Pausenzeichen!

Wir machen, was alle machen. Pause. Ferien. Nach einem Jahr des Wirkens. Was die einen hoffen, die anderen fürchten: wir kommen wieder.

  • Ab 2. August herrschen wieder Kontrolle, Kritik und Kommentar in der Medienwelt.
  • Dann ist ZACKBUM wieder da und schreitet frohgemut ins zweite Jahr seiner Existenz.

Vorliegende Dokumente

Früher einmal Qualitätsmerkmal, heute immer häufiger Symbol für Schmierenjournalismus.

Die Fichen-Affäre oder die Beschattungsorgie bei der Credit Suisse in der Schweiz. «Neue Heimat» oder die Parteispendenaffäre in Deutschland. Das waren hart recherchierte Skandalstorys. Das Zusammensetzen eines Puzzles aus Informationen, so oder so beschafften Dokumenten, Spuren und detektivischem Gespür.

Die Hitler-Tagebücher hingegen waren im deutschen Sprachraum das erste grosse Beispiel, wohin es führen kann, wenn man zugehaltenem und sogar gekauftem Material zu blindlings vertraut.

Im Armutsjournalismus von heute ist’s ähnlich. Zum einen gibt’s grosse Kracher, wie sie noch nie zuvor gezündet wurden. Hunderte von Journalisten in Dutzenden von Ländern weiden Datengebirge aus, die ihnen von unbekannter Quelle zugesteckt wurden. Ohne Kenntnis der Motive, der Hintergründe, einer möglichen Vorselektion der Daten.

Denn immer geht es um Steuerhinterziehung. Blutgeld. Kriminelle Gewinne, Diktatorengelder, schmutziges Geld, zumindest Vermögen, die von geldgierigen und verantwortungslosen reichen Säcken auf meistens kleinen Inseln parkiert werden. In Tarnkonstruktionen, die ihnen von willfährigen Helfern gebastelt werden.

Gute Aufmachung, schwacher Inhalt.

So die Mär, die grossartige Ankündigung. Die Wirklichkeit sieht dann immer viel prosaischer aus. Eher kläglich sogar. Von den Hunderttausenden von Konstrukten fallen gerade mal ein paar Dutzend auf, in den wenigsten Fällen werden Straffverfahren eingeleitet, in noch wenigeren kommt es zu einer Verurteilung.

Der Flurschaden ist aber immens; unbescholtene Personen kommen kurzzeitig ins Visier der selbsternannten Ankläger, Rächer und Richter, werden namentlich ans Kreuz genagelt. Und dann klammheimlich wieder abgenommen, war leider nix, alles Verdachts- und Vermutungsjournalismus.

Die grössten Verbrecherstaaten bleiben unbehelligt

Aber immer basierend auf Dokumenten, Daten, Kontoauszügen, Verträgen. Auf Hehlerware, aber was soll’s, wenn’s der vermeintlich guten Sache dient. Der Transparenz. Dem Kampf gegen Steuerhinterziehung. Geldwäsche. Ironischerweise wird dabei immer übersehen, dass die grössten Geldwaschmaschinen der Welt, die grössten Oasen für Steuerhinterzieher in Ländern liegen, die nie in all diesen Leaks und Papers vorkommen. Nämlich zuerst in den USA, dann in Grossbritannien, gefolgt von Deutschland, dem Geldwäscherparadies. Oder von Luxemburg und Irland, den idealen Staaten für legale Steuervermeidung.

Aber das sind die grossen Dinger. Richtig unappetitlich wird’s im Kleinen. Geschäftliche Auseinandersetzungen, private Fehden, ja sogar Beziehungsknatsch – immer findet sich ein Organ, das willig ist, angefütterte Informationen auszuschlachten. Der Primeur, die Exklusiv-Story, da gerät man gerne in Schnappatmung und wirft alle journalistischen Grundsätze über Bord.

Moderner Anfütter-Journalismus.

Der Erste sein, da bricht die publizistische Leiter nach unten von CH Media schon mal gerichtliche Sperrfristen, um zuerst – und falsch – einen Triumph seiner Schutzbefohlenen Jolanda Spiess-Hegglin zu vermelden. Da stützt sich ein Oberchefredaktor auf schlüpfrige Fotos, die ein triebgesteuerter Stadtammann in seinen Amtsräumen von seinem Gemächt machte – und sich nicht entblödete, sie auch zu verschicken.

Da berichtet ein anderer Chefredaktor detailliert über Spesenabrechnungen eines gefallenen Banken-Stars im Rotlichtmilieu – oder über die Kosten, die die Renovation einer Hotelsuite verursachte, wo es wegen unfähiger Terminplanung zu Handgreiflichkeiten zwischen zwei käuflichen Damen kam.

Es geht noch toxischer

Immer, wenn man denkt, tiefer geht’s nicht, treten die Medien den Beweis an: doch. Jüngstes Beispiel ist eine fatale Affäre, die ein Banker in Führungspositionen hatte. Seine verschmähte Geliebte sinnt auf Rache, will sich öffentlich – nur unzureichend verkleidet in einer fiktiven Story – an ihm rächen, diesem «toxic leader», einem Psychopathen, Narzissten, Manipulator, mit «vielen Leichen im Keller».

Er lässt das verbieten, darauf macht sie das, was heutzutage eigentlich immer funktioniert: sie wendet sich an eine Zeitung. In diesem Fall an den SoBli, der sofort eine scharfe Story wittert. Eine Aussprache mit dem betroffenen Banker bringt nichts, er benützt wieder das Mittel einer superprovisorischen Verfügung.

Von einem anonymen Mail-Accout, dessen Besitzer nicht zu eruieren ist, kommt die Story doch in Umlauf. Das Manuskript mitsamt Belegen und Beilagen dürfte zu diesem Zeitpunkt nur dem Autor und der Chefetage des «SonntagsBlick»  bekannt gewesen sein. Und wohl der Betroffenen selbst, wie das im heutigen Elendsjournalismus nicht selten der Fall ist.

Auch dieser Versuch, via Medien den Bankboss zu Fall zu bringen, scheitert. Aber wenn die Medien willig sind … Diesmal kommt Tamedia zum Handkuss. Dem Oberchefredaktor wird eine Strafanzeige zugehalten, aufgrund derer sich der Bankboss vor dreieinhalb Jahren einer Indiskretion schuldig gemacht habe. Er soll – auf Aufforderung und Bitte – ein internes Papier an seine Geliebte ausgehändigt haben. Möglicherweise mit börsenrelevanten Informationen, wie er in seinem Liebesrausch damals selber eingestand.

Es liegt vor – Geschwurbel für «zugesteckt bekommen»

Höchstwahrscheinlich aber nicht, denn vielleicht wollte er sich nur etwas aufplustern. Damit genug? Damit nicht genug. «Dieser Zeitung liegt sowohl die Klage Lachappelles vor als auch die Klageantwort seiner Ex-Partnerin.» Schreibt CH Media. Schon das entspricht nicht der Wahrheit. Das liegt nicht vor, das wurde ihnen zugesteckt. Einmal darf der intelligente Leser raten, von wem.

Den Justizbehörden? Wohl kaum. Von Lachappelle? Wohl kaum. Behändigte Pascal Hollenstein das Papier höchstselbst, indem er ins Archiv der zuständigen Staatsanwaltschaft einbrach? Wohl kaum. Steht in diesen Papieren irgend etwas, was

  1. erhellende neue Erkenntnisse bringt?
  2. für die Öffentlichkeit von Interesse ist?

Ob sich Lachappelle mit seiner Kurzzeitflamme in der Öffentlichkeit sehen liess oder nicht? Ob er sich von seiner Frau trennte, und wenn ja, wie lange, oder nicht? Dann setzt Hollenstein – unterstützt von einem Redaktor – zur Rechtsbelehrung an: «Denn nur, wenn andere «Joe» mit Guy Lachappelle identifizieren konnten, könnten die Schilderungen auch ehrverletzend sein.» «Joe» nennt die verschmähte Geliebte die Figur, in der sich Lachappelle wiedererkannte und deren Darstellung er als ehrverletzend ansieht. Was bislang vom Gericht auch so gesehen wird.

Nach der Rechthaberei durch den Laien kommt’s noch knüppeldick:

«Was ist wahr an dieser Beziehungsgeschichte, die Guy Lachappelle vor den nationalen Medien am Donnerstag ausgebreitet hat? Was ist unwahr? Und was lässt sich überhaupt beweisen?»

Falsche Frage. Was interessiert’s? Was geht das Hollenstein an? Oder die Öffentlichkeit?

Zuerst Intimes ausbreiten, dann darüber den Kopf schütteln

«Fest steht: Die Basler Justiz wird sich aufgrund einer Strafanzeige mit sehr Persönlichem befassen müssen, das nicht an die Öffentlichkeit gehört.»

Vor einer solchen Aussage würde Tartuffe, würden alle schmierigen Gestalten von Heuchlern in der Kunst vor Neid erblassen. Zuerst wird’s von CH Media an die Öffentlichkeit gezerrt, dann wird das beklagt.

Blick in einen modernen Newsroom.

Wenn die publizistische Leiter nach unten ihrem Übernamen schon alle Ehre macht, kommt natürlich noch hinzu: Erwähnung, dass für alle Beteiligte die Unschuldsvermutung gilt, bislang nicht mal ein Strafverfahren gegen Lachappelle eingeleitet ist? Ach was, gehörte zwar zur Minimalanforderung eines den primitivsten Regeln des Journalismus entsprechenden Artikels. Aber doch nicht bei Hollenstein.

