Gang durchs Grauen

Tatort «Tages-Anzeiger». Ausgabe vom 13. April 2021. Schlachtfeld: Seite 2, Meinung.

Das wird ein mutiger Gang durch die Niederungen des einstmals angesehenen Gefässes «Kommentar». Nichts für schwache Nerven; wir übernehmen keine Verantwortung für Nebenwirkungen.

Wo fangen wir an? Ladies first. Die «Philosophin» Barbara Bleisch ergreift das Wort. Die einzig gute Nachricht: Dafür ist Laura de Weck stumm. Bleisch versucht’s diesmal mit Schwulstschwätzen, mit dieser vermeintlich hingehauchten Empfindsamkeit, die Widersprüchen nachgehen will. Allerdings dort, wo keine sind.

Es raunt schon der Titel: «Warum wir die Stille sprechen lassen sollten». Ja warum nur, dann wäre sie doch nicht mehr still. «Stehend und schauend» vor einem Gemälde Gerhard Richters. Ja Wahnsinn, der teuerste und meistüberschätzte Maler der Gegenwart. Aber Bleisch bringt er zum Erschauern. Das will man eigentlich nicht erleben, aber sie zwingt es einem auf: «Die wortlose Beredtheit des Bildes ergreift einen unmittelbar.»

Wir wagen nur einen Ausriss …

Wenn man aus dieser Sprachblase die Luft rauslässt, dann bleibt – das blanke Nichts. Aber Bleisch weiss, dass sie mit solchem Geblubber nicht eine ganze Kolumne füllen kann; das Problem ist von de Weck bekannt.

Mitleiden mit Wittgenstein, der auch nichts dafür kann

Also, einmal darf der einigermassen gebildete Leser raten, genau, muss noch Ludwig Wittgenstein dran glauben. Bei diesem Missbrauch würde er noch aus dem Grab heraus stottern, aber wir hoffen für ihn, dass er nicht mehr «transzendent» vorhanden ist. «Diskursiv adäquat vermitteln», «metaphysische Gefühle transportieren», «Vermittlung transzendenter Erfahrung».

Stehend und schauend vor der wellenlosen Stummheit. Oder so.

Wir hissen die weisse Flagge und betteln um Gnade. Aber Bleisch kennt keine: «Die wortlose Beredtheit des Bildes ergreift einen unmittelbar.» Wir haben’s ja kapiert, auf diesem unsinnigen Widerspruch bastelt sich Bleisch ein ganzes Werk. Für die, die’s immer noch nicht kapiert haben, endet sie damit, welche Wohltat es sei, «in einer Zeit kommunikativer Dauerberieselung dem Unsagbaren zu lauschen.» Ja, bitte, das ist die Idee, geben Sie sich ihr hin, Frau Bleisch!

Dann gibt Claudia Blumer noch «Höchstrichterliche Beziehungstipps». Die Frau ist völlig schamfrei, indolent, eine Schande für den Journalismus. Aber auf dieser Seite in guter Gesellschaft.

Ein Epidemiologe rechnet scharf ab und fordert

Zuoberst, allerdings nur im Seitenspiegel, rechnet der Epidemiologe Fabian Fellmann scharf ab. «Die Wirtschaftsverbände haben sich im marktschreierischen Wettbewerb der Lockerungsforderungen verrannt», kreischt der billige Jakob auf dem Markt der Meinungen. Mit «dieser Verharmlosung» schädigten sie «das Vertrauen der Bevölkerung». Öhm, man versuche, dieses Sprachbild zu entwirren.

Aber sei’s drum, kein Kommentar ohne klare Forderungen, damit das Virus endlich besiegt wird. Erstens, zweitens und drittens, zählt Fellmann auf. Impftempo steigern, Massentests, und der Bundesrat habe gefälligst «nachvollziehbar» darzulegen, wann welche Lockerungen erlaubt seien. Mit anderen Worten: So, dass es auch Fellmann kapiert und akzeptiert. Wenn nicht? Nun, wehe dir, Schweiz, dann wird es ganz duster.

Gut, dass der Politologe Fellmann ab Sommer aus den USA berichtet. Das ist den USA ziemlich wurst, und hierzulande wird das auch keinen Erkenntnisgewinn auslösen, wenn er dem US-Präsidenten erklären wird, was der zu tun und zu lassen habe.

Kommentare nur für Schwindelfreie.

Fehlt noch ein Thema? Aber sicher, ich sage nur Genderstern, Diskriminierung, Mohrenköpfe und andere rassistische Ausdrücke? Nein, auf einer Seite hat leider nicht alles Platz. Aber ein Thema schon. Vor allem, weil es bedauerlicherweise in den Hintergrund gedrängt wurde. Welches?

Klimaschützer sind nicht «schockiert», sie zeigen sich nur so

Aber bitte: «Selbst mit dem neuen CO2-Gesetz wird es für die Schweiz schwierig, das verschärfte Klimaziel zu erreichen.» Dabei muss das ja erst noch angenommen werden, kommt erschwerend hinzu. «Klimaschützer zeigen sich «schockiert» über die 2019er-Bilanz», fühlt Stefan Häne mit ihnen. Die Umwelt- und Klimakreische des Hauses Tamedia. Immer den Klimakollaps vor Augen, seit das Waldsterben dafür sorgte, dass die Schweiz ohne Baumbestand so kahl ist wie Foucaults Kopf. Aber das wäre wieder ein anderes Thema.

Sind wir durch? Ja, lieber Leser, auch ich kann keine Rücksichten auf Empfindsamkeiten nehmen. Mitleid habe ich auch nicht, denn ich musste ja diese Seite voll von gerütteltem Flachsinn auch lesen. Jetzt muss ich schauen, ob ich aus dieser Expedition ins Grauen unbeschädigt an Leib und Seele zurückgekommen bin.

4 KOMMENTARE
  1. Zaungast Mike
    Zaungast Mike says:

    Wieder mal köstlich, der unerschrockene René Zeyer. Sehr oft für mich die tägliche Krönung. Wenn es dann mal einen echten Shitstorm der schreibenden Damenwelt gibt, hätte Zackbum wohl das Image vom Medien-Wadenbeisser abgelegt.
    Allerdings vermute ich, dass eine Konstellation mit zwei oder drei Autoren, wie sie ja zuerst war, die Gefahr der Monothematik etwas vermindern würde.

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  2. Adrian Venetz
    Adrian Venetz says:

    Kleiner Einspruch. Habe den Artikel von Fabian Fellmann zwar nicht gelesen, möchte aber festhalten, dass er einer der besten und klügsten Journalisten ist, mit denen ich jemals zusammengearbeitet habe. Ihn in einem Atemzug mit Bleisch zu nennen – das hat er definitiv nicht verdient.

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