Sobli-da-so-blöd-da

Der «SoBli» als Bundesratsversteher.

Wo und wie fasst man als Journalist eigentlich einen Bundesrat an? Erfahrene Kollegen raten: Gleich wie einen Bauern oder wie den Kellner, der gerade den Kaffee auf den Tisch stellte.

Der «Sonntagsblick» hat in Bundesbern zwei junge Journalisten akkreditiert: Camilla Alabor und Simon Marti. Die beiden führen Interviews mit der obersten Exekutive des Landes. Krawall ist nicht so ihr Ding, sie plaudern lieber ein bisschen um den heissen Brei herum, und schon sind zwei Seiten voll.

Niemanden störte das wirklich. Es ging auch so lange gut, wie in der Schweiz alles bestens lief. Vollbeschäftigung, schöne Landschaft, warme Gipfelis. Momentan aber läuft gar nichts gut. Der Bundesrat trägt einen wesentlichen Teil der Schuld auf sich.

Im aktuellen «Sonntagsblick» gibt es nun ein Interview mit der Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga. Wieder mit Alabor und Marti. Machen wir kurzen Prozess: Es ist das bisher schlechteste Interview, das ich von den beiden gelesen habe. Für mich unverständlich, warum man diese beiden Gutwetterjournalisten an ein so wichtiges Gespräch lässt, anscheinend unbetreut.

Warum ich das Interview so schlimm finde? Weil Camilla Alabor und Simon Marti das nicht gemacht hatten, was sie eigentlich mussten: Fragen stellen. Die Politikerin habe ihnen «einen Blick hinter die Kulissen gewährt», freuen sich hingegen Alabor und Marti. Für den Onlinetext wird ein Bild ausgesucht, dass an Jesus‘ Abendmahl erinnert. Alabor und Marti holen die Harfe und texten: «Mit dem Ausbruch der Coronakrise fand sich Simontta Sommaruga plötzlich in der Rolle der Landesmutter wieder.»

Harfe kurz weggelegt, dafür mit Posaune: «Auf einmal im Auge des Sturms. In ihrer Mitte: die Bundespräsidentin.» Was ist das für ein Schwachsinn? Schreiben unsere deutschen Kollegen solche Hymnen auf Spahn oder Merkel? Nein, die werden gegrillt, geröstet und gegessen. Ist das schlimm? Nein, es nennt sich Job.

In welchem Land der Welt schreibt der Boulevard: «Plötzlich fällt Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga (60) die Aufgabe zu, das Land durch die Krise zu führen. Den Bundesrat zusammenzuhalten. Die Kantone miteinzubeziehen.»

Alabor und Marti haben sich für eine didaktische Interviewform entschieden: Auf eine Antwort von Sommaruga folgt die Erklärung der Redaktion. Erstes Beispiel: Sommaruga:

«In dieser Phase hat sich der Bundesrat darauf verlassen, dass die Kantone ihre Verantwortung übernehmen.»

Alabor und Marti kommentieren:

«Ebenso wie die Schweizer Bevölkerung zählte auch der Bundesrat darauf, dass die Kantone den Sommer zur Vorbereitung auf die zweite Welle nutzen. Das hat ganz offensichtlich nicht geklappt.»

Zweites Beispiel: Sommaruga

«Der Wendepunkt war für mich der Freitag, 9. Oktober, als die Zahlen emporschnellten Da habe ich meine Bundesratskollegen Alain Berset und Guy Parmelin angerufen und gesagt: So geht es nicht weiter. Wir müssen die Kantone an den Tisch holen.»

Alabor und Marti nicken und schreiben als Kommentar:

«Gesagt, getan.»

«Wenn es sein musste», schreiben die beiden Journalisten an anderer Stelle, «griff sie auch mal zum Telefon und organisierte (…) ein Krisentreffen mit den Kantonen.» Wer so etwas schreibt, hakt auch nicht nach, wenn die «SP-Magistratin» Zeugs wie dieses sagt:

«Ich notierte in meinem Notizheft bereits Anfang Oktober: Der Bund muss wieder präsenter werden.»

Die beiden anständigen Bundeshaus-Journalisten wollten wahrscheinlich ihren Badge fürs Bundeshaus nicht verlieren. Dafür verliert der «Sonntagsblick» noch weiter an Abonnenten.

Ex-Press XII

Blasen aus dem Mediensumpf.

Die NZZ hat genau nachgerechnet: «Ein 138 Milliarden Franken teures Virus: Soviel kostet die Corona-Krise die Schweiz.» Wie dankbar ist man, dass es endlich mal wieder eine fundierte, analysierte, berechnete Zahl gibt.

Denn ansonsten, aber dann lassen wir es auch mit Corona, herrscht ein Wirrwar wie zu Zeiten von Fukushima. Man erinnert sich? Da explodierte in Japan ein Atomreaktor. Und nachher passierte nichts Weltbewegendes. Aber für die Tausenden angereisten Journalisten vor Ort, für all die Sondersendungen, Expertenrunden, Prognostiker-Stars musste so getan werden, als überschlügen sich die Ereignisse Minute für Minute.

Eine weitere Ähnlichkeit mit der Aktualität: Es wurden halbe bis ganze Weltuntergangsszenarien an die Wand gemalt. Gegend für Tausende von Jahren verstrahlt. Meer verstrahlt. AKW für Jahrhunderte eine Gefahr, schlimmer als Tschernobyl.

Fukushima und der Ausstieg aus der Atomenergie

Daraufhin entschloss sich Deutschland, aus der Atomenergie aussteigen zu wollen, und die ehemalige AKW-Befürworterin Doris Leuthard wandelte sich in bester CVP-Tradition zur entschiedenen Befürworterin des Schweizer Ausstiegs.

Das alles kostet in Deutschland bereits Multimilliarden, immerhin hat in der Schweiz die eiserne Absicht – AKW pfui – wieder etwas an Kraft verloren. Ach, und natürlich war von vielen, vielen Todesopfern die Rede. Sofort-Schäden durch Verstrahlung, Langzeitschäden durch die Ablagerung radioaktiver Stoffe im Körper. Hunderte, Tausende, eher Zehntausende.

