Pariser Professor ist sehr ungehalten

Es ist halt ein Kreuz mit diesen Politikern. Wahre Geistesriesen wie Thomas Maissen haben ihnen leider nichts zu sagen.

Gekleidet in edlem Zwirn sitzt Maissen in einem edlen Stadtpalais in Paris. Der «renommierte Historiker» ist dort seit 2013 Direktor des Deutschen Historischen Instituts. Eine wunderbare Position, wo er unablässig furchtbar wichtige historische Erkenntnisse schürfen und präsentieren könnte.

Aber leider macht Maissen den Fehler vieler Historiker: weil sie im Nachhinein bei der Geschichtsbetrachtung immer Recht haben – und sich die Betrachteten, weil tot, auch schlecht wehren können – meinen sie, das gebe ihnen besondere Gaben bei der Beurteilung der Aktualität. Maissen ist ein idealtypisches Beispiel, wie sich solch ahistorische Überheblichkeit mit krachenden Fehlanalysen mischen kann.

Vor anderthalb Jahren wurde Maissen in einem längeren Interview zu den Auswirkungen des Mauerfalls im Jahre 1989 befragt; also aus der Perspektive 30 Jahre danach. Aber das ist noch keine historische Dimension, deshalb kamen diese Lachschlager heraus:

  1. «Wäre ich Bundeskanzler gewesen, wäre es noch viel schlimmer gekommen
  2. «Der Fall des Kommunismus hat es möglich gemacht, dass die EU eine gesamteuropäische und fast unumgängliche Integration vorantreibt.»
  3. «Die Schweiz gehört in die EU, um mitwirken zu können, wenn diese Art von Problemen angegangen werden.»

Tja, das sieht «die Schweiz» aber entschieden anders, sogar der Bundesrat wagt es, Maissen zu widersprechen. Das tut er natürlich nicht ungestraft. Denn die Regierung hat es doch gewagt, die Verhandlungen über ein Rahmenabkommen nach vielen Jahren als sinnlos abzubrechen.

Damit hat sie sich den zürnenden Maissen eingehandelt: «Feige, mutlos, ein grosser Fehler». Maissen turnt sogar in Metaphern herum, mit denen er sich in seiner Zunft eher lächerlich macht. Die Ankündigung letzten Mittwoch sei «eine Abdankung ohne Predigt. Etwas ist gestorben, aber niemand weiss, wie es weitergeht.» Furchtbar, es gibt eine Leiche, aber die Trauergemeinde hat keine Ahnung, was nun kommt. Vielleicht eine Beerdigung, würde die Leiche, Pardon, der Laie sagen, aber damit zeigte er nur, dass er kein studierter Historiker ist.

Souveränität wird schwer überschätzt

Maissen ist noch nicht fertig mit seinem Bundesrat-Hauen: «Das ist kein Zeichen eines neu erworbenen Selbstbewusstseins, sondern von Verzagtheit.» Der Entscheid sei eine «neue Phase dieses Durchwurstelns».

Aber er kann auch gründeln, aus reicher historischer Erfahrung schöpfen und verkünden:

«Die Existenz der Schweiz hängt nicht von der Souveränität ab, denn diese ist nicht etwas Zeitloses, sondern vielmehr ein völkerrechtliches Ordnungsinstrument

Ein solcher Satz ist selbst für studierte Historiker wie mich schwer zu verstehen. Vielleicht muss man dafür in einem hübschen Stadtpalais in Paris sitzen.

Oder Napoleon zum Gründer der modernen Schweiz ausrufen.

Napoleon: grosser Sarkophag für kleinen Kaiser.

Hat uns Maissen noch mehr mitzugeben? Klar, wenn man ihn quatschen lässt, ohne ihm zu widersprechen, sprudeln weitere Sottisen nur so aus ihm heraus: ««Diktat aus Brüssel» ist eine Floskel.» Hm, dass das eine Floskel sei, ist selber eine. Da sind wir aber heillos in tiefen erkenntnistheoretischen Redundanzen gefangen, die man möglicherweise mit Luhmann oder aber mit Poststrukturalismus in weitere Räume der Erkenntnis führen könnte, um es mal ganz einfach auszudrücken.

Maissen kann’s aber noch einfacher: «Die Regierung ist schnell eingeknickt, weil sie gemerkt hat, dass die SVP und die Gewerkschaften gegen diesen von der Regierung fair ausgehandelten Vertrag sind

So spricht der Historiker, urteilt in den Mantel der Geschichte gehüllt, dass das ein «fair ausgehandelter Vertrag» war. Also mal wieder Populisten von rechts und links eine sinnvolle Regierungspolitik kaputt gemacht haben.