Bekam der so durch den Dreck Gezogene wenigstens die Möglichkeit zur Stellungnahme? Ach was, könnte doch nur stören. Wenn ein blutiger Anfänger einen Artikel mit diesen beiden Defekten einreichen würde, er würde vom Hof gejagt. Aber der Hofherr kann sich solche Schlampereien erlauben.

Blick ins Archiv einer modernen Redaktion.

Über all diese «Widersprüche» habe Lachappelle in seiner PK nichts gesagt, schmiert Hollenstein unheilschwanger aufs Papier. Hätte er, was selbst dem nicht zimperlichen Tagi einfiel, nachgefragt, hätte er die gleiche Antwort bekommen: zu dieser Strafanzeige konnte Lachappelle nichts sagen, weil sie ihm nicht vorliegt.

Anstatt juristische Ratschläge zu erteilen, könnte sich Hollenstein mal mit dem Ablauf nach dem Einreichen einer Strafanzeige vertraut machen. Aber wozu auch. «Vorliegende Dokumente» erlauben es, alle journalistischen Ansprüche fahren zu lassen. Einseitig, unqualifiziert und nur aufgrund unbewiesener Behauptungen einen Artikel zu basteln, den als einäugig zu bezeichnen noch ein Euphemismus wäre.

Der Fisch stinkt vom Kopf, heisst es richtig. Lachappelle hat die Konsequenzen gezogen. Ist Hollenstein auch dafür zu feige?

Neues aus dem Brutkasten der Demagogie

Wir hätten die «Medienwoche» schon fast abgeschrieben: Kinderkrams-Postille. Wir denken um.

Denn gerade blubberte Marko Kovic, aber gewaltig. Auf 18’500 Anschlägen rechnet er mit dem sich gerade formierenden «intellectual dark web» (IDW) auf Deutsch ab. Also mit der dunklen, rechten Seite des Denkens, also des Falschdenkens.

Dunkler jüdischer Geist: Henryk Broder.

Hier träten Exponenten auf, die zwei Dinge einen. Sie  wollten «über den Dingen stehen und all die Probleme ansprechen, die im «Mainstream»-Diskurs vermeintlich zu kurz kommen». Als ob das nicht schon schlimm genug wäre; die Mitglieder dieser «Gegenöffentlichkeit» sind voll bescheuert:

«Die wissenschaftliche Sicht auf die Gefahren von Covid-19 und auf die Wirksamkeit von Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie lehnen sie ab. Stattdessen proklamieren sie, die wahre Wahrheit zu kennen

Da irren sie aber gewaltig, denn natürlich kennt die nur Kovic himself, logo. Aber wer oder was gehört denn zu diesem deutschen IDW? Hier wird’s enttarnt: «Personen wie Milosz Matuschek, Gunnar Kaiser, Roger Köppel, Milena Preradovic, Tamara Wernli, Daniel Stricker, Henryk Broder und Plattformen wie «Die Achse des Guten», der «Nebelspalter», «Die Weltwoche», der «Schweizer Monat» bilden prominente Knotenpunkte im deutschsprachigen IDW.»

Furchtlos steigt Kovic ins Grauen hinab.

«Quasi-journalistische Meinungspublikationen bis hin zur NZZ»

Da werde eine «Echokammer der Gleichdenkenden» bespasst, echot Kovic den gleichen Vorwurf, der zwischen allen Gesinnungsgruppen hin und her geworfen wird. Zudem beklagten sich diese Exponenten des deutschsprachigen IDW darüber, dass im Rahmen einer Cancel Culture sie nicht oder nur ungenügend zu Worte kämen. Völliger Quatsch, meint Kovic, die bespielen doch die gleichen Plattformen wie er, beziehungsweise haben ihre eigenen Spielplätze: «Von «alternativen» Kanälen wie YouTube und Podcasts über quasi-journalistische Meinungspublikationen wie die «Weltwoche» oder den «Schweizer Monat» bis hin zur Neuen Zürcher Zeitung.»

Senden aus der eigenen Echokammer.

Quasi journalistische Meinungspublikation NZZ? Spätestens hier muss man sich um die Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Wahrnehmung durch Kovic ernsthaft Sorgen machen. Denn er geht den Weg nach Absurdistan unbeirrt weiter. Vor allem im Zusammenhang mit der Corona-Debatte sei bei diesen Irrläufern (meint der Irrläufer) ein weiteres Problem zu beobachten: «Eine nüchterne, ergebnisoffene und breite Auseinandersetzung mit der verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz» fehle «immer». Denn «einzelne «Expertenmeinungen» wie jene der prominenten wissenschaftlichen Corona-Querdenker Beda Stadler, Wolfgang Wodarg oder Suchard Bhakdi» zählten mehr «als umfassende, systematische wissenschaftliche Übersichtsarbeiten». Die diesen «Querdenkern» natürlich allesamt unbekannt sind, sonst würden sie ja nicht quer denken, die Armen.

Kovic hingegen hat den unbestechlichen Röntgenblick:

«Unter der gekünstelten Rationalitäts-Patina verbirgt sich nämlich nicht nur eine eigentliche, oft mit Sarkasmus und Häme zelebrierte Irrationalität, sondern auch eine konservativ-reaktionäre Weltsicht.»

Könnte auch aus dem «Nebelspalter» stammen:
Kovic auf seiner Webseite (Screenshot).

Das wäre ja nun soweit eine lässliche Sünde, über die sich Kovic in seiner Echokammer zwar gewaltig aufregen darf, aber noch nicht richtig gesellschaftsgefährdend. Oder eben doch:

«Die selbsterklärten Retter:innen des rationalen Diskurses sind in Tat und Wahrheit dessen Totengräber:innen.»

Zunächst ist Kovic ein Totengräber des korrekten Gebrauchs der deutschen Sprache. Dann ist er Totengräber logischer Grundprinzipien und Regeln eines sinnvollen Diskurses: These, dann Begründung oder Herleitung. Behauptung, begründungslos oder mit absurder Unterfütterung, das ist reine Demagogie.

Kovic weiss, wer zur dunklen Seite der Macht wechselt.

Sinnlos, zwecklos, hirnlos, intellektuell anspruchslos, aber in «Republik»-Länge. Kovic will diese Stimmen einer Gruppe zuordnen, diese Gruppe in eine gemeinsame Geisteshaltung pressen, die lächerlich machen und denunzieren. In «quasi-journalistischen» Organen äusserten die unwissenschaftlichen Stuss und beschwerten sich öffentlich darüber, dass man sie öffentlich nicht genügend wahrnehme. Ein Trottelhaufen, mit anderen Worten. Lächerlich, aber gefährlich.

Der Mann in seiner Meinungsblase, in Denkerpose.

Gemach, lieber Herr Kovic, das eignete sich vielleicht als Selbstdiagnose. Nur: gefährlich, das sind Sie wirklich nicht.

 

 

 

Lachappelle und die Medienwüste

Er geht in die Wüste, die wüsten Medien bleiben. Eine Bilanz der Armseligkeit.

Am Freitag ergibt die Suche nach dem Stichwort Lachappelle 106 Treffer in der SMD. Ohne Duplikate schrumpft das auf 36 zusammen, und dahinter steht: es berichten Tamedia, CH Media, Ringier, NZZ und SRF. Plus ein paar kleine, versprengte Organe.

«Inside Paradeplatz», dann der Einheitsbrei …

Viele, darunter der «Blick», übernehmen einfach die SDA-Meldung; sicher ist sicher. Denn im Vorfeld des Rücktritts des VR-Präsidenten von Raiffeisen setzte er via Anwalt den Schutz seiner Privatsphäre unter Einsatz von superprovisorischen Verfügungen ernsthaft durch.

Die SDA-Meldung, zwei Fotos dazu, fertig ist der kostenpflichtige Inhalt.

Lediglich «Inside Paradeplatz» liess tapfer Berichte über die fatale Liebesaffaire von Lachappelle im Netz. Aber Ringier, die Ex-Geliebte und auch ZACKBUM durften sich zum Fall nicht mehr äussern. Bzw. dürfen rechtlich gesehen auch heute nicht das berichten, was Lachappelle inzwischen selbst eingeräumt hat.

Ein richtiges und vollständiges Desaster

Aber wichtiger ist das gesamte Schlamassel, das sich hier abgespielt hat. Es ist ein Controlling-Desaster bei Raiffeisen. Der Verwaltungsrat dürfte seit August letzten Jahres, als Lachappelle die Veröffentlichung einer Broschüre seiner Ex-Geliebten verbieten liess, über die Affäre informiert sein. Ebenso die staatliche Aufsichtsbehörde Finma. Erkennbare Reaktion? Null.

Spätestens seit dem Beschwerde-Artikel im «SonntagsBlick» von vorletztem Wochenende dürften überall die Alarmsirenen erschallt sein. Äusserlich erkennbare Reaktion? Null. Bei Raiffeisen übernimmt Pascal Gantenbein interimistisch die Führung. Darin hat er Erfahrung, auch nach dem abrupten Abgang des HSG-Professors Rüegg-Stürm (der hatte seinen Abgang mitten in einer Raiffeisen-Krisen-PK verkündet, wobei er den damaligen CEO Gisel mit offenem Mund zurückliess) war er schon mal zwischenzeitlich am Gerät.

