Aktivistischer Journalismus ist langweilig – aber macht süchtig

Der Autor und Reporter Matt Taibbi* gehört in den USA zu den bekanntesten Kritikern der etablierten Medien. Linken wie rechten Journalisten wirft er vor, nur noch dem eigenen Publikum zu schmeicheln.

Von Marc Neumann**, Washington DC

Die Bitte von ZACKBUM.ch wurde erhört: Wir dürfen dieses Interview übernehmen. Heute Teil 1, morgen folgt Teil 2.

Herr Taibbi, im Jahr 1848 war Karl Marx Chefredaktor der «Neuen Rheinischen Zeitung», Friedrich Engels sein Stellvertreter – und zusammen wollten sie eine Revolution herbeischreiben. Finden Sie das problematisch?

Nein. Es gibt viele Journalismusmodelle. In den USA selber hatten wir verschiedene Phasen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Zeitungen offen politisch, einer Partei oder Gewerkschaft verbunden – das war normal. Der Begriff der Objektivität taucht erst im Zeitalter der Massenmedien auf, und dies nicht aus ethischen Gründen, sondern aus kommerziellem Kalkül.

Moment, journalistische Objektivität war kommerzieller Zweck?

Gewiss. Erinnern Sie sich an die weltbekannte sachliche Stimme der CBS-«Wochenschau» am Radio im Zweiten Weltkrieg? Das war Lowell Thomas. Thomas war ein hochtalentierter Schauspieler und wollte die Nachrichten dramatischer vortragen, die Leute aufwühlen, Kontroversen lostreten. Sponsoren aber verlangten eine trockene und monotone Moderation, die in den nächsten fünfzig Jahren zum Standard wurde. Die Moderation sollte niemanden erregen oder beleidigen, um möglichst viel Werbung an möglichst viele Menschen zu verkaufen.

Das hatte nichts mit Ethik zu tun. Es ging nur ums Geldverdienen.

Also verdient man heute wieder Geld mit parteiischer Berichterstattung wie Anfang des 20. Jahrhunderts.

Ja, wir greifen hierzulande definitiv auf eine frühere Version von Journalismus zurück. Wir hatten in Amerika nie eine oberste Medienaufsicht. Es gibt die Federal Communications Commission, die ein paar lockere Regeln vorgibt. Es gab die Fairness-Doktrin, ebenfalls eine lose Weisung, die einzig ab und an auch andere Gesichts- und Standpunkte verlangte. Heute dagegen haben wir ein quasistaatliches politisches Programm der parteiischen Moderation von Inhalten, das sicherstellen soll, dass Kontroversen, Verschwörungstheorien und Fake-News getilgt werden. In Friedenszeiten hatten wir so etwas noch nicht.

Aber es gibt doch journalistische Objektivität?

Ich glaube nicht wirklich an Objektivität im Journalismus, das ist allenfalls ein erstrebenswertes Ziel. Objektiv zu sein, heisst im US-Journalismus, eine Sache aus so vielen Winkeln wie möglich zu betrachten, die Standpunkte zu sortieren und der Leserschaft zu erzählen, ohne die eigenen Gefühle einfliessen zu lassen. Aber persönliche Gefühle kann man nicht eliminieren. Jede kritische Annahme reflektiert eine vorgefasste Meinung. Ein grosser oder kleiner Titel, das Bild auf der Titelseite oder auf Seite 15, ob ein Zitat prominenter gesetzt wird als ein anderes – all dies sind Entscheidungen, mit denen man Gewichte und Standpunkte setzt.

Also ist journalistische Objektivität ein Mythos?

Es ist wohl sinnvoll, danach zu streben. Aber der Ausdruck ist in letzter Zeit in Amerika in Ungnade gefallen. Die alte Formel, wonach man beide Seiten zu Wort kommen lassen soll, gilt heute als langweilig und mittlerweile selbst propagandistisch. Objektivität ist allenfalls noch wichtig als Absichtserklärung, im Sinne von journalistischer Fairness.

An die Stelle der Objektivität tritt heute journalistischer Aktivismus. Schon Hannah Arendt und James Baldwin arbeiteten nach diesem Prinzip, Rush Limbaugh und jüngere «woke» Journalisten ebenfalls. Was unterscheidet heute «guten» von «schlechtem» journalistischem Aktivismus?

Es gibt viele Arten von Journalismus, und sie alle haben ihren Wert. Mein Vater war ein klassischer News-Reporter, der vor dem brennenden Haus über den Hausbrand berichtete. Zeit seines Lebens hat er kein Editorial geschrieben. Ich habe das Metier ganz anders erlernt. Meine Helden waren Henry Louis Mencken, Hunter S. Thompson oder Tom Wolfe. Dementsprechend glaube ich, dass subjektiver Journalismus, der naturgemäss streitbar argumentierend und aktivistisch ist, einen wichtigen Platz einnimmt.

Also haben Sie kein Problem mit journalistischem Aktivismus?

Doktrinärer Aktivismus ist ein Problem.