Wieso hört denn keiner auf Maissen?

So geht’s halt, wenn mal wieder niemand auf Maissen hört, der doch unermüdlich und immer wieder sagt, dass die Schweiz in die EU gehöre. Aber, dammisiech, was für einen Professor fraglos klar ist, das sehen halt blöde Parteien, Interessensvertreter und sogar der Bundesrat nicht ein.

Immerhin, nach bösen Erfahrungen mit Unkenrufen und Schweizuntergängen nach dem gescheiterten EWR-Beitritt 1992, hält sich Maissen deutlich zurück bei der Frage, ob das gescheiterte Rahmenabkommen nun den sofortigen oder erst den aufgeschobenen Exitus der Schweiz bedeutet.

Aber, auch Historiker können pessimistisch in die Zukunft schauen, das mit dem EU-Beitritt sei nun wirklich eine Weile vom Tisch. Ausser, was er aber der Schweiz nicht wünsche, eine Notlage oder Bedrohung würde doch noch zu einem Umdenken führen.

 

ZACKBUM findet, dass sich Maissen doch gerne weiter mit Napoleon oder mit Ereignissen befassen sollte, die schon so lange zurückliegen, dass sie eine Begegnung mit diesem Historiker unbeschadet überstehen. Aber Gegenwart und gar Zukunft, das ist halt nicht sein Beritt.

 

9 KOMMENTARE
  1. Hans von Atzigen
    Hans von Atzigen says:

    Die Zeitgenössischen Historiker.
    Bringen „wir» es auf den Punkt, die verdrehen und missbrauchen Geschichte zur Durchsetzung zeitgenössischer Ziele.
    Napoleon und die Schweiz, die Invasion in die alte Eidgenossenschaft 1798 wurde NICHT vom Napoleon angeordnet, auch nicht militärisch geleitet.
    Das Direktorium in Paris hat das angeordnet, das Kommando wurde einem General Schauenburg übertragen.
    Das Direktorium brauchte Geld, davon gab es im alten Bern reichlich, das haben die denn auch als Siegerbeute abgeführt.
    (So nebenbei Staatseigentum geht auch nach zeitgenössischem Kriegsrecht voll legal an den jeweiligen Sieger. Punkt.)
    Der grosse Napoleon befand sich 1798 auf dem Ägypten Feldzug, der im Desaster endete.
    Die Helvetische Verfassung, stammt von einem Peter Ochs, aus dem damals noch vereinigten Basel inklusive Jura.
    Der Napoleon hat die Helvetik 1803 per Dekret, Meditationsakte, wieder ausser Kraft gesetzt und die alten Strukturen mit Ergänzungen wieder in Kraft gesetzt.( Mit Ausnahme der Souveränität.)
    Diese Ordnung wurde erst 1848 abgelöst. Wechsel vom Staaten zum Bundesstaat.
    Die direkte Demokratie haben die Griechen erfunden, in der Alten Eidgenossenschaft haben die Landsgemeinde Kantone, (Landkantone) ab dem ausgehenden Mittelalter diese Regierungsform zu neuem Leben erweckt.

    Antworten
  2. Simon Ronner
    Simon Ronner says:

    Thomas Maissen besuchte die Primarschule in Toronto, Zürich und Basel, erlangte die Matura am Humanistischen Gymnasium in Basel. Danach Studium der Geschichte, Latein und Philosophie an den Universitäten Basel, Rom und Genf. Es folgten Forschungsaufenthalte in Neapel, Paris, Venedig und Florenz, darauf war er wissenschaftlicher Assistent an der Uni Potsdam. Seine Habilitation erfolgte an der Uni Zürich, danach hatte er eine Förderprofessur an der Uni Luzern inne. Als ordentlicher Professor lehrte er darauf an der Uni Heidelberg, nun leitet das Deutsche Historische Institut Paris. (aus Wikipedia)

    Und er hat es doch tatsächlich noch immer nicht begriffen! Tragisch, in Anbetracht dieser Bildungslaufbahn. Oder vielleicht eben doch logisch?

    Antworten
  3. Sam Thaier
    Sam Thaier says:

    Wo sind denn die EU-kritischen Schweizer Professoren geblieben, die uns nicht immer erziehen wollen?

