Der neue Boulevard-Tagi

Der «Blick» will seriös und anständig werden. Also Selbstmord begehen. Der Tagi will es krachen lassen und voll Rohr Boulevard machen. Doppelselbstmord.

Der tragische Fall eines Menschen, der vor der Zwangsräumung seines Hauses am Zürichberg es lieber anzündete und sich umbrachte, war der erste klare Test. Der «Blick» behandelte das mit einer Sensibilität, wie sie bei der NZZ nicht viel grösser sein könnte.

Der Tagi, damit Tamedia, liess es aber richtig krachen. Hintergründe, Ursachen, Porträt der Person, der letzte echte «Blick»-Chefredaktor Peter Uebersax wäre stolz auf den Tagi gewesen. Übrigens war das eine schillernde Persönlichkeit, aufgewachsen in Hamburg und Moskau, studierte Physik, war zweimal Chefredaktor des «Blick».

Kein Schluck Wasser wie die Schwiegermutterträume Müller, Dorer und Rutishauser. Die ja nur noch Erbsenzähler, Schönschwätzer, Motivatoren und möglichst geräuschlose Scharfrichter bei Entlassungsrunden sein müssen. Da fehlt dann nicht nur der Gestaltungswille, auch der Überblick. Nur so ist das Phänomen Claudia Blumer bei Tamedia zu erklären.

Rutishausers Kernkompetenz ist unbestreitbar die Wirtschaft, wo er einen Primeur nach dem anderen während des Swissair-Debakels raushaute. Aber schon länger vorbei. Nun probiert sich auch die Wirtschaftszentralredaktion von Tamedia mit Klamauk und Tollerei. Dabei ist aber das Problem: «Blick» hatte schon so viel Zeit zum Üben. Bei Tamedia ist das alles neu. Also erscheint dieser Nonsens:

Ein Auftritt, 4 Milliarden Treffer: das kann nur Ronaldo. Im Tagi.

Echt jetzt? Ronaldo umtribbelt zwei Cola-Flaschen bei einer Pressekonferenz, und schon rauscht der Börsenwert des Brauseherstellers um 4 Milliarden in die Tiefe? Oder wie das der frischgebackene Tagi-Boulevardjournalist in die Tasten haut:

«Stattdessen hob Ronaldo eine Flasche Wasser in die Höhe und sprach auf Portugiesisch «Wasser» in die Mikrofone. Anwesende Journalisten deuteten das als Aufforderung, Wasser statt zuckerhaltige Getränke zu trinken.»

Zuvor hatte der Fussballgott «demonstrativ» zwei Cola-Flaschen vom «Podium weggeräumt». Und dann den Ball ins Tor, nein, doch nicht. Da vergisst der von diesen Gesten animierte Tagi-Schreiber glatt die unschönen Missbrauchs-Vorwürfe gegen Ronaldo, über die auch Tamedia in voller #metoo-Erregung berichtet hatte. Aber he, das ist fast drei Jahre her, wer hat denn auch so ein Gedächtnis.

Wenn die Wirtschaft zur Schnellbrause wird

Ausserdem ist Jon Mettler anscheinend Wirtschafts-Journalist. Aber gut, im Impressum des «Tages-Anzeiger» steht auch immer noch Dominik Feusi als Redaktor Wirtschaft, obwohl der inzwischen unter Ausschluss der Öffentlichkeit beim «Nebelspalter» tätig ist.

Zurück zu Wirtschaft, Börse, Einmaleins, Herstellung von Brüllern. Der «Blick» hat gerade 24 verschwundene Milliarden aufgespürt. Da kann der Tagi doch nicht nachstehen. «Kursverlust von 1,6 Prozent» bei der braunen Brause, das mag «auf den ersten Blick wenig erscheinen», doziert Mettler, aber er durchschaut das: «Tatsächlich musste Coca-Cola aber damit einen Verlust des Börsenwerts von 4 Milliarden Dollar hinnehmen.»

Sapperlot, hat der Konzern das überlebt? Knapp, denn Mettler gibt Entwarnung und zitiert, das kann er nämlich auch: «Den Spielern wird bei der Ankunft auf unseren Pressekonferenzen neben Coca-Cola und Coca-Cola Zero Sugar auch Wasser angeboten.» Vielleicht sogar, ob das Mettler wohl weiss, Valser Mineralwasser. Ja, das gehört auch zu Coca-Cola, insgesamt mit 15 Marken ist der Konzern hierzulande präsent. Aber vielleicht würde das doch zu weit und zu tief führen, für eine schnelle Nummer in der Wirtschaft.

Dann nehmen wir doch einen kräftigen Schluck irgendwas und rüsten Mettler etwas nach. Ronaldo räumt zwei Cola-Flaschen weg und greift stattdessen zu einer Cola-Wasserflasche. Darauf bricht der Verkauf der braunen Brühe stark ein, das führt an der Börse zu Panikverkäufen und Kurseinbruch. Damit misst sich bekanntlich die Erfolgsrechnung einer Firma, ihr Gewinn, ihr Ertrag. Also die schwarze Zahl, die irgendwo steht.