Alle offiziellen Untersuchungen kamen dann aber zum gleichen Schluss. Todesfälle mit kausalem Zusammenhang mit dem Reaktorunglück: null.

 

Wichtigkeit

Um die wirklich wichtigen Themen – nach Corona natürlich – kümmert sich, wer sonst, der «Blick». Dabei setzt er auf das Mittel der rhetorischen Frage. Was ist das, mag sich mancher Kindersoldat im Newsroom fragen. Macht nix, das hier ist eine: «Hätte Maradonas Tod verhindert werden können?» Nun, die kann man einfach beantworten: Würde er noch leben: ja.

Und wenn wir schon dabei sind: «Stürzt Pfisters «Mitte» im letzten Moment noch ab?» Da ist die Antwort: Das werden wir in wenigen Stunden genauer wissen. Aber man traut sich, eine Frage zu stellen, die beim «Blick»-Leser einiges voraussetzt. Wer ist Pfister? Was ist die «Mitte»? Wo fliegt die denn? Okay, sind auch nur rhetorische Fragen.

Noch eine letzte, denn natürlich ist auch Ringier nachtragend. Nachdem Sepp Blatter einen persönlichen Brief an ihn von Ringier-CEO Marc Walder an die Öffentlichkeit tropfen liess, ist Feuer im Dach. Also fragt «Blick» auch: «Hat Blatter mit 2 Mio Fr Platini bestochen?» Bei allem Verständnis für kurz und knackig: echt jetzt, auch bei der Interpunktion sparen?

 

Sehr saure Gurkenzeit

Gut, Corona bleibt ein sicherer Wert, Trump hingegen lässt langsam nach, Black Friday war auch nicht so der Heuler, was tun? Richtig, wenn eine Nonsense-Meldung in wenigen Tagen fast 100 Treffer im SMD erzielt, dann ist schwer Sauregurkenzeit.

«Beamte finden Metall-Monolith in abgelegenem Gebiet», rätselt nau.ch. «Es geht weiter: Internet-Detektive spüren mysteriösen Utah-Monolith auf», zeigt watson.ch, was man knallhart kopieren, Pardon, recherchieren kann. Ein Wort ist nun bereits fester Bestandteil des Narrativs: «Mysteriöser Monolith», vermeldet Tamedia. «Ungewöhnlicher Metall-Monolith» gibt sich CH Media noch etwas zurückhaltend.

«Unbekanntes Kunstobjekt», legt sich die «Süddeutsche Zeitung» fest, «Stell’s auf, eck an», witzelt hingegen CH Media. Erfahrene (oder googelnde) Journalisten können sich natürlich nicht zurückhalten, an Stanley Kubricks Monolith zu erinnern, in seinem Science-Fiction-Meisterwerk.

Wer, warum, Künstler oder Aliens, oder gar was Militärisches? Bis zum nächsten Kracher wird das Werweissen der Qualitätsmedien weitergehen.

Aufklärung böte ein Blick in die Lokalpresse, aber wer kennt sich in der Schweiz schon in Utah aus? Okay, Salt Lake City, Mormonen, aber die Wüste im Süden? Dabei leistet die Lokalpresse bereits rundum Aufklärungsarbeit.

Endlich was los im Süden Utahs.

Der Ort, längst bekannt. Bereits Touristenattraktion, wenn auch etwas abgelegen. Und vor allem: Der Monolith wird bereits mit modernster Technologie untersucht:

Zuerst Mass nehmen, ob man auch durchs Portal passt.

Ach, und zu guter Letzt, also wenn es Aliens waren, muss man an ihrer handwerklichen Fähigkeit zweifeln. Wie sie mit so lausiger Verarbeitung aus den Tiefen des Weltalls auf die Erde gekommen sind? Oder aber, vielleicht leben sie eben doch schon seit Langem unter uns.

Sind die Aliens Nieten?

Entweder rausgefummeltes Souvenir oder lausige Verarbeitung.

 

Die Welt spinnt

Und weil alles so furchtbar traurig ist zurzeit, noch ein Spaziergang durch Dinge, die tatsächlich von Newsorganen für berichtenswert gehalten werden. Dafür kann es keinen anderen Titel geben als den, den die WoZ vor vielen Jahren erfand, aber fahrlässigerweise irgendwann wieder einstampfte.

Echten Grusel will das sonst so zurückhaltende Gratis-Blatt «20 Minuten» verbreiten: «Getötete Corona-Nerze kommen aus ihren Gräbern». Um als Zombie-Nerzmäntel weiterzuleben? Nein, ihr Schicksal teilen sie mit schlecht begrabenen menschlichen Leichen: Die Verwesungsgase sorgen für Auftrieb …

Ich weiss, dass watson.ch auch idiotische Listicals zu Corona macht, ist unangenehm bekannt. Aber hier übertrifft sich das Millionengrab doch selbst: «40 der besten Tweets, die unsere Gesellschaft in der Corona-Krise auf den Punkt bringen». Da hat sich aber der Redaktor mit 40 die Latte hoch gelegt, zu hoch. 39 sind mässig witzig oder auf den Punkt gebracht, und das hier ist, wie watson.ch selbst einräumt, ein Fake:

Manche kommen nie aus der analen Phase.

Auch die frisch umbenannten «Blue news», eine trafficstärksten Webseiten der Schweiz, setzt glasklare Prioritäten:

Die 5 Headlines des Tages: Corona-Schwab, Corona-Weihnachtsmann, Boxen, Michelle Hunziker und Wahlquiz.

Aber wir wollen diese Tour d’Horizon nicht beenden, ohne in einem Buchstabenmeer zu baden. Genau, womit überrascht die «Republik» am Samstag die Schweiz, die Welt? Die gute Nachricht ist: Mit einer um fünf Uhr morgens losgetretenen, bzw. auf diesen Zeitpunkt programmierten Welle von fast 38’000 Buchstaben, darunter unvermeidlich «Ladies, Gentlemen and everybody beyond». Also ich spüre hier eine diskriminierende Verachtung gegen alle diesem Zwei-Geschlechter-Raster nicht entsprechenden Menschen. Denn wieso ist «everybody» klein geschrieben, he?