Das ist Desaster Nummer eins; die drittgrösste Bank der Schweiz führt sich auf, als sei sie ein Tollhaus-KMU mit lauter Dilettanten am Gerät. Dabei haben diese Versager die Verantwortung für 11’000 Mitarbeiter und für die grösste Hypothekenbank der Schweiz.

Statt still und leise seinen Rücktritt verkünden zu lassen, mutete Lachappelle sich und allen anderen eine tränenerstickte Pressekonferenz zu, auf der er ausführlich sein Leid klagte und seine Sicht der Dinge darstellte – nachdem er das zuvor in jeder Form durch seinen Anwalt verhindern liess. Bei aller menschlichen Tragik: was für ein unheimlich schwacher Abgang. Das ist Desaster Nummer zwei.

Am schlimmsten geht’s aber bei den Medien zu und her

Das grösste Desaster ereignet sich aber medial. Die überlebenden Konzerne, die sich gerade wegen ihrer staatstragende Funktion eine Extra-Milliarde Staats-Subventionen erbettelten, werden immer häufiger zu willfährigen Helfershelfern für Rachefeldzüge. CH Media mit seiner Berichterstattung über einen Badener Stadtammann, dem es gefiel, Fotos seines Gemächts aus den Amtsräumen an seine Geliebte zu schicken. Die damit, nachdem er sie abserviert hatte, an die Öffentlichkeit ging.

Die gebrannten Kindersoldaten von Ringier (Borer-Affäre) wollten sich auch bei Lachappelle weit aus dem Fenster lehnen – und stellten sich dabei so tölpelhaft an, dass sie eine Superprovisorische einfingen. Auch beim Meckern darüber waren sie nicht viel geschickter; der Ringier-Verlag himself musste den «SonntagsBlick» in den Senkel und den Regen stellen. Bereits am Montag entschuldigte sich Ringier für einen am Sonntag erschienen Report über die angeblich fiesen Methoden des Raiffeisen-Bosses; gelöscht, sorry, tun wir nie wieder, ist das Abflussrohr hinuntergespült. Unheimlich motivierend für den SoBli.

Die NZZ hatte seriös die Hintergründe zum Überwachungsskandal bei der Credit Suisse recherchiert, natürlich auch aufgrund von zugesteckten Informationen aus dem Umfeld der Gegner des damaligen CS-CEO.

Schliesslich Tamedia, die Mutter aller angefütterten Organe. Ein Wiederholungstäter in jeder Form. Im Reigen der sogenannten Leaks und Papers – von unbekannter Hand gestohlene Datenbänke von vorher unbescholtenen Firmen auf der ganzen Welt – war Tamedia immer vorne dabei und beteiligte sich am Tanz um angebliche Abgründe, Hintergründe, Riesenschweinereien in der internationalen Finanzwelt. Insbesondere, was das skrupellose, verantwortungslose Verstecken von Vermögenswerten reicher Säcke betrifft. Nur: die gross angeprangerten Fälle mit Schweizer Bezug verröchelten jämmerlich. Der Ruf der Betroffenen war zwar – auch posthum – völlig ruiniert, aber was soll’s man hatte ja nur berichtet.

Eine jahrelange Verfolgung des gleichen Zielobjekts

Geradezu obsessiv muss man aber die Verfolgung einzelner Exponenten von Raiffeisen duirch den Oberchefredaktor Arthur Rutishauser nennen. Nachdem der Finanzblog «Inside Paradeplatz» zuerst – und längere Zeit alleine – über merkwürdige Geldtransfers von Pierin Vincenz berichtet hatte, übernahm dann Tamedia. In der sich über Jahre hinquälenden Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft veröffentlichte Rutishauser ein delikates und strikt vertrauliches Dokument nach dem anderen. Und hielt die Öffentlichkeit über die angeblich demnächst bevorstehende Anklageerhebung auf dem Laufenden.

Um als krönenden Höhepunkt aus der ihm offenbar vollständig vorliegenden, 368 Seiten umfassenden Anklageschrift die saftigsten Stellen über das angebliche Spesengebaren von Vincenz zu zitieren. Zuvor hatte er schon durch die Publikation einer Indiskretion aus dem Privatleben des damaligen CEO dafür gesorgt, dass der, als langjähriger Weggefährte von Vincenz offenbar störend, holterdipolter zurücktreten musste.

Bahn frei für Guy Lachappelle. Dass der zumindest am Rande noch mit der Altlast ASE-Skandal der Basler Kantonalbank verbunden war, was soll’s; niemand ist ganz ohne Fehl und Tadel. Aber, alte Weisheit auch in Hollywood-Schinken, wo Schatten ist, muss auch Licht sein, sonst wird’s zu trübe oder einfach eine Serie noir. Also wurde Lachappelle gelobt, der Aufräumer, energisch, plant die Zukunft, bringt wieder Zug in den Sauhaufen zu St. Gallen.

Nur leise wurde kritisch angemerkt, dass 900’000 Franken für einen Nebenjob schon ziemlich viel Geld ist. Sein Vorgänger, der gerade ins Zielfernrohr von Rutishauser gerückt war, musste sich noch mit etwas mehr als der Hälfte zufrieden geben. Der Oberchefredaktor, wie immer aus internen Unterlagen fröhlich zitierend, warf ihm schwere Versäumnisse vor. Die er mit dem Witzsatz abschloss, dass Rüegg-Stürm nicht Teil der Anklage in Sachen Vincenz sei und daher die Unschuldsvermutung für ihn gelte – wie übrigens für Vincenz auch. Ein echter Schenkelklopfer.

Steigerungen sind immer möglich

Aber die aktuelle Entwicklung schlägt alles Vorherige. Offensichtlich fütterte die rachsüchtige Ex-Geliebte diverse Medien mit dem Inhalt ihrer Strafanzeige gegen Lachappelle. Gegenstand ist ein Mail von ihm, in dem er ihr von seinem privaten Account offenbar auf ihren Wunsch ein völlig belangloses internes Papier zuhielt, das aber, wie er selbst einräumte «potenziell börsenrelevante Infos» enthielt. Was Lachappelle nicht abhielt, im Liebesrausch fortzufahren:

«Aber meine (geschwärzt) bekommt es natürlich. Du bist wunderbar.» Unterzeichnet mit «in grosser Sehnsucht».

Gehört es wirklich zur Berichterstatterpflicht, ein im November 2017 abgeschicktes Mail der öffentlichen Betrachtung – und den Absender der Lächerlichkeit – preiszugeben? Offenbar haben andere Medien, die diese Racheaktion ebenfalls zugestellt bekamen, darauf verzichtet. Damit bleiben mal wieder nur Verlierer auf dem Platz.

Volle Breitseite in Tamedia.

Der nächste gefallene Raiffeisen-Star. Alle Kontroll- und Aufsichtsbehörden, die in diesen Fall verwickelt sind und mal wieder so tun, als ginge sie das nichts an. Die Mitarbeiter von Raiffeisen, die hofften, endlich die Affäre Vincenz hinter sich lassen zu können und mit solchen Themen von ihrer Führungsmannschaft nicht mehr behelligt zu werden. Schliesslich die Justiz, konkreter das Zivilgericht Basel Stadt, das offenbar Superprovisorische am Laufmeter ausstellt.

CH Media, hier das St. Galler «Tagblatt», käut wieder.

Und nicht zuletzt das Publikum, die Leser von sogenannten Qualitätsmedien, die ohne lange Motivforschung skandalisieren, was ihnen zugesteckt wird. Sowohl SoBli wie nun auch Tamedia liessen sich offensichtlich von einer Beteiligten an einer fatalen Affäre instrumentalisieren. So wie es schon Claudia Blumer in ihrem fatal falschen Bericht über einen hässlichen Sorgerechtsstreit widerfuhr.

Dass der von Rutishauser durch alle Böden verteidigt wurde, Tamedia sich bis heute weigert, wenigstens eine sachliche Richtigstellung zu publizieren, macht das Vorgehen im Fall Lachappelle notorisch. Und lässt den Konsumenten mit der immer drängenderen Frage zurück, wieso er dafür eigentlich noch etwas bezahlen soll.

Die NZZ erinnert sich an einen Filmtitel.

Nachdem CH Media bislang zur ganzen Affäre geschwiegen hat, gelüstete es offenbar die journalistische Leiter nach unten, sich auch einzumischen. Unter anderem im Qualitätsmedium «watson» meldet sich Pascal Hollenstein, zusammen mit Florence Vuichard zum ersten Mal zu Wort.

Wer dreht woran weiter?

Wir begeben uns in die unterste Schublade des Journalismus 

Zunächst erwähnt das Duo, von wem es angefüttert wurde:

«Dieser Zeitung liegt sowohl die Klage Lachappelles vor als auch die Klageantwort seiner Ex-Partnerin.»

Man hat sich also im Sinne der political correctness – nicht umsonst ist Hollenstein ehrenamtlich Lautsprecher für Jolanda Spiess-Hegglin – für die Seite der verschmähten Geliebten entschieden. Nun wird es einen Moment lang eher schmierig:

«Trennung von der Ehefrau, Zusammenzug, öffentliche Auftritte als Paar. Was stimmt? Die Fragen sind persönlich und gehen die Öffentlichkeit im Grunde nichts an. Doch Lachappelle selber war es, der am Donnerstag Intimes an die Öffentlichkeit trug.» Das ist unterste Schublade nach der Devise: Ich sage ja gar nicht, dass mein Nachbar seine Frau schlägt, aber er selbst redet doch drüber.

