Letzter offener Brief an 78 Tamedia-Frauen

Ihr seid die Erstunterzeichner eines Protestbriefs gegen unerträgliche Zustände. Und jetzt?

Seit rechtzeitig zum Tag der Frau am 8. März ein Protestschreiben gegen den Willen – und ohne Einverständnis – der meisten Unterzeichner an die Öffentlichkeit gespielt wurde, hat sich einiges getan.

Jolanda Spiess-Hegglin sorgte dafür, dass hier wieder ein Wirbel um ihre Person und um den Inhalt des Schreibens entstand. Claqueure wie Hansi Voigt entrüsteten sich über eine angeblich von Sexismus, Frauendiskriminierung und Anzüglichkeiten geschwängerte Arbeitsatmosphäre bei Tamedia.

Vertreterinnen von völlig unwichtigen Organisationen, in deren Namen Frau vorkommt, benützten die Chance auf 50 Sekunden Ruhm und behaupteten mit ernster Miene, dass dieses Problem natürlich systemisch, strukturell überall in den Medien existiere. Aber der Flächenbrand entstand nicht; in keinem anderen Medienunternehmen kam es zu ähnlichen Protesten.

Die Chefetage eierte zuerst, dann enteiert sie sich

Zehn Wochen nach Veröffentlichung dieser Klage hatte das Herumeiern der Chefetage bei Tamedia sein Ende. Marco Boselli, der zuvor nie durch besondere Nähe zum Thema Feminismus auffiel, durfte verkünden, dass im Konzern nun durchgegriffen werde. Es sei der feste Wille der (männlichen) Führungskräfte, auf allen Hierarchiestufen 40 Prozent Frauenanteil zu erreichen.

Was ist sonst noch geschehen? Eine der Rädelsführerinnen hat gekündigt und behauptet, dass das nichts mit diesem Protestschreiben zu tun habe. Natürlich noch weniger mit der ihr dadurch zugewachsenen Bekanntheit. Die zweite schnappt – seit ihrem merkwürdigen Auftritt bei «10 vor 10» – erschöpft nach Luft und bleibt ansonsten stumm.

Die zuerst als Untersuchungsrichterin eingesetzte Claudia Blumer wurde zur Bezugsperson heruntergestuhlt und dann zu «20 Minuten» entsorgt. Alle anderen Unterzeichner haben sich niemals öffentlich zum Inhalt, zum Thema oder zur Reaktion der Konzernspitze geäussert.

ZACKBUM ist das einzige Medium der Schweiz, das ihnen allen (auch den Nicht-Unterzeichnern) mehrfach die Möglichkeit angeboten hatte, zu Fragenkatalogen Stellung zu nehmen. Das wurde von den so lautstark Protestierenden mit eisigem Schweigen beantwortet. Was befremdlich ist, weil normalerweise ein Unterzeichner eines Protests gerne jede Gelegenheit benützt, für ihn zu werben.

Letzter Versuch, Antworten zu erhalten

Aber sei’s drum, vielleicht ist die eine oder andere Öffentlichkeitsarbeiterin aus ihrem Schweigegelöbnis erwacht. Die folgenden Fragen – samt dieser Einleitung – haben alle Unterzeichner vor 24 Stunden zugestellt bekommen:

  1. Halten Sie die Reaktion der Unternehmensleitung von Tamedia für ausreichend?
  2. Werten Sie es als Erfolg, dass nun angekündigt ist, durchs Band 40 Prozent Frauenquote bei Tamedia einzuführen?
  3. Sollte das in einem nächsten Schritt auf 50 Prozent gesteigert werden?
  4. Eine solche Quote kann nicht alleine mit natürlichen Fluktuationen erreicht werden. Was halten Sie davon, dass deshalb Männer nicht befördert oder sogar entlassen werden?
  5. Damit ist eine gewisse Geschlechtergleichheit erreicht. Stört es Sie nicht, dass beispielsweise weiterhin Altersdiskriminierung, mangelnde Berücksichtigung von Mitarbeitern mit Behinderungen herrscht?
  6. Wo sehen Sie den Platz für alle, die sich als divers, non-binär, transgender definieren?
  7. Halten Sie es grundsätzlich für eine gute Idee, das Geschlechtsmerkmal zu einem wichtigen Kriterium bei der Besetzung einer Stelle zu machen?
  8. Ist es nicht eine umgekehrte Diskriminierung, dass nun Besitzer einer Vagina Penisträgern vorgezogen werden?
  9. Sind damit die Ziele Ihres Protestschreibens erreicht? Wenn nein, welche nicht, und wie soll der Kampf weitergehen?
  10. Hätten Sie dieses Protestschreiben auch aus heutiger Sicht nochmals unterzeichnet?