Aber immerhin; bis mittags stehen schon 4 Stücke im Netz. Gut, eine Bildbetrachtung, ein Editorial, da bleiben noch zwei. Gut, eine Buchrezension, da bleibt eigentlich nur eins. Aber hallo, die 50 Nasen bei der «Republik» sollen sich doch für ihren selbstausbeuterischen Lohn nicht überarbeiten.

Abgesehen von diesem Lapsus, der sicherlich an der nächsten Redaktionsversammlung zu reden geben wird; auf mehr als 18’000 Anschlägen vermittelt uns die «Republik» die Erkenntnis: «Unsere Art zu wohnen trägt zur Klimaerwärmung bei.» Wo der Klimawandel ist, ist die wandelnde und schreibende Schmachtlocke Daniel Binswanger nicht weit. «Advent, Advent, die Erde brennt», so benennt er seine fast 9000 Anschläge, mit denen er zwei Bücher anpreist.

Der Originalspruch hiess zwar mal: «Advent, Advent, ein Bulle brennt», aber aus so gewaltbereiten Slogans gegen das Schweinesystem sind wir natürlich herausgewachsen. Wobei weiterhin gilt: halb geklaut ist immer besser als selber ganz schlecht getitelt.

Reingeknallt und abgehudelt

Aber hallo Tagi, auch wir haben «schmutzige» Ortsnamen.

Am Sonntag sollte man ruhen und nachsichtig sein. Aber nicht, wenn einen die Kehrseite des Tages-Anzeigers so nervt. An und für sich ist die halbschlüpfrige Geschichte ja wie geschaffen für diese Mix-Seite, die auch eine Prise Humor haben darf. Der Titel: «Schluss mit lustig und obszön». Es geht im Text vom Samstag darum, dass das österreichische Dorf Fucking genug hat von blöden Witzen. Es heisst künftig Fugging. Dann stellt der Tagesanzeiger die Frage aller Fragen: «Was sagen die Bürgermeister aus den deutschen Gemeinden Petting und Poppendorf dazu?». Der Autor Oliver Klasen – natürlich von der «Süddeutschen» – will im Text besonders lustig herüberkommen. Darum garniert er seine Aussagen sogar mit einem «höhöhö» oder einem «hihihihöhöhö». Eigentlich ein Wunder, dass keine Ausrufezeichen vorkommen. Oliver Klasen hat zudem recherchiert. Die Bayern und die Österreicher seien gut bei Ortsbezeichnungen, die sich für Witze eignen. Ja eben, Fucking, Oberfucking, Petting, Poppendorf. Sogar ein Kissing gibt’s, wie er herausfand. Wohl nicht als erster.

Als Leser des Tagi fühle ich mich diskriminiert. Wieso schreibt der Autor nur über unsere Nachbarn? Es fehlt der grosse Klassiker aus der Schweiz: Bitsch im Kanton Wallis. Und wenn wir schon dabei sein: Ralf Meile (Watson) hat auf seiner Velotour, bei welcher er alle Schweizer Gemeinden befuhr, eine Liste mit speziellen Flurnamen erstellt.

Aber Achtung, Spoilerwarnung! Diese Liste kann Ihre Gefühle verletzen.

Chline Arsch, Grosse Arsch, Tüfelsfüdli, Fickrüti, Möösli, Chatzenstrich, Schwanz, Figgen, Busen, Fotzenacker.

Der «Züri-Tipp Nr. 48/49» im Pech

A propos «Reingeknallt und abgehudelt», wie es im Titel heisst. Ein bisschen Pech hatte diese Woche der «Züri-Tipp Nr. 48/49». Bei der Karte «Die Stadt unter Strom» vergass er den Kreis 2. Das schöne Wollishofen, Leimbach und die Enge. Einfach weg. Und auf der Doppelseite «Advent, Advent: 24 etwas andere Tipps» druckte er nur jeden zweiten Tag ab. Toll, wurden im Tages-Anzeiger vom nächsten Tag auf einer ganzen Seite alle 24 Adventsfensterli nachgeliefert. Doch warum diese Grosszügigkeit? Der böse Verdacht: Das kam sicher noch billiger, als einen weiteren Artikel von der «Süddeutschen» reinkopieren. Und nun trotz allem einen schönen ersten Adventssonntag. Nur noch vier Wochen bis zum Fest der Liebe.

 

Nach dem Portrait kam das Kontrollamt

Laut der NZZ verpfiff ein Fotograf des Zürcher Oberländers eine Pferdehalterin.

Eine besondere Art von Kollegenbashing betrieb die NZZ vor einigen Tagen. Der Artikel des freien Mitarbeiters Andreas Leisi hatte es in sich. Er beschrieb, wie eine «stolze Besitzerin von vier Islandpferden ihre Tiere auf ihrem grossen Anwesen in Wermatswil hält». Für eine Sommerserie zum Thema «Oasen» habe die 52-Jährige Anfang August einem Journalisten und einem Fotografen der Regionalzeitung «Zürcher Oberländer» (ZO) die Türen geöffnet. «Die Zusammenarbeit mit der Zeitung war gut, und der Artikel zwei Tage später hat mir gefallen», äusserte sich die Portraitierte rückblickend in der «NZZ». Was die Pferdehalterin jedoch nicht bemerkte: Gemäss dem NZZ-Bericht «schlich sich der Fotograf während des Besuchs in den Stall und vermeldete einer Bekannten später, dass dort das Tierschutzgesetz verletzt werde». Ende August erhielt die Wermatswilerin dann unangekündigt Besuch von zwei Vertretern des Veterinäramts, so Andreas Leisi. «Wenig später wurden mir Massnahmen angedroht», äusserte sich die Tierhalterin gegenüber der NZZ.