Aber nur die Einleitung zum neuerlichen Blattschuss, denn nun wird fröhlich weiter Internes und Intimes lustvoll preisgegeben, so heisse es in der Rechtsschrift der Ex-Geliebten:

«Lachappelle selber sei es gewesen, der sich als «Joe » geoutet habe. Zum Beispiel indem er dem Verwaltungsrat des Arbeitgebers seiner Ex-Partnerin ein «diffamierendes Schreiben schickte und vorgab, er selbst sei ‹Joe›». Damit sei der Name Lachappelle erst ins Spiel gekommen.

Es sei Lachappelle selber gewesen, «der quasi die Figur des Joe für sich annektiert hatte und sich völlig unmotiviert gegenüber mehreren Personen in seinem Umfeld dahingehend geäussert» habe, heisst es in der Klageantwort der Ex-Partnerin. Es sei davon auszugehen, dass es Lachappelle darum gegangen sei, seine Ex-Partnerin «insbesondere an ihrem Arbeitsplatz in Misskredit zu bringen und beruflich und privat zu verunglimpfen und finanziell zu schädigen»».

So stelle das der «renommierte Luzerner Medienanwalt Rudolf Mayr von Baldegg in der Klageantwort der Ex-Partnerin ganz anders dar», als Lachappelle an seiner Pressekonferenz behauptet habe.

Wir haben also einen «renommierten Medienanwalt», jede Menge schmutzige Unterwäsche, die von der Ex-Geliebten gewaschen wird, wir haben keine Erklärung, wieso ihr erst nach Jahren in den Sinn kam, ein Mail vom November 2017 zur Grundlage einer Strafanzeige zu machen. Wir haben aber vor allem eines nicht, was Hollenstein ein weiteres Mal als publizistischen Leiter völlig disqualifiziert. Wir haben nicht mal die Erwähnung eines Versuchs, Lachappelle Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben.

Audiatur et altera pars? Hollenstein kann kein Latein

Bekam er die? Reagierte er nicht darauf: Störte sein Reaktion? Das ist nun – unabhängig von «she said, he said» – die allerunterste Schublade im Journalismus. Partei ergreifen, Angefüttertes wiedergeben, aber dem Angegriffenen nicht das Wort erteilen. Selbst Claudia Blumer von Tamedia, ähnlich unterwegs, unternahm zumindest einen untauglichen Versuch, der anderen Seite in ihrem parteiischen und vor Fehlern strotzenden Bericht über einen hässliche Sorgerechtstreit die Gelegenheit zum Beantworten von Fragen zu geben.

Es erhebt sich zum wiederholten Mal die Frage: Wie lange wird der Wanner-Clan, Besitzer von CH Media, dieser Rufschädigung durch einen hochrangigen Mitarbeiter noch zuschauen? Ist wirklich gewollt, dass die wenigen verbleibenden Journalisten diesem Beispiel folgen sollten?

Selbst Tamedia, auch nicht gerade zimperlich im Umgang mit Raiffeisen im Allgemeinen und Lachappelle im Speziellen, erwähnt in ihrem Nachzug-Artikel eine Erklärung, wieso Lachappelle in seiner Pressekonferenz nicht auf diese Vorwürfe einging:

«Uns liegt die Strafanzeige nicht vor», begründet dies Lachappelles Anwalt, Jascha Schneider-Marfels. Darum habe sein Mandant am Donnerstag nichts dazu sagen können.»

Das hätte einiges an heisser Luft aus Hollensteins Schmierenstück rausgelassen, also besser nicht mal nachfragen.

Blattschuss: Lachappelle tritt zurück

Raiffeisen im Elend: Vincenz, Gisel, nun auch Guy Lachappelle. Was ist nur mit dem Führungspersonal dort los? Und mit den Medien?

Eigentlich sah es ganz gut für den VR-Präsidenten der Raiffeisen aus. Der Boss der drittgrössten Bank der Schweiz hatte drohende Schlagzeilen über sich niedergekämpft. Mit der Waffe der superprovisorischen Verfügung.

Guy Lachappelle erklärt seinen Rücktritt.

Damit wird präventiv eine Berichterstattung gerichtlich untersagt, wenn nur so ein «besonders schwerwiegender Schaden» abgewendet werden kann. Gemeint ist damit, dass die Wirkung der Veröffentlichung persönlichkeitsverletzender Aussagen, selbst wenn die nachher zurückgenommen werden müssen, nicht mehr wiedergutzumachen wäre. Selbst eine Gegendarstellung, eine Entschuldigung, eine Richtigstellung kann die Zahnpasta nicht mehr in die Tube zurückdrücken.

Deshalb muss der Betroffene – wenn er einen Richter davon überzeugt – die Möglichkeit haben, das präventiv zu verhindern. Superprovisorisch heisst dabei, dass die Gegenseite, ein Unikum in unserem Rechtsstaat, keine Möglichkeit hat, sich dagegen zu wehren. Das ist einem allfälligen ordentlichen Verfahren vorbehalten, das im Anschluss stattfinden muss.

Auch ZACKBUM ist mit diesem Themenbereich in Kontakt gekommen, mehr dürfen wir dazu nicht sagen. Aber Lachappelle selbst hat in einer gestern eilig anberaumten Pressekonferenz selbst die Insidern längst bekannten Vorkommnisse publik gemacht.

Eine Beziehung mit fatalen Folgen

Laut seiner Darstellung hatte Lachappelle im Jahr 2017 eine aussereheliche Beziehung. Nach deren schnellen Beendigung sei er von seiner Ex-Geliebten verfolgt worden. Die habe dann im August 2020 eine «wissenschaftliche Broschüre» über sogenannte «Toxic Leaders» veröffentlichen wollen, in der er sich als nur leicht verfremdetes Beispiel für ein solches Verhalten wiedererkannt habe. In der Psychologie verbirgt sich hinter diesem Modebegriff die sogenannte dunkle Tetrade, bestehend aus den (subklinischen) Persönlichkeitseigenschaften Narzissmus, Machiavellismus, Psychopathie und Sadismus. Die habe sich in jüngster Forschung als besonders geeignet erwiesen, um sozial unerwünschtes Verhalten vorauszusagen.

Deshalb habe er eine superprovisorische Verfügung dagegen erwirkt. Daraufhin sei seine Ex-Geliebte an den «SonntagsBlick» gelangt, der einen Artikel darüber plante. Auch diesen verhinderte er mit einer weiteren Superprovisorischen. Der SoBli beschwerte sich dann über einen angeblichen Vertrauensbruch, da Lachappelle den Inhalt eines vertraulichen Gesprächs mit dem SoBli als Begründung für seine Superprovisorische verwendet habe. Auch diesen Artikel nahm Ringier mit Ausdruck des Bedauerns wieder zurück.

Als Kollateralschäden gab es weitere Massnahmen gegen die Berichterstattung über diese ganze Affäre. Aber die Ex-Geliebte hatte noch einen weiteren Pfeil im Köcher. Laut NZZ erklärte Lachappelle an der Pressekonferenz:

«Er habe aber selbst einen «riesengrossen Fehler» gemacht, in dem er in seiner Zeit als Chef der Basler Kantonalbank seiner früheren Geliebten auf deren Bitte ein bankinternes Dokument zur digitalen Transformation zugestellt habe. Es sei unklug gewesen, dieses Dokument herauszugeben. Die Frau habe dieses E-Mail an die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt geschickt, verbunden mit einer Strafanzeige. Auch Medien hätten das Mail erhalten.»

Damit wurde für ihn seine Position unhaltbar und er kündigte seinen Rücktritt per Ende Juli von sämtlichen Ämtern an: «Ich habe einen sehr grossen Fehler gemacht und werde ihn bitter bezahlen müssen, aber ich stehe dazu.»

Über den konkreten Fall hinaus ergeben sich einige Fragen allgemeiner Art. Zentral ist die Beurteilung, wo die schützenswerte Privatsphäre einer Person des öffentlichen Interesses aufhört. Eine aussereheliche Beziehung als solche oder jede Form privater Beziehungen ist sicherlich Privatsache.

Privatsphäre von Fall zu Fall

Ausser, es kommen weitere Umstände hinzu. So stolperte der erfolgreiche und ansonsten unbescholtene Raiffeisen-CEO Patrik Gisel über die Unterstellung, er habe mit einer Verwaltungsrätin von Raiffeisen eine intime Beziehung geführt – als sie noch im Amt war. Da sie dann gleichzeitig eine Aufsichtsfunktion über ihn gehabt hätte, wäre das zumindest problematisch gewesen. Obwohl Gisel darauf bestand, dass die Beziehung erst nach dem Rücktritt der Dame begonnen habe, stellte er sein Amt zur Verfügung.

Von all den Verwicklungen und Verquickungen von Privatem und Geschäftlichem bei Pierin Vincenz ganz zu schweigen. Dass es immer wieder Raiffeisen trifft, mag wohl Zufall sein; eine Konstante ist aber unübersehbar.

In allen drei Fällen war es der gleiche Journalist, der mit angefütterten Unterlagen an die Öffentlichkeit ging. Bei Vincenz nicht als Erster, bei Gisel als Einziger und genau im richtigen Moment vor einer GV, wodurch Hektik ausbrach und Gisel den Hut nehmen musste. Und nun bei Lachappelle, der alle vorherigen Publikationsversuche niederkämpfte.

Echt super? Arthur Rutishauser (rechts).