    Gibt es wirklich keine davon? Es empfiehlt sich an unserer Uni Zürich einen fachspezifischen Lehrstuhl zu eröffnen, der sich KRITISCH mit dem EU-Weitblick auseinandersetzt. Das Beispiel des verhökerten Hafens von Piräus steht exemplarisch dafür. (untenstehender Kommentar von Rolf Karrer)

    Antworten
  4. Alois Fischer
    Alois Fischer says:

    Eine treffende Replik auf den unfassbar arroganten Standardtext von Herr Professor Maissen. Auch diesen habe ich mir angetan und bin jetzt froh, dass ich von einer nicht existenten Kommentarfunktion nicht Gebrauch machen konnte. Denn die hat mir Herr Zeyer abgenommen und haar- und pfefferscharf exekutiert. Es würde mich freuen mehr solcher gradlinigen, nebenkriegsschauplatzfreien, nichthühnchenrupfenden Antworten auf grössten medialen (professoralen) Medienfelleistungen lesen zu dürfen. Sie können es – tun Sie es immer wieder, Herr Zeyer.

    Antworten
  5. Mathias Wyss
    Mathias Wyss says:

    Anscheinend können französische Historiker die deutschen Anforderungen nicht erfüllen. Dasselbe gilt ja für die historischen Institute (und nicht nur die) in der Schweiz. Es ist einfach nicht so offen deklariert wie in Paris. Früher nannte man dies Unterwanderung. Heute ein toxischer Begriff.

    Antworten
  6. Rolf Karrer
    Rolf Karrer says:

    Sehr stossend, dass für Interviews im Zusammenhang mit der EU bloss Prof. Christa Tobler und jetzt neu Professor Thomas Maissen zugelassen sind in Schweizer Medien und SRF.

    Der verklärte Blick von Tobler/Maissen für EU-Angelegenheiten ist sonderbar. Eine kleine Episode von «EU-Management» drückt alles aus: Das quasi bankrotte Griechenland bekam seinerzeit bloss noch Geld von Brüssel, wenn es folgsam alles privatisierte. So verkaufte die Griechische Regierung den Hafen von Piräus im Jahre 2016 an die China Ocean Shipping Company, kurz Cosco.

    Kaum zu glauben, dass die Europäische Zentralbank den strategisch bedeutsamen Hafen von Piräus nicht selber erworben hatte, anstatt diesen den Chinesen zu verhökern . Ein ausgezeichnetes Beispiel, wie es mit der Weitsicht der EU-Bürokratie steht.

    Antworten
  7. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Historiker sind seltsame Vögel, je nach politischer Ausrichtung deuten sie die Vergangenheit. Wechseln sie das politische Lager, deuten sie auch die Vergangenheit anders. Dokumentiert an einem Mann der gerade den Nebel spalten will!

    Maissen empfehle ich die nahe Vergangenheit, die EU Wahlen 2019. Da kann er sich mit 3 Überlebenden austauschen die um die Präsidentschaft gekämpft haben, Weber, Timmermanns, Vestager. Die erzählen ihm dann auch wie sie gekämpft, aber plötzlich der Möchtegern Napoleon Macron kam und alles zunichte machte. Er traf sich mit Mutter Angela und sprach: die 3 passen mir nicht. Mutter Angela meinte, ich kann dir jemand leyen der schon viel Schaden angerichtet hat und ich nicht mehr brauchen kann. So kam Ursula von der Leyen auf den Präsidentenstuhl. Mit sitzender Frisur, schönen Worten und vielen hohlen Sätzen. Etwas angeschmiert waren die Menschen in der EU die zur Wahl gingen und meinten sie könnten eine Persönlichkeit ihrer parteipolitischen Präferenz ins höchste Amt der EU wählen. Dumm gelaufen.

    Maissen sitzt in Paris, nahe bei Macron. Da kann er einen wichtigen Zeitzeugen zu der Wahl befragen und kann die Schweiz links liegen lassen. Für beide ein Gewinn!

    Antworten
    • Alois Fischer
      Alois Fischer says:

      Schöne Geschichte – ob empfunden oder erfunden spielt keine Rolle – aber mit dem berüchtigten roten Faden.
      Da war doch noch ein Berührungspunkt mit Herrn Professor Kreis oder war es sogar der Berichte-Bonjour? In jedem Fall allerhöchste Weihen für einen armen Ministranten.

      Antworten
  8. Ruthli vom Rütli
    Ruthli vom Rütli says:

    Ein Deutsches Historisches Institut in Paris – allein dies lässt schmunzeln. Durften diese Gelehrten als Einzige bleiben damals? Nun, mit einem germanisierten Schweizer (Neutralität!) Direktor geht das wohl politisch einfacher. Für die Schweiz hingegen gilt: Die 5. Kolonne ist nicht nur im eigenen Land sehr aktiv.

    Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Möchten Sie an der Debatte teilnehmen?
Ihre Meinung interessiert. Beachten Sie die Kleiderordnung dabei.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.