Hilfe, mein Papagei onaniert I

Hier sammeln wir bescheuerte, nachplappernde und ewig die gleiche Leier wiederholende Duftmarken aus Schweizer Medien. Subjektiv, aber völlig unparteiisch.

Wir beginnen die neue Reihe mit einem etwas, nun ja, speziellen Thema. So für uns Männer:

Schon länger verfolgt Magdalena Pulz aus München für Tamedia einen «bahnbrechenden Schritt für die Gleichstellung». Vor ziemlich genau einem Jahr jubilierte die SZ-Autorin im Tagi plus Kopfblätter: «Gratis-Tampons und -Binden für alle». Zumindest bei den sparsamen Schotten. Kampf der «Period Poverty», wie das alliterierend heisst, also der Periodenarmut.

Denn es gäbe viele Frauen, die zwar menstruieren, aber kein Geld dafür haben, die dadurch entstehende Sauerei mit geeigneten Mitteln aufzufangen. Allerdings, schon Kurt Tucholsky, der alte Macho, wusste: Frauen menstruieren. Wir Männer aber müssen uns rasieren. Und da schenkt uns ja auch keiner eine Rasierklinge; und mit einem Gratis-Tampon, ehrlich gesagt, wüsste ich nichts anzufangen.

Ein weiterer Sieg der Gleichberechtigung

Aber, Tamedia vermeldet einen weiteren Sieg im Kampf um Gleichberechtigung: «Studentinnen in Frankreich erhalten Gratis-Binden». Offenbar soll es auch im Land von «oh la, la» so sein, dass sich viele arme Studentinnen zwischen einer warmen Mahlzeit oder einer hygienischen Regel entscheiden müssten. Von Anstrengungen, auch etwas für arme Männer zu tun, beispielsweise Gratis-Abgabe von Viagra, ist aber keine Rede.

Der Boulevard hält immer den Nutzwert hoch

«So einfach ist shoppen per Video», bemüht sich der «Blick» um hohen Nutzwert für seine Leser. Nun ja, eigentlich ist «Blick» hier nur der Papagei, der nachplappert, was «präsentiert von den Migros Fachmärkten» vorgesagt wird. Ganze «7 Vorteile» hat hier die Ringier-Voliere, Pardon, das «Ringier Brand Studio» eifrig «im Auftrag eines Kunden» herausgefunden.

Die nächste News des «Blick» entspringt leider auch nicht eigener Recherche, sondern purem Nachplappern. Immerhin, ein Papagei würde da die Federn spreizen, der «Blick» rührt die «top secret»-Trommel: «Palast lüftet Geheimnis. Deshalb liegt Prinz Philip im Spital». Hm, vielleicht, weil er mit 99 nicht mehr ganz der Jüngste ist? Weil er über einen seiner geschmacklosen Scherze gestolpert ist? Weil ihm beim Anblick seiner Enkelkinder ganz anders wurde? Nein, «er wird wegen einer Infektion medizinisch versorgt», teilt der Palast mit. Ist halt auch immer so verdammt zugig in diesen Schlössern, und dann erst noch schlecht beheizt.

Das wäre selbst dem schärfsten Papagei zu viel

Kreischend abwenden würde sich hingegen jeder Papagei, der zwar Lust, aber auch Anstand im Leib hat, wenn er diese Schlagzeile sähe: «History Porn Teil LXX: Geschichte in 33 Wahnsinnsbildern». Blöde Frage, das ist natürlich aus «watson». Die Leser fragen sich hingegen ahnungslos: Ist LXX irgend eine scharfe Stellung? Da kann auch ein Papagei nicht weiterhelfen.

CH Media hingegen spielt den Papagei für Ringier, «digitalswitzerland» und alle, die an der E-ID gerne verdienen wollen. «Mehr Chancen als Risiken», wärmt der Konzern in einem «Leitartikel» pro E-ID einen Titel auf, bei dem es selbst dem konservativsten und traditionsbewusstesten NZZ-Produzenten die Schirmmütze lupfen und die Ärmelschoner hochrollen würde. So uralt, verstaubt und verschnarcht ist der.

Republik verkauft Eiffelturm

Wie verkauft man an Deppen?

Wer stänkern will, sollte sich ans Erfolgsrezept von gutem Käse halten: Der Artikel darf nicht zu alt sein und sollte würzig geschrieben werden. Im Dezember 2020 aber produzierten die «Republik» und «Heidi News» alten Haferkäse. Die Gemeinschaftsarbeit hiess «Tamedia Papers». In den unendlich langen Artikeln duellieren sich die Binse mit dem Schnarch.

Natürlich, an Tamedia gibt es viel zu kritisieren. Aber nicht, dass der Verlag keine Ahnung vom Geschäft hat. Vor 20 Jahren ging die Tamedia AG an die Börse und schrieb seither nur Gewinne.

Seit ein paar Tagen kann man die «Tamedia Papers» auch als Buch kaufen. Darf man sagen, wer das Buch kauft, ist ein Esel? Geschenkt, wir machen das jetzt einfach. Warum sollte man 22 Franken ausgeben, wenn der ganze Inhalt frei verfügbar ist? Würde das Tamedia auch so machen? Bitte, «Republik», fragt doch mal bei Herrn Supino nach, dem Verwaltungsratspräsident der TX Group.

«Heidi News» gab auf Anfrage an, dass auch die «Republik» am Erlös beteiligt sei. Das Buch, beziehungsweise Heft, enthält 124 Seiten.

Manche Frauen haben nicht nur beim Parkieren Mühe

Journalistische Grundkenntnisse, professioneller Umgang mit Kritik? Ach was, das ist so von gestern.

Der verantwortungsvolle Journalist zuckt natürlich zusammen, wenn ihn diese Mitteilung ereilt: «Da einige faktische Angaben nicht stimmen, würde ich gerne mit Ihnen am Telefon besprechen, wie wir weiter verfahren.»

Aber immerhin, keine Androhung eines Mail-Battles, stattdessen ein Gespräch. Also wird ein geräumiges Zeitfenster dafür angeboten – und nicht benützt. Die Nachfrage ergibt, dass das vermeintliche Opfer einiger falscher Angaben «lange Arbeitstage» habe. Trotz Kurzarbeit bei Tamedia, aber item.