Wenn ich die Storys eines bestimmten Mediums vorhersagen kann, weil ich seine politische Stossrichtung kenne, dann betreibt es für mich Propaganda. Ein echter Journalist steht in der Verantwortung, unvoreingenommen für verschiedene Ansichten und Erklärungen offen zu bleiben. Leider gibt es hierzu in US-Medien eine immer stärkere Tendenz zu vorgefassten Meinungen, auf linker wie rechter Seite. Das Publikum weiss, was es erwartet: ausschliesslich Nonstop-Kritik an Demokraten oder exklusiv an Trump und den Republikanern. Wenn vorhersehbare, einfache Standpunkte statt komplizierter Wahrheiten verbreitet werden, ist das kein Journalismus mehr, sondern einfach langweilig.

Wenn das so langweilig ist, warum hat es dann Erfolg?

Weil es süchtig macht. Fox News und MSNBC verkaufen eine Konsumentenerfahrung von politischer Solidarität, mit der ein Überlegenheitsgefühl gegenüber einer anderen Gruppe bestätigt wird. Die klassische Fox-Formel beruht auf Bildern von unverantwortlichen Leuten, die Gesetze brechen und ausländische Terroristen sind. Dem Publikum wird das Gefühl gegeben, es sei die Verkörperung der aufrechten, gesetzestreuen, intelligenten und hart arbeitende Leute. MSNBC oder CNN machen genau das Gleiche. Sie verkaufen das Erlebnis, sich über QAnon-Idioten lustig zu machen, jeden Tag etwas anderes, über das man sich aufregen kann. Die Wut nach dem Klick wird zur Abhängigkeit. Nachrichtenlesen ist heutzutage eine Sucht, so gefährlich wie Zigaretten und gesättigte Fette. Man geniesst das Ritual, auf dem Mobiltelefon etwas Schreckliches zu lesen, Ärger und Empörung zu erleben und dann mit anderen zu teilen. Was die Medien machen, ist intellektuell uninteressant, aber höchst effizient.

Sollte Geschriebenes rezeptpflichtig werden oder zumindest einen Beipackzettel zu Risiken und Nebenwirkungen bekommen?

Das ist keine schlechte Frage. Wir haben in den USA ein hohes Bewusstsein darüber, was Verbraucher in ihre Mägen oder Lungen lassen, wie sicher ihr Auto ist. Weniger besessen sind sie von der Frage, was sie in ihre Hirne lassen. Intellektuelle Konsumgüter sind ebenfalls Produkte, weshalb das Bewusstsein darüber erweitert werden sollte. Schliesslich ist das kein öffentlicher Dienst, sondern ein Wirtschaftszweig. Die drei grössten Kabelnetzwerke machten vergangenes Jahr Gewinne über 2,85 Milliarden Dollar, und das in einer Art und Weise, die nicht gesund ist.

Wollen Sie Mediengesundheitsminister werden?

O nein. Aber ich bin in diesem Geschäft gross geworden, ich liebte und liebe diesen Beruf. Was ich in den letzten zwanzig Jahren beobachtet habe, beunruhigt mich sehr. Meine Texte sind ziemlich offen rhetorisch, meinungsbasiert, haben klare Standpunkte und eine Überzeugungsabsicht. Sie sollen zum Denken anregen. Aber viele Menschen lesen gewöhnliche Nachrichtenartikel, als ob es die blanke Wahrheit sei, ohne zu verstehen, dass da eine Person ein Argument aufbaut. Das finde ich bedenklich.

Wie steht es mit der Wahrheit im Journalismus?

Mit dieser Frage beginnt der 2. Teil des Interviews morgen.

*Matt Taibbi

Der US-Journalist und Autor Matt Taibbi (Jahrgang 1970) arbeitete zunächst als freier Korrespondent in postsowjetischen Staaten. Nach rund einem Jahrzehnt als Reporter, Redaktor und Magazin-Mitgründer heuerte er 2003 als Kolumnist bei der «New York Press» an. Ein Jahr darauf stiess er als Politikreporter zum «Rolling Stone»-Magazin, wo er als provokativer und investigativer Journalist bekannt wurde. Er hat mehrere Bücher verfasst, unter anderem zur Finanz- und Immobilienkrise oder zum gewaltsamen Tod von Eric Garner. 2019 lancierte er seinen eigenen Podcast «Useful Idiots»; seit letztem Jahr ist er selbständiger Autor auf der Plattform Substack.

  • **Dieses Interview erschien zuerst im Feuilleton der NZZ vom 19. April 2021 hinter Bezahlschranke. Mit freundlicher Genehmigung des Autors und der NZZ haben wir es übernommen.
1 reply
  1. René Küng
    René Küng says:

    Danke NZZEYER, dass Sie miteinander im Gespräch bleiben.
    Danke NZZ, dass dort zumindest versucht wird, einiges vom 2020er Schaden wieder gut zu machen.

    Fehlt eigentlich nur noch, dass sich die NZZ auch umgekehrt ‹bedient› und etwas zusätzlicher, intelligent-bissiger Journalisten-Arbeit von Z ausborgt (darf vielleicht sogar bezahlt werden aus dem Subventionen-Topf – Z kriegt da ja wohl für Z-Zackbum nicht viel von Bern….;-)

    Und muss ja nicht gleich zur NZZZ werden (Fusion, Acquisition, Integration ZZZN – haha, genug gekalbert).
    Ein schöner Anfang oder Rest von Kooperation ist ja auch was.
    Merci, beiden.

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