche von der Keystone-SDA nicht auf dem Markt oder anderweitig refinanziert werden können.»

Die Agentur erhält das Geld nur, wenn sie 2021 12 Regionalbüros unterhält. Bisher waren es 13 Regionalbüros. Das heisst: Eines darf geopfert werden, Wie viele Leute entlassen werden, ist noch unklar.

Total 17,75 Vollzeitstellen weniger
Und neu in der Leistungsvereinbarung ist auch, dass «Teile des Sport und der Zentrale berücksichtigt» werden, wie Keystone-SDA-Mediensprecher Iso Rechsteiner bereits Anfang Januar ausführte. Offensichtlich einigte man sich auf eine neue Definition. Sport und die Zentralredaktion können auch regional, wenn sie müssen.

Laut dem Geschäftsbericht 2019 ist der Personalbestand von Keystone-SDA von 216,3 100%-Stellen auf 198,55 FTE (Full Time Equivalent) gesunken. Das macht 17,75 Vollzeitstellen oder über 8 Prozent weniger.

Kahlschlag im Regionalteil

Wenn man die beiden Leistungsvereinbarungen von 2018 und 2020 vergleicht, wird der nie offiziell geäusserte Stellenabbau im Regionalen klarer. Dabei war genau die Regionalabdeckung durch Keystone-SDA der Grund für die Bundesgelder.

2018: «In diesen Regionalredaktionen arbeiten per 1.1.2019 41,3 Vollzeit-Beschäftigte (FTE)». 2020: «Vollzeit-Beschäftigte Regionalbüros 29.2»

Das sind 12,1 Vollzeitstellen weniger – ausgerechnet im Kerngeschäft der Vereinbarung, dem Regionalen. Immerhin: Im laufenden Jahr darf die Agentur kein weiteres Personal kündigen, sonst kommt sich nicht an alle Bundesgelder heran. Das führt zu marktwidrigen Umständen: Einerseits müsste Keystone-SDA noch stärker auf die massiven Kundenabgänge reagieren, andererseits gelangt sie an die 4 Millionen Franken nur dann, wenn sie am Personal festhält und Defizite schreibt.

Jedes Quartal eine Million Defizit

Und von grossem Vertrauen ist im Vertrag wenig zu spüren. Die Nachrichtenagentur muss bei jeder Entlassung, die nicht wieder besetzt wird, das Bakom vorgängig informieren: «Sollte Keystone-SDA einen Personalabbau in den Redaktionen (…) erwägen, ist das Bakom vorgängig zu informieren.» Ausserdem muss es dem Bund neu Quartalsabschlüsse vorlegen,  dazu einen Mittelfristplan, das Budget und natürlich die Jahresrechnung.

Die 4 Millionen Franken fliessen in mehreren Tranchen. Der Bund übernimmt pro Quartal nur die Defizite. Schliesst die Agentur das erste Quartal mit einem Verlust von 1,5 Millionen Franken, werden «nur» eine Million übernommen. Beträgt das Quartalsdefizit eine halbe Million, bezahlt der Bund eine halbe Million.

Keystone-SDA tut also gut daran, jedes Quartal mit exakt einer Million Minus abzuschliessen. Marktwirtschaftlich macht das alles keinen Sinn. Aber darum geht es ja auch gar nicht.

Farmy sieht nur noch Sterne

Ganze 30 Zertifikate führt Farmy an. Bio, Fairtrade, vegan, alles da. Nur ein Duden fehlt.

Roman Hartmann und Tobias Schubert hatten eine gute Idee. Eine Plattform, die ausgewählte Produzenten mit der Kundschaft verbindet. Natürlich lokale Bauern in der Nähe, nachhaltig hergestellte Lebensmittel, auf Wunsch mit allen denkbaren Zertifikaten versehen.

Dann nach Hause geliefert. Zu Corona-Zeiten geht das Geschäft durch die Decke. 170 Prozent Umsatzsteigerung 2020, 150 Mitarbeiter, Freude herrscht. Natürlich ist das nicht ganz billig, ein gutes Gewissen muss man sich erkaufen. Mindestbestellwert 50 Franken, die man auch recht locker erreicht, bei den Preisen.

4 Steaks à 180 g: 63.60. Dafür ist dann in einer bestimmten Zone auch die Lieferung inbegriffen. Ab 120 Franken Einkauf ist sie überall gratis. Alles wunderbar, glückliche Produzenten, glückliche Kunden, glückliche Farmy-Betreiber.

