Gang durchs Grauen

Tatort «Tages-Anzeiger». Ausgabe vom 13. April 2021. Schlachtfeld: Seite 2, Meinung.

Das wird ein mutiger Gang durch die Niederungen des einstmals angesehenen Gefässes «Kommentar». Nichts für schwache Nerven; wir übernehmen keine Verantwortung für Nebenwirkungen.

Von fangen wir an? Ladies first. Die «Philosophin» Barbara Bleisch ergreift das Wort. Die einzig gute Nachricht: Dafür ist Laura de Weck stumm. Bleisch versucht’s diesmal mit Schwulstschwätzen, mit dieser vermeintlich hingehauchten Empfindsamkeit, die Widersprüchen nachgehen will. Allerdings dort, wo keine sind.

Es raunt schon der Titel: «Warum wir die Stille sprechen lassen sollten». Ja warum nur, dann wäre sie doch nicht mehr still. «Stehend und schauend» vor einem Gemälde Gerhard Richters. Ja Wahnsinn, der teuerste und meistüberschätzte Maler der Gegenwart. Aber Bleisch bringt er zum Erschauern. Das will man eigentlich nicht erleben, aber sie zwingt es einem auf: «Die wortlose Beredtheit des Bildes ergreift einen unmittelbar.»

Wir wagen nur einen Ausriss …

Wenn man aus dieser Sprachblase die Luft rauslässt, dann bleibt – das blanke Nichts. Aber Bleisch weiss, dass sie mit solchem Geblubber nicht eine ganze Kolumne füllen kann; das Problem ist von de Weck bekannt.

Mitleiden mit Wittgenstein, der auch nichts dafür kann

Also, einmal darf der einigermassen gebildete Leser raten, genau, muss noch Ludwig Wittgenstein dran glauben. Bei diesem Missbrauch würde er noch aus dem Grab heraus stottern, aber wir hoffen für ihn, dass er nicht mehr «transzendent» vorhanden ist. «Diskursiv adäquat vermitteln», «metaphysische Gefühle transportieren», «Vermittlung transzendenter Erfahrung».

Stehend und schauend vor der wellenlosen Stummheit. Oder so.

Wir hissen die weisse Flagge und betteln um Gnade. Aber Bleisch kennt keine: «Die wortlose Beredtheit des Bildes ergreift einen unmittelbar.» Wir haben’s ja kapiert, auf diesem unsinnigen Widerspruch bastelt sich Bleisch ein ganzes Werk. Für die, die’s immer noch nicht kapiert haben, endet sie damit, welche Wohltat es sei, «in einer Zeit kommunikativer Dauerberieselung dem Unsagbaren zu lauschen.» Ja, bitte, das ist die Idee, geben Sie sich ihr hin, Frau Bleisch!

Dann gibt Claudia Blumer noch «Höchstrichterliche Beziehungstipps». Die Frau ist völlig schamfrei, indolent, eine Schande für den Journalismus. Aber auf dieser Seite in guter Gesellschaft.

Ein Epidemiologe rechnet scharf ab und fordert

Zuoberst, allerdings nur im Seitenspiegel, rechnet der Epidemiologe Fabian Fellmann scharf ab. «Die Wirtschaftsverbände haben sich im marktschreierischen Wettbewerb der Lockerungsforderungen verrannt», kreischt der billige Jakob auf dem Markt der Meinungen. Mit «dieser Verharmlosung» schädigten sie «das Vertrauen der Bevölkerung». Öhm, man versuche, dieses Sprachbild zu entwirren.

Aber sei’s drum, kein Kommentar ohne klare Forderungen, damit das Virus endlich besiegt wird. Erstens, zweitens und drittens, zählt Fellmann auf. Impftempo steigern, Massentests, und der Bundesrat habe gefälligst «nachvollziehbar» darzulegen, wann welche Lockerungen erlaubt seien. Mit anderen Worten: So, dass es auch Fellmann kapiert und akzeptiert. Wenn nicht? Nun, wehe dir, Schweiz, dann wird es ganz duster.

Gut, dass der Politologe Fellmann ab Sommer aus den USA berichtet. Das ist den USA ziemlich wurst, und hierzulande wird das auch keinen Erkenntnisgewinn auslösen, wenn er dem US-Präsidenten erklären wird, was der zu tun und zu lassen habe.

Kommentare nur für Schwindelfreie.

Fehlt noch ein Thema? Aber sicher, ich sage nur Genderstern, Diskriminierung, Mohrenköpfe und andere rassistische Ausdrücke? Nein, auf einer Seite hat leider nicht alles Platz. Aber ein Thema schon. Vor allem, weil es bedauerlicherweise in den Hintergrund gedrängt wurde. Welches?

Klimaschützer sind nicht «schockiert», sie zeigen sich nur so

Aber bitte: «Selbst mit dem neuen CO2-Gesetz wird es für die Schweiz schwierig, das verschärfte Klimaziel zu erreichen.» Dabei muss das ja erst noch angenommen werden, kommt erschwerend hinzu. «Klimaschützer zeigen sich «schockiert» über die 2019er-Bilanz», fühlt Stefan Häne mit ihnen. Die Umwelt- und Klimakreische des Hauses Tamedia. Immer den Klimakollaps vor Augen, seit das Waldsterben dafür sorgte, dass die Schweiz ohne Baumbestand so kahl ist wie Foucaults Kopf. Aber das wäre wieder ein anderes Thema.

Sind wir durch? Ja, lieber Leser, auch ich kann keine Rücksichten auf Empfindsamkeiten nehmen. Mitleid habe ich auch nicht, denn ich musste ja diese Seite voll von gerütteltem Flachsinn auch lesen. Jetzt muss ich schauen, ob ich aus dieser Expedition ins Grauen unbeschädigt an Leib und Seele zurückgekommen bin.

Selbstverliebte Rächerin

Jolanda Spiess-Hegglin opfert sich auf im Kampf gegen Hetze und Hass. Warum geht diese Strategie nicht auf? 

Von Adrian Venetz

Vorausgeschickt sei: Ich kenne Jolanda Spiess-Hegglin nicht und hatte noch nie Kontakt zu ihr oder ihrem Umfeld. Ich weiss nicht, was vor, während und nach der Landammannfeier in Zug gelaufen ist und es interessiert mich auch nicht. Ich kenne weder ihre Freunde noch ihre Feinde. Kurz: Die Frau hat mir nichts Böses getan. Und dennoch ärgere ich mich oft, wenn in den Medien von ihr zu lesen ist. Warum ist das so?

Der «Blick» und im Nachgang andere Medien hatten sich damals sensationsgierig auf den Fall gestürzt. Dass sich Spiess-Hegglin dagegen zur Wehr setzte: völlig legitim und verständlich – ungeachtet dessen, was an diesem Abend vorgefallen war. Dass sie es sich danach zur Aufgabe gemacht hat, gegen Hass und Hetze in den Medien und im Internet zu kämpfen: ebenfalls völlig legitim und verständlich, lobenswert sogar. Nun aber, gut sechs Jahre später, müssen doch einige kritische Fragen zu ihrem Wirken und ihren Äusserungen erlaubt sein.

Opfer traumatischer Vorfälle

Der Grund, weshalb ich mich entschieden habe, an dieser Stelle eine Kritik zu äussern, ist ein kürzlich erschienener Artikel in den CH-Media-Blättern. Berichtet wurde hier nämlich vom tragischen Fall eines Elternpaars, das seine Tochter durch Suizid verlor und sich im Kampf gegen Mobbing nun an die Fersen von Spiess-Hegglin heftet. Der Autor des Artikels schreibt tatsächlich dies: «Spiess und das Ehepaar Pfister haben eine ähnliche Geschichte. Beide wurden Opfer von traumatischen Vorfällen.» Als ich das las, kam mir die Galle hoch. Vermutlich, weil ich selbst mitansehen musste, wie eine blutjunge Frau nach einem Suizid zu Grabe getragen wurde. Was auch immer Spiess-Hegglin erlebt hat: Hier einen Vergleich zu ziehen zum Suizid einer Tochter – das ist schon ein ganz starkes Stück.

Derweil fällt Spiess-Hegglin in den sozialen Medien vor allem durch Selbstbeweihräucherung und – man muss es so sagen – ein ziemlich hohes Aggressionspotenzial auf. Ein Plakat mit dem Mittelfinger von Nationalrätin Samira Marti «kriegt den zweitbesten Platz» in ihrem Büro, wie Spiess-Hegglin ihre Anhängerschaft wissen lässt. Am schönsten Platz hänge der Somazzi-Preis 2021. Über die Verleihung dieses Preises und über die Gratulationen twitterte Spiess-Hegglin so fleissig wie Trump in seinen besten Tagen.

