Wird der «Blick» ganz anders?

Busen, Blut, Büsis. So funktioniert Boulevard. Oder nicht mehr? Ringier versucht die Wende, begleitet von Häme und Unglauben.

Nick Lüthi ist ein alter Hase, was die Berichterstattung über Medien betrifft. Als altgedienter Gewekschaftsjournalist verzehrt er nun noch sein Gnadenbrot bei der «Medienwoche». Leider auch ein Opfer der Medienkrise; viel Gesinnung, wenig Gehalt.

Drittklassige Gastautoren, die noch nicht mal eine erkennbare Gesinnung haben. Aber ab und an greift auch Lüthi selbst noch zum Griffel. So vermeldete er Ende Mai, dass der «Blick» sich nicht nur ein neues Logo verpasst hatte, sondern auch neue «Anstandsregeln». Er meint damit die «News-Richtlinien» an die sich seit Mitte Mai 2021 die «Blick»-Gruppe halten soll. Schon zuvor hatte sich das einzige Boulevardblatt der Schweiz von lieben Angewohnheiten getrennt.

Busen, also das «Seite 3»-Girl, war schon längst durch den «Star des Tages» ersetzt worden. Aber auch der verglühte mit dem Stellenantritt von Christian Dorer. Und nun wird auch noch der Sex-Ratgeber eingestellt. Damit aber nicht genug. Die Gerichte legen den Persönlichkeitsschutz immer extensiver aus, also jegliche Art von identifizierender Berichterstattung kann sehr schnell in kostspielige Probleme führen.

Methoden wie auf dem Boulevard

Lüthi bleibt allerdings skeptisch – und gnadenlos: «Die neuen Regeln sind zwar umfassend, weisen aber an entscheidenden Stellen Lücken auf.» Tja, umfassend oder lückenhaft, da muss Lüthi noch etwas in sich gehen. Am Schluss seines Artikels tat er das schon. Als wollte Lüthi die alte Tradition des Boulevard selber fortführen, musste er selbst bereits zu Kreuze kriechen:

«Wir bitten um Entschuldigung für die unzutreffende Unterstellung unethischen Verhaltens.»

Lüthi, der Recherchierjournalist, hatte dem Verfasser dieser neuen Richtlinien unterstellt, er selbst habe erst vor Kurzem dagegen verstossen. Sandro Inguscio wehret sich mit Erfolg gegen diese Unterstellung. Auch der Grand old man des Schweizer Journalismus, Karl Lüönd, äussert in einem Leserbrief grosse Vorbehalte gegen diese «schulmeisterliche Art» von Lüthi. Der zwar aus alten Reflexen auf die Boulevard-Gurgeln der Ringier-Presse einprügelt, aber, wie Lüönd maliziös anmerkt:

«Die seit Wochen mit Abstand knackigste  Boulevardgeschichte – die Hintergründe um den Arzt, der am Zürichberg seine Villa und sich selbst vernichtet hat – stand am gleichen Tag, an dem Du Deine Moralpredigt veröffentlicht hast, im Tages-Anzeiger.»

Dumm gelaufen für Lüthi, aber da gibt es ja noch Jolanda Spiess-Hegglin, immer zu Stelle, wenn es darum geht, etwas noch schlimmer zu machen. Offenbar ist JSH durch die Erstellung der Online-Denunziationsseite «netzpigcock.ch» nicht ausgelastet, die sich dem angeblichen Problem widmen soll, dass schon jede zweite Frau in der Schweiz unverlangt Penis-Fotos zugestellt bekam.

Entscheidende Frage für 

JSH kämpft bekanntlich um eine «Gewinnherausgabe» beim Ringier-Verlag, der sich mit Storys über sie eine goldene Nase verdient haben soll. Rund eine Million Umsatz habe er damit gemacht, also «Bruttogewinn», wie Hansi Voigt behauptet, neuerdings der Spezialist dafür, wie man im Netz Geld verdient und nicht verröstet. Ernstzunehmendere Internet-Spezialisten sprechen von allerhöchsten 20’000 Franken, nebenbei.

Für JSH ist diese Summe aber ziemlich entscheidend. Denn sie wird nicht nur von einer sackteuren Anwältin vertreten, nachdem ihre Berufung vom Obergericht Zug auf ganzer Linie abgeschmettert wurde, alle ihr von der unteren Instanz zugesprochenen Summen noch deutlich gekürzt wurden, braucht sie schlichtweg Geld.

Daher poltert sie weiterhin auf allen Kanälen gegen den «Blick». Eigentlich ginge es ihr gar nicht so sehr um Geld, liess sie noch vor dem Prozess in Zug verlauten, viel wichtiger wäre es doch, wenn sich – wie sie auch forderte – Ringier bei ihr entschuldigen würde. Dieses Begehren wurde vom Gericht abgelehnt, aber noch bevor sich JSH darüber so richtig echauffieren konnte, passierte aus ihrer Sicht etwas ganz Blödes.