Alle sind happy, nur die deutsche Sprache nicht

Wenn da nicht dieses verflixte Deutsch wäre. Einer der beiden Gründer zeigt schon bei seiner Selbstvorstellung leichte Schwächen: «Als Mit-Gründer von Farmy.ch habe ich mit der Erschaffung von diesem Marktplatz meinen Traum verwirklichst. Und zwar an einem Ort die besten Produkte bestellen zu können und dabei wissen wer es produziert hat.» Roman Hartmann traut sich immerhin, Tobias Schubert verzichtet wohlweisslich auf einen Text.

Nun kann man natürlich einwenden, dass man als Betreiber eines digitalen Marktplatzes nicht unbedingt die Rechtschreibung perfekt beherrschen muss. Das kann man so sehen. Aber leider geht Farmy noch einige Schritte weiter. Wer als Kundschaft jede Menge von Dauererregten über alles Unrecht auf der Welt hat, die sich unbedingt um schwarze Leben Sorgen machen und auch um die Diskriminierung der Frau, von non-binären Geschlechtszugehörigkeiten ganz zu schweigen, will natürlich auch selber überkorrekt sein.

Das führt dann dazu: «Unsere Kurier*innen werden bei der Lieferung klingeln, um das weitere Vorgehen mit dir zu besprechen. Solltest du nicht zu Hause sein, deponiert dein*e Farmy-Kurier*in deine Lieferung wettergeschützt an der Tür und sendet dir ein Foto.»

Falsch, schwer lesbar, anders diskriminierend

Ganz abgesehen davon, dass das schlichtweg falsch ist, den Text schwer lesbar macht und zudem vor Inkonsequenz strotzt: Es soll ja auch Kunden geben, die das flotte Du noch knapp hinnehmen, das hat Ikea salonfähig gemacht. Auch wenn das ungefragte Zwangs-Du auch als unverschämter Übergriff angesehen werden könnte.

Die armen Kuriere müssen sich auch einiges gefallen lassen. Wurden sie jahrhundertelang mit dem geschlechtsneutralen – weil eine Gattung ausdrückenden – Maskulin umfassend abgebildet, als der Kurier oder die Kuriere, soll das heute nicht mehr gehen. Aber wie es bei völlig überflüssigem Pipifax nicht selten vorkommt: anstatt ein angebliches Diskriminierungsproblem zu lösen, schafft der Gender-Stern einige neue.

Wie soll sich ein (soll’s geben) männlicher Empfänger dieses Schreibens oder ein männlicher Kurier hier wiedererkennen: dein*e Farmy-Kurier*in? Schlimmer noch. Der übergeordnete und halt aus sprachhistorischen Gründen maskuline Gattungsbegriff umfasste alle. Männlein, Weiblein, Transen, Schwule, Lesben, also den ganzen Begriffszoo von «nicht-binären» Geschlechtern, der sich inzwischen gebildet hat.

Apropos Zoo: Es ist für eigentlich alle klar, dass die Katze auch den Kater umfasst, erst im Zusammenhang erschliesst sich, ob das weibliche Exemplar gemeint ist. Der Elefant kann auch eine Elefantin sein, obwohl dieses Wort gar nicht existiert. Wie das früher bei Kurier auch unbestrittener Brauch war und Rechtschreiberegel ist.

Werden nun alle non-binären Menschen diskriminiert?

Aber, jessas, der Genderstern schliesst ausser Männlein und Weiblein alle anderen Geschlechter aus. Diskriminiert sie, ist also ein Rückfall in finstere Zeiten. Selbst modernere Stelleninserate verwenden heutzutage bei der Geschlechtsangabe vorsichtig m/w/d. Also männlich, weiblich oder divers.

Das wird aber weder den Kunden, noch den Kurieren bei Farmy zugestanden. Stellen wir uns nur mal vor, wie diskriminiert sich alle non-binären Menschen fühlen müssen, die meinten, sie arbeiteten bei einem fortschrittlichen, korrekten, nichts und niemanden ausgrenzenden Betrieb. Und dann das.

Wie sieht das Farmy? Leider verfügt der wachsende Markt über keine Medienstelle. Florian Laudahn, ein «flexi-veganer Hobbykoch» leitet zwar PR & Marketing, rückt keine Mailadresse raus. Aber die Fragen erreichen ihn dennoch, und er antwortet zackig.

Farmy vertraut den Falschen

Das Gendersternchen sei eine «der zeitgemässen und üblichen Arten, alle Geschlechter miteinzubeziehen». Das gelte im Übrigen für alle Geschlechter. Dabei bezieht sich Laudahn auf ein Paper der Universität Bern, genauer deren «Abteilung für die Gleichstellung von Frauen und Männern». Diese Abteilung hat ein 46-seitiges Werk «Geschlechtergerechte Sprache» mit jeder Menge Empfehlungen herausgegeben.