«Wütend auf die Zeitung»

Soweit, so schlecht. Doch Andreas Leisi prangerte den «Zürcher Oberländer» zusätzlich an. Er schrieb, die Pferdestallbesitzerin sei «wütend auf die Zeitung: Der Fotograf hat meine Gastfreundschaft auf üble Art missbraucht». Leisi erwähnt, wie es sich journalistisch gehört: «Die Regionalzeitung bestätigt in einer Mail den Sachverhalt».

Lässt nun niemand mehr den Zürcher Oberländer herein?

Es ist wohl der Horror jedes Interviewten. Die Redaktion fährt ein mit einem versierten Journalisten und mit einem preisgekrönten Fotografen. Alles bestens. Doch später folgt der Hammer, in diesem Fall der Staat mit einer Art Hausdurchsuchung und Bussenandrohung. Doch wie lief das Ganze aus Sicht des ZO ab? Wie beurteilt Christian Brändli, Chefredaktor des Zürcher Oberländers, den Fall? Besteht nicht eine Art Schweigepflicht im Journalismus, das Redaktionsgeheimnis? Streng genommen findet man doch bei jeder Homestory irgendwas, was man gegen den/ die Porträtierte verwenden könnte. Christian Brändli: «Dem Fotografen wurde im Nachgang klar gemacht, dass ein solches Vorgehen nicht akzeptabel sei.

Er hätte mit dem Reporter Rücksprache nehmen und ihn über seine Wahrnehmungen informieren sollen. Dann wäre es am natürlichsten gewesen, wenn die Dame auf die Verfehlungen aufmerksam gemacht worden wäre».

Weitergehende Sanktionen gegen den Fotografen seien aber nicht hat ergriffen worden. Er arbeitet also weiterhin im Auftragsverhältnis für den ZOL, daneben auch für Keystone/SDA und die Blickgruppe. «Wusste denn der Journalist, dass sich der Fotograf davonschlich, wie es in der NZZ heisst?» Brändli stellt klar: «Der Fotograf hat selbst keine Bilder vom Innern des Stalles geschossen und diesen auch nicht betreten. Der Stall ist vom öffentlichem Grund her einsehbar.» Damit scheint es, wie wenn im NZZ-Artikel ein wenig dramatisiert worden wäre.

Leisi bleibt bei seinen Aussagen – und widerspricht Christian Brändli

Zudem schreibt Leisi «die Regionalzeitung bestätigt in einer Mail den Sachverhalt». Doch was wie eine offizielle Anfrage beim Zürcher Oberländer wirkt, war keine. Leisi hat einfach aus dem Entschuldigungsmail der Zeitung an die Pferdehalterin zitiert. Er hat also die Richtlinie 3.8 des Presserats verletzt, die Anhörung bei schweren Vorwürfen. Darauf angesprochen, wehrt sich Leisi. «Ich bleibe dabei. Christian Brändlis Aussage stimmt nicht. Ich war den Hof anschauen, wie es sich für eine Recherche gehört. Den Stall kann man definitiv nicht einsehen vom öffentlichen Grund».

Und: Weil das Denunziantentum lediglich ein Nebenschauplatz der NZZ-Geschichte war,  verzichtete Leisi bewusst auf eine Nachfrage beim ZOL. «Journalistisch ist die Sache aber unglaublich und würde Stoff bieten, für eine zweite Geschichte», so Andreas Leisi.

Der Chefredaktor des ZO meint abschliessend: «Ein solches Vorgehen des Fotografen – also die Information einer dritten Person über derartige Feststellungen – ist nicht akzeptabel, da so unsere Glaubwürdigkeit im Umgang mit Ansprechpartnern Schaden nehmen kann. Ich bedaure diesen Vorfall sehr.»

Der Autor des Portraits über die Pferdenärrin im «Zürcher Oberländer» arbeitet übrigens nicht mehr beim ZO. Er hat unabhängig vom beschriebenen Fall gekündigt.

Weil die NZZ das Mail von ZACKBUM.ch an Andreas Leisi nicht wie versprochen sofort an ihn weiterleitete, konnte Leisi erst in der aktuellen Textversion Stellung nehmen zu den Vorwürfen.

 

Die Allzweckwaffe aus dem Aargau

Frauen können Multitasking. Eva Berger von CH Media ist der Beweis.

Heizpilze. Gemeinden, die Altersguthaben bei Sozialhilfeempfängern abgreifen. Stimmrechtsalter schon ab 16. Frauen von SP und Grünen haben die besten Wahlchancen.

Es gibt kaum einen Aspekt des politischen oder gesellschaftlichen Lebens im Aargau und darüber hinaus, den Eva Berger nicht abdeckt. So alle zwei bis fünf Tage liefert sie ein Stück ab. Nicht gerade rekordverdächtiges Tempo, aber bei dieser Bandbreite verständlich.

Von dieser doch eher drögen Berichterstattung ist Berger noch nicht ganz ausgelastet. Sie möchte ab und an auch das tun, was Journalisten eigentlich am liebsten tun: sagen, wo’s langgeht. Was nicht geht. Was getan werden müsste. Was bedauerlicherweise unterlassen wird. Obwohl es höchste Zeit wäre. Also in einem Kommentar die Welt wenigstens ein bisschen zurechtrücken.

Der idealtypische Kommentar

Besonders geeignet sind dafür Themen, die zwei Kriterien erfüllen. Die Leser sind schon einverstanden, bevor sie den Kommentar überhaupt gelesen haben. Es ist ein weltumspannendes Problem, das daher eigentlich nur weltumspannend gelöst werden kann.

Aber da CH Media ja (fast) die Welt ist, kann man hier einen Anfang machen. Ein Zeichen setzen. Position beziehen. Solidarisch sein. Aufmerksam machen auf. Nicht vergessen gehen lassen, dass. Hier und heute. Auch in der Schweiz. Furchtbar.