Vor allem bei diesem Fall stellt sich die Frage, mit welchen Mitteln die Bewahrung der Privatsphäre verteidigt werden kann – und mit welcher Begründung in sie eingedrungen werden darf. Dass der Ständerat gerade die Hürde für die Erlangung einer Superprovisorischen niedriger gelegt hat, ist auch reiner Zufall, aber fatal.

Bedenkliche mediale Entwicklungen

Dass in allen drei Fällen die Unschuldsvermutung, die bis zum Vorliegen eines rechtsgültigen Urteils gelten sollte, bis zur völligen Lächerlichkeit vernichtet wurde, ist bedenklich.

Dass es sich bei allen drei Fällen bislang um blosse Anschuldigungen handelt – auch wenn Lachappelle fehlerhaftes Verhalten einräumt, ändert das nichts daran –, die dennoch zu gravierenden Konsequenzen führten, ist beunruhigend.

Dass sich die dünn und dumm gesparten Medien immer williger dazu hergeben, ohne die genauen Motive zu kennen, sich anonym – wie im Fall der Leaks und Papers – oder mit Absender anfüttern zu lassen, ist ihrem Ruf nicht zuträglich.

Gerade in der Grauzone zwischen vertretbarem öffentlichen Interesse an einer mächtigen Persönlichkeit und deren zu schützender Privatsphäre hat sich hier ein Kampffeld aufgetan, bei dem die Medien – Ankläger, Richter und Henker in einer Person – eine üble und anrüchige Rolle spielen. Ob es um den zu Unrecht beschädigten Ruf von Gunter Sachs selig, um die Vernichtung des Lebenswerks eines schweizerisch-angolanischen Geschäftsmanns geht, gegen den sich ebenfalls alle erhobenen Vorwürfe in Luft auflösten – oder um die drei Herren von Raiffeisen: immer wieder ist es der Oberchefredaktor von Tamedia, der seine Finger in der Affäre drin hat. Ebenfalls ein Fall von mangelnder Compliance, von fehlender Kontrolle.

Fassungslos III

FASSUNGSLOS. Lesen, staunen, verzweifeln. Das sind die drei Stufen auf dem Weg zur Medienenthaltsamkeit.

 

Giacobbo, übernehmen Sie!

Man kann nicht einfach den Job als Sprachpolizist hinschmeissen. Denn wenn der Humor geht, muss der Ernst bleiben. Nachdem Spassbremse Viktor den «Blick» bereits gemassregelt hat, dass die Verwendung des Wortes «Sternchen» eigentlich nur für die Bezeichnung beim Gendern erlaubt ist, muss die Frage gestellt werden: Wieso bleibt er hier stumm?

Weisse Schrift auf dunklem Hintergrund …

In Deutschland wird bereits das Wort «schwarzfahren» nicht mehr verwendet, die Swiss will auch in der Luft Transgender und Non-Binäre durch die diskriminierende Anrede «Damen und Herren» nicht länger exkludieren. Und nun das.

Es muss klar denunziert werden: Schwarzgeld ist rassistisch. Weissgeld natürlich auch. Und wieso gibt es dann kein Gelbgeld, gibt es nicht genügend chinesische Milliardäre? Oder Scheichgeld? Blutgeld gibt es hingegen, solange sich amerikanische Ureinwohner, früher mal als Indianer oder Rothäute bekannt, nicht dagegen zur Wehr setzen.

Schon Wortwürger Lukas Bärfuss sprach von einem «chemischen Industriellen», der einen ganz schlechten Einfluss auf die Schweiz habe, wie wäre es da mit dem Begriff Chemiegeld? Und darf man von Impfgeld sprechen, wenn Milliarden in die Schweiz fliessen, bzw. in die tiefen Taschen der Pharmamultis?

Was uns bei diesen Sprachreinigern und Kämpfern gegen den falschen Ausdruck fassungslos macht: sie haben kein Durchhaltevermögen. Sie twittern sich einen, und dann ist wieder Ruhe. So wird das nix mit der Reinheit der Sprache, was ja der Schlüssel für eine bessere Welt ist.

Blumer, bitte aufhören!

Twitter ist schon schlimm genug. Aber das lässt sich steigern: man bastelt einen Artikel draus. Das Rezept zum Nachbacken von Claudia Blumer: man nehme einen möglichst einfältigen Tweet. Der findet immer sofort Zuspruch, sobald Sibylle Forrer an Bord ist, weiss man, dass das Niveau kaum mehr sinken kann.

Einen reingehagelt: das Werk der Politikchefin von «20 Minuten».

Dann nehme man eine Gegenmeinung, fahre dagegen Politiker (Grüne-Nationalrätin Aline Trede ist immer ein sicherer Wert) plus mindestens eine «ETH-Klimawissenschaftlerin» auf, auch gerne rezykliert, einmal umrühren, et voilà.

Natürlich muss nun auch die SVP angehört werden, die brav übers Stöckchen springt:

Liebes «20 Minuten», gratis ist schon recht, aber das muss doch nicht billig sein. Heisse Luft, frisch aufgebacken, das bekommt dem Leser auf die Dauer nicht. Oder wie Gülsha wohl sagen würde: «Man kann gar nicht so viel essen …»

Abgerundet wird das Nonsens-Thema noch mit einer Meinungsumfrage, das nennt man Leser-Blatt-Bindung im Jargon:

Wir hätten da – aus Gründen der Ausgewogenheit – noch mehr Fragen.

  • «Sind die Grünen an furzenden Kühen schuld?»
  • «Geht uns wegen der SP das Bargeld aus?»
  • «Ist die FDP am Impfzwang schuld?»
  • «Ist die Mitte nicht mehr bibelfest?»
NZZ: Zwischenrufe von der Falkenstrasse

Auch die alte Tante frönt hemmungslos dem Lokalpatriotismus:

Schweiz Tourismus kann es sicherlich kaum fassen, welche Gratiswerbung für Ferien in der Schweiz gemacht wird.

Aber immerhin, die NZZ ist auch für ihre Tradition der ordnungspolitischen Zwischenrufe bekannt; diesmal nimmt sie sich gleich die Natur vor:

Keine Zeichen von der Natur; da ist sich die NZZ sicher.

Natürlich nicht die Natur als solche, sondern unsere falschen Vorstellungen von ihr. Denn schon Friedrich Engels, der Mitbegründer des wissenschaftlichen Marxismus-Leninismus, titelte: «Die Dialektik der Natur». Dabei übersah allerdings auch er, dass die Natur keineswegs dialektisch ist. Sie ist nicht mal natürlich. Aber solche kleinen Unterschiede zwischen erkanntem Objekt und erkennendem Subjekt sind nicht für viele fassbar.

«Granma» oder «Süddeutsche»: besser das Original

Die «Grossmutter» ist die Parteizeitung auf Kuba. Wäre für den Tagi eine Alternative zur SZ.

Der Riesenkonzern Tamedia mit seinen vielen Kopfblättern kann sich bekanntlich kaum mehr eine eigene Auslandberichterstattung leisten. Daher übernimmt er fast alles von der «Süddeutschen Zeitung». Das ist keine gute Idee.

Das Hassobjekt Trump ist zwar etwas in den Hintergrund getreten, aber jetzt zeigen die Korrespondenten der SZ, dass sie auch sonst nicht viel Ahnung, dafür umso mehr Meinung haben. Während sie gerne Ferndiagnosen Richtung Kuba stellen, beschäftigt sich nun Thorsten Denkler, ihr «politischer US-Korrespondent in New York», mit der amerikanischen Politik gegenüber der letzten Insel des Sozialismus.

Das wird auch dem armen Tamedia-Leser brühwarm durchgereicht, mit dem Lead:

«Für US-Präsident Joe Biden wird der Umgang mit den Protesten im Karibikstaat zum innenpolitischen Dilemma. Er unterstützt die Revolte, erwähnt aber nicht, dass die USA am Leid der Kubaner einen nicht unerheblichen Anteil haben.»

Diesen wahren Satz könnte er allerdings von Haiti über Nicaragua, von Puerto Rico über El Salvador, von Mexiko bis Guatemala zu eigentlich jedem karibischen oder zentralamerikanischen Staat äussern.

Wir könnten nun die gesammelten Wissenslücken von Denkler aufdecken, aber wozu, dazulernen wird er sowieso nicht. Daher haben wir einen richtigen Knallervorschlag für Tamedia. Der muss eigentlich reinhauen. Denn: zuallererst und am wichtigsten: er ist gratis. Damit schafft er es sicherlich schon mal auf den Schreibtisch von Pietro Supino.

Er ist zudem originell, das muss ja auch nicht dagegen sprechen. Er kommt von ZACKBUM; das ist ein gewisser Nachteil, aber vielleicht können wir inhaltlich mit der Begründung überzeugen.

Ein Leuchtturm der alternativen Berichterstattung 

Trommelwirbel, der Vorschlag lautet: wieso übernimmt Tamedia statt der Trümmel-Berichterstattung der Süddeutschen nicht die mediale Begleitung der Ereignisse durch das Organ, das nun zweifellos am nächsten dran ist und immer noch über mehr Mitarbeiter verfügt als zum Beispiel der Tagi? Dazu aktuell, es könnten auch Tickermeldungen und  eine ganze Varietät von Meinungen und Einschätzungen abgesaugt werden.