Selbst die Mitarbeit eines Germanistik-Professors hinderte die Uni Bern nicht daran, sich mit fundamental falschen Aussagen nicht nur wissenschaftlich lächerlich zu machen. So wird eingangs kühn behauptet: «Beim Lesen und Hören männlicher Personenbezeichnungen werden Frauen nicht gleichberechtigt gedanklich einbezogen.» Die männliche Verteidigung, dass das «generische Maskulinum» alle anderen Geschlechter mitumfasst, weil Genus nicht das Gleiche wie Geschlecht ist, sei Unfug; damit «wird nicht nur die Ungleichbehandlung von Frauen und Männern aufrechterhalten, sondern wird auch missverständlich und unhöflich formuliert».

Auch auf die Gefahr hin, beschuldigt zu werden, ich wolle die Ungleichbehandlung aufrechterhalten und formuliere deswegen missverständlich und gar unhöflich: Mit Verlaub, Frau Professor*in DoktorIn* Doris Wastl-WalterIn, «Vizerektorin Qualität, Nachhaltigkeit und Gleichstellung»: das ist professoraler Stuss. Die nachdrücklich empfohlene Verwendung dieser falschen, monströsen, die Sprache verunstaltenden Formen ist schlichtweg Unsinn. Mehr noch: sie ist dumm. Denn sie widerspricht den deutschen Sprachregeln. Die kann man sicherlich verändern wollen, aber sie zu brechen, das ist weder wissenschaftlich noch erfolgsversprechend.

Kein Befehl, aber eine klare Drohung

Auch wenn Sie unverschämt drohend dazu auffordern. Die Universität schreibe zwar keine verbindliche Sprachregelung vor, aber: «Dennoch möchte ich mit Nachdruck betonen: Die ausschliessliche Verwendung männlicher Personenbezeichnungen, die in schriftlichen Arbeiten, aber auch in Veranstaltungen der Universität Bern mitunter noch Verbreitung findet, erfüllt die Anforderungen an eine geschlechtergerechte Sprache beziehungsweise Universität nicht.»

Ein starkes Stück, denn das heisst auf Deutsch: natürlich ist Lehre und Forschung frei, und wer bei der Formulierung seiner Arbeit sich an die Regeln der Rechtschreibung hält, darf das tun. Nur erfüllt er damit die Anforderungen der Universität nicht. Und kriegt deshalb ohne Weiteres eins in die Fresse.

Genus und Gattung mit Geschlecht zu verwechseln, ist Unfug

Das ist ungefähr so blöd, wie wenn eine Frau sagen würde: «Auf diesem Verbotsschild ist nur ein männlicher Fussgänger abgebildet, daher gilt das nicht für mich und mein Kind.» Es ist sogar noch schlimmer, weil es kein einziges Problem der Gleichberechtigung löst, dafür aber eine Unzahl neuer schafft.

In dem Sinn ist Farmy entschuldigt. Sie haben den Fehler gemacht, der Uni Bern zu vertrauen. Wer schon jemals leise Zweifel daran hatte, ob alle Disziplinen und Professuren an unseren Unis wirklich nötig und ihr Heiden-, Pardon, ihr Heidigeld wert sind, soll sich nur einmal dieses Papier antun. Sicher, keiner steht die 46 Seiten durch, aber dafür darf häufig und herzlich gelacht werden. Ausser, man ist Student an der Uni Bern.

#DACHelles Bay?

Heute einmal ganz kurz drei Fragen:

1.) Wie nennt man das Kleid, welches Frau Onaran bei der letzten Sendung trug? Ein Kommentator tippte auf die Häftlingsanzüge von Guantànamo Bay. Mir kommt eher The Thing in den Sinn.

2.) Warum hat die Wirtschaftsökofachfrau Laeri ihren Brand #DACHelles nicht schützen lassen? Sind die 500 Franken Gebühren zu viel oder läuft die Sendung nur noch dieses Jahr? Die an sie gerichtete Frage blieb unbeantwortet.

3.) Halten die Frauen genügend Abstand voneinander?

Tag der Abrechnung

Heute ist Judgement Day für Donald Trump. Terminator Arnold Schwarzenegger hatte in einem Video schon vorgelegt.