Welcher Befehl wird der Welt von Berger vor den Latz geknallt? «Menschenhandel muss um jeden Preis verhindert werden». Das ist natürlich eine starke Ansage, die nur leicht dadurch geschwächt wird, dass Berger kein Preisschild hochhält. Aber «um jeden Preis» heisst dann wohl: ist egal, was das kostet.

Richterin Berger bezeichnet das Urteil als richtig

Anlass für die Philippika ist die Verurteilung eines Rumänen, der anno 2006, 2007 einen Saunaclub in der Schweiz führte und Rumäninnen gegen Provision für Prostitution vermittelte. Kurz vor der Verjährung ereilte ihn nun die gerechte Strafe.

Richterin Berger urteilt: «Das Urteil des Bezirksgerichts Baden gegen den Zuhälter ist richtig.» Da sind wir froh, man will sich ja nicht vorstellen, was passieren würde, wenn Berger es als unrichtig zurückgewiesen hätte.

Nun ist Prostitution in der Schweiz nicht strafbar. Bei Zuhälterei ist es ein wenig komplizierter. Das läuft hierzulande unter «Förderung der Prostitution». Ausnützung von Abhängigkeiten, Profitgier, Einschränkung der Handlungsfreiheit einer Prostituierten, das sind die Voraussetzungen, damit es ein Straftatbestand wird.

Menschenhandel ist ein weites Feld

Eher selten wird im Aargau dazu noch Menschenhandel angeklagt. Darunter versteht man den Handel mit Menschen zwecks sexueller Ausbeutung oder der Arbeitskraft. Oder gar zur Entnahme von Körperorganen.

Nun ist beim strengen Kommentar von Berger nicht ganz klar, ob auch diese Formen von Menschenhandel «um jeden Preis» verhindert werden müssen. Also die viel zahlreichere Ausbeutung von vermittelten Billigstarbeitskräften; auf dem Bau, im Servicebereich, wo auch immer. Während Berger eine Lanze für die selbstbestimmte Prostituierte bricht, beschleicht einen der leise Verdacht, dass sie die anderen Formen von Menschenhandel gar nicht kennt.

Man muss ja auch nicht um jeden Preis die Materie beherrschen, wenn man einen wohlfeilen Kommentar schreibt.

SRF begeistert Komapatienten

Zuerst aber drei Kopfnüsse für den Staatssender

Menschenjunges, für einmal zeigt sich SRF fast übermutig! Über die Weihnachtstage verführt der Sender sein Publikum mit Filmen aus dem allseits beliebten Giftschrank. Die ZACKBUM-Filmredaktion ist sich einig: Mit diesem Programm wird Netflix in den Senkel gestellt: «Sissi» (23.12.), «Der kleine Lord», «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel», «Römisch-katholische Christmette» (alle 24.12.), «Patti Basler Talk» (25.12.), «Unser Garten Eden – Geschichten aus dem Schrebergarten» (29.12.) usw.

Die meisten dieser Knüller laufen nicht auf Netflix, wahrscheinlich nie. Kinohits aus der jüngsten Vergangenheit werden nicht aufgeführt. Ist auch nicht nötig. Die «Silvestershow mit Jörg Pilawa und Francine Jordi» schlägt Hollywood 5:1. Warnung an alle Autofahrer: Am Samstagabend (2.1.2021) werden die Strassen wie leergefegt sein. Denn es läuft «Samschtig-Jass: das grosse Jass-Finale 2020». Wie geil wird das denn?

Der ewige Konkurrent ORF bringt wieder einmal das falsche Programm über die Weihnachtstage. Hier die langweiligen Filme: «Creed – Rocky’s Legacy» (25. Dezember), der Cyber-Thriller «Blackhat» (27. Dezember), «Jurassic World» (1. Januar), «The Walk» (3. Januar), «Daddy’s Home» (4. Januar) und «Sicario» (7. Januar).

Und: «Lange erwartet», so die Österreicher, komme am 26. Dezember «Honig im Kopf». «Lange erwartet» –  ein schöner Begriff. Kennt man in Leutschenbach wohl kaum.

Nachfragen hilft immer

Wenn die «Medienwoche» lausig recherchiert.

Zumindest innerhalb der Branche erregte ein Tritt der «Medienwoche» in den Unterleib des Herausgebers des «Schweizer Journalist» Aufsehen:

«Bereit für den nächsten Karriereschritt?» fragte der «Schweizer Journalist» in einem Newsletter – und wohin der Schritt führt, machte bereits der Betreff klar: «Zeit für was Neus? Was mit PR?» Spätestens als die Vokabel «Züricher» auftauchte, war klar, dass Chefredaktor David Sieber nicht alles sieht, was im Namen des «Schweizer Journalist» verschickt wird.

Oberauer, dessen Verlag auch den «PR Report» herausgibt und als Geschäftsstelle der Deutschen Public Relations Gesellschaft e.V. fungiert, entnimmt der Anfrage der MEDIENWOCHE einen Unterton, der Journalisten als gut und PR-Leute als schlecht einordnet. Das entspreche nicht der Wahrheit und sei überheblich.

In diesen Zusammenhang hat das Angebot Oberauer aber selbst gesetzt: Die Abonnent*innen des «Schweizer Journalist» konnten es bloss als Aufforderung zum Seitenwechsel lesen. Womöglich ist einfach bei Oberauer «Zeit für was Neus»:

Unlängst hat er der MEDIENWOCHE eine Kooperation mit dem «Schweizer Journalist» angeboten, die de facto einer Fusion gleichkäme. Die MEDIENWOCHE hat dankend abgelehnt.»

Den Tritt verpasst hat Benjamin von Wyl, der erst vor Kurzem als hoffnungsfroher Journalist «unter 30» das Cover des «Schweizer Journalist» zierte und sich dort auch austoben durfte. Aber irgendwas muss der «Biofrontsau» (Twitter-Name) über die Leber gekrochen sein, also beisst er nun in die Hand, die ihn zuvor promotet hat.

