Scheinstarke Frauen – sackschwache Doku

Zum Fremdschämen peinlich, was Patrizia Laeri mit Rosanna Grüter abgeliefert hat.

Das Thema ist ernst, die Stimmung gedrückt. Zwei Frauen auf einer Mission spazieren durchs verregnete Zug. Patrizia Laeri wird gefragt: «Mit welchem Gefühl triffst du dich mit ihr?» – «Ich schäme mich fast ein bisschen.»

Man sieht sofort: Hier herrscht das Bemühen, aus Distanz und mit gebotener Neutralität das Thema «Sexismus in der Schweizer Medienszene» abzuhandeln. Am längst auserzählten und geschilderten Fall Jolanda Spiess-Hegglin.

Es geht wieder einmal um die grossen Dinge, um alles. Um einen «Beitrag zu einer gerechteren Welt». Es geht wieder einmal um ein Ereignis, das ein Leben veränderte und seit Jahren beschäftigt.

Im Kampf ist alles erlaubt

Also eigentlich zwei Leben, denn an diesem bedeutenden Ereignis an einer Zuger Politikerfete waren zwei Erwachsene beteiligt. Das Schicksal des einzigen wahren Opfers interessiert hier aber nicht; das ist ja ein Mann, und erst noch von der SVP. Was sich genau hinter einer verschlossenen Türe abspielte, wissen nur die beiden Beteiligten. Was sich sicherlich nicht abspielte:

«2014 wurde Spiess-Hegglin mutmasslich auf einem Polit-Event unter Drogen gesetzt und sexuell missbraucht.»

Wenn man schon eine gerechtere Welt will, dann müsste man mit solchen unbewiesenen Unterstellungen aufhören, die mit einem «mutmasslich» nicht besser, sondern höchstens noch abscheulicher werden.

Die verfolgende Unschuld: Jolanda Spiess-Hegglin.

Wenn man eine gerechtere Welt wollte, könnte es doch Sinn machen, wenn man nicht unkritisch, betroffen, widerspruchslos der Story einer der beiden Beteiligten folgt. Die sich zudem nicht mit allen Fakten, die über diesen Abend bekannt wurden, deckt.

Was unterscheidet einen Propaganda- von einem Dokumentarfilm?

Wenn man einen Dokumentarfilm drehen wollte, würde man vielleicht anderen, abweichenden, widersprechenden Meinungen von den 45 Minuten – na, fünf oder eine Minute? – einräumen. Aber in diesem Machwerk muss jede Minute mit Akklamation, Betroffenheitsgesülze und gegenseitiger Bestätigung gefüllt werden.

Spiess-Hegglin wird zu einer Märtyrerin hochstilisiert und mit Fragen angehimmelt: Woher sie denn die Kraft für ihren Widerstand nehme, wie sie als Phönix aus der Asche auferstanden sei, aus den «Trümmern ihres Lebens», wie es denn sei, schwurbelt Laeri mit betroffenem Gesicht, wenn sich «eine ganze Branche an einer Frau ergeilt?»

Die unschuldig Verfolgende: Patrizia Laeri.

Männer sind in diesem Bericht nur zugelassen, wenn sie feministisch sekundieren. Zunächst Spiess-Hegglins Mann, der seine Rolle als tapferer Nicht-wirklich-Betrogener an der Seite eines Opfers gefunden hat, sich auch zum zweiten Mal erst hier interviewen lässt und darauf verweist, wie wichtig sein erstes Gespräch mit Hansi Voigt gewesen sei.

Diese üble Medienfigur wurde auf ZACKBUM schon ausführlich gewürdigt. Diesmal empfängt er die vielleicht etwas overdresst zu ihm stöckelnde Laeri in seiner bäuerlichen Umgebung; als sie den Wunsch nach Pfefferminztee äussert, stürmt er durch eine Hühnerschaar in den Kräutergarten und schneidet höchstselbst ein paar Blätter ab, während sie ihm verträumt zuschaut.