Vier Jahre lang haben die Mainstream-Medien auf diesen Tag gebangt. Gehofft, ihn herbeigesehnt. Manche, wie der «Spiegel», wollten Trump sogar aus dem Amt schreiben. Mit allen Mitteln. Das hat ihm nicht gross geschadet, der Glaubwürdigkeit des «Spiegel» allerdings gewaltig.

Seine vorher hochgelobte Dokumentationsabteilung, die angeblich den Namen jedes Baumes nachprüft, der in einem Artikel erwähnt wird, sah vor lauter Bäumen den Lügenwald des Starreporters Claas Relotius nicht.

Auch in der Schweiz ist es an der Zeit, dem scheidenden Präsidenten noch hämische Worte nachzurufen. «Beim letzten Abflug blickt Trump auf Trümmer», versucht Tamedia etwas holprig zu alliterieren. Zu einem Nachtfoto des Platzes vor dem Kapitol, bei dem eine Illuminierung auffällt, die von Leni Riefenstahl stammen könnte, fällt dem USA-Korrespondenten nur auf, dass «eine friedliche Machtübergabe» anders aussehe.

Da hat selbst der Muskelprotz Arnold Schwarzenegger, der auf seine alten Tage sein Hirn wiederentdeckt, eine stimmigere und unterhaltsame Abrechnung vorgelegt. Der ehemalige Gouverneur von Kalifornien erinnert sich an seine Kindheit und an die Kristallnacht, während er Trump als «den schlechtesten Präsidenten aller Zeiten» fertigmacht.

Schönes Bild gefunden, um Verachtung auszudrücken

Als Schlusspointe erwähnt der tiefblickende Analytiker Alan Cassidy von Tamedia, dass das Weisse Haus tiefengereinigt wird, für eine halbe Million Dollar. Biden habe ja den Kampf gegen die Pandemie zur obersten Priorität erklärt: «Ein sauberes Weisses Haus wäre da ein guter Anfang.» Ein abtretender Präsident, von fast der Hälfte der Stimmbürger beinahe wiedergewählt, als Virus, Schmutzfink?

Der «Blick» fiel schon vorher durch die geistig tiefergelegten «Analysen» seines USA-Korrespondenten auf. Aber man will ja von einem 25-Jährigen, der von seiner Wohngemeinschaft in San Diego aus den Überblick zu bewahren versucht, nicht viel mehr erwarten. Nicht viel mehr als ein donnerndes «Nie wieder!».

Nicola Imfeld räumt zwar ein, dass 74 Millionen US-Stimmbürger Trump wiederwählen wollten. Trotz dieser «überraschend hohen Zahl» ist es nun aber so, dass nun «endlich!» Joe Biden seine Nachfolge antritt; «die grosse Mehrheit der Amerikaner wird erleichtert aufatmen», weiss Imfeld. Wohl die berühmte schweigende Mehrheit.

Und ob es bis nach San Diego vorgedrungen ist, dass sein Oberchefredaktor Christian Dorer sich nicht einkriegen konnte, als er am letzten WEF in Davos dem «dear Mr. President» eine Unterschrift auf der Titelschlagzeile «Welcome to Switzerland» abnötigte? Leider konnte ihm Dorer nicht mehr als ein «cool! I like it» entlocken, aber man merkte ihm an, dass er vor Bedeutung fast platzte: Der US-Präsident hat mit mir gesprochen! Er kennt mich! Vielleicht nimmt er ab, wenn ich das Weisse Haus anrufe.

Tropfend vor Häme

Auch die Allzweckwaffe von CH Media, Samuel Schumacher, tropft vor Häme: «Er geht als Karikatur seiner selbst: Donald Trump fliegt heute einer sehr ungewissen Zukunft entgegen.» Das muss Schumacher irgendwie bekannt vorkommen, denn als Auslandchef mit einem einzigen Mitarbeiter muss er ein Überflieger sein, der rastlos zwischen Washington und Peking, Moskau, Tokio, Paris, London, Berlin, Singapur, Südafrika, Lateinamerika hin und her hopst

Das Urteil der «Experten» über Trump sei verheerend, weiss er. Wahrscheinlich die gleichen Experten, die eine Wahl Trumps 2016 für absolut ausgeschlossen erklärten. Bis tief in die Wahlnacht hinein. Immerhin gesteht ihm Schumacher zu: «In seinen vier Jahren an der Macht hat er nicht alles komplett falsch gemacht.» Man spürt, wie er diesen Satz mit Mundschutz schreibt.