Schliesslich kommt das Gespräch doch noch zustande, und der verantwortungsbewusste Journalist gibt zu: Nach dem einleitenden Geplänkel blieb ihm kurz, aber kräftig der Mund offen. Denn die «Redaktorin Kultur und Gesellschaft» bei Tamedia enthüllte, was sie unter «falschen Angaben» versteht.

Menschlich verständlich, professionell bedenklich

Dass Aleksandra Hiltmann der Nasenstüber nicht gefallen hat, ist menschlich verständlich. Dass sie sich aber darüber aufregt, dass bei der Kritik ein doppeltes Anführungszeichen beim «Z-Wort» fehlte, das zeugt schon von einer schneeflockenartigen Sensibilität.

Nun hatte sie aber den Plural gewagt, also brauchte es schon noch wenigstens eine zweite falsche «faktische Angabe». Die fand sie in der Bezeichnung «Schlangenfrau». Das sei eindeutig eine Ehrverletzung. Ich klappte – mit einiger Mühe – den Unterkiefer wieder hoch, empfahl ihr, Hilfe zu suchen – nein, nicht solche, juristische –, was mir ein scharfes «ich lasse mich von Ihnen nicht belehren» einbrockte.

Lustigerweise gab es kein kritisches Wort von ihr über die Kritik an ihrer backfischartigen Anhimmelei der sehr realitätsfern fürs Vogue-Cover abgebildeten Angelina Jolie.

Konziliant, zuvorkommend, höflich, sensibel und verständnisvoll, wie wir bei ZACKBUM.ch sind, bot ich an, dass sie es doch mal mit einer schriftlichen «Richtigstellung» probieren solle. Die schaue ich mir dann gerne an. So verblieben wir, bis ich dann herzlich und laut lachen musste. Über das, was man heutzutage offenbar beim Tagi unter Richtigstellung versteht.

Aus einer Welt, in der wünschen wirkt

Wünschen darf man ja: «Hier die Passage. Bitte fügen Sie diese im Artikel ein.» So schwer es mir auch fällt, einer Frau eine Bitte abzuschlagen, das ging nun nicht: «Aleksandra Hiltmann legt Wert auf folgende Richtigstellung: <Zackbum schreibt, dass ich in meinem Artikel über den Sinto-Geiger Django Reinhard den Begriff „Zigeuner“ ohne Kritik oder Distanzierung verwendet hätte und deshalb eine „Schlangenfrau“ sei, weil ich damit meine früheren Meinungen und Überzeugungen aufgegeben hätte. Das ist alles falsch. Richtig ist, dass ich im erwähnten Titel dieses Artikels erstens das Z-Wort in zusätzliche Anführungszeichen gesetzt habe und zweitens eine erläuternde Box zum Z-Wort angefügt habe mit Fragen und Antworten, die sich kritisch mit diesem Begriff auseinandersetzen. Beides hat Zackbum unterschlagen.>»

Inzwischen neigen wir zur Auffassung, dass Hiltmann nicht nur rechtliche Hilfe benötigen könnte.

Neues aus dem Nebel

Der neue «Nebelspalter» geht in den Countdown; der Newsletter erwacht zum Leben.

Eines ist sicher: Was immer auch die Online-Wiedergeburt des «Nebelspalter» sein wird, Häme und Kanonade aus allen Rohren ist ihr sicher. Das fing schon vor Geburt an; dass im Print-«Nebelspalter» eine Doppelseite mit gehörig-ungehörigen Karikaturen über den neuen Chefredaktor Markus Somm erschien, wurde nicht etwa als Beweis für Liberalität gewertet, sondern man entblödete sich nicht, zu schreiben: «Nebelspalter verspottet Somm».

Kaum je vor einem Relaunch, nicht einmal bei der «Weltwoche», war man sich allgemein so sicher: das wird grauenhaft. Das wird rechtspopulistisch. Das wird eine neue Hetzschrift aus dem ganz rechten Lager. Das dreht allen aufrechten Freunden des «Nebelspalter» den Magen um. Mehrfach.

Es geht nichts über das Hegen von Vorurteilen

Mit den gleichen Vorurteilen hatte Markus Somm auch während seiner gesamten Zeit als Chefredaktor der «Basler Zeitung» zu kämpfen. Ich gebe zu, ich bin da Partei, aber ich bin glücklicherweise nicht der Einzige: völliger Unsinn. Somm ist meinungsstark und im Zweifelsfall sicher eher Rechtsausleger. Aber niemals konnte sich jemand beschweren, von der Redaktion oder von aussen, dass er Zensur ausübe, unliebsame Meinungen unterdrücke.

All die besorgten BaZ-Redaktoren, die unter Absingen schmutziger Lieder von Bord und dann mit der «TagesWoche» untergingen, niemand konnte ein Beispiel erwähnen, wie Somm ihm eine Meinungsäusserung in der BaZ abgeklemmt hatte. Niemand. Ich auch nicht.

Also mangelnde Liberalität wird sicher nicht das Problem des neuen «Nebelspalter» sein. Ganz im Gegensatz zu den heulenden Mainstream-Medien; wo bei Tamedia, bei CH Media und auch bei der NZZ klare Grenzen existieren, was im Rahmen des Gesinnungsjournalismus erlaubt ist, was nicht. Selbst Redaktoren wie Kurt Pelda, der sich in diesem Thema etwas auskennt, ist dort untersagt, seine fundierte Meinung zur Verschleierung der Frauen im fundamentalistischen Islam zu sagen.

Wer also unkt und tobt, dass da ein rechtsgewickeltes, einseitiges Meinungsorgan geschaffen wird, sollte vielleicht mal zuerst vor seiner eigenen Türe kehren. Aber das gibt natürlich die verzweifelte Arroganz der um ihre Stelle fürchtenden Wendehalsjournalisten nicht her.

Was er wohl nicht ist, wissen wir. Was wird aber der neue Nebi?

Damit wäre mal klar definiert, was der «Nebelspalter» alles nicht ist. Weiterhin sehr im Nebel bleibt, was er denn sein soll. So etwas wie «Le canard enchaíné» oder «Private Eye»? Das kann nur behaupten, wer die beiden Magazine nicht kennt. 80 Prozent Politik und Wirtschaft, 20 Prozent Humor? Online? Geleitet von einem Chefredaktor und Initiator, der ungefähr gleichviel vom Internet wie von Humor versteht?

