Kalte neue Welt

Eine Zensur findet nicht statt. Denkste. Die Verteidiger der Freiheit arbeiten dran.

Campus war ein angesehener und selbständiger Buchverlag in Deutschland. Mit einer langen Liste angesehener Autoren, darunter Michail Gorbatschow, Naomi Klein, Paul Krugman, John J. Mearsheimer oder Sahra Wagenknecht.

Er wurde dann aufgekauft. Überraschte mich aber vorher während der Lektorierung meines Buchs aus heiterem Himmel: Stehen Sie auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung der BRD? So heisst dort die Verfassung, weil die erst nach der Wiedervereinigung wieder Verfassung heissen soll. Wiedervereinigt ist seit geraumer Zeit, aber …

Gut, andere Baustelle. Auf dieses Grundgesetz hat der deutsche Beamte immer noch seinen Eid abzulegen, nicht mehr mit der Blutfahne. Ich meinte zunächst, mit dem lockeren Spruch «ich bin Schweizer, daher neutral» aus der Nummer herauszukommen. Aber weit gefehlt. Mir wurde erklärt, dass es zu den Verlagsstatuten gehöre, nur Autoren zu verlegen, die daran keinen Zweifel liessen. Also bemühte ich mich, daran keinen Zweifel zu lassen. Obwohl ich ehrlich gesagt bis heute weder weiss, was das Stehen auf diesem Boden genau bedeutet. Noch, ob ich das mit beiden Füssen, einem oder nur einer Zehe tue.

ZACKBUM ist weitgehend farbenblind

Man erinnert sich noch an das Riesengebrüll, wer die richtigen Voraussetzungen mitbringt, um das Pennälergedicht einer jungen Schwarzen anlässlich der Inauguration von Präsident Biden zu übersetzen? Wer meint: nun, gute Englischkenntnisse und ein wenig Erfahrung im Übersetzen von Gedichten könnte helfen, schrammt scharf am Verdacht vorbei, Rassist, Sexist und überhaupt ein ganz schlechter Mensch zu sein.

Denn nein, um den Inhalt dieses Wunderwerks richtig zu erfassen und damit auch übersetzen zu können, braucht es viel mehr. Sozialisation, kultureller Hintergrund, Frau versteht sich von selbst, Hautfarbe ist natürlich auch ein Thema. Mann, weiss, älter, das geht gar nicht.

Auch dieses absurde Gehampel ging vorbei, und Hand aufs Herz, erinnert sich noch jemand an den Namen der jungen Schwarzen? An den Inhalt des Gedichts? An den Namen des Übersetzers auf Deutsch? Eben.

Zurück nach Hollywood Babylon

Nun überraschen uns die USA mit der Wiederbelebung des Fatty Arbuckle Skandals. Wer den nicht kennt: unbedingt im Buch «Hollywood Babylon» von Kenneth Anger nachlesen. Arbuckle war zu seiner Zeit als Komiker bekannter als Charlie Chaplin, einer der grössten Sterne am Firmament der Filmindustrie. Nun hatte er aber nicht zu Unrecht den Übernamen Fatty, und das wurde einer jungen Schauspielerin zum Verhängnis, die sich durch die Teilnahme an einer Party von Arbuckle den Weg nach oben erschlafen wollte. Stattdessen starb sie, und Arbuckle musste in der Versenkung verschwinden. Lebenslänglich, obwohl er vor Gericht von allem schuldhaften Verhalten freigesprochen worden war.

Tatort, Polizeifoto Arbuckle, Opfer.

Kommt uns bekannt vor? Allerdings. In den USA hat das schon Woody Allans Biographie eine Odyssee durch die Verlage eingebrockt. Der? Mit diesen Vorwürfen? Niemals. Sein Werk, seine Bedeutung, nichts nachgewiesen, nicht verurteilt? Na und?

Ähnlich ging es dem Biographen von Philip Roth. Der US-Schriftsteller Roth ist sicherlich der Autor, der am häufigsten den Literaturnobelpreis nicht bekam. Der Autor seiner Biographie geriet in stürmische Gewässer, als der damalige Verlag das Werk aus dem Verkehr zog, als im April plötzlich Anschuldigungen gegen den Biographen erhoben wurden, es ging um Vergewaltigung. Wohlgemerkt Anschuldigung.

Die Biographie war schon längst geschrieben, der Autor ein sehr anerkannter Biograph, und bislang war niemandem aufgefallen, dass hier ein mutmasslicher Vergewaltiger in die Tasten gegriffen hatte.

Wie sich alles immer wiederholt

Roth müsste das wie ein irrwitziges Déjà-vu vorgekommen sein. Wie der «New Yorker», in eigentlich allem von unerreichtem Niveau (im Vergleich zu allem, was auf Deutsch erscheint), anmerkt, gibt es hier eine unglaubliche Parallele zu Roths eigenem Werk und Leben:

««Ich habe einen Kommunisten geheiratet» war Roths direkte Antwort auf «Leaving a Doll’s House», die Memoiren seiner ehemaligen Frau, der Schauspielerin Claire Bloom, die ihn als ehebrecherischen Frauenfeind mit einer grausamen Fixierung auf ihre Tochter im Teenageralter, Anna Steiger, porträtierte.»

Das war 1998, also gar nicht mal so lange her. Heutzutage hätte die Anschuldigung von Bloom gereicht, um Roth unmöglich zu machen, seine soziale Existenz zu vernichten, ihn auf Lebzeiten zu brandmarken. Glücklicherweise war das vor nur 23 Jahren nicht so, und da Roth 2018 gestorben ist (Nora Zukker, immer noch keinen Nachruf auf ihn geschrieben?), muss er dieses absurde Theater um seinen Biographen nicht mehr miterleben.

Obwohl deutsche Verlagsverträge (Schweizer ebenso wenig) keinerlei solche Absurditäten kennen, passiert es doch ab und an, dass ein unliebsamer Autor mehr oder minder direkt dazu aufgefordert wird, sich doch einen anderen Verlag zu suchen.

So kehren wir Schritt für Schritt wieder in die Zeiten Fatty Arbuckles zurück. Damals hiess die political correctness Prüderie. Hollywood erfand die getrennten Betten mit Nachttisch in der Mitte, um wenigstens so auch mal das Schlafzimmer selbstverständlich verheirateter Paare zeigen zu können.

Lustfeindlich, humorlos, inquisitorisch und erbarmungslos. Weil in Sachen für Gutes, gegen Böses unterwegs. Das sind immer die Merkmale des Beginns ganz finsterer Zeiten.

 

1 reply
  1. Tim Meier
    Tim Meier says:

    Man kann die vermeintlichen Showstopper «kultureller Hintergrund» und «Hautfarbe» auch auf die Spitze treiben. Frauen generell sowie Nicht-Weisse Deutsche dürfen nicht Auto fahren. Die Motorkutsche wurde schliesslich von einem alten weissen Deutschen erfunden. Da gäb’s noch viele Beispiele. Ist zwar alles absurd und völliger Schwachsinn, aber gewisse Leute wollen doch ums Verworgen politisch korrekt sein.

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