Dann geht’s aber zur Sache, und Laeri, die sich selbst ja immer ausführlich und umfangreich als Wirtschaftsjournalistin lobt, hört sich widerspruchslos eine schwachsinnige Antwort auf ihre Frage an, wie viel denn alleine der «Blick» an Storys über Spiess-Hegglin verdient habe. Dazu sagt Fachmann Voigt, dass es ungefähr 300’000 Franken online plus 700’000 Franken im Print gewesen seien.

Im Ausgeben besser als im Zählen: Hansi Voigt.

Laeri nickt wieder betroffen, während Voigt einen doppelten Salto ohne Netz vollführt und dabei für den Zuschauer sichtbar schmerzlich auf die Schnauze fällt. Also diese «runde Million» sei der «Umsatz», also der «Bruttogewinn». Umsatz gleich Bruttogewinn? Hatte Voigt der armen Laeri etwa auch Drogen in den Pfefferminztee gemischt, damit sie einem solchen Schwachsinn widerstandslos zuhört?

Zudem vergisst sie, Voigt zu fragen, welchen Gewinn denn das damals von ihm geleitete Qualitätsmedium «watson» mit dem Fall Spiess-Hegglin gemacht habe. Aber item, die Nächste im Ringelreihen der Zeugen in diesem Fall ist die Anwältin Rena Zulauf, Pardon «DIE Medienrechtsanwältin», wie Laeri schwärmt. Man kennt sich, deshalb ist das gefilmte Intro der Begrüssung auf Du; sobald Laeri zum Interview schreitet, wird’s ein Sie, damit’s nicht zu streng nach Frauensolidarität riecht.

Auch die Anwältin darf unwidersprochen um die Wahrheit herumkurven

Zulauf darf dann unwidersprochen auch das erzählen, was man als Anwältin bei einer Gratis-Chance, Werbung in eigener Sache zu machen, halt so erzählt. Also erzählt sie nicht, dass sie mit ihrer letzten Berufung im Fall Spiess-Hegglin gegen den «Blick» auf ganzer Linie und vollständig baden ging. Alle von ihr appellierten Forderungen wurden nicht nur abgeschmettert, sondern finanziell schmerzlich sogar geschmälert.

Aber für solche Details ist in 45 Minuten auch kein Platz; wir kehren wieder zu Spiess-Hegglin und ihrem Verein «Netzcourage» zurück, über dessen Methoden, an Geld zu kommen, man auch dieses und jenes sagen könnte. Aber natürlich nicht hier, hier geht es um den unermüdlichen und preisgekrönten Kampf von Spiess-Hegglin, die leider bei Fragen, die von ZACKBUM oder anderen kritischen Medien gestellt werden, sehr schmallippig wird oder einfach nicht antwortet.Aber wenn’s um Soforthilfe, Präventionsarbeit und überhaupt alles geht, damit so etwas nie mehr passiert, da wird sie auskunftsfreudiger. Und zerrt sogar eine ihrer Töchter ins TV, damit sie zum schönen Ausklingen des Films mit der gemeinsam schaukeln kann.

Betrogener Mann, betroffene Frauen; am Küchentisch der Familie Spiess-Hegglin.

Aber selbst diesen Schluss versemmelt sich Laeri mit ihrer Eitelkeit. Die äusserte sich schon vorher, als sie doch ohne unter der Schminke rot zu werden, aus der Rolle der Präsentatorin der Doku in die Rolle einer interviewten Frau wechselt, die dann auch mal erzählen kann, welche sexistischen Zeiten sie schon selbst erlebte.

Auch das betritt, um es sexistisch neutral auszudrücken, Neuland in einer Doku. Dass Laeri dann ganz am Schluss mit gefährlich hohen Stiefelabsätzen an einem Graffiti über Feminismus vorbei ans Flussufer stöckelt, gedankenvoll in eine bessere Zukunft blickt, und stolz ist auf den Einsatz von Frauen wie Spiess-Hegglin (und natürlich auch auf sich selbst), das hätte sich nicht einmal Hedwig Courths-Mahler oder Utta Danella getraut (Nora Zukker, das sind zwei deutsche, aber lassen wir das).