Offenbar ist ausreichend Geld zusammengetrommelt worden, aber schon die «Republik» hat bewiesen, wie schnell das auch wieder verröstet werden kann. Mit Konrad Hummler wurde sicherlich ein begabter VR-Präsident gefunden, aber ob er den Sack der Mitinvestoren wirklich gut hüten kann? Und ob seine Ansage, dass er selbst gerne noch ein paar Hühnchen publizistisch rupfen will, so furchtbar clever ist?

Wann erfahren wir etwas über das nicht ganz unwichtige Geschäftsmodell?

Und wie steht’s denn mit der Mannschaft, mit dem Businessmodell, der Finanzflussplanung, dem Return on Investment? In vier Jahren soll Break-even erreicht sein, sagte Hummler in einem Interview. Die vielleicht etwas wichtigere Frage: wie denn, die liess er aber unbeantwortet. Abo, Reichweite, Bezahlschranke, Inserate, Gönner-Abos, pay per click, pay per view, was soll’s denn sein? Wird man sich auch wie alle anderen von Google und Facebook & Co. die Butter vom Online-Werbebrot nehmen lassen? Man weiss nichts.

Nun hat Somm den guten alten Newsletter aktiviert, um etwas für Stimmung zu sorgen und den Countdown herunterzuzählen. Immerhin: Mit 2100 Anschlägen ist der erste NL schlank und rank, im Vergleich zum Sprachdurchfall, den die «Republik» seit Anfang serviert.

Nicht gerade atemberaubend: der erste NL des neuen «Nebelspalter».

Und was will uns der Chefredaktor sagen? Dass er nun so alle drei Tage über Inhalt, Mitarbeiter, Kolumnen, Aufbau usw. informieren will. Zudem für jede, aber wirklich jede Kritik, jeden Einwand, jede Anregung offen sei. Und gleich die ersten zwei Mitarbeiter vorstellt. Dominik Feusi, langjähriger Begleiter Somms bei der BaZ, der es dann erstaunlich lange bei Tamedia aushielt. Ebenso wie der einzig weitere bekannte Redaktor des «Online»-Nebi sozusagen die Hausmannschaft. Neu hingegen Gioia Porlezza als «Video Kolumnistin». Dazu kommt noch als Talkmaster Reto Brennwald.

Weiterhin bleiben mehr Fragen offen als Antworten geschlossen

Dann war der Disput zwischen ihm und Somm bei der letzten Ausgabe von «Sonntagszeitung Standpunkte» offensichtlich nur ein Stunt, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Ob Tamedia allerdings liberal genug ist, an Brennwald festzuhalten, muss sehr bezweifelt werden.

Soweit die erste umfangreichere Wortmeldung. Sagen wir mal so: Es bleiben so viele Fragen offen, dass es auch einen täglichen Newsletter bis zum genauen Erscheinungstermin, der auch noch nicht enthüllt wurde, vertragen könnte.

Blick-TV kupfert beim Kassensturz ab

Die Serie «Undercover» auf Blick-TV tut so, wie wenn sie den Investigativ-Journalismus neu erfinden würde.

Aus zwei Medientexten von SRF und von Blick (finde die Unterschiede):

2014: In der Serie «Kassensturz undercover» schleusen sich Reporter in Firmen und Organisationen ein, um deren Machenschaften zu zeigen.

2021: Die Schweiz erhält ein neues TV-Rechercheformat, das in begründeten Fällen die versteckte Kamera zu Dokumentationszwecken einsetzt. «Blick TV: Undercover» deckt seit 15. Februar 2021 Missstände auf.

Blick-TV-Chef Jonas Projer (40) arbeitete von 2002 mit Unterbrüchen bis 2019 für SRF. Er hat einiges mitbekommen im Leutschenbach. Also auch, welche Sendungen ziehen. Dass er nun sein Paradepferd, das auch im Papierblick breit beworben wird,  von SRF abkupfern musste, spricht nicht für die Innovationskraft seines Teams.

In einem Blickartikel reiht Blick TV sein neues Rechercheformat in die Tradition von Günter Wallraff ein. Tatsächlich ist Wallraff in Sachen Investigativ-Journalismus das Mass aller Dinge. Für Journalisten besonders interessant:  1977 arbeitete Wallraff dreieinhalb Monate lang bei Bild. Im Bestseller «Der Aufmacher. Der Mann, der bei Bild Hans Esser war» schreibt er über seine Redaktions-Erfahrungen und weist der Bild-Zeitung journalistischen Bschiss und unsaubere Recherchemethoden nach. Ein Jahr später rief Wallraff den Hilfsfonds «Wenn Bild lügt, kämpft dagegen» ins Leben. Damit wollte er Betroffenen helfen, die in die Mühlen der Bild-Berichterstattung gerieten.

Etwas, was auch Betroffene 2016 rund um den Vierfach-Mord in Rupperswil bitter nötig hatten. Stark kritisiert wurde die Arbeitsweise von Blick und Schweizer Illustrierte. Das Kleinkunst-Trio Heinz de Specht beschrieb die aufwühlende Zeit in «Nur din Job».

«… dann bist du kein A******** und auch keine dumme Sau, dann bist du kein Riesentrottel und auch keine Trottelfrau, dann bist du nicht pietätlos, bist nicht mal besonders grob, nein, dann bist du Blick-Reporter und machst nur deinen Job»

Im Clip wurden mehrere Ringier-Mitarbeiter im Bild und mit Vornamen gezeigt. Christian Weiss, Mitglied des Trios aus Zürich und St.Gallen, betonte damals gegenüber Roger Schawinski, es gehe im Song nicht nur um den Fall Rupperswil, sondern allgemein um die rücksichtslose Art von Berichterstattung. Er kenne aber Leute aus dem Umfeld der Opfer von Rupperswil, die mit diesen Methoden konfrontiert gewesen seien. «Es kann ja nicht sein, dass man dagegen nichts tun kann.» Darum sei das Lied entstanden.

So kommt der eigene Vergleich von «Blick TV: Undercover» mit Günter Wallraff reichlich zynisch rüber.

SRF kämpft bis vor den Europäischen Gerichtshof für versteckte Investigativ-Kamera

Noch spezieller wirkt die Blick-TV-Serie, wenn man sich den Gang des Kassensturzes vor den Europäischen Gerichtshof in Erinnerung ruft. SRF hat punkto Investigativ-Recherche mit versteckter Kamera nämlich einen wichtigen Präzedenzfall geschaffen und den Weg geebnet für Gefässe wie eben «Blick-TV: Undercover».

