Fassungslos III

FASSUNGSLOS. Lesen, staunen, verzweifeln. Das sind die drei Stufen auf dem Weg zur Medienenthaltsamkeit.

 

Giacobbo, übernehmen Sie!

Man kann nicht einfach den Job als Sprachpolizist hinschmeissen. Denn wenn der Humor geht, muss der Ernst bleiben. Nachdem Spassbremse Viktor den «Blick» bereits gemassregelt hat, dass die Verwendung des Wortes «Sternchen» eigentlich nur für die Bezeichnung beim Gendern erlaubt ist, muss die Frage gestellt werden: Wieso bleibt er hier stumm?

Weisse Schrift auf dunklem Hintergrund …

In Deutschland wird bereits das Wort «schwarzfahren» nicht mehr verwendet, die Swiss will auch in der Luft Transgender und Non-Binäre durch die diskriminierende Anrede «Damen und Herren» nicht länger exkludieren. Und nun das.

Es muss klar denunziert werden: Schwarzgeld ist rassistisch. Weissgeld natürlich auch. Und wieso gibt es dann kein Gelbgeld, gibt es nicht genügend chinesische Milliardäre? Oder Scheichgeld? Blutgeld gibt es hingegen, solange sich amerikanische Ureinwohner, früher mal als Indianer oder Rothäute bekannt, nicht dagegen zur Wehr setzen.

Schon Wortwürger Lukas Bärfuss sprach von einem «chemischen Industriellen», der einen ganz schlechten Einfluss auf die Schweiz habe, wie wäre es da mit dem Begriff Chemiegeld? Und darf man von Impfgeld sprechen, wenn Milliarden in die Schweiz fliessen, bzw. in die tiefen Taschen der Pharmamultis?

Was uns bei diesen Sprachreinigern und Kämpfern gegen den falschen Ausdruck fassungslos macht: sie haben kein Durchhaltevermögen. Sie twittern sich einen, und dann ist wieder Ruhe. So wird das nix mit der Reinheit der Sprache, was ja der Schlüssel für eine bessere Welt ist.

Blumer, bitte aufhören!

Twitter ist schon schlimm genug. Aber das lässt sich steigern: man bastelt einen Artikel draus. Das Rezept zum Nachbacken von Claudia Blumer: man nehme einen möglichst einfältigen Tweet. Der findet immer sofort Zuspruch, sobald Sibylle Forrer an Bord ist, weiss man, dass das Niveau kaum mehr sinken kann.

Einen reingehagelt: das Werk der Politikchefin von «20 Minuten».

Dann nehme man eine Gegenmeinung, fahre dagegen Politiker (Grüne-Nationalrätin Aline Trede ist immer ein sicherer Wert) plus mindestens eine «ETH-Klimawissenschaftlerin» auf, auch gerne rezykliert, einmal umrühren, et voilà.

Natürlich muss nun auch die SVP angehört werden, die brav übers Stöckchen springt:

Liebes «20 Minuten», gratis ist schon recht, aber das muss doch nicht billig sein. Heisse Luft, frisch aufgebacken, das bekommt dem Leser auf die Dauer nicht. Oder wie Gülsha wohl sagen würde: «Man kann gar nicht so viel essen …»

Abgerundet wird das Nonsens-Thema noch mit einer Meinungsumfrage, das nennt man Leser-Blatt-Bindung im Jargon:

Wir hätten da – aus Gründen der Ausgewogenheit – noch mehr Fragen.

  • «Sind die Grünen an furzenden Kühen schuld?»
  • «Geht uns wegen der SP das Bargeld aus?»
  • «Ist die FDP am Impfzwang schuld?»
  • «Ist die Mitte nicht mehr bibelfest?»
NZZ: Zwischenrufe von der Falkenstrasse

Auch die alte Tante frönt hemmungslos dem Lokalpatriotismus:

Schweiz Tourismus kann es sicherlich kaum fassen, welche Gratiswerbung für Ferien in der Schweiz gemacht wird.

Aber immerhin, die NZZ ist auch für ihre Tradition der ordnungspolitischen Zwischenrufe bekannt; diesmal nimmt sie sich gleich die Natur vor:

Keine Zeichen von der Natur; da ist sich die NZZ sicher.

Natürlich nicht die Natur als solche, sondern unsere falschen Vorstellungen von ihr. Denn schon Friedrich Engels, der Mitbegründer des wissenschaftlichen Marxismus-Leninismus, titelte: «Die Dialektik der Natur». Dabei übersah allerdings auch er, dass die Natur keineswegs dialektisch ist. Sie ist nicht mal natürlich. Aber solche kleinen Unterschiede zwischen erkanntem Objekt und erkennendem Subjekt sind nicht für viele fassbar.

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