JSH will gerne zeigen, wo der Hammer hängt.

Mit dem Somazzi-Preis ehrte die gleichnamige Stiftung Spiess-Hegglins «Pionierarbeit für mehr Respekt und Menschenwürde und gegen den Hass im Internet». Zur Erinnerung: Dieselbe Frau fiel vor nicht allzu langer Zeit auf, als sie auf Twitter vorschlug, jemandem den Titel «Arschloch des Monats» zu verleihen. Genau diese Doppelzüngigkeit, dieses Pendeln zwischen Samariterin und Aggressorin, ist vermutlich der Grund, weshalb Spiess-Hegglin für viele ein rotes Tuch bleibt. (Ich fand den Mittelfinger von Samira Marti an die Adresse des «Nebelspalters» übrigens grossartig. Allerdings käme auch kaum jemand auf die Idee, mir den Somazzi-Preis zu verleihen.)

Einsatz für das Gute auf der Welt – vor Publikum

Als aussenstehender Beobachter erhält man den Eindruck, dass es Spiess-Hegglin vor allem um eines geht – sich selbst. Nochmals: Das ist legitim. Das ist ihr gutes Recht. Wenn sie dann aber in den Medien als Frau dargestellt wird, die sich uneigennützig und aufopfernd für das Gute auf dieser Welt einsetzt, dann darf man sich nicht wundern, wenn dies einige Leser zur Weissglut bringt. Ich kenne Menschen, die sich wirklich für das Gute auf der Welt einsetzen. Seltsamerweise hört man nichts von ihnen in den Medien. Auf Twitter schon gar nicht.

Vielleicht tue ich Spiess-Hegglin mit dieser Kritik Unrecht. Vielleicht gehört heutzutage eine Urkunde für mehr Respekt und Menschenwürde tatsächlich neben ein Plakat, auf dem eine Frau dem Betrachter den Mittelfinger entgegenstreckt. Und dennoch finde ich, dass sich Spiess-Hegglin der Glaubwürdigkeit zuliebe entscheiden sollte: Will sie – wofür sie sich ununterbrochen rühmt und von anderen gerühmt wird – jenen Versehrten helfen, die auf dem Schlachtfeld der Medien und des Internets zu Schaden gekommen sind, oder will sie weiterhin die Messer wetzen und ihr eigenes Kriegsbanner an die vorderste Front tragen. Beides funktioniert nicht.

Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan …

Zürich soll mohrenfrei werden. Und das sei gut so, findet der Tagi. Immerhin mal kein Genderthema.

Thomas Morus hätte das nicht lustig gefunden. Hä? Nein, ein kleiner Scherz. Denn die Sache ist ernst. Etwa nicht gewusst? Im Zürcher Stadtbild tobt weiterhin der Rassismus. Es kann doch nicht sein, dass es gelungen ist, endlich den Mohrenkopf zu vertilgen (also den Namen, wobei, es gibt da noch Widerstandsnester). Aber dass andererseits noch Inschriften an Zürcher Häusern prangen wie «Zum Mohrentanz» oder gar schlichtweg «Mohr», das geht natürlich nicht.

Das ist zwar eine dumpfbackige Meinung, aber immerhin eine klare. Edgar Schuler vom «Tages-Anzeiger» muss sich mit Salome Müller den Dienst am Tagi-Newsletter teilen. Das entschuldigt aber nicht alles. Denn er mäandert sich durch dieses Minenfeld, als wäre er eine Schlange, die plötzlich ihren eigenen Schwanz vor sich sieht.

Er finde es gut, dass es harsche Reaktionen auf den Beschluss des Stadtrats gebe, solche Schweinereien zumindest an städtischen Liegenschaften nicht mehr zu tolerieren. Aber: «Gut, hat sich die Stadt zu diesem Schritt entschlossen». Es ist zwar nur ein Trippelschritt für Zürich, aber ein grosser Schritt für alle, die sich tatsächlich vom Wort Mohr diskriminiert fühlen.

Es wird wieder einmal ein Zeichen gegen Rassismus gesetzt

Deshalb schreibt der Tagi, Überraschung, mal wieder von einem «Zeichen», das hier gesetzt werde. Ein Zeichen gegen und ein Zeichen für, logo. Der Sprachforscher Schuler weiss in seinem Kommentar:

«Aber der «Mohr» ist auch nicht mehr das unschuldige Wort, das es in den Ohren vieler einmal war. Der Begriff ist schlicht und einfach aus der Zeit gefallen. Er gilt heute zu Recht als rassistisch. Es gibt Betroffene, die sich zu Recht daran stören.»

Das war’s für dich, will Schuler gerne der sardischen Flagge sagen.

Allerdings: Mehr Unsinn kann man nicht in einen kurzen Absatz packen. Was soll am Wort «Mohr» jemals unschuldig gewesen sein? Es ist ein uraltes Wort, schon im Althochdeutschen, ja im Griechischen nachweisbar. Einfach für einen Bewohner Mauretaniens, Marokkos oder Äthiopiens.

Also für Mauren, wie die lateinisierte Form lautet. Für Spanier sind «los moros» die arabischen Eroberer Spaniens, unter deren Herrschaft ein gewaltiger kultureller Aufschwung erfolgte, bis sich das Leichentuch der christlichen Inquisition nach der Rückeroberung über das Land legte.

Auch die Sarden empfinden den Mohrenkopf in ihrem Wappen weder als aus der Zeit gefallen, noch rassistisch. So gelte er auch nur, schreibt Schuler vorsichtig, denn er hat wohl etwas gegoogelt und musste feststellen, dass diese heutzutage tödliche Anschuldigung keineswegs allgemein akzeptiert wird. Auch ausserhalb von rassistischen Kreisen nicht. Aber dieser Unsicherheit begegnet er mit einem doppelten «zu Recht». Die dümmste Leerformel einer Verstärkung.

Die einen stören sich an diesem, die anderen an jenem

Und wenn es Betroffene geben sollte, die sich daran stören: Wie steht es dann mit den Betroffenen, die sich daran stören, wenn dieser schöne, alte Begriff verschwindet? Es geht ja nicht darum, ein «Heil Hitler» von der Mauer zu kratzen. Oder sollte nicht auch die Plakette am Haus, in dem Lenin wohnte, ergänzt werden durch einige Hinweise auf die Auswirkungen seiner Revolution?

Noch übler treiben’s die Korsen mit ihrer Flagge.

Das ständige Umschreiben und Reinigen der Geschichte ist ein typisches Merkmal für totalitäre Staaten. Oder die Kirche. Nur solche Gebilde wollen nicht nur die Gegenwart und die Zukunft beherrschen, sondern auch die Vergangenheit. Die ist zwar leider vergangen, aber wie sie gesehen wird, das lässt sich doch wohl ändern.

Normalerweise tut das der Herrscher, der Diktator, die Partei, die Führungsspitze, unterstützt von den üblichen nützlichen Idioten, die selbst die absurdesten Begründungen erfinden, wieso ein Sieg plötzlich eine Niederlage war, ein wichtiger, aber in Ungnade gefallener Führer einfach aufhört zu existieren.

Das ist keine Geschichtsklitterung; so wurde der Mohrenkopf auch verwendet.

Hier in der Schweiz ist der Mohrenkopf zu einem Jekami geworden. Basler Gugge wie «Negro-Rhygass» oder alle, die irgendwie ein an Mohren erinnernde Sujets verwenden, wurden als ausgemachte Rassisten enttarnt. Von all den Lokalen, Orten, Gebäuden, die aus irgendwelchen teilweise längst vergessenen Gründen das Wort Mohr verwenden, ganz zu schweigen.

Mit «Rassismus!» erobert man locker die Meinungshoheit

In Zürich soll das «Kollektiv Vo Da» eine wichtige Rolle bei der «Sensibilisierung» gespielt haben: «Wir sind ein Kollektiv von Menschen vo da, die eines Tages beschlossen haben, sich zusammen zu tun,

um die Themen Diskriminierung und Rassismus gemeinsam öffentlich anzusprechen.»

Das ist lobenswert. Aber, mit Verlaub, soll man von solchen Meinungsträgern eines «Kollektivs», von einer völlig ahistorischen Stadtpräsidentin solche Eingriffe, Übergriffe einfach akzeptieren? Meinungsbildung durch öffentlichen Druck und unfundiertes Geschrei ohne geschichtliche Kenntnisse? Dem Zeitgeist geschuldet; wer weiss denn, welche Begriffe in 100 Jahren getilgt werden müssen?

Ich bin ein Berliner. Aber nicht so einer

Echt jetzt? Darf ich mich als gebürtiger Berliner nun auch dafür einsetzen, dass die Verwendung dieses stolzen Namens für eine zuckrige, mit Marmelade gefüllte, in Fett ausgebackene Kalorienbombe verboten werden muss?