Natürlich, die Rede ist von der Tageszeitung «Granma», von der Nachrichtenagentur prensa latina und von der Plattform cubadebate. Gut, es gibt eine kleine Hürde: ist alles auf Spanisch. Genauer gesagt: falls gerade auch die Kosten für ein anständiges Übersetzungsprogramm eingespart wurden, es gibt auch eine deutsche Ausgabe.

Es geht ohne Spanisch – das beherrschen die meisten Kuba-Kenner auch nicht.

Die ist allerdings nicht so aktuell wie die spanische, hilft aber durchaus bei ersten Einschätzungen. Nehmen wir mal zwei Artikel der spanischen Ausgabe vom 14. Juli. Da ruft der Präsident Kubas dazu auf, dass unter Kubanern die Einheit, der Respekt und die Lebensfreude niemals fehlen dürfen. Ist doch rührend und wurde nirgends vermeldet. Dabei sind das Sätze, die zu Herzen gehen:

«Entledigen wir uns jedes Hassgefühls, jeder Vulgarität, jedes unanständigen Verhaltens. Sondern fordern wir die Regeln der Disziplin ein, die Regeln, die die soziale Ruhe in unserer Gesellschaft garantieren.»

Versöhnliche Worte hinter Mundschutz: Präsident Díaz Canel.

 

Die USA, wen wundert es, sind eigentlich an allem schuld

Der Aussenminister Bruno Rodríguez Parilla legt hingegen Beweise vor, dass die USA direkt in die «Ereignisse» vom 11. Juli verwickelt seien und daher dafür verantwortlich. Als Beleg dafür prangert das Mitglied des Politbüros an,

«dass das umstrittene Label #SOSCuba nicht auf den Großen Antillen entstanden sei, sondern seit letztem Juni in New York ins Leben gerufen wurde, um zu versuchen, die Erklärung der Generalversammlung der Vereinten Nationen gegen die Blockade zu verhindern. Er gab an, dass diese Operation Millionärsressourcen, Labore und technologische Plattformen mit Mitteln der US-Regierung» verwende, berichtet «Granma».

Das alles sei von der US-Firma «ProActiva Miami» organisiert worden, die natürlich rein zufällig gleichzeitig die Berechtigung erhielt, staatliche Unterstützung zu empfangen. Diese Anklage wird ergänzt mit weiteren Berichten aus dem kubanischen Alltag; die staatliche Gewerkschaftszentrale spricht sich gegen jegliche Störung der öffentlichen Ordnung aus. Der kubanische Premierminister drückt sein «völliges Vertrauen in das Volk und die Zukunft» aus; optimistisch stimmen auch Berichte über den Kampf gegen Covid-19, und schliesslich kann Kuba eine breite internationale Unterstützung vermelden, vor diesen «Versuchen der Destabilisierung».

Eine Fülle weiterer interessanter Nachrichten aus Kuba.

Man kann sagen, was man will: all diese Nachrichten haben Sie sicherlich noch nirgendwo sonst gelesen. Wäre doch zumindest was anderes als der in der Ferne gequirlte Meinungsbrei der übrigen Medien.

Ach, das sei doch alles parteiisch, Regierungspropaganda, gefiltert, nicht überprüfbar, fragwürdig? Also bitte, wo soll da der Unterschied zur Berichterstattung der Schweizer Medien sein? Vielleicht abgesehen von der Regierungspropaganda, die ist bei diesem Thema, im Gegensatz zu anderen, nicht erkennbar. Alle anderen Qualifikationen treffen aber auch auf die Berichterstattung der SZ, damit von Tamedia, aber auch von CH Media oder NZZ oder Ringier zu.

Also, braucht nur ein wenig Mut; aber wer sich der Debatte um das Gendersternchen, Sexismus und Diskriminierung so tapfer stellte, der wird auch hier nicht einknicken, wenn es Kritik geben sollte. Der Leser würde es danken; endlich mal eine andere Perspektive.

Hass und Courage im Netz

Twitter ist die Plattform für die korrekte Lebensart – oder für Schlammschlachten.

Der Vorfall ist zur Genüge beschrieben worden. Totgeschrieben, möchte man formulieren – wenn man nicht Bedenken hätte, dass das gegen einen verwendet werden könnte. Journalistin sagt was von sozialem Todesurteil, eine anonyme Redaktion nimmt’s beim Wort und veröffentlicht eine geschmacklose Karikatur.

Grosse Aufregung, Entschuldigung, Rechtfertigung, Nachtreten, Zurückmopsen, das Übliche auf Twitter, bis sich die nächste Erregungswelle aufbaut, zum Beispiel über das Wort Sternchen.

Aber jede Welle lässt Endmoränen zurück, die nachbearbeitet werden müssen. So ist es der Kämpferin gegen Hate Speech und alles Üble im Netz unterlaufen, diese Karikatur mit einem Like zu versehen. Bevor auch sie sich davon distanzierte. Von der Karikatur.

Nun ist Jolanda Spiess-Hegglin auch Geschäftsführerin von #Netzcourage. Laut Selbstdarstellung «kämpft sie mit ihrem Verein gegen Hass im Internet». Ebenfalls mit «NetzPigCock» oder mit «#Netzambulanz» hat sie sich diesen Zielen verschrieben. Die werden als durchaus förderungswürdig beurteilt – und daher mit Steuergeldern unterstützt.

Unübersehbar: Jolanda Spiess-Hegglin auf der Webseite von #Netzcourage.

Mit knapp 200’000 Franken unterstützt das «Eidgenössische Büro für die Gleichstellung von Mann und Frau» diese Aktivitäten. «Öffentlich finanzierte Doppelmoral», donnerte die NZZ, stellt und beantwortet gleich selbst eine Frage: «Soll der Bund eine Aktivistin gegen Hass im Netz finanzieren, die ihrerseits die Grenzen überschreitet? Eher nicht.»

Die Heerscharen von rechts galoppieren heran

Natürlich galoppierten auch alle Kämpfer für einen gesitteten Umgang in der Auseinandersetzung los, angeführt vom SVP-Amok Andreas Glarner. Der veröffentlicht schon mal auf Facebook die private Telefonnummer und E-Mail-Adresse einer Lehrerin mit dem Hinweis, man solle sie anrufen und ihr mitteilen, was man davon halte, dass sie – in Umsetzung der offiziellen Linie – muslimischen Kindern erlaubte, während des Fests des Fastenbrechens zu Hause zu bleiben.

Natürlich musste nun auch aus dem Departement Berset der Verein «Netzcourage» zu einer Stellungnahme aufgefordert werden, wie er es denn mit diesem Like seiner Geschäftsführerin halte.

Im Sinne von Offenheit und Transparenz hat #Netzcourage Fragen und Antworten ins Netz gestellt. Unter dem Hashtag #Tamediagate. Ob das eine gute Idee war?

Begriffsverluderung sollte auch bekämpft werden.

Eine Tessiner Nationalrätin der Grünen antwortet namens des Vorstands

Geantwortet hat Greta Gysin, Nationalrätin der Grünen. Offenbar um Eindruck zu schinden, verwendete sie ihre parlamentarische Mailadresse und auch den entsprechenden Briefkopf. Wir dokumentieren hier ihre Antwort.

Es ist verblüffend, wie sich Rechtfertigungen aus allen Lagern ähneln, wenn es um den Umgang mit unangenehmen Fragen geht:

«Wir haben etliche Vorwürfe analysiert und empfinden sie als völlig haltlos und nicht berechtigt. Auch im aktuellen Fall … kann nicht von Hassrede seitens unserer Geschäftsführerin gesprochen werden.»

Ob das der Vorstand auch so sehen würde, wenn jemand Spiess-Hegglin als erste Kandidatin im Wettbewerb «Arschloch des Monats» vorschlagen würde? Oder von «Karma» spräche, sollte ihr etwas zustossen?

Nun ja, neben routinierter Verteidigung gehört auch der Gegenangriff zum üblichen Arsenal; da «der Chefredaktor des grössten Medienkonzerns» Spiess-Hegglin «ohne Rückfrage» mit den «Nationalsozialisten» gleichstelle, sei das natürlich ein weiterer Beweis für die Existenzberechtigung von #Netzcourage.

Alles andere mag erlaubt sein, aber zu diesem demagogischen Untergriff muss – auch ohne Rücksprache – etwas gesagt werden. Zunächst ist es bei einem Kommentar nicht nötig, üblich oder Brauch, «Rückfrage» zu nehmen. Bei einem Like auch nicht, obwohl Spiess-Hegglin damit gut beraten wäre. Zweitens hat der Chefredaktor diese Passage umgehend gelöscht, was hier nicht der Erwähnung würdig ist – könnte stören. Drittens hat er die Geschäftsführerin keinesfalls mit Nationalsozialisten gleichgestellt, was jeder nachlesen kann – so er will.

Die Absichten von #Netzcourage sind sicherlich lobenswert – und auch die Unterstützung mit Steuergeldern wert. Ob aber dieses Personal dazu geeignet ist, sie umzusetzen – das muss angesichts dieser uneinsichtigen und verbohrten Reaktion stark bezweifelt werden.

Patient Kuba: Ferndiagnosen

Vielleicht übernimmt Südafrika die Meldungshoheit. Aber noch wird Kuba verarztet.

Die NZZ hat die Berichterstattung über Kuba verlagert. Um den Überblick zu behalten, braucht es Distanz, meint die Qualitätszeitung. Deshalb berichtet nun Thomas Milz – aus Rio de Janeiro. Dort sitzt auch der Lateinamerika-Korrespondent des «Spiegel», der aus Brasilien den ganzen Kontinent bis hinauf nach Mexiko abdeckt – natürlich inklusive Kuba.