Das kam so:  2015 war ein wichtiges Jahr in Sachen Investigativ-Filmen. Wolfgang Wettstein, der damalige Redaktionsleiter von «Kassensturz» und «Espresso» schrieb dazu: «Nach sieben Jahren hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden: Medien sollen verdeckte Aufnahmen machen dürfen. Damit korrigierte es einen Entscheid des Bundesgerichts, welches zwei «Kassensturz»-Mitarbeiter verurteilte. Konkret ging es um einen Bericht aus dem Jahr 2003, in dem die Journalisten mit solchen Aufnahmen nachweisen konnten, dass Vorsorgeberater ihre Kunden über den Tisch ziehen.» Es sei enorm wichtiger Entscheid, auf den man lange gewartet habe. «Das ist ganz klar eine Stärkung des Konsumentenschutzes, aber auch aller recherchierenden Journalisten in ganz Europa», so Wettstein.

Untersucht wurden Lügereien rund um Versicherungs-Berater. «Kassensturz» 2003 hatte starke Hinweise, dass Versicherungsagenten ihren Kunden oft falsche Produkte andrehen und ging dieser Sache nach. Ohne versteckte Kamera wären SRF in Beweisnot gekommen und es hätte Aussage gegen Aussage gestanden.

Ebenfalls in die Schlagzeilen geriet SRF in einem anderen Fall. Der Kassensturz deckte 2006 auf, wie bedenkenlos Ärzte bereit sind, selbst einer Jugendlichen (konkret der damaligen Miss Argovia mit makellosem Körper) Fett abzusaugen und die Brüste zu vergrössern. Einer der Ärzte, der mittlerweile verstorbene Peter Meyer-Fürst, hatte «Kassensturz» daraufhin angezeigt, weil SRF die versteckte Kamera einsetzte.

An solche Rechercheleistungen ist Blick-TV bisher nicht herangekommen. Aber immerhin muss Ringier keinen langwierigen Prozess mehr befürchten – SRF sei gedankt.

 

 

Zensoren und Grossinquisitoren

Sonst mit Hang zur Verstaatlichung, fordern vor allem Linksgrüne die Privatisierung der Zensur.

Der Genderwahn, also die auf einer Verwechslung von Genus mit Geschlecht beruhende Sprachvergewaltigung mit Sternchen, Binnen-I und anderem Schwachsinn, ist zwar ärgerlich, aber in erster Linie lächerlich.

Seit Voltaire den Schlachtruf «écrasez l’infâme» schuf (zermalmt das Niederträchtige), wogt ein ständiger Kampf gegen Intoleranz, Zensur und Fanatismus. Damals vor allem verkörpert von der Kirche, heute von Kreisen, die im Besitz der Wahrheit für das Gute und somit gegen das Böse zu kämpfen meinen.

Mit Forderungen nach Ausgrenzung, statt Debatten über Argumente werden angeblich dahintersteckende Gesinnungen, Haltungen denunziert. Nach der schäbigen Methode, sich jede geistige Anstrengung zu ersparen, indem man behauptet, wer so etwas sage, sei ein Ignorant, ein Hetzer, ein Unmensch, ein Rechtsradikaler, oder einfach ein Idiot.

Zurzeit ausser Betrieb: Scheiterhaufen für Hexenverbrennungen.

Während es früher – unter Ausnützung der von den Aufklärern, darunter Voltaire, erkämpften Meinungsfreiheit – lebhafte Debatten über Inhalte gab, werden heute Gräben ausgehoben und Stacheldrahtverhaue errichtet, in denen solche Diskussionen verröcheln.

Als Mob schützen vor Todesgefahr

Viel besser geeignet als doch eher abstrakte Themen wie Klimawandel, Sklaverei, Rassendiskriminierung ist die Pandemie. Hier geht es endlich mal um nicht kulturimperialistisch angeeignete Probleme, sondern angeblich um Leben oder Tod. Jeder Infizierte, dem man auf der Strasse begegnet, kann zum Mörder werden; dagegen müssen wir uns doch schützen.

Nicht nur mit Mundmasken, natürlich auch mit Maulkörben. Und als Mob. Wer sich fragte, wie eine Menschenmeute zur Bestie werden kann, Menschen durch die Strassen jagt, zur Selbstjustiz greift, nur noch blindem Hass folgt, sollte sich nur einen beliebigen sogenannten Shitstorm auf den sozialen Medien anschauen.

Mutig durch Anonymität wird hier Recht und Ordnung durch Willkür und Selbstjustiz ersetzt. Glücklicherweise meistens nur von Maulhelden, zu feige für jegliche andere Art der Aktion. Aber durch die Notwendigkeit, immer extremer zu werden, um überhaupt noch Aufsehen zu erregen, tobt und keift der Mob immer ungehemmter. Wer sich zum Beispiel die absurden Vorwürfe gegen die aufrechte SP-Genossin anschaut, die völlig zu Recht und wie von Obama abwärts viele Kommentatoren darauf hinwies, dass dunkelhäutige Menschen gut tanzen können, blickt in eine gähnende Leere.

Bewaffnet mit der Wahrheit einer besseren Welt

Gefüllt mit absurden Begriffen wie «struktureller Rassismus», gar «positiver Rassismus», also auch eine lobende Erwähnung von Eigenschaften sei natürlich rassistisch. Und wer entscheidet darüber? Natürlich die Besitzer der absoluten Wahrheit. Früher nahm das die Kirche für sich in Anspruch. Heute kann das jeder Idiot tun, der sich als Kämpfer für eine bessere Welt versteht.

Natürlich gehören solche künstlich befruchtete Dauererregungen schon länger in die Abteilung «Wahnsinn ist ansteckend», wirken nur noch lachhaft, wenn zum Beispiel argumentiert wird: «Auch die Absicht dahinter ist irrelevant, denn die Verletzung bleibt dieselbe. Auch wenn wir jemandem unabsichtlich mit einem Hammer auf den Daumen hauen, tut’s weh.»

Dazu kann man nur absichtlich sagen: Wieso tut es nicht weh, so einen Stuss mit ernstem Gesicht abzusondern? Aber der feministische, klimabewegte, antirassistische, Diversität verteidigende, fordernde und ablehnende Mob im Internet ist letztlich harmlos. Durchgedrehte Genderforscher, von Steuergeldern bezahlt, die rigorose Sprachregelungen an ihren Unis durchsetzen wollen, sind schon eine Runde gefährlicher.