Dafür nimmt er die kühne Kurve, dass Oberauer offenbar nicht wirklich zwischen PR und Journalismus unterscheide. Zudem habe Oberauer der «Medienwoche» «de facto» eine Fusion vorgeschlagen. Dazu habe man tapfer «nein, danke» gesagt, weiss von Wyl. Interessant, was da ein freier Mitarbeiter mit Einverständnis von Nick Lüthi aus der Schule plaudern darf. Nur: Stimmt das auch?

Holen wir doch das nach, was von Wyl unterliess; wir fragen Johann Oberauer: «Eine Fusion im Verständnis eines wirtschaftlichen Zusammenschlusses stand zu keinem Zeitpunkt zur Diskussion. Richtig ist, dass ich mit der Medienwoche über eine redaktionelle Kooperation gesprochen habe.»

Und über eine mögliche spätere Übernahme im Rahmen einer Nachfolgeregelung. Was Oberauer davon hält, dass diese im Übrigen ohne Ergebnis beendeten Gespräche von der «Medienwoche» an die Öffentlichkeit gezerrt werden, das will der Verleger lieber nicht veröffentlicht sehen.

Verständlich. Vertraulichkeit ist das eine, Vertrauensbruch das andere. Und wenn man schon veröffentlicht, dann sollte es wenigstens stimmen. Aber für solche Feinheiten des Journalismus ist von Wyl vielleicht noch zu jung; er fällt ja auch sonst mit eher grob Geschnitztem auf. Wieso aber die «Medienwoche» das zulässt, denn Lüthi hat diesen Untergriff sicher nicht überlesen, man weiss es nicht. Verzweiflung?

Unter diesem Geschmiere steht das Eigeninserat der «Medienwoche», dass man als «Gönner zu 100 Prozent in unabhängigen, hintergründigen Journalismus» investiere. Ist wohl doch ein eher hohles Werbegeklapper. Denn wer will schon für solch oberflächlichen, von persönlichen Motiven gesteuerten Journalismus Geld verbraten.

Berset, versemmelt

Roger Köppels Kommentar wurde heute in der NZZ als Inserat geschaltet. Wenn die Mücke platzt, statt zum Elefanten zu werden.

Man muss der «Weltwoche» lassen: Mit ihrer «Eilmeldung» vom vergangenen Samstag sorgte sie für Furore. «Berset: Erpressung und Vertuschung», das löste Gehampel, Gefuchtel und Gefluche aus.

Letzteres bei der Sonntagspresse, die wohl auch Kenntnis vom einsehbaren Strafbefehl gegen die Erpresserin hatte, aber nicht damit rechnete, dass die am Donnerstag erschienene «Weltwoche» einfach ihren Internetauftritt ausnützt, um den Kollegen eine lange Nase zu drehen.

Zuerst wurden die Kampfhandlungen gegen die WeWo eingestellt

Während aber am Tag des Herrn grummelig einfach nacherzählt wurde, ging’s ab Montag richtig los. Immerhin über 250 Treffer erzielt die SMD-Suche nach «Berset – Erpressung». Da die WeWo nicht gerade beliebt ist bei den Kollegen der sogenannten Qualitätsmedien, wurden zwei Schienen gefahren. Auf der einen wurde eher kurzfristig auf die WeWo eingeprügelt, nach der Devise: Das ist Privatsache, darüber schreibt man nicht, pfui.

Nach einem eigenen Berg von Geschreibsel sah man dann allerdings ein, dass das vielleicht etwas heuchlerisch rüberkommen könne und stellte diese Kampfhandlungen ein. Um sich an der Exegese eines vielfach geschwärzten Strafbefehls zu versuchen. Beruhigendes Resultat: vielleicht hätte Berset schneller die Polizei einschalten sollen, aber sonst: alles in Ordnung, alles sauber, alles kein Problem.

Und im Umkehrschluss: Hätte die WeWo nicht aus durchsichtigen Gründen gegen einen erfolgreichen SP-Genossen Stunk gemacht, hätten wir uns auch diese Woche ausschliesslich auf Corona und Trump konzentrieren können. Aber schön, haben wir drüber geredet.

Die WeWo will aus einem Artikel eine Kampagne machen

Das wiederum will die «Weltwoche» nicht so stehenlassen, also legt sie nach. Gleich mit einem Doppelschlag. Autor Christoph Mörgeli, im Enthüllungsrausch, schreibt trotzig: «Bundesrat Alain Berset (SP) ist erpressbar.» Und sein Chef hat’s letzthin mit filmischen Vergleichen. Nachdem er Donald Trump zum John Wayne der Politik verklärt hat, fällt ihm bei Berset gleich «Pulp Fiction» von Quentin Tarantino ein, dem grössten Kopisten Hollywoods.

In dieser Gaga-Story über zwei philosophierende und unendlich quatschende Killer gibt es eine Szene, in der sie – aus Versehen – ihren Passagier im Auto erschiessen. Das ist für einen Killer natürlich kein grösseres Problem. Aber die verdammte Sauerei im Wagen; Blut, Körperflüssigkeiten, Hirnmasse, schrecklich, das muss weg.

Für solche Fälle hat die Unterwelt natürlich einen Spezialisten. Harvey Keitel hat einen grandiosen Kurzauftritt als «the cleaner». Er räumt professionell Schweinereien aller Art auf. Entsorgt Überflüssiges, stellt Sauberkeit und Ordnung wieder her. Damit alles wieder so aussieht, als sei nichts geschehen.

Was hat «Pulp Fiction» mit Berset zu tun?

Eine der wenigen wirklich gelungenen Szenen im Film, vielleicht abgesehen von der ikonischen Tanzeinlage. Aber was hat das mit Berset und der Erpressung zu tun? Nun, da versucht sich Roger Köppel in einem erkenntnistheoretisch spannenden Looping. Er braucht viele Zeilen dafür, aber die Kernaussage ist: Wo nichts war, muss nichts aufgeräumt werden. Wenn aufgeräumt werden musste, damit Bundesrat Berset in seiner Berufsausübung nicht beeinträchtigt werde, war er beeinträchtigt. Und damit erpressbar.