Erfolge, Misserfolge, dunkle Wolken

Dann folgt immerhin eine Auflistung einiger Erfolge. Als Einleitung zur Abrechnung mit all seinen Misserfolgen. In deren Fortsetzung natürlich nach dem Verlust der Immunität als Präsident dunkle Wolken über dem giftgelben Haupthaar auftauchen. Nicht nur ein weiter mögliches Impeachment, es könnte sogar sein, raunt Schumacher, dass Trump als erster US-Präsident in den Knast wandert.

Wie es sich für die NZZ gehört, sieht sie die Sache differenziert: «Der feuerspeiende Drache Trump tritt ab – die Ursachen für seinen Erfolg bleiben». Ein etwas gewagtes Bild, der Ritt der Depravierten, des «baskets of deplorables», wie Hillary Clinton selbst die Hauptursache für ihre Niederlage bezeichnete, lange vor dem Wahltag.

Ein souveräner Rückblick der NZZ

Es ist dann ein souveräner Ritt durch vier Jahre Trump-Regierung, mit ihren Erfolgen und Niederlagen, inklusive Beschreibung der «Charakterschwächen» dieses Präsidenten, sein «Flirt mit Sumpfblüten am rechten Rand der Gesellschaft». Aber auch der richtige Hinweis von Peter Winkler, dass die Frage nicht war: «Wie könnt ihr bloss so einen wählen», sondern: «Wie gross muss das Leiden und die Wut sein, dass Millionen von vernünftigen Männern und Frauen einen derart unvernünftigen Präsidenten in Kauf nehmen?»

An der Beantwortung genau dieser Frage scheiterten fast alle deutschsprachigen Medien in erbärmlicher Weise. Die einäugigen «Kenner» der Süddeutschen, von der sich Tamedia fast die gesamte Auslandberichterstattung ausleiht, raunten nur immer wieder, dass die Gefahr einer Diktatur drohe, dass das Ende der Demokratie vielleicht gekommen sei, dass Trump nicht freiwillig das Weisse Haus verlassen werde.

Von Anfang bis Ende falsch gelegen

Also von Anfang «wird niemals gewählt» bis zum Ende «droht ein Putsch, ein Bürgerkrieg?» falsch gelegen. Mit ganz wenigen löblichen Ausnahmen. Nur die NZZ – und die WoZ – sehen die wirkliche Gefahr in der Zukunft: Trump verschwindet, seine Wähler nicht. «Ein fähiger Nachahmer könnte wirklich gefährlich werden», warnt die NZZ.

Die verbohrte Unfähigkeit, statt Gesinnungsjournalismus endlich wieder Versuche zu starten, die Wirklichkeit abzubilden und zu analysieren, gefährdet die Glaubwürdigkeit der Medien schon lange nicht mehr. Die liegt bereits im Koma.

Der Stellenabauf von SRF

Ein doppelter Wappler. 

Der Eskimo kennt 40 verschiedene Wörter für Schnee. Unter anderem: Matsch, Pflotsch, Rutsch. Wer Kinder aufzieht, weiss: Es gibt 40 verschiedene Formen von Kinderweinen. 39 davon darf man guten Gewisses überhören.

Das gilt auch für die Tränen von SRF. Wegen fehlenden Werbeeinnahmen und «Transformationsprozess» müsse jetzt sogar der Staatssender sparen, hiess es im Herbst 2020. Es war vor allem ein politisches Weinen.

Vorgestern informierte der Sender, wie der geplante Stellenabbau vorankommt: «Stellenabbau bei SRF: Umsetzung der ersten Etappe».

Minus 84, plus 148

84 Stellen werden abgebaut, das ist die traurige Nachricht. Ist also auch das SRF in der Wirklichkeit angekommen? Nein, natürlich nicht. «Gleichzeitig ist auch der Bedarf an neuen Mitarbeitenden in einigen Bereichen – beispielsweise in der Technologie – höher als angenommen. Dadurch erhöht sich der Stellenaufbau auf 110 Vollzeitstellen, geplant war ein Aufbau von 89 Vollzeitstellen.»

SRF entlässt also 84 Stellen und baut 110 Vollzeitstellen aus. Zackbum wollte von SRF wissen, wie viele Voll-und Teilzeitstellen diese 110 bedeuten. «Diese Frage», so die Pressestelle, «lässt sich noch nicht beantworten, da die Stellen im Verlaufe der kommenden Monate besetzt werden.»

Gemäss Personalstatistik von SRF entspricht in Leutschenbach eine Vollzeitstelle etwa 1,35 Stellen. Im Klartext: Im ersten Stellenabbau der SRF werden unter dem Strich 64 Stellen zusätzlich geschaffen.

Im Herbst soll es übrigens zum zweiten Stellenabbau kommen. Für Lacher ist also gesorgt.