Müsste klappen, denn wenn ich mich davon diskriminiert fühle, gilt das etwa weniger, nur weil ich ein älterer, weisser Mann bin? Es gibt schliesslich Ersatz; Krapfen zum Beispiel. Da ich keinen Zusammenhang zwischen mir und einem Krapfen sehe, kann man das mal machen. Vorläufig. Frau Stadtpräsidentin, kümmern Sie sich drum! Ich bin auch vo da und Stadtzürcher Bürger.

Es darf gelacht werden: Werbetexte in unseren Lieblingsgazetten

Nahvergleich zwischen lang und textlästig sowie kurz und bildlastig. Wer errät’s?

Zuerst die seriöse. Die «Republik» hat mal wieder was Aussergewöhnliches geschafft. Sie hat einen so langen Newsletter verschickt, dass der Anfang schon veraltet ist, wenn man beim Schluss ankommt.

Über 10’000 Anschläge, anders geht’s einfach nicht bei dem Magazin für breitgetretenen Quark.

Für Leser mit leichtem Bildungsrucksack: Johann Wolfgang von Goethe, im West-Östlichen Divan (das kann man googeln):

«Getretner Quark wird breit, nicht stark.»

Aber wem die Hose, Pardon, das Herz voll ist: Die «Republik» kriegt sich nicht ein, dass sie weiterhin rund 28’000 zahlende Abonnenten hat. «Die Erneuerung lief weit souveräner, als die Übermütigsten unter uns vorhersagten.»

Das vermissen wir bei allen anderen Medienorgane so schmerzlich: ausführliche Darstellungen über die Zahl der Abonnenten. Aber nur übermütig kann die «Republik» nicht erscheinen. Zwar hat sie ungefähr einen gleichgrossen Ausstoss wie ZACKBUM, nur mit etwas mehr Schreibern und viel mehr Geld.
Damit das auch so bleibt, muss nach all dem Jubel wieder ein ernstes Gesicht aufgesetzt werden:

  • Das Modell sei weiterhin stark anfällig für «Schwankungen.» Wenn das doch nur auch die CS gewusst hätte.
  • Niemand wisse, wie’s nach Corona und vielleicht nachlassender Leselust weitergehe.
  • Eine der häufigsten Todesursachen für junge Unternehmen sei der «Kollaps im dritten Jahr.» Wenn das nur alle Buden gewusst hätten, die schon im ersten oder zweiten Jahr mit Entleibung drohen mussten, um weitere Millionen nachgeschmissen zu bekommen.

Wo soll’s hingehen vom Ruhebett aus?

Aber, Stillstand ist Rückschritt, die «Republik»-Schreibhelden wollen ja noch so lange wie möglich ein üppiges Gehalt für sehr mageren Output kassieren. Also was sind so die neuen Ideen?

«Wir wissen, dass wir auf keinen Fall bequem werden dürfen. Und dass wir mit aller Kraft gegen die Stagnation anwachsen müssen. Aber wir wissen noch nicht, wie genau.»

Damit sind sie immerhin wieder auf der philosophischen Höhe eines Sokrates angelangt. «Ich weiss, dass ich nichts weiss», soll der gesagt haben. Wurde aber nur vom Hörensagen überliefert. Aber reicht für die «Republik» natürlich für ein gesichertes Zitat.

 

Brutaler Wechsel in ganz andere Gefilde

Wenn ein Kindersoldat im Newsroom der Blick-Familie auf die Idee käme, einen NL mit über 10’000 Anschlägen zu schreiben, dann würde er ruhiggespritzt und vorsichtig hinausbegleitet. Würde er einen Artikel dieser Länge abgeben, bekäme er vorher noch eine Zwangsjacke verpasst.

Deshalb setzen wir hier mehr auf die Kraft des Bildes. Wir wissen ja alle, dass die strikte Trennung von Werbung und Eigenleistung einen wesentlichen Beitrag zu Glaubwürdigkeit und dem Vertrauen leistet.

Daran geht der «Blick» mit professioneller Unabhängigkeit heran.

Man kann draufklicken und liest tatsächlich einen «Testbericht». Erst im Impressum wird man aufmerksam gemacht, und wer liest das schon:

Oder auch nicht …

Aber es ist vielleicht etwas unfair, nur darauf beim «Blick» einzugehen. Er kann auch noch anders. Wenn Blocher schon so blöd ist, Blocher-TV hinzustellen, dann kann sich die Blick-Familie doch sicher bedienen.

Ein Schnipsel aus «BlocherTV». Man beachte den Kachelofen.

Auch das ist eine Variante:

 

Kleiner Test: Welcher von beiden Anrissen ist Werbung? Bravo, richtig, beide.

Aber warum so separiert und solo, geht auch anders:

 

Damit keine Unsicherheit entsteht: alles Werbung, what else.

Schliesslich fragt man sich spätestens hier, ob man nicht lieber noch mehr Werbung sehen will:

Für alle, die dachten, über Tabuthemen spricht man in der Pressekonferenz.

Würde man solche Themen in aller Öffentlichkeit besprechen, wär’s auch nicht recht. Beim Rahmenvertrag sieht man ja, wohin das führt.

Was meint denn der Leser, Pardon, die «community», zum schweineteuren, aber kaum sichtbaren Redesign? Wenn man da mit «überwiegend positiv» zusammenfassen muss, ahnt man die Reaktion. Ein Kommentar zum Redesign hat uns besonders gefallen:

«Es ist immer wieder ein Glücksfall, wenn einer meiner Kommentare veröffentlicht wird! Gefühlt werden ca. 4/5 nicht veröffentlicht! Hingegen trifft man nicht selten auf Dutzende Kommentare von Küde Zhou, Martin Arnold & Co!»

Das ist natürlich gemein, so in der «community», wenn sich das nach dem Redesign fortsetzt.

 

Erinnert sich noch jemand an unsere Serie über Claudia Blumer?

Ach, damit uns niemand Bauchnabelschau vorwirft, was sagt denn der grosse Tamedia-Konzern zur mehrteiligen und exklusiven Recherche zu Claudia Blumer? Wir fassen die Reaktion kurz zusammen:

Nein, das ist nicht von Kasimir Malewitsch. Von wem? Ach, googelt Euch doch eins.

Lob der NZZaS

Wieder mal eine –seltene – Gelegenheit. Wir loben die NZZaS. Warum? Sie hat über die Credit Suisse berichtet.

Nur der völlig unschuldig-naive Zeitungsleser kann sagen: na und? Alle anderen haben doch auch geschimpft. Das stimmt, aber hinter Mundschutz. Mit Schalldämpfer. In einem Tonfall, den man auch bei einem widerspenstigen Kind anschlägt. Leichte Gereiztheit, aber von pädagogischem Geist beflügelt.

Die NZZ selbst schaffte ein Interview mit dem CEO Thomas Gottstein. So viel Subersivität kann man ihr nicht zutrauen, dass sie ihn absichtlich so viele Bankerblasen blubbern liess, dass er sich damit innerhalb und ausserhalb der CS zum Deppen machte.

Aber nun kommt die NZZaS. Da geht’s schon mit dem Titel los: «Wie die Credit Suisse Milliarden verbrennt». Wie tut sie das? Nun, über das katastrophale Risk Management und die immer wieder erwiesene Unfähigkeit der Gierbanker wurde schon kräftig geschimpft.

Die NZZaS weiss eben, wie man das wirkliche Problem adressiert, nicht mit dem Finger in der Luft fuchtelt, sondern ihn schmerzhaft in die Wunde bohrt. Oder die Geldvernichtungsmaschine CS gnadenlos auseinandernimmt.

Mit wenigen Schnitten zum Kern des Problems durchgedrungen

Mit drei vermeintlich einfachen, aber punktgenau gesetzten Sonden.

  1. Schon 2011 wurde der CS von der Anlagestiftung Ethos vorgerechnet, dass ihre grossartige Investmentbank bislang 7 Milliarden Fr. Verlust produziert hatte. Der in zwei Wochen abtretende VR-Präsident Urs Rohner meinte damals noch arrogant: «Ich halte nichts von der Idee, aus der CS eine Art übergrosse Schweizer Privatbank zu machen
  2. Seit dem Amtsantritt dieses Versagers hat die CS zwar kumuliert einen Gewinn von 8,1 Milliarden erzielt. Allerdings: mit zehnmal weniger Angestellten hat das die ZKB in ähnlicher Höhe auch geschafft.
  3. In der Schweiz hat die CS auch kumuliert 15 Mrd. Fr. seit 2011 verdient. Also hat das weitergführte Abenteuer bei den Big Boys im Investmentbanking weitere 7 Milliarden Verlust beschert.