In der leicht überhöhten Originalformulierung:

«In diesem Fall aber bliebe die wesentliche Frage offen, warum Berset die alles zermalmende Wucht der bundesrätlichen Strafjustiz gegen dieses angebliche Nichts einer Erpressung überhaupt entfesselte, denn wo nichts ist, kann nichts herauskommen und muss auch nichts gelöscht oder geheimgehalten werden.»

Quod erat demonstrandum, würde Köppel sagen, hätte er Latein gehabt.

Chef oben, Mörgeli unten

Während sich der Chef um geistige Flughöhe bemüht, ist Mörgeli unterwegs, um im Nahkampf aus seiner Enthüllung eine Kampagne zu machen. Ein Schuss ist gut, aber danach muss man nachladen. Denn schliesslich habe seine Enthüllung «einen Flächenbrand» ausgelöst, schlimmer noch, «das Abwehrdispositiv wackelt».

Also ruft Oberstleutnant Mörgeli «Attacke» und galoppiert los, als gäbe es noch die Schweizer Reiterarmee. Als geschickter Stratege weiss er, dass man nicht auf breiter Front angreifen sollte. Sondern versuchen, durch eine Bresche zu gelangen.

Die heisst «Erpressbarkeit». Da fährt Mörgeli alles auf, was er zusammenkratzen kann. Natürlich die Meinung eines Strafrechtsprofessors: «Das geht für mich nicht auf.» Die Hinter- und Abgründe eines Strafbefehls. Gar das Fehlen oder das Vorhandensein eines s am Ende des Wortes «Foto». Denn manchmal war’s nur eins, manchmal waren es mehrere. Hochverdächtig.

Verdächtig, wackelige Wagenburg, hilflos

Dagegen verberge sich Berset in einer «eiligst zusammengekarrten Wagenburg». Während die Kontrollinstanzen, vom Parlament angefangen – was Wunder – «einen hilflosen bis ausweichenden Eindruck» machten. Als Ausdruck dieser Haltung wird Ständerat Andrea Caroni (FDP) in den Senkel gestellt; der behaupte, Berset habe «sofort» Strafanzeige gestellt.  Pfeife, Unsinn, setzen, donnert da der Besitzer des Diploms fürs Höhere Lehramt, das sei «nachweislich falsch».

In diesem ganzen Sumpf könnten noch Sumpfblasen in Form von «weiteren undichten Stellen» (wieso weiteren?) in Form von «Fakten, aber auch Gerüchten» nach oben steigen. Aber das einzige Phänomen, das wir zurzeit beobachten können: Zwei erwachsene Männer versuchen, eine Eintagsfliege möglichst lang am Leben zu erhalten und zum Elefanten aufzupumpen. Beim Platzen gibt das keine Sauerei, die einen Cleaner bräuchte. Aber den guten Ratschlag: Man muss wissen, wann es mal gut ist.

Nehmt Euch doch ein Beispiel am «Blick». Als erfahrenes Boulevard-Medium hat der «Blick» schnell gemerkt: Berset, Erpressung, Frau, super Story. Aber genauso schnell wurde es ihm klar: das war’s; ausser, wir treiben die Erpresserin auf, ist die Story auserzählt.

Ach, nun auch Knellwolf

Nix Neues von Berset? Mach eine Analyse in den Qualitätsmedien von Tamedia draus.

Thomas Knellwolf kroch schon in die Hirnwindungen von Jörg Kachelmann. Er verfolgte hautnah den Vergewaltigungsprozess gegen den Unwettermacher und liess seine gesammelten Erkenntnisse im Buch «Die Akte Kachelmann» in die Öffentlichkeit regnen.

Also ist er sozusagen prädestiniert, etwas zum Fall Berset zu schreiben. Er beginnt gleich mit einem Hammer-Titel: «Das Bett ist privat – anderes nicht». Also das Klo, der Frühstückstisch, der Hut, die Augenbrauen?

Das Grundproblem von Knellwolf ist hier: Das Thema ist heikel, man will ja nicht vom Boulevard sein. Dazu kommt erschwerend: Es gibt nichts Neues zu vermelden. Null, nix, nada. Das wäre in früheren Zeiten ein klares Indiz gewesen: wenn’s nichts Neues gibt, dann gibt’s auch keinen neuen Artikel.

Jede Nicht-Recherche wird zu einem Artikel aufgepumpt

Das ist heute anders. Jede Nicht-Recherche, jedes Versagen, jedes zwecklose Telefonat muss zu etwas verwurstet werden. Im Notfall in Form eines Kommentars. Oder, die gehobene Version, einer «Analyse». Das war früher mal eine höhere Kunst, also die Durchdringung eines Themas, das Zerlegen, die Bestimmung von Wechselwirkungen.

Heutzutage ist eine «Analyse» schlichtweg: nix Neues, aber wir müssen doch zum Fall etwas sagen. Da muss allerdings zunächst geklärt werden, ob im Qualitätsjournalismus diese Story eigentlich relevant ist – oder privat. Tamedia hat die Frage mit ihrer Berichterstattung längst beantwortet. Also windet sich Knellwolf: «Eindeutig nein. Und eindeutig ja.» Nach diesem analytischen Widerspruch kann er fortfahren.

Zunächst allerdings mit völligen Belanglosigkeiten. Der Strafbefehl, wer hätte das gedacht, lag einsehbar auf. Dass er teilweise geschwärzt ist, sei korrekt. Also «aus heutiger Sicht», relativiert Knellwolf vorsichtshalber.

Längst beantwortete Fragen, frisch serviert

War Berset erpressbar, schiebt er eine weitere längst beantwortete Frage auf die Rampe. Und beantwortet sie mit einem Nein. Es seien keine «peinlichen Aufnahmen irgendwelcher Art» vorhanden, sage überraschungsfrei Bersets Anwalt, es habe auch keinen Machtmissbrauch – also beispielsweise die Ausnützung eines Abhängigkeitsverhältnisses – gegeben.