Marc Walder entschuldigte sich öffentlich bei JSH, gerade weil er gerichtlich dazu nicht gezwungen wurde. Jeder andere hätte das zumindest akzeptiert oder sogar dieser noblen Aktion Respekt erwiesen. Aber doch nicht JSH. Sie verstummte einfach. Nun hat sie sich aber wieder erholt. In einer ganzen Twitterkanonade von glaub’s 34 Tweets schimpft sie weiter auf Ringier.

Fake News gegen JSH? Aber sicher nicht …

Natürlich bietet ihr auch der Artikel von Lüthi willkommenen Anlass, die Tweets nochmal als Leserbrief aufzuwärmen. Und wie: «Über 200 konstruierte, persönlichkeitsverletzende, menschenverachtenden Artikel voller Sex– und Männerfantasien über mich, nach allen Regeln der Schmierfinken-Kunst.» Souverän sieht JSH darüber hinweg, dass tatsächlich gerichtlich eine Persönlichkeitsverletzung festgestellt wurde. Aber bislang musste der «Blick» keine einzige Darstellung der Fakten korrigieren. Die stimmen nämlich blöderweise.

Ringier will keinen Gewinn herausgeben

Das findet JSH aber nicht der Erwähnung wert. Hingegen erregt sie sich höchlichst, dass es Ringier doch tatsächlich wagt, ihrer Forderung nach Gewinnherausgabe mit juristischem Widerstand zu begegnen. Jetzt wird es sehr trashig, als wär’s ein altes Stück vom «Blick». Denn JSH zitiert ausführlich aus der Rechtsschrift des Verlags gegen ihr Ansinnen, furchtbar viel Geld zu bekommen. Das ist zwar nicht richtig illegal, aber auch nicht die feine Art. Aber JSH und feine Art, das ging ja noch nie zusammen. Da wagt es der Verlag doch tatsächlich, unter anderem das hier ins Feld zu führen:

«In den eingeklagten Artikeln ist nichts falsch, nichts diffamierend, nichts verletzend, sondern alles die schlichte, banale, einfache Wahrheit.» «Den Gedächtnisverlust erfindet man, um sich nicht an Einzelheiten erinnern zu müssen.» «Den Ehemann als den «Gehörnten» zu bezeichnen, ist nach Lage der Dinge ebenfalls zulässig.»

Entspricht vielleicht nicht der Auffassung von JSH, aber kann man mit Fug und Recht so sehen. Die entscheidenden Sätze, über die sich JSH aber unendlich aufregt, sind diese: «Die Beklagte hat mit den eingeklagten Artikeln keinen Gewinn erwirtschaftet.» Und: «Wo es keine Persönlichkeitsverletzung gibt, gibt es auch keine Gewinnherausgabe.» Das treibt JSH natürlich zur Weissglut, denn das könnte ja bedeuten, dass ihre Hoffnung auf viele, viele Batzeli sich nicht erfüllt. Deshalb schäumt sie:

«Da macht ihr einfach weiter mit dem Victim Blaming. Mit der Frauenverachtung, dem Sexismus, der Verhöhnung einer Frau».

So wirr sind die modernen Zeiten. Das Organ mit dem Regenrohr im Logo bemüht sich nach Kräften, als Boulevardblatt verantwortungsbewusst und seriös zu werden. In die Lücke springt zum Beispiel der «Tages-Anzeiger» in einem fetten Boulevardstück über den Selbstmord am  Zürichberg. Der jeden Boulevard-Methoden abholde Lüthi muss sich auf den Knien für eine boulevardeske Falschbehauptung entschuldigen.

Entschuldigen, nicht entschuldigen, doch entschuldigen

Und das angebliche Opfer JSH verlangte eine Entschuldigung, forderte sie sogar vor Gericht ein – und wurde abgeschmettert. Aber der Ringier-CEO entschuldigte sich öffentlich und freiwillig bei ihr. Echt blöd gelaufen, wo es ihr doch nie um Geld ging. Aber jetzt ausschliesslich darum. Das Opfer wird zum Täter. Lüthi verwendet Boulevard-Methoden. Der «Blick» wird seriös wie ein Regenrohr. Einer, der mit am meisten Geld im Internet verröstet hat, wird Fachmann für die Berechnung von Gewinnen im Web. Der Tagi schreibt das, was der «Blick» hätte schreiben müssen.

Und keiner traut sich, wie bei des Kaisers neue Kleider, das Offenkundige auszusprechen: die Zuger Affäre ist auserzählt. Ein Unschuldiger wurde deswegen als Politiker, als öffentliche Person vernichtet. JSH steht vor der merkwürdigen Situation, dass ihr Lover auf dem Boot sie sicherlich nicht mit Drogen willenlos machte. Zudem gibt es genügend Zeugen für vorangehendes hemmungsloses Geknutsche. Wenn es aber ihr Lover nicht war, dann muss sie ein unbekannter Dritter unter Drogen gesetzt haben, um sie zu missbrauchen. Bevor man nach dem fahndet: am unbestritten im Separée anwesenden Lover vorbei?