Wir bei ZACKBUM hätten nie gedacht dass wir uns mal fremdschämen, weil wir so oft als Frauenverächter gescholtenen männlichen Triebtäter bei diesem Werk entschieden der Ansicht sind, dass die Sache der Frau wirklich Besseres verdient hätte.

Dass so etwas heutzutage tatsächlich auf 3sat ausgestrahlt wird, ohne dass eine zuständige Instanz alle Beteiligten vor dieser Peinlichkeit geschützt hätte, lässt nur zwei Erklärungen zu. Alle dort auch unter Drogen – oder ein abgründig fieser Macho hat sich eins gekichert und gesagt: das macht mich betroffen, das müssen wir genauso senden.

Wir haben uns durchgequält; wer viel Zeit, starke Nerven und nur rudimentär ausgeprägte Empathie für die Sache der Frau hat, der sollte es uns unbedingt gleichtun. Es sind zwar wohl die am sinnlosesten verrösteten 45 Minuten eines Menschenlebens. Aber man (Mann und Frau) weiss dann wenigstens, zu was Frauen fähig sind.

 

 

 

14 KOMMENTARE
  1. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Schon der Anfang ist peinlich. Annegret Kramp-Karrenbauer als stark bezeichnen ist abstrus. Als Parteivorsitzende krachend gescheitert, als Bundesverteidigungsministerin gleich schwach wie von der Leyen, Probleme werden nach Kohl’scher Manier ausgesessen oder vertuscht. Scheinbar genügt es als starke Frau bezeichnet zu werden wenn frau eine Armee «führt», wie egal.

    Zu JHS gibt es unter normal denkenden Leuten wenig zu sagen. Die Frau ist zuverlässig und nachhaltig gaga. Nur dank der Landammannfeier und viel Alkohol noch im Gerede. Zu den Vorkommnissen schweigt sie, dabei könnte sie aufklären, tut sie aber nicht weil dann möglicherweise ihre Opferrolle futsch wäre. Darum hat sie auch Angst vor Michele Binswanger die über die Vorkommnisse ein Buch veröffentlichen möchte. Da klemmt JHS, sie wird wissen warum!

    Es gibt starke Frauen, die wurden aber nicht porträtiert. Patrizia Laeri und Rosanna Grüter sind nicht über feministisches onanieren hinausgekommen. Gut konnten die Frauen nicht nach Neusseland reisen, Jacinda Ardern hätte sich köstlich über die 2 Tultschis aus der Schweiz amüsiert!

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    • Geri Brenner
      Geri Brenner says:

      Ganz tolle Ansichten dieser Elke Heidenreich. Ein Negerkönig bleibt halt ein Negerkönig in einem alten Bilderbuch.

      „Bücher sind ein in sich geschlossenes Kunstwerk“, meint sie. Purifizierung der Sprache bleibt ausgeschlossen. Recht hat Elke H.

      Soviel Gelassenheit würde ich vom stadtzürcher „Kollektiv Vo Da“ wünschen, die beispielsweise die Beschriftung des Hauses Niederdorfstrasse 29 («Zum Mohrentanz») entfernt haben möchten.

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  2. Benedikt Kracke
    Benedikt Kracke says:

    Ich hatte mir fest vorgenommen, mich hinzusetzen und den ganzen Film zu schauen. Aber bereits in Minute 5 musste ich zu starkem Alkohol greifen. In Minute 8 musste ich schon nachschenken – in Minute 12 hat mir meine Frau dann die Flasche weggenommen und den Schrank abgeschlossen. Ab Minute 16 kam eine gewisse Agonie auf und meine Erinnerung setzte mehr und mehr aus.

    Ich erinnere mich an gar nichts mehr ab Minute 15 und ehrlich, das finde ich gut. Das ist wohl ein Schutzmechanismus. Trotzdem, die ersten 15 Minuten muss ich aber irgendwie wieder vergessen machen…

    Vielen Dank Herr Zeyer, dass Sie sich diese Ergüsse regelmässig antun, um Backpreiffen wie mir das zu ersparen. Ich halte diese Medialanalwiderhackenzäpfchen von den gebührenbetuchten Medienkreischen einfach nicht mehr aus.