Damit wären wir eigentlich schon fast am Ende dieser Analyse «wie schinde ich aus einem Nichts ein paar nichtssagende Zeilen». Aber es fällt Knellwolf noch rechtzeitig ein, dass er schon noch etwas Kritisches nachlegen sollte.

Es fehlt noch das Kritische

Also eigentlich alles in Ordnung, eigentlich Fall erledigt. Aber: «Fraglich ist trotzdem, ob sich Alain Berset während des Erpressungsversuchs korrekt verhielt.» Potztausend, was hat der Bundesrat denn angestellt? Er habe seinen Anwalt zuerst deeskalierend auf die Frau «einwirken» lassen. Erst, als das nichts fruchtete, habe Berset Strafanzeige eingereicht.

Na und? Ha, beckmessert Knellwolf, da habe der Bundesrat die Sache besser «von Anfang an den Profis von Polizei und Staatsanwaltschaft» überlassen sollen. Warum? Darum. Aber damit ist das Sündenregister noch nicht geschlossen. Zuerst noch nachtreten: «Bersets Zuwarten ist riskant, ja fahrlässig.» War, wenn schon. Aber noch schlimmer: «Richtig wäre es gewesen, nicht nur die Strafverfolger einzuschalten, sondern auch den Gesamtbundesrat zu informieren.»

Sein Sprecher habe das damit begründet, dass es eine «private Angelegenheit» sei. «Das ist ein Irrtum», donnert Knellwolf. Der sich hier mehrfach irrende Knellwolf. Denn offensichtlich hat der Bundesrat sehr schnell die Strafverfolger eingeschaltet. Ohne die gäbe es keinen Strafbefehl.

Irrtum, sagt der irrende Knellwolf

Noch schöner ist der Begriff «Gesamtbundesrat». Zunächst vermutete Tamedia – wie andere Medien auch –, Berset habe den Bundesrat überhaupt nicht informiert. Was natürlich heikel, falsch, fragwürdig, merkwürdig sei. Aber lediglich auf der scharfen Analyse beruhte, dass Berset nicht gesagt habe, er habe den Bundesrat informiert.

Als dann richtiggestellt wurde, dass Berset selbstverständlich den damaligen Bundespräsidenten Maurer und die Justizministerin Keller-Suter informiert habe, zog man sich verschnupft auf den Vorwurf zurück: aber den Gesamtbundesrat nicht.

So kann man fröhlich vom Leder ziehen, wenn man weder als Medium noch als Journalist einen Ruf zu verlieren hat. Das ist allerdings nicht mal aus einer Mücke einen Elefanten machen. Das ist aus nichts ein Nichts machen.

Aber Knellwolf ist nicht alleine

Nur das Boulevard-Medium «Blick» weiss, was man macht, wenn es nichts Neues gibt: nichts. Ansonsten werden aus Verzweiflung erbärmliche juristische Wissenslücken spazieren geführt. Denn wenn es schon nichts Neues gibt, dann darf man doch Bekanntes kritisieren. Durfte die Bundesanwaltschaft überhaupt tätig werden, da es doch ein «privates» Problem war? Ja, sie durfte im Fall eines Bundesrats. Dürfen Teile eines öffentlichen Strafbefehls geschwärzt werden? Ist das nicht eine Sonderbehandlung? Nein, das kann und darf bei jedem geschehen. Ist es nicht verdächtig, dass die verfänglichen Dokumente und Fotos gelöscht wurden? Nein, es geschah offensichtlich mit Einwilligung der Erpresserin.

Die tollste Frage: War Berset, obwohl er sich nicht erpressen liess, erpressbar? Auch hier gilt: keine Ahnung von nichts, aber eine Meinung zu allem.

2. Frau von Hans Arp

Wie wird frau berühmt?

Wichtig: Der «Donnschtig-Träff» im Café Stern in Muri (AG) kann heute leider nicht stattfinden. Wegen Corona muss auf das gemütliche Beisammensein verzichtet werden. Dafür findet diesen Donnerstag ein anderer Anlass statt, und zwar der Edit-a-thon von SRF und Ringier. Knapp 100 Journalistinnen werden heute Wikipedia-Artikel schreiben. Nicht über Gurkensalat oder Fencheltee, darüber gibt es schon Einträge.

Die 100 Frauen wollen «Frauen sichtbar machen». Sie beklagen zu Recht: «Die grosse Mehrheit der Wikipedia-Editoren sind männlich. Wer sichtbar ist, kommt weiter.» Viele Personalchefs interessieren sich anscheinend nur für Kandidaten, die einen Wikipedia-Eintrag haben. Also zum Beispiel Herr Gurkensalat.

Die Journalistinnen von SRF und Ringier wollen nun ganz viele Frauen auf Wikipedia verewigen. Die Liste lässt nichts Gutes erahnen. Eigentlich definiert Wikipedia ziemlich brutal, über wen ein Artikel erstellt werden soll oder nicht.

Auf der abzuarbeitenden Liste stehen aber – wen wunderts – eine SRF-Journalistin (Moderatorin Kathrin Hönegger) und eine Ringier-Kolumnistin (Sex-Beraterin Caroline Fux).

Noch unklar sind sich die Frauen, ob für Nadja Schnetzler ein Eintrag geschrieben werden soll. Schnetzler ist «Mitgründerin Republik». Wir finden: auf jeden Fall, aber bitte nicht unter 50‘000 Zeichen. Ungewissheit herrscht ebenfalls bei Denise Bertschi. Die Künstlerin «gewan (sic!) 2020 den Manor Kunstpreis (…)» Auch bei Marguerite Arp Hagenbach sind sich die Journalistinnen noch uneinig. In der Beschreibung steht lediglich «2. Frau von Hans Arp». So gesehen sollte Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder einen speziellen Frauen-Förderer-Wikipedia-Verdienstorden erhalten. Der Womanizer ist fünf Mal zum Traualtar gestolpert und hinterliess eine 1., 2., 3. und 4. «Frau von Gerhard Schröder».