Meinungen? Nein, Menschen, Haltungen, Gesinnungen

Durch die absichtliche Verwechslung von Meinung und Mensch liegt es natürlich nahe, nicht nur die Zensur seiner Meinung zu fordern, sondern gleich des ganzen Menschen. Deshalb wurde weitherum applaudiert, dass ein Lügner, Hetzer und Unmensch wie Donald Trump der Stecker gezogen wird. Fertig Twitter, fertig Facebook, fertig direkter Zugang zu seinen Anhängern.

Das wurde nicht nur von vielen linksgrün-feministisch bewegten Inquisitoren begrüsst. Auch viele Medien konnten der Aktion durchaus etwas abgewinnen. Logisch, weil Trump als Erster in diesem Ausmass ihnen vorgeführt hatte, dass er nicht von Massenmedien als Multiplikatoren oder Lautsprechern abhängig ist, um seine Ansichten unters Volk zu bringen.

Welche Ansichten das sind, wie man die qualifizieren muss, darüber herrscht ausserhalb der «Weltwoche» allgemeine Einigkeit. Aber eben nicht darüber, was man davon halten soll, dass ein autistischer Milliardär, ein etwas abgedrehter Erfinder eines Kurnachrichtendiensts, die Entwickler einer monopolistischen Suchmaschine, darüber entscheiden dürfen, was auf ihren Plattformen geht und was nicht.

Über viele Jahre hinweg entledigten sich die Besitzer sozialer Plattformen jeder Verantwortung, was auf ihnen getrieben wird, mit dem Argument, dass sie ja nur die Infrastruktur für privaten Meinungsaustausch zur Verfügung stellten; ausserdem sei es schlicht unmöglich, Milliarden von Posts ständig darauf zu kontrollieren, ob sie auch gesetzeskonform seien.

Milliardengewinne mit Trotteln, die alles für gratis halten

Zudem wiesen sie als völlig abwegig zurück, dass ihre Plattformen für politische Agitation, ja sogar Manipulation missbraucht werden könnten. So scheffelten sie in Ruhe mit geringem Aufwand Milliarden, während sich die Nutzer darüber freuten, dass ihnen hier angeblich völlig umsonst und aus Menschenfreundlichkeit gratis Tools zur Verfügung gestellt wurden, mit denen sie ihrer Einsamkeit oder Bedeutungslosigkeit entfliehen konnten.

Erst Bewegungen wie der arabische Frühling oder nachgewiesene Wahlbeeinflussungen durch ausländische Hackerarmeen oder üble Manipulatoren wie Cambridge Analytica sorgten für einen Meinungsumschwung.

Eine weitere Verteidigungslinie war, dass Äusserungen von Politikern einen Sonderstatus besässen, weil man ja politisch neutral bleiben wolle und deshalb nicht einfach zensurierend eingreifen könne. Aber am Beispiel Trump wurde dann auch das über Bord geworfen.

Bankrotterklärung des Rechtsstaats

Reine Heuchelei, nachdem man sich auch an ihm mit seinen Millionen Anhängern durch Werbung und Datenverkauf dumm und krumm verdient hatte. Aber als nur noch zwei Wochen seiner Amtszeit übrig waren, wurde der Abschaum, der das Kapitol stürmte, zum Vorwand genommen, mit staatstragender Miene seine Accounts zu sperren.

In Wirklichkeit ist das eine Bankrotterklärung des Rechtsstaats. Schon wieder, nachdem wir das finstere Regime der Kirche überwunden haben, wird das unverzichtbare Prinzip, dass nur ein Rechtsstaat nach Gesetzen und mit der Möglichkeit zur Gegenwehr der freien Meinungsäusserung Grenzen setzen darf, neuerlich durchlöchert.

Man kann nur froh sein, dass all diese kleinen Möchtegern-Inquisitoren, diese Westentaschen-Torquemadas, diese Sprachdenunzianten, diese Gesinnungspolizisten, die mit Willkür und Geschrei richten wollen, im Gegensatz zur richtigen Inquisition nur über begrenzte Mittel verfügen.

Die aber auch nicht zu unterschätzen sind. Welch unheilvolle Entwicklung sich hier abspielt, kann man einfach selbst herausfinden. Man vergleiche nur mal, was vor 20 Jahren noch im öffentlichen Diskurs möglich war, und was heute. Das ist keine Verbesserung, keine Reinigung, keine Ent-irgendwas. Das ist einwandfrei ein Highway to Hell.

Klare Sache für Moral-Ayatolle.

René Zeyer schon wieder auf Radio 1

Als erster Ersatz von Markus Somm eingewechselt, gab ZACKBUM-Macher René Zeyer einen ordentlichen Einstand.

Seit gut zehn Jahren gibt’s ihn schon, den Zank-Talk Roger gegen …. auf dem Zürcher Lokalsender Radio 1. Die ersten vier Jahre holte sich hier Roger Köppel sein Rüstzeug für höhere Weihen, etwa im Nationalratssaal und für sein «Weltwoche daily». Seither ist Markus Somm Sparringpartner von Roger Schawinski, wenn er denn nicht krank oder in den Ferien ist. Letzteres trat nun, so zumindest die offizielle Version, gestern Montag ein. Zum Glück erinnerte sich Roger Schawinski an einen höchst vergnüglichen Doppelpunkt vor einigen Wochen. Da befragte er nämlich René Zeyer von ZACKBUM.ch

Gestern also die Premiere von Roger gegen René. Die beiden gaben sich durchaus Saures. Themen waren die «Diktatur» in Bern, die von der SVP geforderte Beizenöffnung, das Abkommen mit Indonesien und das geplante Burkaverbot. Begonnen hatte das 30-minütige Gespräch mit einem Paukenschlag. «Marxist», antwortete Zeyer auf Schawinskis Frage nach seiner politischen Verortung.

Dank René Zeyer war die Rolle der Medien, etwa bei Corona, stärker ein Thema als üblich. Das muntere Gespräch ist hier nachzuhören. Soviel sei – Achtung Spoiler – verraten: Die Meinungen von Roger und von René divergieren nicht so sehr wie jene von Roger und Markus.  Die Frage bleibt, wie René Zeyer diesen Einstand zu nutzen weiss. Der Zank-Talk bei Schawinski war für Köppel Trittbrett in die Politik, für Somm der Start in die Selbstständigkeit als Nebelspalter-Herausgeber.