Sonst noch Fragen? Eigentlich nicht, aber noch ein paar weitere Antworten. Geradezu symbolisch für den Drang, ganz gross rauszukommen, war der Kauf von DLJ im Sommer 2000 für einen absurd hohen Preis. Dann platzte die Dotcom-Blase, und DLJ  wurde zur unglaublich schrumpfenden Investmentbank.

Sehr interessant ist auch der Gewinn-Vergleich zwischen CS und ZKB. Aber noch interessanter ist die Grafik daneben.

Links rot Gewinne und Verluste der CS, rechts blau die Anzahl der Geldvernichter.

Denn hier lodert das Fegefeuer, in dem Milliarden verröstet werden. Es handelt sich um die sogenannten «Key Risk Taker». Das ist das Fettauge auf den «Managing Directors». Von diesen «Risikonehmern» gibt es inzwischen rund 1400 in der CS (rechts blaue Linie). Die vermehrten sich wie die Schmeissfliegen. Von etwas über 400 auf über 1400 in zehn Jahren.

Die meisten arbeiten – where else – in London oder New York. Und haben als Söldnerseelen keinerlei innere Bindung an die CS. Eine sehr enge aber an den eigenen Geldbeutel. Diese Pfeifenbande hat ebenfalls seit 2011 bis heute sagenhafte 14 Milliarden Franken kassiert. Von verdient kann da keine Rede sein.

Das entspricht wiederum dem Doppelten des Gewinns, den der ganze Konzern mit seinen immer noch 40’000 Mitarbeitern in dieser Zeit erwirtschaftet hat. Das wurde diesen Multimillionären nachgeschmissen. Für welche «Risiken» denn? Nein, natürlich nicht für deren eigene, die Risiken musste immer die CS übernehmen. Und dafür Milliarden um Milliarden Verluste kassieren.

Milliardenverluste mit Milliardengehältern erkaufen? Macht Sinn

Wir fassen zusammen. Für einen Verlust von 7 Milliarden Franken (die aktuellen Klatschen noch gar nicht eingerechnet), hat die CS 14 Milliarden bezahlt. Das konnte sie (bislang) nur wegstecken, weil der Teil, auf den Rohner die CS auf keinen Fall reduzieren wollte, nämlich der Schweizer Ableger, Jahr für Jahr stabile Gewinne abwarf.

Noch Fragen? Ach, wieso die CS einen solchen Wahnsinn zehn und mehr Jahre durchzieht? Ein Geschäftsmodell, zu dem jeder Knirps sagte, der eine einfache Addition und Subtraktion an den Fingern abzählend beherrscht: «völlig gaga»?

Alles im grünen Bereich. Allerdings auf bescheidenem Niveau …

Das ist eine gute Frage. Dazu fällt mir auch keine Antwort ein. Ausser einer Anregung, die ich schon in St. Gallen deponierte. Dort ist die Polizei doch sehr erfahren in Wegweisungen. Zürich müsste auf den Knien um die Entsendung eines Detachements bitten. Es dann um die CS herum aufstellen und jeden, den eine Krawatte, Anzug und Bürolistenschuhe, sowie ein leicht arroganter Gesichtsausdruck als Banker enttarnt, sofort wegweisen.

Angesichts des Schadens, den er anrichten könnte, ist auch der Einsatz des Schlagstocks, von Reizgas und eine Verhaftung mit Kabelbinder und einem kräftigen Stoss in den Transporter absolut verhältnismässig.

Banker im Tränengas. Allerdings in Hongkong.

Blumer-Tamedia-Skandal: Heuchelei und Verlogenheit

Entgegen allen wohlfeilen «eisernen Regeln», vielen Buchstaben über die Definition von Qualitätsjournalismus: dieser Fall belegt das Gegenteil.

Versetzen Sie sich einmal in die Haut der Mutter in diesem Fall. Zwar schon vorgewarnt durch ihren Ex-Mann, muss sie einen Artikel lesen, in dem steht, dass sie bösartig und manipulativ die gemeinsamen Kinder gegen ihren Vater aufgehetzt habe.

Dabei habe sie so ziemlich alle Tricks und Kniffe angewandt; sogar einmal bei einem Besuch der Kinder beim Vater diese aus seiner Wohnung gelockt und zu sich nach Hause gefahren. Dort habe sie den Kindern dann eingeschärft, es so darzustellen, als ob sie selber geflüchtet wären und mit dem ÖV zur Mutter zurückgekehrt.

Und warum das? Aus Rache, aus Bösartigkeit, ohne Rücksicht auf die Auswirkungen auf die Kinder.

Nicht nur die Betroffene liest das

Können Sie sich das vorstellen? Na, mit ein bisschen Mühe sollte das doch gehen. Dann stellen Sie sich noch das vor: Die Print-Leserschaft (nicht die Auflage) nur schon der drei bedeutendsten Tamedia-Titel («Tages-Anzeiger», «Berner Zeitung» und «Basler Zeitung») beträgt insgesamt 770’000. Dazu kommen noch 4,09 Millionen Unique Users pro Monat im Internet.

Ein Artikel als Marterpfahl für eine Mutter, als Schande für Tamedia.

Während Sie diese vernichtende Kritik an Ihnen als Mensch, als Mutter, als Ehepartnerin lesen, wissen Sie, dass das über eine Million Schweizer in diesem Augenblick auch tun. Ihr Name ist zwar verändert, aber ihr Ex-Ehemann hat bereits dafür gesorgt, dass in Ihrem nächsten Umfeld in einer Kleinstadt bereits überall bekannt wird, um wen es sich handelt.

Was sollen Menschen über Sie denken, die Sie nicht kennen? Die den groben Fehler machen, diesem Verleumdungsartikel, gespickt mit falschen Tatsachenbehauptungen und schlichten Lügen, zu glauben? Schwarz auf weiss, eine ganze Seite, Redaktorin vom «Tages-Anzeiger», das muss doch alles seine Richtigkeit haben.

Das ist mittelalterlich. Modern geht’s auf Papier.

Hat es nicht, hat es überhaupt nicht. Aber das wissen zurzeit nur Sie und Ihr näheres Umfeld. Schon im weiteren Bekanntenkreis stellen Sie fest, dass es bei einigen eine gewisse Zurückhaltung gibt, die vorher nicht da war.

Sie stellen an sich selbst fest, dass Ihre Selbstverteidigung sich wie Mühlsteine im Kopf dreht. Sie japsen nach Luft und sind zuerst fassungslos, können es nicht glauben. Dass Ihr Ex-Mann über Sie Horrorstorys erzählt, damit können sie umgehen. Aber Tamedia? Der grosse Zeitungskonzern, Qualitätsjournalismus, Verantwortung, insbesondere, da er zusammen mit CH Media den Tageszeitungsmarkt der Schweiz beherrscht? Abgesehen von «Blick» und NZZ.

Wie können Sie sich wehren?

Sie fassen sich langsam wieder, Sie wissen: Ich muss etwas tun. Sie beratschlagen sich, Sie kommen zur Überzeugung: genau, eine möglichst emotionslose Aufstellung belegbarer Falschaussagen in diesem Artikel mit der Bitte um Richtigstellung, das ist wohl das Beste.

Man fühlt vor, wird von der Autorin und auch von ihren Vorgesetzten abgewimmelt. Irgendwo noch verständlich, denken Sie. Sie werden an den Ombudsmann des Hauses verwiesen, der sei genau der Richtige für solche Fälle. Unparteiisch, ein alter, erfahrener Journalist, pensioniert, also dem Haus nicht mehr direkt verbunden. Der wird sich das objektiv anschauen.

Ausradieren lässt sich nichts. Aber vielleicht korrigieren?

Zu spät merken Sie, dass das alles eine Einseife ist. Damit wird nur Zeit geschunden, und von objektiv kann beim langjährigen Tagi-Journalisten Ignaz Staub auch keine Rede sein. Sein Bericht überrascht Sie daher nur gelinde. Kein Fehlverhalten seitens Tamedia entdeckt, persönliches Bedauern, aber bei solchen konfliktiven Trennungen gingen halt die Emotionen hoch und verstellten den Blick auf die Wirklichkeit; jeder habe da seine Auffassung von Wahrheit. Gegendarstellung, das liege leider ausserhalb seiner Kompetenz, so sorry.

Sie sind sich nun sicher, dass Ihre Entscheidung, wenigstens bei der mutigen Lokalzeitung vorzusprechen, um so eine öffentliche Korrektur zu erreichen, richtig war. Sie verwenden dabei die gleiche Beschwerde mitsamt den Beweisen, die Sie schon dem «Tages-Anzeiger» eingereicht haben.

Wieso kann die Schaffhauser AZ, was Tamedia nicht kann?

