Ultra-kurz winseln

Die Gräben sind ausgehoben, die Kampfhandlungen eröffnet. Wird UKW gerettet oder ist’s eine Dampflock fürs Museum?

Das nennt man eine Kampagne wie aus dem Bilderbuch. Wer hat’s erfunden? Diesmal zweifellos Roger Schawinski. Seine Petition «Rettet UKW» hat in kurzer Zeit mehr als 20’000 Unterschriften gesammelt.

Als Multiplikatoren hat er im Wesentlichen sein «Radio 1», durfte einige Gastauftritte in den Mainstream-Medien wie NZZaS absolvieren – und wurde ansonsten so angehässelt wie in seinen besten Zeiten.

«Unsinnige Lösung eines nicht-existierenden Problems», keilt «Blick».

Das ist die eigensinnige Lösung eines nicht-existierenden Problems …

Mit Arroganz versuchte es Florian Wanner, von Beruf Sohn und «Leiter Radio» bei CH Media: «Ich musste schmunzeln und war nicht überrascht. Es ist eine schöne Geschichte für ihn. Er war der Erste unter den Privaten – und möchte offensichtlich auch der Letzte sein.»

Auch die NZZ ist nach längerem Nachdenken zu einer Position gekommen: «UKW-Abschaltung: Roger Schawinski zieht in eine Schlacht, die längst geschlagen ist.» Auch hier wird mit «Nostalgie»* gearbeitet, und «Entgegen der landläufigen Meinung ist die UKW-Abschaltung keine Schnapsidee weltfremder Beamter.» Auch dem Blatt der tiefen Denker fällt kein platter Vergleich als dieser ein, um Schawinskis Forderung  nach Fortsetzung der staattlichen UKW-Unterstützung (ein Klacks gegen die Multimillionen, die in die zum Untergang verurteilte DAB+-Technologie verbraten wurden) sei «absurd». «Das wäre vergleichbar mit der Förderung von Dampflokomotiven nach der Elektrifizierung der Eisenbahn.»

Bedenklich, wenn auch der NZZ nichts Besseres als dieser ausgelutschte Vergleich einfällt.

Flache Slogans statt Recherchen

Mit flachen Slogans probiert es Nik Lüthi in der «Medienwoche»: «Radio-Zukunft liegt nicht in der Vergangenheit». Sagt nichts aus, ist flachsinnig, aber hört sich irgendwie gut an.

Auch viele Schawi-Hasser kommen natürlich aus den Löchern, so wie der Radio-Bankrotteur Giuseppe Scaglione. Dass er’s nicht kann, hat er unter Beweis gestellt; aber ein gutes Selbstbewusstsein rette über vieles hinweg: «UKW ist Vergangenheit. Das ist eigentlich jedem halbwegs vernünftigen Menschen klar. Offenbar fällt Schawinski in seinem Alter nicht Besseres mehr ein, als an einer Uralttechnologie festzuhalten. Er führt ein Scheingefecht mit populistischen Slogans. Schawinski kommt halt noch aus einer Zeit, in der man Radio praktisch ohne Konkurrenz machen konnte.»

Während Scaglione aus einer Zeit kommt, in der man einen krachenden Bankrott mit einem Radio hinlegen kann und trotzdem das Gefühl hat, man hätte Ahnung vom Radiomachen.

Auch hier zeichnet die Debatte zunächst eine ärgerliche Unredlichkeit aus. Dass eigentlich alle privaten Radiomacher der Abschaltung der UKW-Frequenzen zustimmten, weil sie sich damit eine stillschweigende Verlängerung ihrer Lizenzen erkauften – Schwamm drüber.

Dass also ihre Zustimmung in letzter Linie keineswegs aus wohlüberlegter Strategie und den Glauben in die Zukunft erwuchs. Sondern wie meist bei Managern, die von ihrem Medien oder Kerngeschäft nicht die geringste Ahnung haben, aus oberflächlichen Profitüberlegungen. Dass damals Schawinski als Einziger sein Einverständnis verweigerte – na und, dachten diese Kurzdenker, ist halt schon immer ein Querulant gewesen.