Watson? Je ne le connais pas

Wieder ein Fall für Doktor Ackeret.

Matthias Ackeret hat schon viele Bücher und Kolumnen geschrieben. Editorials sind aber nicht so sein Ding. Die Einleitung zu den Mediadaten 2020 und 2021 ist nämlich identisch. Inklusive dieses Satzes: «Persoenlich.com feiert im nächsten Jahr übrigens seinen zwanzigsten Geburtstag.» Man kennt das auch von Frauen, die dreimal ihren 40. feiern.

Zweimal kommt natürlich auch dieser Satz vor: «Als Verleger freut es mich, dass wir von den grossen Medienhäusern unabhängig sind.» Wir wollen dem unabhängigen Fachmagazin die Freude nicht vergällen, weisen aber auf die Zusammenarbeit zwischen Persönlich und Watson hin. Ein Heft, kuratiert von Ackeret, soll nämlich die französische Ausgabe von Watson begleiten.

Ackeret zeigt sich in seinem eigenen Artikel «vom Produkt begeistert». Wo finden wir eine Analogie zu dieser Selbstbeweihräucherung? Natürlich in der Bibel: «Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut.»

Noch nicht so gut ist die Bekanntheit von Watson. Zumindest im französischen Teil der Schweiz. Gemäss Marktforschungsunternehmen LINK Institut kennt kein welsches Schwein Watson. Und nur 15 Prozent können mit «Watson» etwas anfangen, wenn sie «gestützt» werden. Zum Beispiel mit einer Ohrfeige.

ZACKBUM fragte natürlich den Chefredaktor von Watson, Maurice Thiriet: «Wie Ihr wollen das machen plus populaire?» Thiriet: «Ich bin weder Chefredaktor von watson.ch/fr, noch bin ich Marketingverantwortlicher noch CEO der Fixxpunkt AG, welche watson.ch/fr verlegt.» Cochon gehabt.

Ausländer als «Metastasen» bezeichnet

Der Tages-Anzeiger bietet Oberrichter mit ausländerfeindlichen politischen Ansichten eine «lustige» Plattform.

SD-Politiker Christoph Spiess ist seit einigen Tagen der breiteren Öffentlichkeit ein Begriff. Er und seine Frau Justyna Spiess haben einige Filmchen aufs Netz geladen, die originell sein sollen.

Ins Rollen brachte die Story Tamedia-Redaktorin Lisa Aeschlimann. Sie stellt die Frage aller Fragen: «Man stelle sich vor: Am Morgen verurteilt Spiess Straftäter, am Abend hält er für ein lustiges Video mit seiner jüngeren, lebenslustigen Frau her. Darf sich ein Richter – eine Magistratsperson – in den sozialen Medien so zeigen?»

Langer Rede, kurzer Sinn. Man darf, auch wenn man knapp am guten Geschmack vorbeischrammt.

Ausländer als «Metastasen»

Was den Tagi-Lesern vorenthalten wurde. Alt-Gemeinderat Christoph Spiess (61) darf in seiner Freizeit auch üble rassistische Thesen verbreiten. So schrieb er 2015 in Zusammenhang mit der erleichterten Einbürgerung von Ausländern dritter Generation, dass sie sich zwar so weit «integrieren», dass sie nicht ständig anecken. Im Herzen bleiben sie aber mit der Heimat ihrer Vorfahren verbunden. Sie bilden eigentliche Parallelgesellschaften, sozusagen «Metastasen» fremder Kulturen. Dass ein Oberrichter Teile der Gesellschaft als sinngemäss als Krebstumor, als bösartigen Geschwulst, bezeichnet, ist speziell.  Verbürgt ist laut der «NZZ», dass Christoph Spiess bereits 1975 der Nationalen Aktion beigetreten ist, die damals vor allem gegen Italiener Stimmung machte. 20 Jahre lang war Spiess Gemeinderat in der Stadt Zürich, für die Rechtsaussen-Partei Nationale Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat, die sich später in Schweizer Demokraten umtaufte.

Laut dem «NZZ»-Artikel von 2015 ist Spiess «unter Juristen geschätzt, aber für viele ein politisches Schreckgespenst, ein rechtsextremer Fremdenfeind, dem man allerlei niedere Instinkte zutraut». Immerhin, so nochmals die «NZZ»,  sei der stramme Schweizer Demokrat vor Gericht kein Ausländerschreck. Vielmehr gelte als besonnener Jurist, der alle Angeklagten mit Respekt behandle und auch gerne einmal eine mildere Strafe verhänge als die Vorinstanz.

ZACKBUM hat nachgefragt bei Christoph Spiess.

Herr Spiess, wie waren die Reaktionen auf den grossen Artikel im Tages-Anzeiger?

Die Reaktionen auf den von Ihnen erwähnten Artikel gingen mit einer sehr grossen Mehrheit (ich schätze so um die 80 %) dahin, dass die im Artikel thematisierten Videos auf dem TikTok-Account meiner Ehefrau völlig unproblematisch seien, offensichtlich nichts mit meiner Amtstätigkeit zu tun hätten, und dass die daran geübte Kritik deshalb unberechtigt sei.

Hatten Sie früher auch schon Reaktionen/Reklamationen Ihres Arbeitgebers auf Ihre privaten Aktivitäten, etwa die Parteiarbeit für die SD/NA?

Nein, wieso denn auch? Ich war fast 20 Jahre im Zürcher Stadtparlament und bin auch heute noch, wenn auch nicht mehr so intensiv wie damals, politisch aktiv. Das steht mir genau so zu wie jedem anderen Stimmbürger. Es ginge nicht an, mich wegen dieser Aktivität im Berufsleben zu kritisieren, und das geschieht richtigerweise auch nicht. Meine Amtstätigkeit als Richter ist demgegenüber nicht politischer Natur. Hier geht es um die korrekte Anwendung der geltenden Gesetze auf Einzelfälle. Dabei dürfen politische Meinungen keine Rolle spielen, und sie tun dies auch nicht. Im Gerichtshaus hat die Politik nichts verloren.

