Es darf gelacht werden: Werbetexte in unseren Lieblingsgazetten

Nahvergleich zwischen lang und textlästig sowie kurz und bildlastig. Wer errät’s?

Zuerst die seriöse. Die «Republik» hat mal wieder was Aussergewöhnliches geschafft. Sie hat einen so langen Newsletter verschickt, dass der Anfang schon veraltet ist, wenn man beim Schluss ankommt.

Über 10’000 Anschläge, anders geht’s einfach nicht bei dem Magazin für breitgetretenen Quark.

Für Leser mit leichtem Bildungsrucksack: Johann Wolfgang von Goethe, im West-Östlichen Divan (das kann man googeln):

«Getretner Quark wird breit, nicht stark.»

Aber wem die Hose, Pardon, das Herz voll ist: Die «Republik» kriegt sich nicht ein, dass sie weiterhin rund 28’000 zahlende Abonnenten hat. «Die Erneuerung lief weit souveräner, als die Übermütigsten unter uns vorhersagten.»

Das vermissen wir bei allen anderen Medienorgane so schmerzlich: ausführliche Darstellungen über die Zahl der Abonnenten. Aber nur übermütig kann die «Republik» nicht erscheinen. Zwar hat sie ungefähr einen gleichgrossen Ausstoss wie ZACKBUM, nur mit etwas mehr Schreibern und viel mehr Geld.
Damit das auch so bleibt, muss nach all dem Jubel wieder ein ernstes Gesicht aufgesetzt werden:

  • Das Modell sei weiterhin stark anfällig für «Schwankungen.» Wenn das doch nur auch die CS gewusst hätte.
  • Niemand wisse, wie’s nach Corona und vielleicht nachlassender Leselust weitergehe.
  • Eine der häufigsten Todesursachen für junge Unternehmen sei der «Kollaps im dritten Jahr.» Wenn das nur alle Buden gewusst hätten, die schon im ersten oder zweiten Jahr mit Entleibung drohen mussten, um weitere Millionen nachgeschmissen zu bekommen.

Wo soll’s hingehen vom Ruhebett aus?

Aber, Stillstand ist Rückschritt, die «Republik»-Schreibhelden wollen ja noch so lange wie möglich ein üppiges Gehalt für sehr mageren Output kassieren. Also was sind so die neuen Ideen?

«Wir wissen, dass wir auf keinen Fall bequem werden dürfen. Und dass wir mit aller Kraft gegen die Stagnation anwachsen müssen. Aber wir wissen noch nicht, wie genau.»

Damit sind sie immerhin wieder auf der philosophischen Höhe eines Sokrates angelangt. «Ich weiss, dass ich nichts weiss», soll der gesagt haben. Wurde aber nur vom Hörensagen überliefert. Aber reicht für die «Republik» natürlich für ein gesichertes Zitat.

 

Brutaler Wechsel in ganz andere Gefilde

Wenn ein Kindersoldat im Newsroom der Blick-Familie auf die Idee käme, einen NL mit über 10’000 Anschlägen zu schreiben, dann würde er ruhiggespritzt und vorsichtig hinausbegleitet. Würde er einen Artikel dieser Länge abgeben, bekäme er vorher noch eine Zwangsjacke verpasst.

Deshalb setzen wir hier mehr auf die Kraft des Bildes. Wir wissen ja alle, dass die strikte Trennung von Werbung und Eigenleistung einen wesentlichen Beitrag zu Glaubwürdigkeit und dem Vertrauen leistet.

Daran geht der «Blick» mit professioneller Unabhängigkeit heran.

Man kann draufklicken und liest tatsächlich einen «Testbericht». Erst im Impressum wird man aufmerksam gemacht, und wer liest das schon:

Oder auch nicht …

Aber es ist vielleicht etwas unfair, nur darauf beim «Blick» einzugehen. Er kann auch noch anders. Wenn Blocher schon so blöd ist, Blocher-TV hinzustellen, dann kann sich die Blick-Familie doch sicher bedienen.

Ein Schnipsel aus «BlocherTV». Man beachte den Kachelofen.

Auch das ist eine Variante:

 

Kleiner Test: Welcher von beiden Anrissen ist Werbung? Bravo, richtig, beide.

Aber warum so separiert und solo, geht auch anders:

 

Damit keine Unsicherheit entsteht: alles Werbung, what else.

Schliesslich fragt man sich spätestens hier, ob man nicht lieber noch mehr Werbung sehen will:

Für alle, die dachten, über Tabuthemen spricht man in der Pressekonferenz.

Würde man solche Themen in aller Öffentlichkeit besprechen, wär’s auch nicht recht. Beim Rahmenvertrag sieht man ja, wohin das führt.

Was meint denn der Leser, Pardon, die «community», zum schweineteuren, aber kaum sichtbaren Redesign? Wenn man da mit «überwiegend positiv» zusammenfassen muss, ahnt man die Reaktion. Ein Kommentar zum Redesign hat uns besonders gefallen:

«Es ist immer wieder ein Glücksfall, wenn einer meiner Kommentare veröffentlicht wird! Gefühlt werden ca. 4/5 nicht veröffentlicht! Hingegen trifft man nicht selten auf Dutzende Kommentare von Küde Zhou, Martin Arnold & Co!»

Das ist natürlich gemein, so in der «community», wenn sich das nach dem Redesign fortsetzt.

 

Erinnert sich noch jemand an unsere Serie über Claudia Blumer?

Ach, damit uns niemand Bauchnabelschau vorwirft, was sagt denn der grosse Tamedia-Konzern zur mehrteiligen und exklusiven Recherche zu Claudia Blumer? Wir fassen die Reaktion kurz zusammen:

Nein, das ist nicht von Kasimir Malewitsch. Von wem? Ach, googelt Euch doch eins.

2 KOMMENTARE
  1. Franco Zeller
    Franco Zeller says:

    In diesem Artikel selber sind es zwar auch rund 4.600 Anschläge, immerhin etwas weniger als die Hälfte von den 10.000 des Quark-Magazins. Dafür aber doppelt so unterhaltsam! Und erst noch reich bebildert, was viel mehr Arbeit und Kompetenz bedeutet als einfach drauflos zu schreiben.

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  2. Simon Ronner
    Simon Ronner says:

    Werbung als Artikel getarnt. Diese Unsitte generiert einen Reputationsverlust, den die Verlage unterschätzen. Auch die NZZ hat in Beilagen wie z.B. «Meine Finanzen», «Zukunft Gesundheit» etc. Layout und Schrifttyp inzwischen dem Rest der Zeitung angepasst. Aber das Kleingedruckte, pardon, «Impressum», schafft ja bekanntlich Transparenz:

    «Meine Finanzen ist eine Verlagsbeilage der NZZ. Inhalt realisiert durch NZZ Content Creation. Verlagsbeilagen werden nicht von der Redaktion produziert, sondern von unserem Dienstleister für journalistisches Storytelling: NZZ Content Creation.»

    Content Creation, journalistisches Storytelling, irgendwo stand was von Sponsored Topic, Promoted Content, Native Advertising… mir wird schwindlig.

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