Schwachbrüstige Gegenargumente

Das rächt sich nun aber schwer, denn während Schawinskis Kampagne Fahrt aufnimmt, mussten eilig ein paar Gegenargumente zusammengenagelt werden. Und so schwach sind auch bislang.

Im Wesentlichen gibt es die unanständige persönliche Ebene: ein alter Sack, der als Rebell begann, will in einem Egotrip im Herbst seiner Karriere nochmal den Nonkonformisten raushängen lassen.

Das ist Festhalten an der Steinzeit, während die Musik in der Zukunft und im Internet spielt. Bei diesem Argument fällt niemandem der Widerspruch auf, wieso dann auch wieder alle Privat-Radiobetreiber zuerst DAB und dann mit DAB+ einverstanden waren.

Streng nach argumentativen Notstand riecht auch die Behauptung, dass der Weiterbetrieb von UKW halt zu teuer sei. Das brächte die Privat-Radios an den Rand des Bankrotts, wenn sie weiterhin UKW, DAB+ und erst noch Internet-Streaming anbieten müssten.

Hier ist das Problem, dass niemand diese angeblich exorbitanten Kosten quantifizieren mag. Einzig Schawinski legt seine Kosten offen, die rund 1 Prozent des Gesamtbudgets ausmachten, also vernachlässigbar seien. Abgesehen davon, dass die Infrastrukturkosten längst amortisiert seien und alleine die Abschaltung überflüssiger UKW-Stationen genügend Einsparungen bewirkten, wenn’s hier wirklich ums Geld ginge.

Schliesslich versucht man noch, aus der Unterstützung seitens SVP-Aeschi Profit zu schlagen; mit wem sich Schawinski da eingelassen habe. Dass auch «Mitte»-Pfister in die gleiche Kerbe haut, das wird als nicht so toll zu Thesenjournalismus gehörend ausgeblendet.

Zwischenbilanz: Mehrfach zu null für Schawi

Also lautet die Zwischenbilanz aus publizistischer Sicht: Schawinski führt wie aus dem Lehrbuch vor, wie man mit wenige Geld, aber ausreichend Grips eine Kampagne aus dem Boden stampfen kann. Dabei hilft ihm auch, dass wenigstens er weiss, wovon er spricht.

Auf der Gegenseite wird geheuchelt, dass sich die Wellen biegen. Warum verteidigen die grossen Verlagshäuser die Abschaltung? Weil sie nach sorgfältiger Tiefenanalyse zum Schluss gekommen sind, dass das richtig sei? Nun, wer an den Weihnachtsmann glaubt und an Märchen, der mag auch das glauben.

An inhaltlichen Gegenargumenten wurde auch nach der ersten Schrecksekunde nichts Nennenswertes aufgefahren. Alter Sack, Selbstdarsteller, Nostalgiker, aus geschäftspolitischen Erwägung bezüglich Kosteneinsparung unvermeidlich. Ohne dass bislang auch nur der Hauch einer untermauernden Zahlen geliefert wurde.

Wenn das so weitergeht, wird Schawinski wegen des Drives, den er immer noch hat gewinnen – und dank der abgründigen Unfähigkeit seiner Gegner.

 

*Anm. der Redaktion. Stefan Häberli, der Autor des NZZ-Kommentars, findet diese Darstellung etwas verkürzt. Er hat geschrieben: «Der Widerstand dürfte auch von Nostalgie getrieben sein.» Und die Absurdität der Position Schawinskis zeige sich seiner Meinung nach darin, dass der Staat, nachdem er zwecks Abschaltung von UKW rund 85 Millionen in DAB gesteckt habe, nun laut Schawinski dennoch UKW weiter subventionieren solle.

Da das zudem freundlich formuliert vorgetragen wurde, sind wir gerne bereit, diese Präzisierung anzufügen.