Ophelia in Shakespeares Hamlet.

Um nicht den Eindruck zu erwecken, dass hier mehrere Dutzend sonst nicht gerade scheue oder vor öffentlichen Stellungnahmen zurückschreckende Frauen durch Gruppenzwang zum Schweigen verdonnert sind, wäre es doch sehr begrüssenswert, wenn diesmal Antworten eingehen, die über ein finsteres Schweigen oder «ich sage nichts» hinausgehen.

Selbstverständlich wird sie ZACKBUM, wie es hier im seriösen Journalismus Brauch ist, unzensiert und vollständig publizieren.

Nicht überraschend, dafür typisch

Wir haben es hier wohlgemerkt mit 78 Frauen zu tun, die professionell in der Medienwelt tätig sind. Sie haben schwere Vorwürfe gegen ihren Arbeitgeber und gegen männliche Mitarbeiter erhoben. Da sie das mit allgemeinen Behauptungen und anonymen Beispielen getan haben, ist eine Überprüfung der happigen Vorwürfe schwierig bis unmöglich –ebenso eine Gegenwehr der Betroffenen.

Das Schreiben wurde zum Stimmenfang als interne Protestnote an die Geschäftsleitung und den VR-Präsidenten verkauft. Dabei war es den Strippenzieherinnen von Anfang an klar, dass sie es durchstechen wollen – um mehr Druck aufzubauen. Ausgerechnet Jolanda Spiess-Hegglin wurde ausgeguckt, um für öffentlichen Rabatz zu sorgen. Weder wurden alle Unterzeichner vorher angefragt, noch waren alle einverstanden.

Gruppendruck, falsch verstandene Solidarität – bis heute haben sich öffentlich ausser der inzwischen fahnenflüchtig gewordenen Salome Müller, der ausser einem Kürzest-Auftritt in «10 vor 10» völlig verstummten Aleksandra Hiltmann und Claudia Blumer – keine der Unterzeichner öffentlich geäussert. Hiltmann wollte von ZACKBUM noch eine Gegendarstellung zu etwas, was gar nicht gegendarstellbar ist – und zeigte dann, dass sie auch davon keine Ahnung hat.

Aber nun wäre doch Gelegenheit für die übrigen Unterzeichner der Protestnote, Bilanz zu ziehen; der Kampf ist ja weitgehend gewonnen. ZACKBUM hätte sicherlich nicht Antworten von allen Unterzeichnern erwartet (abgesehen davon, dass natürlich wie immer ein Prozentsatz in den Ferien weilt). Aber vielleicht eine Handvoll? Sagen wir mal ein Dutzend? Ein halbes Dutzend? Eine Einzige?

Leider nein. Ausser diversen Ferienabwesend-Meldungen rafften sich nur zwei der eloquenten Journalistinnen auf zu antworten. Aber mit deutlich erkennbarem Widerwillen: «Ich sehe keinen Anlass noch habe ich Lust dazu, Ihr forderndes Mail und Fragen zu beantworten.» Es heisst schliesslich DIE beleidigte Leberwurst. Oder:

«Ich werde nicht auf Ihre Fragen antworten. Es geht hier nicht um Gruppenzwang, sondern um Solidarität.»

Alle anderen? «The rest is silence.» Shakespeare, Hamlets letzte Worte. Aber das war ja auch nur ein Mann, der über einen anderen Mann schrieb.

Benedict Cumberbatch als Hamlet.

 

2 KOMMENTARE
  1. Rolf Karrer
    Rolf Karrer says:

    Aha, es geht eigentlich bloss um Solidarität – und weniger um einen sachlichen Inhalt.

    Die engagierte Belästigungs-Expertin Christine Lüders müsste ohnehin einen männlichen Gegenpart bekommen. Sowas geht gar nicht.

    Diese «Untersuchung» dürfte feststellen, dass ein unter Gruppenzwang unterzeichnetes Pamphlet, keinen glaubwürdigen Stellenwert haben kann. In den letzthin nicht gerade ruhmreichen Geschehnissen in der Tamedia, dürfte diese Nebelpetarde als (kostspieligen) Leerlauf in die Geschichte eingehen.

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