Es darf gelacht werden: Feuer frei!

Knellwolf, übernehmen Sie! Es gibt noch mehr Gefahr, die von dieser Aufforderung zur Gewalt ausgeht.

Alles ist relativ. Ein SVP-Politiker, der sich nicht unbedingt nationaler Bekanntheit erfreut, verwendete in einer rund 100 Nasen umfassenden Chatgruppe den Spruch «Feuer frei!», um zur Gegenwehr gegen eine Forderung des Bundesamts für Gesundheit aufzurufen.

Das zwirbelte das Blatt der sensiblen Gewaltfreiheit zur Coverstory hoch und warnte in insgesamt drei Artikel davor, dass das brandgefährlich sei. Solche virtuellen Aufrufe könnten schnell real missverstanden werden, und dann könnte auf das BAG geschossen werden. Mit echten Kugeln.

Aber Thomas Knellwolf als ehemaliger Recherchier-Journalist hat natürlich nur an der Oberfläche gekratzt. Da wäre zum Beispiel die deutsche Band «Rammstein» mit ihrem Song «Feuer frei!». Schockierend: der wurde alleine auf YouTube bislang rund 140 Millionen (!) Male aufgerufen. Fast 600’000 Fans gaben ihm ein Daumen hoch.

Bitte nicht nachmachen: Videoclip von «Rammstein».

Wenn man sich vergegenwärtigt, was für ein Gewaltpotenzial hier wie Magma unter der Oberfläche brodelt: Knellwolf, es besteht dringlicher Handlungsbedarf. Das ist Faktor 1,4 Millionen mal mehr Gefährdungspotenzial als beim Aufruf zur Gewalt der SVP!

Hemmungslose Feuerorgie auf der Bühne. Ist das noch Kunst?

Es ist ja nicht nur der Schiessbefehl im Titel des Songs, auch das Lied selber enthält genügend Munition, um einem Knellwolf die Schweissperlen der Angst auf die Stirne zu treiben:

Wann fallen die ersten Schüsse, bei diesen Songzeilen?

Es ist bedauerlich, dass man einem so ausgewiesenen Recherchier-Journalisten weitere Fundstücke nachtragen muss:

Ein gut getarnter Aufruf zur Gewalt. Anleitung für Pyromanen.

Zumindest die Webseite im Aufbau könnte noch durch ein beherztes Eingreifen von Tamedia verhindert werden; dass selbst die NZZ, ja gar der Limmattaler mit dem Feuer spielt, ist so bedauerlich wie traurig; es wirft ein Schlaglicht auf den Sittenzerfall in unserer Gesellschaft, der nicht erst gestern begonnen hat.

Vielleicht könnte Tamedia – mit oder ohne Knellwolf – sein Recherche-Desk endlich mal für etwas Konstruktives einsetzen. Statt sinn- und zwecklos gestohlene Geschäftsunterlagen durchzuflöhen und absurd übertriebene Behauptungen aufzustellen, auf welche Abgründe man da wieder gestossen sei, wäre es doch verdienstvoll, der Gewalt im Internet den Kampf anzusagen.

«Feuer frei!» gegen «Feuer frei!», sozusagen. Die Folgen wären so unabsehbar wie segensreich. Endlich würde ein alter Traum wahr, Tamedia würde ein bisschen Frieden in die Welt bringen:

Damit ihr Traum endlich wahr wird …

Denn das bewegende Lied von Nicole ist bislang nur 6,5 Millionen mal aufgerufen und magere 32’000 mal gelikt worden. Das muss besser werden, damit die Welt eine bessere wird.

Alle können noch dazulernen

Aber nicht nur Knellwolf, auch sein oberer Vorgesetzter kann noch dazulernen, wie mehr Friede und weniger Feuer in die Welt kommt. Denn Arthur Rutishauser hat nach zweitägigem, vertieftem Nachdenken herausgefunden, dass eine kindische Karikatur, in der der Kopf seiner Mitarbeiterin Michèle Binswanger in eine Illustration der Hinrichtungen während der Französischen Revolution hineingemecht wurde, eine «Grenzüberschreitung» darstelle. Sogar eine «schwere».