5 KOMMENTARE
  1. Hans von Atzigen
    Hans von Atzigen says:

    Der Verfasser dieser Medien-Kritik liegt richtig, Nostalgie in dem Fall Furz.
    (Das nutzt alles nix wenn immer weniger über UKW fähige Empfangsgeräte Verfügen.)
    Das internet und Technologie ist innzwischen eine unverzichtbare Realität.
    Hoch vorrangig sollten diese Aufgaben und Massnahmen angegangen werden!!!
    Sensieble Infrastruktur sollte nicht am internet Laufen resp. bei Bedarf auch
    ohne internet weiterlaufen. Zb. über autonome zumindest Notlaufkapazitäten
    verfügen, damit die bei Bedarf, Netz unabhängig weiterlaufen.
    (Beispiel: NUR irre würden ein AKW DIRECKT ans Internet klemmen. )
    Der Letzte Hackerangriff in den USA Ölleitung‚ SOLLTE Warnung genug sein.
    Ein weiterer Punkt.
    Ein Notkommunikationssystem zumindest auf der Ebene der Kantone und da wiederum bis hinunter auf die kommunale Ebene.
    Eine Frage der Innovation, gegebenenfalls im Rahmen der vorhandenenTechnik und Infrastruktur dies zu gestellten.

    Antworten
  2. Robert Holzer
    Robert Holzer says:

    «Schawinski führt wie aus dem Lehrbuch vor, wie man mit wenige Geld, aber ausreichend Grips eine Kampagne aus dem Boden stampfen kann.»
    Und genau darum geht es dem grand old man. Die UKW Diskussion dient als Steigbügelhalter, Beigemüse oder Sättigungsbeilage.
    Bezüglich Gegenargumenten einfach mal den Doppelpunkt mit Markus Ruoss anhören.
    UKW war gestern.

    Antworten
  3. William Meyerhofer
    William Meyerhofer says:

    Keine Gegenargumente? Dann mal den Doppelpunkt mit Markus Ruoss hören. Wohl einer der wenigen in der Schweiz, die was von (Rundfunk-)Technologie verstehen.

    Antworten
  4. .Victor Brunner
    .Victor Brunner says:

    Einmal mehr hat Schawinski bewiesen dass er einer der wenigen ist der Radio und das Umfeld versteht. UKW wird neben DAB noch einige weitere Jahre bestehen, weil die Mehrzahl der Konsumenten privat oder in ihren Fahrzeugen nicht umgerüstet haben. Von Automobilisten die die Schweiz queren und auf Infos auf UKW angewiesen sind gar nicht zu sprechen. Die Privaten müssen UKW weiter betreiben und die Kosten aus ihrem Sack berappen. Sie haben mit dem BAKOM schlecht gemauschelt, ohne Rücksicht auf die Konsumenten!

    Antworten
  5. Alois Fischer
    Alois Fischer says:

    Der Verzicht auf Redundanz wird sich bitter rächen. Die Verschiebung aller Kommunikationsmittel in Richtung Internet ist ein Klumpenrisiko erster Güte. Da kennen sich die Banken und die Parlamentarier samt Bundesrat in der Schweiz je bestens aus.

    Was nicht sein darf, das gibt es einfach nicht – und Berufspolitiker bestimmen in letzter Instanz, was dazu gehört!
    Arrogant, überheblich und einfach nur dumm, wenn man wieder einmal nicht merkt (merken will? merken kann?) wie und wo man den eigenen Ast absägt.

    Allein die staatliche und die öffentliche Sicherheit gefährden wir damit in grössenwahnsinniger Weise.
    Überlegen wir uns einmal (endlich einmal!) was passiert, wenn alle Telefonverbindungen, der gesamte Briefverkehr und das Informationsmittel für die Hilfe in grössten Katastrophen; die Funkmedien, mit einem kurzen, heftigen kappen des Internets einfach gelöscht und stumm sein werden.
    Sirenenalarm … und im Radio ist einfach kein Pieps zu hören! Was dann?

    So werden wir entweder wieder einmal «auf die Welt kommen» oder eben verschwinden.
    Wozu also die geschürte Angst vor einer angeblich nahen Klimakatastrophe, wenn wir die wirklich naheliegenden und realen Gefahren ganz cool und oberarrogant wegwischen?

    Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Möchten Sie an der Debatte teilnehmen?
Ihre Meinung interessiert. Beachten Sie die Kleiderordnung dabei.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.