8 KOMMENTARE
  1. Jürg Streuli
    Jürg Streuli says:

    Ich habe Jolanda Spiess-Hegglin in mehreren TV-Sendungen, im Radio und in einem Zeitungsinterview in der Rolle des einsichtigen kleinen Sünders unterstützt. Das bereue ich nicht, weil Jolanda mir damals leid getan hat. Leider ist sie nicht gewillt oder nicht fähig, aus ihrer Extremposition gegen alles was nicht Links ist herauszukommen. Die stets korrekte links-grüne Regula Rytz ist das pure Gegenteil von Jolanda Spiess-Hegglin. Wer Ausdrücke wie „Kandidat für das Arschloch des Monats“ oder „Nasenpimmel“ verwendet, hat sich öffentlich disqualifiziert und verdient keine Steuergelder. Wer das Buch über die Lifestyle-Linken von Sahra Wagenknecht liest, muss auch an die abgehoben am schönen Zugersee wohnhafte Jolanda Spiess-Hegglin denken.

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    • Victor Brunner
      Victor Brunner says:

      Dank Geknutsche an der Landammannfeier im Gespräch, die bescheidene Welt der Möchtegernvoralpenjeand‘arc JSH!

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  2. Dominic Miller
    Dominic Miller says:

    Um diesen zweiten Mann, den JSH gemaess dem geloeschten Vice-Artikel von 2015 selber gesehen haben will in Form eines nachträglichen Flashbacks, ist es verdächtig – nochmals: verdächtig – ruhig geworden respektive geblieben. Weshalb ist da kein Medium mehr dran? Er sei in der Zuger Politik und auch ihr selber bekannt…

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  3. Peter Spiller
    Peter Spiller says:

    Netzcourage teurer Spass für den Steuerzahler. Bei 40% Erfolg bei Anzeigen, ist es erwiesen dass es Netzcourage nicht braucht. Auch keine Steuergelder.

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  4. Andreas Zimmermann
    Andreas Zimmermann says:

    Nach «des Kaisers neue Kleider» vermisste ich den Hinweis an N. Z.* (Name der Redaktion bekannt), dass dessen Kleider eben gerade nicht wirklich… aber o.k. lassen wir das.

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  5. Hans von Atzigen
    Hans von Atzigen says:

    Die Medien wurden schon immer zum Teil aus den Werbeeinahmen finanziert.
    Inzwischen liefern die voll aus Werbung, und die zum Teil aus Abos finanzierten.Presseerzeugnisse im Grobraster die gleiche Qualität und Infogehalt.
    Warum da noch Geld für 2-3 oder mehr Abos verbraten.
    Für eh nervigen Ideologieeinheitsbrei?
    Innzwischen laufen die grossen Medienhäuser am Subventionstopf.
    Reine Steuergeldverschwendung!!!
    Die werden mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht mehr auf die Beine kommen.
    Die notwendige Wirtschaftliche Voraussetzung Markt, sind nicht mehr vorhanden.
    Die interne Substanz wurden mit viel zu vielen Rohrkrepierern verbraten.
    Beim substanziellen Kern des Medienschaffens, den Machern, wurde nicht Linientreues aussortiert oder ist ausgeschieden den Nachwuchs na ja, zu oft vergessen.
    Auf dem Gebiet der Digitalisierung haben die Etablierten grossen Medienden den Umbau dauernd vollmundig befürwortet, dafür in der eigenen Bude weitestgehend verschlafen.
    Das brauchbare musste man schon immer suchen.
    Das Angebot ist heute riesig, man muss sich das Beste heraussuchen. Interessanterweise sind es explizit kleine oder Einzelpersonen Portale die das lnteressanteste liefern.
    Die Zeiten in denen man mit 2-3 klassischer Abos gut informiert war sind vorbei.
    (Hatte einmal mehr als 6 + Ergänzendes ab Kiosk und Buchladen.)
    Die grossen Medienhäuser haben zwei Optionen
    Exzellentes Preis Leistungsverhältnis liefern oder zusperren.
    Die Wirtschaftlichen Voraussetzungen auch die interne Substanz, ist innzwischen verdunstet. Der Kern der Sache das Mediale schaffen, ist mit halbgaren Gestalten und Kindersoldaten nicht zu schaffen. Klassische CH-Medienlandschaft ruhe in Frieden.

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  6. Tim Meier
    Tim Meier says:

    Frei nach Dällenbach Kari: es gibt drei Wahrheiten: die Wahrheit des Lovers, die Wahrheit des «Victim», und die Wahrheit, wie es dann wirklich war.

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