In einem Text von Ihnen aus dem Jahr 2015 bin ich auf eine diskutable Passage gestossen. Sie argumentieren in Zusammenhang mit der erleichterten Einbürgerung von Ausländern dritter Generation, dass sie sich zwar so weit «integrieren», dass sie nicht ständig anecken. Im Herzen bleiben sie aber mit der Heimat ihrer Vorfahren verbunden. Sie bilden eigentliche Parallelgesellschaften, sozusagen «Metastasen» fremder Kulturen. Würden Sie das heute noch unterschreiben?

Viele junge Immigranten integrieren sich voll und identifizieren sich dann auch wirklich mit unserem Land. Leider gibt es aber auch viele, die zwar unsere Sprache lernen und im beruflichen und sozialen Leben gut eingegliedert sind, innerlich aber nicht die Schweiz, sondern ihr Herkunftsland (bzw. dasjenige der Eltern und Grosseltern) und dessen Kultur als Heimat empfinden. So bilden sich in der Tat «Parallelgesellschaften» fremder Kultur. Das geschieht nicht nur bei uns in der Schweiz, sondern noch viel ausgeprägter in gewissen Quartieren von Grosstädten in anderen europäischen Ländern (Paris, London, Marseille, Berlin, Brüssel-Molenbeek usw.). Leider gibt es sogar Länder, deren Regierung das gut findet und ihre ausgewanderten Bürger aktiv dazu ermuntert, sich ja nicht zu assimilieren. Konkret erinnere ich mich an derartige Äusserungen des amtierenden türkischen Staatspräsidenten.

«Parallelgesellschaften» passen also nicht in Ihr Weltbild?

Diese Nicht-Assimilation und Bildung von «Parallelgesellschaften» kann zu erheblichen gesellschaftlichen Spannungen führen, die sich in Zukunft wohl eher noch akzentuieren werden. So etwas ist meines Erachtens in niemandes Interesse. Im Rahmen der politischen Debatte – ich glaube, dass der von Ihnen erwähnte Text in der Zeitung «Schweizer Demokrat» erschien – darf (und soll meiner Meinung nach) auf diese Problematik hingewiesen und postuliert werden, eine Einbürgerung erst nach erfolgter Assimilation vorzunehmen. Nichts anderes habe ich getan.

Dann finden Sie Ihre Aussage mit den Metastasen also nicht diskutabel?

«Diskutabel» ist das nur in dem Sinne, dass andere Stimmberechtigte – vielleicht auch Sie – diese Auffassung nicht teilen müssen und ihre andere Ansicht in die politische Diskussion einbringen dürfen (und das in einer lebendigen Demokratie hoffentlich auch tun). Das Berufsleben der an der politischen Debatte teilnehmenden Bürger betrifft das nicht, auch nicht bei einem Richter. Denn wie schon gesagt: In der Gerichtsarbeit haben politische Meinungen nichts zu suchen und spielen sie auch keinerlei Rolle. Demgemäss gibt es da auch nichts zu beanstanden.

Uih, lange Antworten, Herr Spiess. Aber danke trotzdem.

Noch dies als Abrundung: Gesetzt der Fall, Christoph Spiess wird 2022 wieder für den Stadtzürcher Gemeinderat und – wer weiss – sogar für die Exekutive kandidieren, einige Stimmbürgerinnen und Stimmbürger werden sich vielleicht an den lustigen Oberrichter erinnern, wie er ihnen vom Tagi präsentiert wurde.

Gesicherte Erkenntnisse über Kuba

Das ist konsequent: Die NZZ setzt ihre Quatsch-Berichterstattung über die letzte Insel des Surrealismus fort.

Die erste Bresche in die Glaubwürdigkeit der Kuba-Berichterstattung hat Sandra Weiss geschlagen. Als Ferndiagnostikerin aus Mexiko Stadt behauptete, sie, dass kubanische Ärzte versklavt seien und das Regime Multimilliarden durch ihre Vermietung im Ausland einnehme.

Beides völliger und belegbarer Unsinn. Aber die Leitung der NZZ-Auslandredaktion ist zu arrogant, um auf einen schüchternen Hinweis ihres ehemaligen NZZ-Korrespondenten mit Wohnsitz Havanna auch nur zu antworten.

Die Strafe folgt auf dem Fuss. Der freie Journalist Knut Henkel aus Hamburg rührt im Ressort Reisen die Werbetrommel für die Feriendestination Kuba. Ziemlich faktenfrei, und bei der Lektüre fragt man sich, ob es vielleicht noch eine andere Insel gibt, die zufällig auch Kuba heisst.

Vielleicht gibt es noch ein zweites Kuba

Denn die letzte Insel des Surrealismus kann Henkel eigentlich nicht meinen. «Seit Mitte Oktober ist Kuba wieder für internationale Touristen offen», behauptet er kühn. In der Tradition von Radio Eriwan: im Prinzip ja. Ab und an. Mehr oder weniger. Je nachdem.

Erst Mitte November öffnete der Flughafen von Havanna wieder, obwohl die Öffnung auf 1. November fest versprochen war. Das liess ein paar tausend Reisende auf ihren wertlosen Tickets sitzenbleiben. Und weil das die Attraktivität der Feriendestination ungemein steigert, reduziert Kuba die Anzahl Flüge nach Lust und Laune.

Der reale kubanische Traum.

Was dazu führt, dass zeitweise Tausende von Kubanern aus dem Exil, deren Rückflüge in die USA gestrichen wurden, auf Kuba festsassen. Genau gleich ging es auch Kubanern über ganz Zentral- und Lateinamerika verteilt. Hin kamen sie, aber der Rückflug war dann nix.

Als weitere Abschreckungsmassnahme hat Kuba nicht nur einen gültigen und negativen Corona-Test für obligatorisch erklärt. Sicher ist sicher, also muss zusätzlich jeder Tourist zunächst mal in Quarantäne in ein Staatshotel. Freie Wahl für freie Touristen? Aber nein, er wird zugeteilt, den Zimmerpreis plus Verpflegung und medizinische Betreuung hat er natürlich auch zu zahlen.

Testen, testen, testen. Aber die Resultate?