Rutishauser gelangt in seinem mit langer Lunte entstandenen Kommentar zur Schlussfolgerung:

«Besorgniserregend ist, dass mittlerweile ein Teil der politischen Linken so intolerant geworden ist, dass sie auf jeglichen Anstand verzichtet und Volksverhetzung betreibt.»

Bittere und anklagende Worte des Oberchefredaktors von Tamedia. Nur: fällt ihm dieses Phänomen nicht in seinen eigenen Redaktionen auch auf? Existiert da dieser Teil der politischen Linken nicht? Und wenn wir schon dabei sind: kennt man dieses Phänomen bei der politischen Rechten nicht? Zumindest bei einem Teil davon?

Oder nochmal anders: Sind Grenzüberschreitungen in Richtung brunzdumm nicht noch besorgniserregender? Ein paar Knallköpfe aus dem Umfeld der Berner Reitschule werden mit einer Strafanzeige überzogen. Tamedia fällt wie das Jüngste Gericht über einen unbesonnenen Spruch eines SVP-Politikers her, weil der in der SVP ist.

Tiefergelegtes Niveau der Debatte

Allgemeines Wehgeschrei: die da sind ganz böse. Nein, selber böse. Nein, du böse. Nein, du mehr böse. Du Hetzer. Ha, du grosser Hetzer. Ich kein Hetzer, du aber. Ohne die Verwendung des Wortes Hetzer werden so Konflikte im Sandkasten ausgetragen, inklusive Zerstörung von Sandkuchen, Fuchteln mit Schäufelchen oder gar dem Ziehen an Haaren, Kratzen und Beissen, bis die Eltern eingreifen.

Kampfplatz, nach einer aktuellen Debatte …

Auf diesem ärmlichen Niveau ist ein Teil der politischen Debatte angekommen. Begleitet von Dialogverweigerung, Unfähigkeit, mit Kritik oder Gegenargumenten umzugehen. Mit Ballern aus dem Glashaus, aber feigem Wegducken, wenn zurückgeschossen wird. Rechthaberei und Belehrung ist hohl und lachhaft, wenn sie sich nicht der Debatte stellt. Wäffeln ist einfach, argumentieren anspruchsvoll.

Um nicht nur Männerriten und Pseudo-Martialisches wie von Rammstein zu denunzieren: auch die erregten Tamedia-Frauen haben nach ihrem Protestbrief bislang jede Gelegenheit ausgelassen, sich einer Debatte zu stellen. Auch so verzichtet man auf jeden Anstand.

Schiessscharte auf, rausballern, Schiessscharte zu und die Reaktion aussitzen. Das soll dann Erkenntnisgewinn durch Meinungsaustausch und Debatte sein?

 

9 KOMMENTARE
  1. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Grund der Aufregung, Binswanger stellt Aust die «Frage» mit «eingebetteter» Antwort: «Der Vorwurf, rechts zu sein, kann ein gesellschaftliches Todesurteil sein». Ein no-go in einem Interview, plumpe Suggestivfragen die mehr über die Fragende aussagen. Warum gibt Binswanger nicht gleich die Antwort und nennt Namen der gesellschaftlich zum Tode verurteilten?. Sie steht doch für Fact & Figures.

    Die Reaktionen: die feigen, anonymen Deppen von Megafon schiessen gegen Binswanger, der Dr. Chefredaktior reicht Strafanzeige gegen Megafon ein. Köppel von der WW meldet sich auch noch und erwartet eine Stellungnahme von Brotz, natürlich ein typischer Köppelscher Fehlschuss, wie so oft. Warum ausgerechnet von Brotz? Warum nicht vom Unabhängigen Verband der Schweizer Journalisten, von BR Sommaruga, von seinem verehrten Donald Trump? Brotz ist sein Lieblingsfeind und da wartet er wochenlang damit er ihn piesacken kann. Nächstens verlangt Köppel von Brotz eine Stellungnahme zu nassen Wetter! Das Beängstigende: wir stehen erst am Anfang des Sommerloches!