 

Wie ein Blick in die Statistik zeigt (was das ist, erklären wir das nächste Mal), ist der Jahresgewinn durchaus volatil, aber erfreulich. Daran wird auch das Kohlensäure-Bläschen von Mettler nichts ändern, das er da geblubbert hat. Dass der Tagi dafür aber tatsächlich noch Geld verlangt, das würde Ronaldo gar nicht gefallen.

Echte Probleme hat sich der Konzern hingegen hiermit eingehandelt:

Na und? Nicht in Ungarn, dort jaulen die kirchlich Konservativen auf.

Daher ein Vorschlag zur Güte, mit dem alle leben können. Ronaldo, der zwar Cola-Flaschen weggeräumt, aber nichts dagegen hat, dass die Brause die Fussball-EM als Hauptsponsor unterstützt. Mettler, der zwar in der Wirtschaftsredaktion aufgeführt ist, aber vielleicht häufiger eine Gartenwirtschaft aufsuchen sollte, statt Nonsens zu schreiben. Und alle erregten Geister, die angesichts des nahenden Sommerlochs (was tun ohne Corona?) dem Leser dafür Geld abfordern, damit er sich quälen lässt: enjoy.

Taste the Feeling. Feel the Taste. Sprudel dir eins. Sieh doppelt. Tasting the Feel. Oder so.

4 KOMMENTARE
  1. Rolf Karrer
    Rolf Karrer says:

    Gestern ein bizarrer Gähn-Artikel im TA über die (Fussball)spielerfrauen auf der Kulturseite unter dem Titel «Sie kann nur verlieren. Egal was sie tut, sie steht auf verlorenem Posten». Natürlich eine pseudointellektuelle Einordnung der Süddeutschen, ausgewalzt auf einer ganzen Seite.

    Ein solcher Artikel hätte ein Produzent in der Blütezeit des Journalismus auf mindestens die Hälfte zurückgestutzt. Das Wort «Essenz» ist weitgehend verloren gegangen im JEKAMI-Zeitalter.

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    • Victor Brunner.
      Victor Brunner. says:

      In der Blütezeit des Journalismus wären nach Abgabe des Artikel die «Verbrecher» auf der Strasse gestanden oder zur Begutachtung in die Psychiatrie eingeliefert! Heute bezahlen die treuen Abonnenten für den Quatsch aus München!

      Antworten
    • Sam Thaier
      Sam Thaier says:

      Interessant, wie dieser Artikel aus München verschweizert wurde. Auf der Front und im Artikel auf Seite 28 Bilder mit den (Schweizer) Spielerfrauen von Seferovic und Rodriguez. Ansonsten hatte dieser kulturelle (………) Beitrag keinen Bezug zur Schweiz.

      Immer wieder amüsant, wie Artikel der Süddeutschen Zeitung, mit einem oder zwei Sätzen verschweizert werden müssen. Auch gewisse deutschspezifische Wörter werden umgeschrieben. Auch der € wird durch CHF ersetzt.

      Devise lautet: Es darf nie peinlich werden…………Mit Argusaugen räumt man diese Fallstricke weg.

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  2. Victor Brunner.
    Victor Brunner. says:

    Bitte nicht, Jon Mettler soll an der Werdstrasse bleiben und nicht lauschige Gartenwirtschaften besuchen. Es wäre schade um die schönen und vielbesuchten Orte. Er würde mit seinen «Erkenntnissen» nur nerven. Es reicht schon wenn sich Tamedia-Leute in der Helvti-Bar austauschen zum entsetzen anderer.

    Dank anderen die recherchieren und nicht abschreiben kann Mettler heute neue Erkenntnisse zu Ronaldo liefern. Der hat schon Cola Werbung für den chinesischen Markt gemacht. Mettler Wirtschaftssjournalist, ebenso gut könnte man behaupten der Uetliberg sei die höchste Erhebung der Welt. Beides Schwachsinn. In ein paar Tagen wenn sich die Aktie von Cola erholt hat und das wird sie und jemand darüber berichtet wird auch Mettler wieder die Taschen seines PCs vergewaltigen. Mettler hat nichts aus dem Trump «Cola-Boykott» gelernt. Schnellschüsse anstelle von sorgfältiger Analyse. Dabei wäre Coca-Cola interessant, besonders die letzten 5 Jahre, neues Ernährungsbewusstsein, Corona, auch temporärer Aktiensturz.

    Es wird noch ein paar Jahre dauern dann ist BLICK und Tages-Anzeiger auf Augenhöhe, interessant für die MitarbeiterInnen der Unternehmen dann kann ein gemeinsames Programm «job enrichement» lanciert werden. Tamedia MA arbeiten an der Dufourstrasse, BLICK MA an der Werdstrasse. An beiden Orten werden Mettlers Wirtschaftsberichte nicht begeistern!

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