Und siehe da, die «Schaffhauser AZ» macht sich die Mühe, alle Beteiligten um Stellungnahme zu bitten, die Fakten zu überprüfen. Der Zwerg in Auflage und Verbreitung, aber der Riese in der Beherrschung des journalistischen Handwerks, traut sich, unter dem Titel «Einseitig und fiktiv» den Verleumdungsartikel nach Strich und Faden zu demontieren.

Nur: Die «Schaffhauser AZ» hat eine Auflage von 2800 Exemplaren, viermal im Jahr eine Grossauflage von 33’000  und eine Leserschaft von 14’000. Das bedeutet: immerhin in Schaffhausen konnten Sie eine gewisse Gegenöffentlichkeit herstellen.

Aber was ist das schon gegen die rund eine Million Leser des schändlichen Machwerks? Daher kämpfen Sie weiter darum, dass Ihre Richtigstellung publiziert wird. Möglichst zeitnah, denn umso grösser die Distanz, desto unwirksamer, höchstens mit dem Effekt: War da mal was, worum geht es hier eigentlich?

Also melden Sie (und Ihre Angehörigen) sich bei allen, von denen Sie hoffen, dass es ein Einsehen geben könnte. Beim Chef der Qualitätskontrolle Res Strehle, den Ombundsmann haben Sie schon hinter sich. Bei den Chefredaktoren, bei dem Oberchefredaktor Arthur Rutishauser, sogar beim Big Boss Pietro Supino.

Sie sind überzeugt: bei dieser offenkundigen Sachlage muss das einsehbar sein. Angesichts der Tatsache, dass hier nicht der andere Beteiligte an einem persönlichen Streit nun seine emotionale Triebabfuhr loswerden möchte, sondern ganz nüchtern darauf zählt, dass eindeutige und belegte Falschaussagen doch in jedem anständigen Medium korrigiert werden müssen.

Vergessene Erkenntnis der alten Römer.

Sie hatten vorher noch nie so mit Presseerzeugnissen zu tun, sind aber der festen Überzeugung, dass dort doch auch die Grundregeln von Anstand, Logik und dem Einsehen von klaren Tatsachen gälten. Dass es doch nicht sein kann, dass eine Person, die selbst die Öffentlichkeit nicht gesucht hat, dermassen verleumdet, durch ein Schlammbad gezogen und vor einem Riesenpublikum als verworfener Mensch dargestellt wird – und das so stehenbleibt.

Was man sich nicht vorstellen kann, passiert häufig

Fast zwei Jahre später haben Sie die bittere Einsicht gewonnen: doch, das geht. Das ist so. Da gibt es nichts von Anstand oder Verantwortung. Nichts von Fehlerkultur, nichts von den vollmundigen Behauptungen, wie seriös, professionell, umsichtig, alle Positionen berücksichtigend, der Wahrheit verpflichtet hier Journalismus betrieben werde.

Immer wieder von allen Entscheidungsträgern, von Supino selbst, von Rutishauser, selbst vom Wendehals Strehle lautstark verkündet. Sicher gebe es da und dort noch Verbesserungsmöglichkeiten, aber im grossen Ganzen: alles super, alles rein, alles spitze.

Das sahen aber plötzlich 78 Mitarbeiterinnen von Tamedia ganz anders. Zu den Unterzeichnern dieses Protestschreibens gehört auch Claudia Blumer – die Autorin dieses einseitig nur die Sicht des Mannes berücksichtigenden Artikels.

Im Schreiben wird ultimativ mehr Anstand im Umgang miteinander gefordert. Das gilt aber offenbar nur innerhalb des Tamedia-Gebäudes, keinesfalls ausserhalb.

Die Namen am Glashaus wechseln, der Inhalt bleibt gleich. Leider.

Ansonsten wird Ihnen immer deutlicher klargemacht: Geben Sie doch endlich Ruhe. Der Fall ist erledigt, alles Nötige dazu gesagt. Wir können uns doch nicht jahrelang mit so einem Pipifax befassen. Und wenn’s Ihnen nicht passt: natürlich steht der Rechtsweg offen. Unsere Rechtsabteilung freut sich schon darauf.

Leider sieht die Realität bei Tamedia, T, Tx ganz anders aus

Da müssen Sie erkennen: Pipifax wie der Versuch, einen Menschen moralisch zu vernichten, ihm niedrigste Gefühle, Rachebedürfnis, Rücksichtslosigkeit gegen den Vater und den gemeinsamen Kindern anzudichten, das interessiert im Ernstfall keinen bei Tamedia.

Auch nicht die furchtbar empörten Frauen, die sich über männliche Dominanz, Sexismus und Präpotenz beschweren. Aber natürlich nur ihnen selbst gegenüber, doch nicht bei irgend einer Frau, die dank Tamedia unter die Räder kommt. Anstand, Höflichkeit und das Einhalten von Grenzen gilt auch nicht, wenn Blumer mit der Brechstange die Bestätigung eines Zitats möchte.

Sie müssen lernen: In Wirklichkeit herrscht hier Heuchelei und Verlogenheit, Doppelmoral und Opportunismus. Moral, Ethik, Anstand, Verantwortung, Gerechtigkeitssinn, Rücksicht auf ungleiche Machtverhältnisse: pfeif drauf.

Wenigstens eine Stellungnahme, die Beantwortung von 25 höflich gestellten Fragen an drei Personen? Ach was, da soll die Medienstelle in den Stehsatz greifen und für alle schreiben: «Ihre Vorwürfe und Behauptungen sind falsch.» Eine Stellungnahme zu Blumers von der Staatsanwaltschaft protokollierte Übergriffigkeit in der Recherche? Ach was.

Kommt Tamedia damit durch?

Das kommt darauf an, wie viele Leser diesen Satz verstehen:

Das Unrecht, das einem Einzelnen widerfährt, ist eine Bedrohung für alle.

Die verlorene journalistische Ehre der Claudia B.

EXKLUSIV: Ein Einvernahmeprotokoll der Staatsanwaltschaft Schaffhausen belegt, welche Methoden Tagi-Journalistin Blumer anwendet.

«Ich schreibe jetzt, was ich will. Ich habe alle notwendigen Infos von Herrn (Kindsvater)*.
Sie können schauen, wo sie bleiben. Ich habe Pressefreiheit!
»

Was hat die Journalistin Claudia Blumer dermassen zum Ausrasten gebracht? Letztlich einer der vielen Fehler, die sie in ihrer Verleumdungsreportage begangen hat.

Um den von ihr geschilderten Fall zu verallgemeinern, schrieb sie über die Entstehungsgeschichte des Machwerks unter anderem: «Die zuständige Kinderpsychologin des Kantons wollte zunächst mit dieser Zeitung über den Fall reden, da es sich um ein Paradebeispiel einer forcierten Entfremdung handle. Sie wurde jedoch von ihren Vorgesetzten zum Schweigen verpflichtet.»

Mit dieser Darstellung hat sie einen entscheidenden Fehler begangen, der in jedem anständigen Medienhaus nur eine Konsequenz haben kann.

Es gibt nur eine zuständige Kinderpsychologin des Kantons …

Aufgrund dieser Behauptung wurde gegen die Kinderpsychologin* Anzeige wegen Verletzung des Amtsgeheimnisses erstattet. Die führte zu einer Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft Schaffhausen.

Das Protokoll ruppiger Recherchemethoden im Nahkampf

In dem Einvernahmeprotokoll wird aufgrund der Aussagen der Psychologin der Ablauf so wiedergegeben; wir haben eine geraffte Darstellung des Original-Protokolls erstellt:

  • Kinderpsychologin* bekommt Mailanfrage von Blumer: Rufe Sie an morgen, möchte allg. Fachauskunft btr. Elternkonflikt in Scheidungsfällen.
  •  Blumer und Psychologin telefonieren. P. merkt, B. will Angaben zum konkreten Fall. Sie informiert ihren Chef*. Chef sagt, geht nicht, weil Amtsgeheimnis. Blumer ruft Chef an: Das sollte doch gehen. Chef sagt, auf keinen Fall.
  • Dann B. zu P.: «Sie sind doch nicht das Schosshündchen Ihres Chefs. Sie können sich doch als Privatperson zum Fall äussern.» P. lehnt ab.
  •  Blumer ruft P. mehrere Male am Wochenende privat an. Freund von P. weist nach dem dritten Anruf B. in die Schranken: Schluss jetzt.
  •  Blumer ruft CEO* des Spitals an: Möchte ein Interview mit P. CEO sagt, Interview ist kein Problem, bitte wenden Sie sich an Chef von P.
  • Blumer ruft erneut Chef an, habe ok von CEO. Chef sagt nein, da Amtsgeheimnis.
  • Blumer: «Ich schreibe jetzt, was ich will. Ich habe alle notwendigen Infos von (ihrem Informanten, dem Kindsvater*, R.Z.). Sie können schauen, wo Sie bleiben. Ich habe Pressefreiheit!»