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    • Mario Sacco
      Mario Sacco says:

      Warum Sandro Brotz? Er exponiert sich auch immer auf Twitter.

      Er fühlt sich wohl im situativen Handeln……..wenn es ihm passt.

      Vom «Unabhängigen Verband der Schweizer Journalisten» darf man bestimmt keine Stellungsnahme erwarten. Die Prozesse dort sind langsam.

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    • Rolf Karrer
      Rolf Karrer says:

      Sie mäkeln da zuviel herum von wegen «plumpe Suggestivfragen». Die Journalistin hat zumindest aus dieser eher berechtigten Frage eine kluge Antwort provoziert, nämlich:

      “Im heutigen Journalismus wollen viele Leute nicht mehr sagen, was ist, sondern was sein sollte“.
      Interview mit Stefan Aust in der Sonntags-Zeitung, 4.7.2021

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    • Benno Derungs
      Benno Derungs says:

      Mache doch keinen Unterschied zwischen Roger Köppel und Spezies wie Lukas Bärfuss und Co. Sandro Brotz ist nicht bloss der Lieblingsfeind der «Weltwoche», sondern weitgefächerten Kreise. In seiner Funktion als Dompteur im staatlichen Wappler TV darf seine persönliche Meinung schlichtwegs nicht durchschimmern. Auch seine Twitter-Gewohnheiten im Staatsfernsehen stehen halt auch auf dem Prüfstand.

      Köppel hat übrigens sehr recht, wenn er diese rechtsfreie und oft militante Parallelgesellschaft der Reitschule fadengerade angreift. Seit der Gründung des „Freien Land Zaffaraya“ vor bald 40 Jahren hat sich in der Stadt Bern ein staatlich finanzierter, intoleranter Extremismus breitgemacht. Selbst Linken stört diese masslose Arroganz.

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    • Carlo Bolliger
      Carlo Bolliger says:

      Roger Köppel hat in seinem gestrigen „Weltwoch daily“ vorallem auch anderes gesagt bezüglich Reitschule Bern. Die Erwähnung von Sandro Brotz war bloss ein (berechtigter) Nebenschaupatz.

      Apropos Stellungnahme nasses Wetter: Victor Brunner sollte seinem Lieblingsfeind Köppel nicht derart dümmliche Fragen ins Maul legen.

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  2. Beat Reichen
    Beat Reichen says:

    Einmal mehr präzise seziert. Nur die Betroffenen wollen gerade das nicht wissen. Auch das war im Sandkasten doch so mit dem Zuhalten der Ohren unter lautem Gebrüll.

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    • Alois Fischer
      Alois Fischer says:

      Richtig und wohl auch treffend beobachtet und zum Glück für uns alle auch geschrieben. Herr Brunner alsKurzzeitplatzhirsch in diesem Medium ist für mich nicht geniessbar – aber tragbar. Wer Ihn braucht, wird Ihn loben und die anderen sind zu gut erzogen, um dem grausamen Spiel (das keines sein muss) ein Ende zu bereiten.
      Also dagegen halten, liebe Freunde im wirklich liberalen Lager.

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  3. Sam Thaier
    Sam Thaier says:

    Alles gesagt, was es zu sagen gibt, danke René Zeyer. Die Wertehaltung der Tamedia desolat und auf einem 20-Jahres-Tief. Die Erregungskurve umso bizarrer. Das feige Wegducken – und in Verlegenheit – scheint ein Geschäftsmodell geworden zu sein. Aussitzen die Losung.

    Schlechte verharmlosende Vorbilder im Stile eines schwachen Oberchefs Rutishauser, haben dieser Zeitung masslos geschadet.

    Dieser Kopf-ab-Aufruf gegenüber Kollegin Michèle Binswanger als blosse «Grenzüberschreitung» zu verniedlichen, ist empörend, aber bezeichnend für das Versagen.

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