    Dass diese «Reportage» überhaupt ausgetrahlt wurde, kann nur mit der Absicht passiert sein, die Protagonisten an die Wand fahren zu lassen. Ich glaube aber, dass die das gar nicht gemerkt haben.

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    • Beth Sager
      Beth Sager says:

      Mies aufgewärmte Dokumentation, deren Produktionskosten dank willigen Freunden tief blieb.

      Einziges highlight, der opulent angerichtete Pfefferminztee vom Dramaturgen Hansi Voigt. Inszenierung mit close up animierten mich, gleiches zu tun.

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  3. Hannah Müller
    Hannah Müller says:

    In diesen Tagen, da die beiden Ereignisse zusammenfallen, das Interview mit Claas Relotius und das Interview mit Jolanda Spiess-Hegglin, müsste doch eigentlich auch dem grössten Naivling auffallen, wie frappierend ähnlich die Fälle sind. Und was man bei der Betrachtung des einen Falles über den anderen erkennen kann.

    Und dies nicht nur, weil über beide Fälle ein Buch geschrieben wurde/werden soll, dessen Veröffentlichung von ihnen verhindert wird.
    Margrit Sprecher hat im Interview im Tages-Anzeiger gesagt, dass sie ein Buch über Relotius fertig geschrieben hat, das aber nicht veröffentlicht wird, weil es seine Persönlichkeitsrechte verletzt habe.

    Sie wollen kontrollieren, was Medien über sie schreiben – und dies gelingt auch, wie figura zeigt. Die Medienschaffenden lassen sich zu Hampelmännern und Hampelfrauen degradieren. Und klopfen sich dafür auch noch gegenseitig auf die Schulter.

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  4. Jürg Streuli
    Jürg Streuli says:

    Der Film ist in erster Linie eine selbstverliebte Patrizia-Laeri-Show. Gemeinsam mit Rena Zulauf auch eine Modeschau von Lifestyle-Linken, wie Sahra Wagenknecht solche edlen Gesinnungsmenschen beschreibt. Am Authentischsten bleibt Jolanda Spiess-Hegglin, die weniger dafür kann, dass eine verherrlichende Ode an sie gedreht wird, worin sich die weiteren Protagonisten auf ihre Kosten sonnen. Dabei ist völlig inakzeptabel, dass Markus Hürlimann einmal mehr in ein schiefes Licht gerückt wird. Über sein Schicksal drehen die Damen selbstverständlich keinen Film.

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  5. Marcella Kunz
    Marcella Kunz says:

    Ist doch längst klar, dass es bei diesen Spiess-Hegglin’schen Aktivitäten allein um ihre Resozialisierung und ihr narzisstisches Ego geht – und ja, ebenso um eiskalte Geldgier (neustens sogar Bundessubventionen, von denen auch ihr Verbündeter Voigt profitieren dürfte). Und nicht um Kampf gegen Frauenfeindlichkeit, Hass oder sonst irgendwas – alles Vorwände.

    Die «starken Frauen», man kanns nicht mehr hören. Es gibt sie anscheinend nur in Politik und Medien. Ausgeleiertes, totgerittenes Klischee aus derselben Kategorie wie «klein, aber fein».

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    • Jürg Streuli
      Jürg Streuli says:

      Die Resozialisierung kann erst gelingen, wenn die Wahrheit über die Landammannfeier auf den Tisch und auch Markus Hürlimann zu seiner Gerechtigkeit kommt.

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      • Marcella Kunz
        Marcella Kunz says:

        Die (unbequeme) Wahrheit kennen die Beteiligten, nur der Prozess der Akzeptanz dauert nicht bei allen gleich lang. Es geschah nichts gegen den Willen der Beteiligten, das ist gerichtlich geklärt worden.

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