 Die Kinderpsychologin wird abschliessend gefragt, warum sie dieses Referat, wenn sie es nicht gesagt habe, nicht dementierte. «Nirgends im Tagi-Artikel stand mein Name. Darum habe ich nicht dementiert.»

Zunächst zum kleineren Vergehen. Diese Methode ist noch abgekochter als die «vertrauenswürdigen Quellen, die anonym bleiben wollen». Blumer erfindet ein Zitat, nachdem sie die Urheberin nicht dazu überreden kann, es als Quote zu bestätigen,referiert sie einfach indirekt und fügt noch hinzu, dass die Psychologin «von ihren Vorgesetzten zum Schweigen verpflichtet» wurde. Eindruck beim Leser: Die Vorgesetzten, möglicherweise in die «Verschwörung» gegen den Kindsvater verwickelt, brachten die Zeugin für Blumers These zum Schweigen.

In Wirklichkeit nahm die Psychologin Rücksprache, als ihr klar wurde, dass es Blumer nicht um allgemeine Auskünfte, sondern um Fragen zu einem konkreten Fall ging. Natürlich wollte und konnte sie sich dazu nicht äussern, Amtsgeheimnis.

Methoden wie auf dem englischen Boulevard

Geradezu abstossend ist, mit welcher Insistenz Blumer an ihr Quote kommen wollte. Im Nahkampf. Druckversuche aller Orten, Appell an den Berufsstolz («seien Sie kein Schosshündchen»), der Versuch, zwei Chefs gegeneinander auszuspielen («der andere hat gesagt, es ist okay»), Anrufe in die Privatsphäre der Psychologin am Wochenende, das sind Methoden wie bei der englischen Boulevardpresse.

Antiquarisch erhältlich …

Das sind Methoden, die mit Qualitätsjournalismus nichts zu tun haben. Das sind Methoden einer Journalistin, die völlig die Orientierung und Distanz verloren hat; eine Story zu einer These, einer vorgefassten Meinung hinbiegen will, bis es kracht und ohne Rücksicht auf Verluste oder Wirklichkeit. Das ist ein Vergehen gegen die meisten presseethischen Gebote, an die sich jeder Journalist von Tamedia halten sollte.

Zu ihrem Pech hat Blumer aber damit die Psychologin in die Bredouille gebracht, und angesichts der Strafe, die auf eine Falschaussage vor der Staatsanwaltschaft steht, beschloss sie, den wahren Ablauf zu Protokoll zu geben.

Claudia Blumer wurde mit dem Inhalt dieses Protokolls konfrontiert. Wie schon zuvor bei einem ausführlichen Fragekatalog benützte sie die Gelegenheit zur Stellungnahme nicht.

In jeder besseren Buchhandlung erhältlich …

Bislang haben alle Tamedia-Mitarbeiter – bis hinauf zu Arthur Rutishauser und Pietro Supino – verkniffen zu all den peinlichen Tatsachen geschwiegen, die auf ZACKBUM in einer Serie dargestellt wurden.

Hoffentlich kann das die Öffentlichkeit ändern.

 

  • Lesen Sie in der Fortsetzung die vorläufige Bilanz dieses Skandals.

*Namen der Redaktion bekannt.

Hier geht’s zu Teil 1, hier zu Teil 2, hier zu Teil 3. hier zu Teil 4. Hier zu 14 Falschaussagen, hier zur Time Line.

Leichenfledderei

War Robespierre Masochist? Nahm Nietzsche wirklich die Peitsche mit zum Weibe? Oder war Foucault pädophil?

Wenn eine Ideologie totalitär durchdreht, dann will sie nicht nur feste Regeln für richtiges Verhalten in Gegenwart und Zukunft aufstellen. Sondern auch die Vergangenheit säubern. Geradezu pervers wird das, wenn Verstorbenen aus heiterem Himmel sexuelle Abartigkeiten vorgeworfen werden.

Solche posthume Anschuldigungen gehen gerne viral. Sie brauchen nur drei Bestandteile. Ein toter, aber berühmter oder nachwirkender Mensch. Ein «neuer» Vorwurf, gerne auf sexuellem Gebiet, der aber jahrzehntelang stumm geblieben war. Und dann die Exegese durch Journalisten, die dann das tun, was auch Geier lieben: Leichenfledderei.

Das jüngste Beispiel ist der französische  Philosoph Michel Foucault. Es ist eigentlich erstaunlich, dass nicht schon viel früher solche Vorwürfe gegen einen der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts erhoben wurden.

«Wahnsinn und Gesellschaft», «Die Archäologie des Wissen», «Die Ordnung der Dinge», «Überwachen und Strafen» und schliesslich «Sexualität und Wahrheit», alle seine Werke schlugen wie Bomben in den Wissenschaftsbetrieb, in die Philosophie ein.

Wie zeigt sich Macht in der Gesellschaft?

Seine Forschungen drehten sich immer um eins: um die Ausformungen von Macht. Strukturalistisch in der Methode, spürte er den verschiedensten Machtstrukturen nach; durch Unterscheidung zwischen Vernünftigen und Wahnsinnigen, durch alle Formen der Ausgrenzungen in Gefängnissen, in anderen Institutionen der Gesellschaft.

Vornehmlich auch im Bereich der Sexualität, eine der wichtigsten Kampfplätze der Machtausübung, durch Ausgrenzung, durch Definitionen von Perversion, durch das Einpflanzen moralischer Imperative, die mit sexuellen Wünschen in Konflikt geraten.

Foucault war ein radikaler Denker, der enzyklopädische Streifzüge durch die Geschichte, die Kunst, durch Strukturen der Machtausübung unternahm. Er lebte genauso radikal; nahm Drogen, war homosexuell und starb 1984 an Aids. Die Beschäftigung mit seinen Werken lohnt sich bis heute.

Aber für Flachepigonen wie Andreas Tobler ist eine andere Frage viel wichtiger: «War der Starphilosoph pädophil?» Im typischen Spekulationston stellt Tobler in den Raum: «Michel Foucault soll Buben missbraucht haben.» Wenn das so wäre, wäre das widerlich. Aber: was tut das fast 40 Jahre nach Foucaults Tod zur Sache? Welche Belege gibt es dafür?

Ein mässig erfolgreicher Publizist macht damit in der «Sunday Times» Ende März 2021 auf sich aufmerksam. Er berichtet von einem Besuch bei Foucault, der damals in Tunesien lebte. Er will gesehen haben, dass acht-, neunjährige Kinder Foucault hinterhergerannt seien und «nimm mich» gerufen hätten. Der Denker habe ihnen Geld zugeworfen und gesagt, man treffe sich um zehn Uhr nachts am «üblichen Ort». Das sei der Friedhof gewesen, wo Foucault auf Grabsteinen Sex mit den Buben gehabt habe, will Guy Sorman wissen.

Erinnerung nach über 50 Jahren

Das soll sich an Ostern – 1969 abgespielt haben. Wieso Sorman diese Anekdote über 50 Jahre für sich behielt, erklärt er nicht. Der damalige Lebensgefährte von Foucault erklärt kategorisch, dass diese Vorwürfe «chronologisch und objektiv falsch» seien. An Ostern 1969 sei Foucault gar nicht in Tunesien gewesen, zudem sei zu dieser Zeit offene Pädophilie in diesem arabischen Land höchst gefährlich und geradezu selbstmörderisch gewesen.

Auch sonst mag sich eigentlich niemand an dieses Ereignis oder an pädophile Verhaltensweisen von Foucault erinnern. Ausser einer ehemaligen Lebensgefährtin von Sorman, der es plötzlich auch wieder eingefallen sei.

Es ist ein Leichtes, selbst für philosophische Leichtmatrosen wie Tobler, damalige Manifeste heranzuziehen, die sich für eine Entkriminalisierung sexueller Praktiken, beispielsweise, aber nicht nur, von Homosexuellen einsetzten. Das war damals Zeitgeist, zusammen mit der Stundentenrevolte 1968 ging der Ruf nach sexueller Befreiung, Enttabuisierung. Nicht nur in Frankreich, auch die deutschen Grünen veröffentlichten noch Jahre später Positionen zur «Befreiung» sexueller Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern, solange diese «im gegenseitigen Einverständnis» stattfinden sollten.

Selbst der grosse Pädagoge Jürg JeggeDummheit ist lernbar») wurde Jahrzehnte später von damaligen Handlungen eingeholt und damit in seiner Reputation schwer beschädigt, obwohl er sich offen erklärte und keinesfalls Fehlverhalten bestreiten oder beschönigen wollte.

