Corona: endlich abgenabelt

Unter verkniffenem Schweigen der Qualitätsmedien tut sich Wunderliches.

Nehmen wir die letzthin in den Vordergrund geschobene Zahl. Die 7-Tage-Inzidenz. Die löste die 24-Stunden-Inzidenz ab, nachdem der Protest gegen diesen Unsinn immer lauter wurde.

Also die Zahl der Neuinfektionen pro 100’000 Einwohner über 7 Tage gemittelt, nachdem der Unfug mit absoluten Zahlen weitgehend auch verschwunden ist.

Da liegen die Türkei, Zypern und Schweden auf den vordersten Plätzen. Obwohl die drei Länder ganz verschiedene Strategien bei der Bekämpfung gefahren haben. Beim Spitzenreiter Türkei sprechen wir von 477,5 Fällen.

Darum herum drehen die meisten Wissenschafter.

Dagegen sehen die Schweiz und Deutschland recht manierlich aus. 176,3, beziehungsweise 171,6 Fälle, damit liegen die Länder auch in der Statistik freundnachbarschaftlich beieinander.

Ähnliche Zahlen, verschiedene Strategien

Damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Deutschland ist in Alarmmodus, als sei die «German Angst» wieder ausgebrochen. Bundeskanzlerin Merkel will ungehorsamen Bundesländern mit der höchstamtlichen Notbremse auf die Füsse treten. Massnahmen bis zum Total-Lockdown mit Ausgangssperre und weitgehender Schliessung von allem sind ernsthaft in Diskussion.

Schule wieder zu, Schule ausgedünnt, Schule im Freien, Schule per Fernunterricht, auch da werden alle Massnahmen durchgespielt, diskutiert und ernsthaft in Erwägung gezogen.  Die Wissenschaftler, Überraschung, warnen, geben zu bedenken, fürchten, halten es für dringlich geboten.

Da herrscht noch Einigkeit mit der Schweiz. Auch die Scientific Task Force to the Bundesrat hat Bedenken, befürchtet, sieht gleich den ganzen Sommer in Gefahr. Die Reproduktionszahl liege bei 1.11, Positivität bei 7,6 Prozent. Weitere Erklärungen würden zu weit führen; was man wissen muss: die erste Zahl ist viel zu hoch, die zweite viel zu niedrig.

Glaubt man der Task Force, aber wer tut das schon noch. Deshalb häufen sich die Abgänge; immer mehr Mitglieder rollen die Fahne «hört auf die Wissenschaft» ein. Entweder, weil sie wie Marcel Salathé genügend Wirbel veranstaltet haben, um ein lukratives Pöstchen zu ergattern. Oder weil sie, wie Christian Althaus, Manuel Battegay, Monica Bütler oder Marcel Tanner, nicht genügend Aufmerksamkeit erregen konnten.

Genau wie unlängst Dominique de Quervain. Er täubelt, weil er die Lockerungen für einen Fehler hält. Das ist sein gutes Recht, das hier weniger: «Das ihr auferlegte politische Korsett verhindert die dringend notwendige, ungefilterte wissenschaftliche Aufklärung.»

Entscheidungen fällen immer noch gewählte Verantwortungsträger

Unter politischen Korsett versteht er wohl, dass die Wissenschaftler, weil sie keinerlei Verantwortung für ihre Ratschläge tragen, nur beratend tätig sein dürfen, die Entscheidungen würden immer noch von den Regierenden gefällt, musste sie Bundesrat Berset schon öffentlich zur Ordnung rufen.

Ihr Verhalten ist so aberwitzig, wie wenn ein Rechtsanwalt das Gericht auffordern würde, gefälligst nur seiner Meinung zu folgen. Denn so sähe das auch die Mehrheit aller Anwälte. Sollte es Abweichler geben, so sind die zu vernachlässigen.

Wichtiger als dieses kindische Verhalten – wenn mir eine Entscheidung nicht passt, gehe ich, das habt Ihr dann davon – ist aber etwas anderes. Aufgrund der ähnlichen oder sogar gleichen Zahlen, obwohl die in der Schweiz sogar ein Mü höher als in Deutschland sind, haben die Regierungen diametral entgegengesetzte Schlussfolgerungen daraus gezogen.

Das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern hat seit Mitternacht den harten Lockdown verhängt. Schulen, Kitas und die meisten Geschäfte bleiben geschlossen. Auch anderswo gelten schärfere Regeln, inklusive Ausgangssperren. Währenddessen dürfen in der Schweiz Kinos, Fitnesscenter, Theater und Restaurants im Aussenbereich öffnen.

Das findet Deutschland, das finden alle Corona-Kreischen in der Schweiz unmöglich. Gefährlich, fahrlässig, unverantwortlich. Es werden wieder die üblichen Hiobsbotschaften verbreitet: Notfallstationen ausgelastet, bald überlastet. Nächste Welle garantiert. Freiheit im Sommer verspielt.

Zwischen vielen Faktoren abwägen

Dabei wird geflissentlich übersehen: Weder die deutschen, noch die Schweizer Regierenden sind eine Bande von Idioten und Hirnamputierten. Sie mögen ihre Defizite und Schwachstellen haben, das nicht zu knapp. Aber wenn sie zu gegensätzlichen Schlussfolgerungen aus den vorliegenden Zahlen kommen, heisst das einfach:

Diese Zahlen sind ein Faktor in der Beurteilung und Entscheidungsfindung, aber auch nicht mehr.

Denn Politik ist, im Gegensatz zu Wissenschaft, auch die Kunst des Abwägens, der Verhältnismässigkeit. Unter Berücksichtigung aller Faktoren, wenn möglich, und nicht nur ein paar Zahlen. Denn die Gesamtauswirkungen eines Lockdowns, nur schon auf die Wirtschaft, die Psyche, die Zukunft, die Jugend, sind verheerend und komplex.

Da kann man ohne Weiteres zu unterschiedlichen Entscheidungen kommen. Aber das ist für viele Wissenschaftler nicht nur völlig falsch, sondern geradezu eine persönliche Beleidigung. Die nur mit Schmollen und Rücktritt abgewaschen werden kann. Der Wissenschaftler als Kindskopf, der sich für den Nabel der Welt hält. Aber: abgenabelt.

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