Lateinamerika ist ein wenig grösser als Europa; die Absurdität dieser Art von Berichterstattung wird einem vielleicht klarer, wenn man sich einen Europa-Korrespondenten vorstellen würde, der für ein lateinamerikanisches Land berichtet und – zum Beispiel – seinen Sitz in Madrid hätte. Aber von dort aus über Ungarn, Norwegen, Malta oder Griechenland berichtete.

So wie Milz über Nicaragua, Mexiko, Chile, Haiti, natürlich Brasilien – und nun auch über Kuba schreibt. Dank Google und Internet ist er heutzutage natürlich besser informiert als frühere Korrespondenten, die sich mühsam per Fax oder Telefon auf dem Laufenden halten mussten. Aber auch moderne Kommunikationsmittel ersetzen keine spezifischen Kenntnisse.

Das ist natürlich kein persönlicher Fehler des Korrespondenten, wer wäre nicht überfordert, müsste er von Madrid aus ganz Europa bestreichen. Als erfahrener Journalist hält sich Milz an das, was die anderen auch schreiben, und was mit Video- und Tondokumenten aus Kuba belegt scheint. Nur einmal unterläuft ihm ein Schnitzer:

«So war die Versorgungslage in den neunziger Jahren sicherlich prekärer als heute.»

Das ist so kreuzfalsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig wäre. In den 90er-Jahren zehrte die Insel noch von Reserven, die Dollarshops waren wohlgefüllt, aus den Staatsbetrieben konnte noch massenhaft geklaut werden, der Bauboom zur Ankurbelung des Tourismus war eine Quelle für einen breiten Strom von Baumaterialien, die viele tausend Gebäude vor dem endgültigen Zerfall retteten. Zudem erschloss der gewaltig ansteigende Tourismus ganz neue Einnahmequellen. Es entwickelte sich eine wahre Dollar-Apartheit. Zuvor hatten sich vor allem verdiente Genossen aus Ostblockstaaten auf die Insel verirrt, und von denen war nicht viel zu holen.

Kratzen an der Oberfläche ohne vertiefte Kenntnisse

Dann schreibt Milz von Schlägertrupps im Dienste des Regimes. Er meint damit wohl die «brigadas de respuesta rápida». Eine Art Bürgerwehr, die wie vieles auf Kuba durchaus nützliche, wie auch schädliche Aktionen durchführt. Also vom Aufräumen nach Unwettern bis zum Niederknüppeln von Protesten. Das gilt auch für die CDR, die «Comités de Defensa de la Revolución». Diese Komitees zur Verteidigung der Revolution waren in den 60er-Jahren gegründet worden, als Antwort auf ständige Sabotageaktionen der Exilkubaner, mit Anschlägen auf Regierungsbehörden, Kaufhäuser oder Symbole der Revolution.

Militant verteidigungsbereit: CDR.

Seither sind sie immer mehr zu einem Blockwartsystem verkommen, zwecks Kontrolle der Nachbarschaft. Völlig ins Aus manövriert sich Milz hingegen mit seiner Schlussanalyse:

«Notfalls hat das Regime noch eine andere Karte im Ärmel, um den Druck aus dem Kessel zu nehmen. Im April 1980 öffnete Fidel Castro den Hafen von Mariel für ausreisewillige Kubaner. Innert vier Monaten verliessen rund 125 000 Kubaner die Insel. Nach den grossen Protesten von 1994 wiederholte Castro die Aktion. Rund 35 000 unzufriedene Kubaner verliessen damals ihre Heimat.»

Das ist nun, sorry, liebe NZZ, einfach Stuss. Denn der kleine Unterschied zu heute ist: damals bekam – Relikt des Kalten Kriegs – jeder Kubaner sofort politisches Asyl und eine Niederlassungsbewilligung in den USA. Seit Präsident Obama ist das Geschichte, vorbei. Wie man wissen sollte.

Noch so ein Kuba-Kenner in der Qualitätszeitung

Vorsichtiger kommentiert Werner J. Marti:

«Der Fall der Diktatur ist noch nicht absehbar, aber mit vermehrter Unruhe in Kuba ist zu rechnen.»

Ein wahrer Satz, so wie: morgen scheint die Sonne. Aber mit Regen ist zu rechnen. Marti war bis 2013 «Korrespondent für Südamerika in Buenos Aires», also auch er ein ausgewiesener Kubakenner. Früher gab es noch den Zentralamerika-Korrespondenten Peter Gaupp mit Sitz in Costa Rica. Nach diversen, teilweise ziemlich bösartigen und faktenfreien Ferndiagnosen hatte er Einreiseverbot nach Kuba, was natürlich die Berichterstattung auch nicht einfacher machte. Aber de mortuis nihil nisi bene, wie man in der NZZ formulieren würde.

All diesen Ferndiagnostikern entgeht der Kern des Problems, die Ursache der aktuellen Krise. Mangelwirtschaft, kaum vorhandene eigene Produktivität oder Wertschöpfung, lächerliche Löhne, zerbröckelnde Infrastruktur, das sind alles keine neuen Probleme. Sie begleiten die Revolution seit ihren Anfängen, verschärft seit dem Zusammenbruch des Ostblocks Anfang 90er-Jahre. Nur unterbrochen durch die milden Gaben aus Venezuela, als sich das ölreichste Land der Welt noch solche Bruderhilfe leisten konnte.

Bis an die Zähne bewaffnet sieht anders aus.

Die kubanische Bevölkerung wurde nicht in erster Linie durch ein repressives Regime brutal unterdrückt. Sondern durch eine Art Übereinkunft. Ihr mischt euch nicht in Dinge ein, die euch nichts angehen. Also Politik, Einparteienherrschaft, Bekenntnis zum Sozialismus. Dafür drücken wir die Augen zu, wenn ihr euch durchs Leben mischelt. Ohne Rücksicht auf angeblich unverzichtbare revolutionäre Tugenden. Resolver, Probleme lösen, das war schon immer das Zauberwort auf Kuba. Legal, illegal, scheissegal.

Das Regime hat die alte Übereinkunft mit dem Volk aufgekündigt

Aber um sich all das zu mischeln, was man halt so braucht – und was meistens nur in Devisen zu unerschwinglichen Preisen erhältlich war –, muss man Zugang zu gefüllten Staatslagern haben.

  • Denn wo nichts ist, kann auch nichts geklaut werden.

Das Regime wusste und tolerierte immer, dass es überall und bei allem einen beachtlichen Schwund gab. Also von dem, was vorne reinkam – ein zweistelliger Prozentsatz hinten rausgetragen wurde. Abgesehen vom Statuieren von Exempeln, wenn’s zu bunt getrieben wurde, war das okay.

Kubanische Elendsverwaltung.

Das ergriff auch zunehmend alle staatlichen Dienstleistungen, bei denen ein Bakschisch immer beförderlicher wurde, sei es auch nur, um einen Stempel auf ein Papier gedrückt zu bekommen. Auch Bereicherung, Privatinitiativen wurden zumindest toleriert. Es entwickelte sich um den Tourismus herum ein breites, privates Dienstleistungsangebot, das die angebliche Überlegenheit der sozialistischen Staatsbetriebe ad absurdum führte.

Wenn nix reinkommt, kann auch nix rausmarschieren

Aber der Tourismus ist zusammengebrochen, die wichtigsten Devisenquellen sind versiegt, die Lager leer. Das Ventil eines neuen Massenexodus existiert eben nicht mehr. Das Regime hat den Konsens einseitig aufgekündigt, seine feinen Repressionsmittel funktionieren nicht mehr.

Früher war es üblich, dass der Staatsangestellte (immer noch 90 Prozent aller Werktätigen), unabhängig von seiner Leistung, bei Wohlverhalten existenziell wichtige Güter drastisch verbilligt erhielt. Den dringend benötigten Kühlschrank, einen Ventilator, einen Kochherd, einen Dampfkochtopf, Material zum Renovieren. Sonst nur zu exorbitanten Preisen in Devisenshops erhältlich.

Politische Dissidenz oder gar offener Protest, und man landete ganz hinten auf der Warteliste. Aber ganz hinten. All das ist mangels Material vorbei. Und dafür bekommt das Regime nun die Quittung. Für nichts anderes.

 

 

Kuba: Aussenberichterstattung

Das Elend des Regimes widerspiegelt sich im Elend der Berichterstattung.

Zum ersten Mal seit 1994 gab es Massenproteste auf der letzten Insel des Sozialismus. Damals war’s der Höhepunkt des sogenannten período especial, der speziellen Periode in Friedenzeiten. Euphemismus für die schwere Wirtschaftskrise, die die Insel nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Lagers fast untergehen liess.

Aber damals beruhigte der charismatische Comandante en Jefe Fidel Castro höchstpersönlich die aufgebrachten Kubaner auf der Uferpromenada Malecón. Und öffnete das Ventil am Dampfkochtopf; die Kontrolle des Zugangs zum Meer wurde aufgehoben, Zehntausende von Kubanern suchten auf Flössen der Medusa ihr Heil in der Flucht nach Norden. Und Tausende soffen dabei ab.

Was ist Realität, was Traum, was Magie, was bleierne Schwere?