Nun also Foucault. Der Rundruf von Tobler bei Foucault-Kennern, ein Gespräch mit Foucaults Lebensgefährten, ergibt keine brauchbaren zusätzlichen Indizien. Der Verursacher der ganzen Aufregung weigert sich, weitere Belege anzuführen, zum Beispiel eine Kopie des damaligen Einreisevisums in seinem Pass.

Typischer Fall einer Null-Story

Als Tamedia noch Wert auf Qualität legte, wäre das ein typischer Fall einer zu Tode recherchierten Geschichte gewesen. War nix, aber war den Versuch wert, macht nix. Das geht heutzutage natürlich nicht mehr, also muss Tobler über 13’000 Anschläge absondern, als hätte er den Auftrag gefasst, für die «Republik» ein ganz kurzes Stück zu schreiben.

Im Wesentlichen darüber, dass da nichts ist. Das erinnert an die vernichtende und völlig richtige Kritik meines Freundes Hugo Loetscher an einer meiner ersten Reportagen über Kuba. «Nimm’s mir nicht übel», sagte er, «aber das liest sich wie eine Beschreibung, wie jemand nicht an irgendwas rangekommen ist und sich furchtbar darüber beklagt.»

Ich war einen Moment tief beleidigt, musste ihm aber uneingeschränkt Recht geben. Gut, dass er mich davor bewahrte, mich öffentlich lächerlich zu machen. Aber solche Skrupel hat Tobler schon lange nicht mehr.

Nur fällt selbst ihm auf, dass er versuchen muss, eine Begründung für diesen Sermon von «da ist wohl nichts» zu geben. Aber woher nehmen, und nicht stehlen?

Man merkt den abschliessenden Zeilen überdeutlich an, dass sie nach ausführlichem Kopfkratzen und einem länger anhaltenden Schreibstau entstanden sind. «Man» (wer ist man?) halte es «doch für ratsam, Foucaults Theorien mit der Möglichkeit eines Missbrauchs zu konfrontieren – also auszutesten, ob diese Texte nicht etwas zuarbeiten, was abzulehnen wäre.

Und Foucaults Theorien allenfalls zu modifizieren, sowie durch eine Ethik zu ergänzen, an der Foucault in seinen letzten Lebensjahren zu arbeiten begann».

Man kann Foucault nur wünschen, dass ihm diese Leichenfledderei an seinem philosophischen Monument erspart bleibt. Seine Theorien «modifizieren»? Durch Tobler? Himmel, alle Postrukturalisten der Welt, alle, die Kant von Hegel unterscheiden können: eilt Foucault zu Hilfe, beschützt ihn. Das hat er wirklich nicht verdient.

 

Blumers blümerante Beziehungen, Teil 4

Wieso blieb Tamedia bei dieser klaren Faktenlage pickelhart beim Njet zu einer Richtigstellung?

Hier geht’s zu Teil 1, hier zu Teil 2, hier zu Teil 3. Hier zu 14 Falschaussagen, hier zur Time Line.

Auf den ersten Blick erscheint es völlig unverständlich, wieso Tamedia nicht den Wunsch nach Richtigstellung akzeptierte. Als schon vor Erscheinen des Artikels klar wurde, dass der Ex-Mann der im Artikel gröblich verleumdeten Mutter cholerisch ist, ein Gewaltproblem hat und weder jemals Schuld bei sich sehen kann, noch Niederlagen akzeptieren. Als von der Betroffenen sachlich eine ganze Latte von 14 falschen Tatsachenaussagen mit Belegen nachgewiesen wurden.

Als die Mutter darauf hinwies, dass angesichts ihrer Stellung und der Bekanntmachung durch ihren Ex-Mann, um wen es sich bei diesem Ehepaar handle, nicht nur ein Reputationsschaden, sondern auch berufliche Nachteile entstehen könnten. Spätestens in diesem Moment hätten die Alarmsirenen aufheulen müssen. Dass Claudia Blumer den Kontakt abbrach, wohlan. Dass sich Arthur Rutishauser hinter seine Journalistin stellt? Okay.

Wer dreht wo und warum an welchem Rad?

Keine Verschwörungstheorie, nur eine Liste von Merkwürdigkeiten

Nun gibt es aber eine ganze Reihe von Merkwürdigkeiten. Auf persoenlich.com erscheint ein Bericht über diesen Fall, der auch die Einwände der Mutter korrekt wiedergibt. Darauf reagieren einige Kommentarschreiber eher unwirsch gegenüber Tamedia. Bis diese Kritiken von Verleger Matthias Ackeret gelöscht wurden. Auf Nachfrage räumte er ein, dass das wohl ein Fehler war, aber Arthur Rutishauser habe ihn persönlich darum gebeten.

Auch Ackeret reagierte nicht auf entsprechende Fragen.

Nachdem die Betroffene auf Granit beisst, versuchen Familienangehörige, auf anderen Wegen eine Korrektur dieses Verleumdungsartikels zu erreichen. Sie wenden sich sogar an den Big Boss von Tamedia, an Pietro Supino. Der antwortet zwar mailwendend, obwohl er sich gerade in den Ferien entspannte. Allerdings meint er genauso entspannt, dass er hier kein Problem und allfälligen rechtlichen Schritten gelassen entgegen sehe.

Ignaz Staub, der Ombudsmann von Tamedia, kommt in einer ellenlangen und verschwurbelten Antwort auf die Beschwerde zum Ergebnis, dass er persönlich natürlich die Vorkommnisse bedaure, aber  kein Fehlverhalten seitens Tamedia erkennen könne.

Er führt tatsächlich als Argument an, dass sich die Mutter als Quelle für einen Artikel in der «Schaffhauser AZ» doch auch aus der Anonymität begeben habe, weshalb ihre Vorwürfe gegen den Ex-Mann nun nicht gerade nachvollziehbar seien.

Aktion, Reaktion, solche Grundbegriffe scheinen Staub dabei völlig unerheblich zu sein.

Ein Bild von einem Ehemann

Aus vielen Indizien lässt sich ein Bild des Ex-Ehemanns herstellen. Er ist offenkundig aufbrausend, beratungsresistent und unbelehrbar. Mit all seinen Anzeigen und Strafanzeigen, die er bis zum Bundesgericht weiterführte, ist er ausnahmslos gescheitert.

Obwohl er, wie eine Mitbetroffene richtig sagt, «ausser dem Familienhund alle und alles anzeigte». Ohne jemals auch nur einen einzigen Erfolg vor Gericht zu erzielen. Diese Niederlagen sieht der Ex-Ehemann aber dadurch erklärt, dass es in Schaffhausen eine Verschwörung gegen ihn gebe, in die die ganze Schaffhauser «SP Sauband» verwickelt sei.

Es musste ihm mehrfach gerichtlich untersagt werden, die Kesb-Präsidentin öffentlich zu verleumden. Er sieht sich als Opfer dieser Machenschaften, völlig schuldlos an der Entfremdung von seinen Kindern, die ihm von der rachsüchtigen Mutter, unter Beihilfe von Staatsorganen, weggenommen worden seien. Alles, was nicht dieser Ansicht entspricht, blendet er aus, bis hin zu mit Strafbefehl erledigten Verurteilungen.

Auch seine Gewalttätigkeit gegenüber seiner Ex-Frau, sein Stalking, seine Gewalt gegen Beamte, das sei alles Teil einer Verschwörung gegen ihn.

Der Mann hat also ein gröberes Problem. Aber wieso nimmt ihn Blumer als Kronzeugen für einen Artikel, der das Thema «wie entfremden Frauen aus Rache gemeinsame Kinder vom geschiedenen Vater» beleuchten sollte?

Eine bislang unbewiesene, aber logische Hypothese

Bindella – und das Leben ist schön.

Wieso gibt sich Tamedia so eisenhart, bzw. schmallippig, wenn es um diesen Fall geht? Sicher, aussitzen, am ausgestreckten Arm verhungern lassen, irgendwann ist’s dann mal gut, kann man probieren. Allerdings laufen noch diverse Strafverfahren in diesem Fall, beerdigt ist er noch lange nicht.

Eine mögliche Erklärung für die Reaktion Supinos, von Rutishauser und auch von Blumer hat einen Namen. Rudi Bindella Senior. Er gehört unbestreitbar zu den bedeutenderen Inserenten von Tamedia; Restaurants, Weinhandlungen, usw. Natürlich laufen Anpreisungen von Lokalen zurzeit eher auf Sparflamme, aber das kann ja nicht ewig so bleiben.

Dann gibt es noch einen weiteren Berührungspunkt zwischen diesem Verleumdungsartikel von Blumer und Bindella Senior. Der wandelte vor einigen Jahren schon mal auf Freiersfüssen, liess sich von seiner langjährigen Gattin scheiden und ehelichte eine ein paar Jahre jüngere Dame.