Eigentlich war ein Aufenthalt bei einer kubanischen Familie geplant? Aber nein, das wäre ja gesundheitsgefährdend. Früher gab es noch die Möglichkeit des Hausarrests. Also die ersten sieben Tage mussten ohne Freigang innerhalb einer Wohnung verbracht werden. Alles nur zur Sicherheit. Dazu dient auch ein gleich am Flughafen durchgeführter (und zu bezahlender) Test. Dessen Resultat sollte dann dem im Hotel oder früher in vier Wänden eingesperrten Touristen innerhalb der Quarantänezeit bekannt gegeben werden.

Im Prinzip ja. Es gibt aber Fälle, die fröhlich wieder aus Kuba ausreisten, ohne das Resultat erhalten zu haben. Wobei auch für Touristen die Rückreise nicht ganz hindernisfrei ist, da auch die wenigen europäischen Airlines, die Flüge nach Kuba anbieten, diese zwar grossartig in ihren Flugplänen ankündigen, gerne auch die Kohle für eine definitive Buchung kassieren – sie dann aber auch nach Lust und Laune wieder absagen.

Nur zufällige Übereinstimmung von Statistik und Realität

Von all diesen kleinen und grösseren Hindernissen schreibt Henkel nur sehr, sehr wenig. Dafür zitiert er ausführlich offizielle Statistiken über die Anzahl von Corona-Fällen oder von Toten. Sicher, es gibt keine andere Quelle dafür, aber bei solchen staatlichen Angaben kann man sicher sein: jede Ähnlichkeit mit der Realität wäre rein zufällig. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist die wirkliche Anzahl viel höher. Das sowieso schon verlotterte Gesundheitssystem ist vor allem im Südosten der Insel nahe am Zusammenbruch.

Denn in Wirklichkeit ist Kuba von einem perfekten Sturm getroffen. Mangels Transport- und Überweisungsmöglichkeiten ist die Devisenquelle Nummer eins, die rund 4 Milliarden Dollar von Exilkubanern, die dann in den Monopolstaatsläden abgeschöpft werden, vom Strom zum Getröpfel vermindert. Deviseneinnahmequelle Nummer zwei, der Tourismus, war von Mitte März bis Ende Oktober völlig lahmgelegt. Was unter anderem dazu führte, dass eine der wenigen florierenden Wirtschaftszweige für Privatunternehmer abgewürgt wurde.

Auch das ist real in Havanna.

Privathotels, Restaurants, Transportdienste und alles, was mit Tourismus zu tun hat, da hatte sich eine ernsthafte Konkurrenz zu den oftmals sehr realsozialistischen und im Vergleich schweineteuren Staatsinstallationen entwickelt. Abgeräumt, bankrott, weg.

Einnahmequelle Nummer drei, die Vermietung von Fachpersonal ins Ausland, lief auch schon mal besser. Inzwischen sind in vielen vormals verbündeten Staaten wie Bolivien oder Brasilien rechtskonservative Regierungen am Gerät. Und der grosse Bruder Venezuela pfeift selber aus dem letzten Loch.

Der überlebensgrosse, charismatische Fidel Castro ist tot, sein Bruder und die letzten überlebenden Guerilla-Führer sind 90 oder älter, der neue Präsident hat ausser einem provokativ dicken Bauch keine nennenswerten Eigenschaften. Gleichzeitig zwang der Devisenmangel das Regime, etwas zu tun, was es mit heiligen Eiden versprochen hatte, niemals zu machen.

Schon wieder ein revolutionäres Versprechen gebrochen

Es wurden wieder Devisen-Shops eingeführt, in denen man ausschliesslich in MLC, moneda libremente convertible, bezahlen kann. In den Peso-Läden oder in den Bodegas, wo sich der Kubaner bis heute die ärmlichen Reste auf seiner Rationierungskarte abholt, gähnen leere Regale, das gilt auch für viele Staatsapotheken. Ein Rezept bekommen, ist der einfachere Teil. Schlimmer noch, auch in den Devisenshops gibt es immer weniger Angebot, aber immer mehr Nachfrage.

Resultat: unübersehbare Schlangen, kilometerlang, oftmals beginnt das Warten am Vortag, und endet nicht immer glücklich am Folgetag vor Ladenschluss. Statt sich um eine bessere Belieferung zu kümmern, erfand das Regime eine Massnahme nach der anderen, um diese hässlichen Bilder, die nur zur feindlichen Propaganda dienen, zu vermeiden.

Aktuelle Lösung: Es werden pro Laden Tickets ausgegeben. Maximal 50 am Tag. Nun gibt es zwar lange Schlangen vor den Ausgabestellen, aber nicht mehr vor den Läden. Kleine Nebenwirkung: der Schwarzmarktpreis für so ein Ticket beträgt von 10 Dollar aufwärts. Nach Schwarzmarktkurs 500 Pesos. Ein kleines Vermögen nur für den Eintritt. Und wenn’s das gewünschte Produkt nicht hat: Pech gehabt.

An 60 Jahren landwirtschaftlichem und wirtschaftlichem Totalversagen gestählt, nimmt der Kubaner auch diese Herausforderung an, was bleibt ihm auch anders übrig. Und dass er wieder mindestens den halben Tag, jeden Tag, in einer Schlange verbingt, stört auch nicht weiter. Die einheimische Produktion ist sowieso schon lange im Keller, so muss die tropische und fruchtbare Insel über 80 Prozent ihrer Nahrungsmittel importieren.

Macht ein Impfstoff Hoffnung?

Aber, so endet Henkel hoffnungsfroh, Kuba entwickle Soberana 2, Souverän 2. Das könnte die Impfung gegen Covid19 werden, behauptet das Regime. Vorherige Ankündigungen, ein Mittel gegen HIV und Krebs und überhaupt fast alles entwickelt zu haben, lassen daran zweifeln.

Vorsichtshalber soll es klinisch an Iranern ausprobiert werden. Da kann man nur hoffen, dass die ayatollen Führer als erste drankommen.

Natürlich ist Kuba trotz alledem eine mögliche Feriendestination. Land und Leute, Mojito und Puro, Sonne und Strand, Musik, unzerstörbare Fröhlichkeit. All das gibt’s weiterhin, als geballte Ladung nur für Touristen. Die nicht enttäuscht werden, wenn sie all das wissen. Aber sicher sind, dass Henkel ein Paralleluniversum beschrieben hat, wenn sie einen persönlichen Augenschein nehmen.

Einen Fehler machen kann jeder. Aber beratungsresistent einfach den nächsten zum gleichen Thema machen, das ist sehr beunruhigend.