Comandante tot, Ventil zugeschraubt, diesmal ist’s ernster. Nach einem kurzen Zwischenhoch, dank brüderliche Hilfe aus Venezuela, steckt Kuba anhaltend in einer Wirtschaftsmisere. Der Tourismus, Deviseneinnahmequelle Nummer zwei, liegt am Boden, Corona. Überweisungen der Exilkubaner, Einnahmequelle Nummer eins, sind erschwert.

Nachdem es dem Regime in 61 Jahren nicht gelungen ist, die fruchtbare karibische Insel zum Selbstversorger bei Nahrungsmitteln zu machen (was sie bis 1959 war), müssen jedes Jahr rund 90 Prozent der Lebensmittel importiert werden. Das kostet rund eine Milliarde Dollar an Devisen. Die kann das Regime kaum mehr zusammenkratzen, also sind die Läden leer, selbst die wiedereingeführten Dollarshops.

Alle Bestandteile eines perfekten Sturms sind vorhanden

Gleichzeitig stellt die cupola, die herrschende Clique, ihre korrupte Raffgier immer unverschämter zur Schau. Eine Enkelin des Castro-Clans, nur als symbolisches Beispiel, bot auf Airbnb eine totalrenovierte Villa an bester Lage mit Pool, Koch, Chauffeur und Bediensteten, zur Miete an. Für schlappe 660 Dollar – am Tag. Vilma Rodriguez benützte dafür nicht mal ein Pseudonym, ist nicht mal ein pincho, ein Gestochener, wie die hohen Militärs mit den Sternchen auf den Schulterklappen genannt werden.

 

 

 

 

 

 


Für kubanische Lebensverhältnisse obszöne Bilder aus der «Villa Vida».

«Villa Vida», «Das Leben» heisst der Touristentraum in einem Land, wo das Durchschnittseinkommen bei rund 50 Franken im Monat liegt; Kaufkraft nicht messbar. Inzwischen wurde der alte Castro-Slogan «patria o muerte», Vaterland oder Tod, in «patria y vida» verwandelt.

Das Regime unter dem farblosen Präsidenten Díaz Canel spult lediglich die alten Sprüche ab; das sei ein von Konterrevolutionären aus dem Ausland gesteuerter Versuch, mit teilweise bezahlten Provokateuren die Revolution zu bekämpfen, die angebliche Einheit des Volkes aufzubrechen. Dem werde sich jeder überzeugte Revolutionär mit Leib und Leben entgegenstellen.

Wie in solchen Situationen üblich, hat das Regime den Zugang zum Internet erschwert, was die Übermittlung von Nachrichten einschränkt, aber nicht unmöglich macht. Aus inzwischen 15 kubanischen Städten wurden in den letzten Tagen Demonstrationen gemeldet, die von den Sicherheitskräften zwar begleitet, aber nicht verhindert wurden.

Jugendliche suchen die Konfrontation mit den schwarz gekleideten Spezialkräften.

Das Regime hat keine Perspektive mehr zu bieten, ausser fortgesetzten Opfern, ausser ständigen heroischen Überwindungen von neuen Problemen. Seine wirtschaftliche Inkompetenz ist eklatant und offensichtlich, es mangelt an Führungspersonal, die sogenannten «historicos», die historischen Führer der Revolution, sterben weg oder sind, wie Raúl Castro, um die 90 Jahre alt. Also stehen ganz schön viele Zeichen auf Sturm.

Ein Reportagetraum – wäre es früher gewesen

Das wäre der ideale Moment, um vor Ort die Situation zu verfolgen; Che Guevara, Zigarren, Rum, Mulatas, die Insel fasziniert bis heute, Berichten ist höhere Aufmerksamkeit gewiss als aus Haiti.

Stattdessen erleben wir ein Festival der Fernberichterstattung. In «Die Welt» beschreibt Tobias Käufer die «seltene Wut der Kubaner», aus dem fernen Bogotá. Die NZZ überlässt die Beschreibung ihrer Mitarbeiterin Sandra Weiss, die sich schon in der Vergangenheit mit einfachsten Zahlen verstolperte und aus Puebla berichtet, im fernen Mexiko. Nau.ch rückt eine SDA-Meldung ins Netz, im «Walliser Bote» berichtet Klaus Ehringfeld – aus Mexiko City. Im «Blick» darf eine Helena Schmid ans Gerät; 22 Jahre jung und daher weitsichtig; Kuba von nah, aus dem Newsroom an der Dufourstrasse Zürich.

«Blick» macht auf lustig mit dem Titel aus der fernen Ferne (Zürich – Havanna 8200 km).

Die «Süddeutsche Zeitung» beobachtet das Geschehen aus Buenos Aires in Argentinien, was – Überraschung – von Tamedia eins zu eins übernommen wird. Bloss knapp 7000 Kilometer Distanz bis Havanna. Nun muss es nicht unbedingt ein Vorteil sein, vor Ort Ereignissen nachzuspüren. Aber nehmen wir einmal an, die Berichte über Massenproteste in Süditalien kämen aus Oslo, Warschau, Hamburg, Moskau oder Lissabon. Da würde sich der Leser doch fragen, wie kompetent denn diese Ferndiagnosen, diese Weit-weg-Analysen, diese am Bildschirm abgekupferten «Ich war dabei»-Berichte sind.

Nach den ersten Meldungen muss natürlich der analytische Muskel angespannt werden. Das erledigt für Tamedia Simon Widmer, «Redaktor International». Zuvor bei der SoZ in gleicher Funktion. Ob ihn ein zweimonatiges Praktikum bei der «Myanmar Times» für diese Einordnung qualifiziert?

Deshalb. Weshalb? Halt so. Allgemein unzufrieden, der Kubaner.

Ach, und müssen die Kommunisten jetzt «zittern», kommt es zu «einem Regimewechsel»? Ja und nein, kann sein, muss nicht sein, die Übersicht:

Wie wahr. Woran Widmer allerdings eine offensichtliche Nervosität festmachen will? Hat ein Regierungsmitglied öffentlich gezittert? Man weiss es nicht.

Die NZZ, das weiss ich aus eigener Erfahrung, leistete sich in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts noch einen eigenen Korrespondenten mit Sitz in Havanna. Ob dessen Berichte dadurch besser waren als das heutige Fernschreiben, sei dahingestellt. Aber zumindest konnte der NZZ-Leser dem Bemühen folgen, mit Zeit, Lust und Laune der Realität dieser Insel des real existierenden Surrealismus näher zu kommen. Zumindest wurde er mit dem ständigen Scheitern dieses Versuchs unterhalten.

Wie schaut’s denn in der Wirklichkeit aus?

Wie schlimm ist die Lage aktuell wirklich, gibt es noch Rückhalt fürs Regime, wie soll’s weitergehen, mangels organisierter Opposition auf der Insel, wird das Regime nicht davor zurückschrecken, das erste Mal Militär gegen die Bevölkerung einzusetzen? Haben die Herrscher dort noch genügend Rückhalt? Wenn man teilweise doch an Übergewicht leidende Kubaner schreien hört, dass sie am Verhungern seien, ist das eine zynische Betrachtung von aussen – oder ist die Ernährungslage wirklich beängstigend?

Realer Trübsinn mit libreta, der Rationierungskarte.

Das alles – und viel mehr – könnte eigentlich nur mit einem Augenschein vor Ort beurteilt werden. Es gibt Flüge nach Havanna, weiterhin, und von vielen Orten der Welt aus. Nur: das kostet, und im Elendsjournalismus dieser Tage ist das das Killerargument, das weiterhin Berichterstattung aus der Ferne oder vom Schreibtisch in Europa aus verursacht.

Der Beobachter kann sich selbst ein Bild machen, wenn er will

Jeder, der etwas Spanisch versteht, kann sich auf oppositionellen Webseiten wie cibercuba.com selbst ein Bild der Lage machen. Natürlich ein einseitiges, das sind alles Newsquellen aus den USA, meistens von Exilkubanern finanziert. Aber es gibt das Angebot auch auf Englisch, selbst die Parteizeitung «Granma» hat internationale Ausgaben, wenn man die Gegenseite hören will. Zudem hat Kuba – vor der Revolution – sozusagen CNN in Radio erfunden. «Radio reloj», Uhrenradio,  sendet seit 1947 rund um die Uhr. Nur Wortbeiträge, unterbrochen von der Zeitansage jede Minute, was half, als eine Armbanduhr noch ein Luxusgegenstand war.

Vor Ort könnte man aus Eindrücken ein Kaleidoskop zusammenstellen, das Verständnis schaffen würde. Aber aus Buenos Aires, Mexiko oder gar vom Zürcher Schreibtisch aus geht das natürlich nicht – und es erhebt sich einmal mehr die Frage, wieso der Konsument dafür etwas bezahlen soll.

Vor allem, wenn null lokale Kenntnisse vorhanden sind in der Berichterstattung. Auch dazu nur ein Beispiel. Einer der Schlachtrufe der Demonstranten lautet «Díaz Canel, singao». Das ist Kubanisch und das hätte man sich niemals öffentlich getraut, wenn der Name Castro lauten würde. Ein singao ist ein, höflich übersetzt, motherfucker, Hurensohn, neben maricón (Schwuchtel) mit Abstand das stärkste Schimpfwort, das es gibt. «Come mierda» (friss Scheisse), das Adäquat fürs deutsche Arschloch, ist schon fast liebevoll im Vergleich. Dass singao als Slogan verwendet wird, reicht als Symbol für den Zerfall der Autorität des Staatspräsidenten und Parteiführers. Aber dafür muss man nicht nur Spanisch können …