Diese Ehe war aber nicht von ewiger Liebe geprägt, obwohl man sich gemeinsam fortpflanzte. Seit vielen Jahren befinden sich Bindella und seine inzwischen Ex-Gattin in einer noch nicht beendeten güterrechtlichen Auseinandersetzung. Auf Deutsch: wie viel Geld kriegt die Dame.

Angesichts seines Alters entschied das Bundesgericht ausnahmsweise, dass die Ehe geschieden wird, obwohl das Finanzielle noch nicht geregelt ist. Um wie viel Geld es da geht, beleuchtete ein Prozess um die laufenden Unterhaltszahlungen, die Bindella schon seit vielen Jahren abdrückt. Es handelt sich um 45’000 Franken. Pro Monat, wohlverstanden.

Zudem beklagt sich Bindella darüber, dass ihm seine Ex-Gattin die gemeinsame Tochter entfremdet habe, was ihn als liebenden Vater natürlich ungemein schmerze. Womit der Bogen zum Blumer-Artikel geschlagen wäre.

Menschlich verständliche Reaktionen

In dieser Konstellation ist es verständlich, dass vielleicht Bindella Senior selbst, sicherlich aber seine Familie und in erster Linie seine Kinder strikt dagegen sind, dass Papa nochmal eine Ehe mit einer etwas jüngeren Frau eingeht. Während Blumer, menschlich verständlich, zum möglichst weit in der Zukunft liegenden, aber unvermeidlichen Moment lieber als trauernde Witwe am Grab stehen möchte, und nicht als trauernde Ex-Geliebte. Das sind natürlich alles reine Spekulationen. Im Moment.

Was hat das alles mit dem schon längst beigelegten, abgeurteilten und beendeten Streit um das Besuchsrecht in Schaffhausen zu tun? Eigentlich nichts. Ausser, dass Blumer eine abgrundtief schlechte Journalistin ist.

Hat bislang alles überlebt, diese Schande einer Reportage.

Sie wird nicht müde, selbst ein rotes Tuch der Frauenbewegung wie Esther Vilar dafür zu loben, dass die eben darauf bestanden habe, dass Frauen die Ehe nicht als lebenslängliche Versorgungsanstalt betrachten sollten. Sondern selbst etwas auf die Beine stellen. «Entlastung des Mannes von der Ernährerlast, gleiche Chancen für Frauen im Berufsleben», kommentierte Blumer am 31. März. Sie begrüsste auch – zum Befremden ihrer Geschlechtsgenossinnen – das jüngste Urteil des Bundesgerichts, das klarstellte, dass nach einer Scheidung die Ex-Gattin nicht mehr lebenslang durchgefüttert werden müsse. Das dürfte Balsam für die Ohren von Bindella Senior sein, denn auch für einen Multimillionär sind 45’000 Franken im Monat kein Pappenstiel.

Bislang ist es den beiden B. gelungen, diese unglaubliche Mediengeschichte in mehreren Akten mehr oder minder unter dem Deckel zu halten.

Lesen Sie morgen exklusiv die Zusatzstory, bei der es ZACKBUM macht.
Die Enthüllung. Die holt jede Oma aus dem Koma. Garantiert.

Die Meinung ist frei

Und sie darf auch frei geäussert werden. Eine Zensur findet nicht statt, heisst es markig in der Bundesverfassung. Über Bezahlung steht da nichts.

Nehmen wir einen heutzutage völlig normalen Vorgang. Ein gewisser Michael Hermann führt eine Kolumne im «Tages-Anzeiger», somit im ganzen Tamedia-Kopfblattimperium. Damit kann er ungefähr die Hälfte aller Deutschschweizer Tageszeitungsleser beschallen.

Seine Meinung ist frei und klar: «Die Kritik an der Impfstoffstrategie von Bundesrat und BAG ist billig». In seiner Kolumne kritisiert Hermann alle, die es im Nachhinein besser wissen wollen, die mit dem Vorteil der Perspektive von heute ungerecht damalige Entscheidungen kritisieren: «Ohne Fehlertoleranz jedoch werden wir an Krisen wie diesen nicht wachsen.»

Unbezahlte Meinung hinter Bezahlschranke.

Das ist sicher ein wahrer Satz. Vielleicht hätte es dem unschuldigen Leser des Qualitätsjournalismus aus dem Hause Tamedia geholfen, wenn auch bei Kommentatoren gewisse Interessensbindungen offengelegt würden. Das schränkt ja die Meinungsfreiheit keinesfalls ein, hilft aber dem Empfänger bei der Einordnung der Meinung.

Michael Hermann, der Nachfolger des Mannes mit der Fliege, ist nämlich in erster Linie Geschäftsführer der «Forschungsstelle Sotomo». Die widmet sich den Themen «Meinungsforschung, Politikstudien und -evaluation» und anderen Untersuchungen.

Ohne billige Kritik geht’s wieder bergauf.

Auch das ist nichts Ehrenrühriges, denn auch Hermann muss ja schauen, dass der Schornstein raucht. Mit seinen politischen Spinnenprofilen und politischen Landkarten gehört der Politikwissenschaftler zum festen Personal der «Fachleute», die in Funk, Fernsehen und auch im Print gerne herbeigezogen werden.

Vor allem von privaten Medienhäusern, bei denen die «Expertenmeinung» häufig den Höhepunkt der Recherche darstellt, die sonst per copy/paste, skype und Google durchgeführt wird.

Was dem einen sein Uhl, ist dem anderen seine Nachtigall

Stellen wir eine hypothetische Frage. Was würde Tamedia wohl dazu sagen, wenn in der «Weltwoche» eine Verteidigungsschrift zum Risk Management der CS erschiene? Und sich herausstellen würde, dass der Autor zu den Lieferanten oder Mandatsträgern der CS gehörte? Ohne dass das dem Leser offengelegt würde? Genau, ein Riesengebrüll würde Tamedia erheben, vom Ende der journalistischen Sitten, gekauften Meinungen, von Leserbeschiss wäre die Rede.

Von Doppelspiel, Unredlichkeit und was einem sonst noch so an Beleidigungen einfällt. Womit Tamedia allerdings völlig recht hätte. Es ist im Fall Hermann allerdings so, dass auch die Credit Suisse zu seinen Auftraggebern gehört. Macht ja nix, darüber schreibt er nicht.

Zu seinen regelmässigen Auftraggebern gehören auch Ämter, die SRG, die Bundesverwaltung und – das BAG. Hermann nimmt hier also eine Behörde in Schutz, auf deren Honorarliste er oder seine Firma steht. Hermann äussert sich hier also positiv zu den Leistungen von Behörden und des Bundesrats, wobei staatliche oder halbstaatliche Institutionen den Grossteil seiner ausgewiesenen Brötchengeber ausmachen.

Immerhin zeigt er auf seiner Webseite Transparenz und führt stolz eine ganze Liste von aktuellen und vergangenen Projekten auf; jeweils mit Thema und Auftraggeber. Das diese Dienstleistungen, inklusive Meinungsumfragen, weder gratis erbracht werden, noch sehr billig sind, versteht sich von selbst.

Auszug aus der Kundenliste.

Wir wollen Hermann auch keinesfalls unterstellen, dass er eine Mietmeinung sei, so wie der Bankenprofessor Peter V. Kunz, bei dem man ein «Gutachten» bestellen kann, das nötige Kleingeld vorausgesetzt.

Wir wollen aber diese mangelnde Transparenz im Hause Tamedia mit angeblich eisernen Regeln und Transparenz, der Basis für das Vertrauen, das der Leser seinen Produkten entgegenbringen soll, scharf kritisieren.

Hermann nimmt Stellung, Tamedia nicht

Hermann nimmt die Möglichkeit wahr, Stellung zu beziehen: «Ich finde Ihre Fragen bezüglich meiner Aufträge durchaus legitim.» Psychologisch geschickter Einstieg;

«wenn der Massstab wäre, alle Akteure in meiner Kolumne zu deklarieren, bei denen ich  schon Aufträge hatte, müsste ich dies bei praktisch jeder tun».

Hier lässt er etwas nach, denn: warum nicht? Aber schon kommt er wieder hinten hoch: «Gerade die Tatsache, dass wir ein so breites Kundenfeld haben, führt zugleich dazu, dass wir gegenüber keinem Kunden in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen.»

Zudem sei das Hauptgeschäft Meinungsumfragen, keine strategische Beratung, zu der er sich in seiner Kolumne äussere. Immerhin, netter Versuch.

Tamedia hingegen ignorierte eine gleichlautende Anfrage; Arthur Rutishauser beauftragte nicht einmal die Medienstelle, per copy/paste zu schreiben: Diese Vorwürfe sind falsch.

Wieso überrascht das nicht?

 

 

 

 

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