Frage in den Nebel

Über zwei Wochen seit dem Neustart des Nebi: Was ist genau neu?

Bei jedem Relaunch eines Mediums helfen zwei Faktoren. Interessanter Inhalt im Allgemeinen, ein Primeur oder zwei, damit man zitiert wird.

Natürlich auch der Lockstoff, mit dem Inhalt Unentschiedene zu überzeugen, ein Abo abzuschliessen, also Geld in die Hand zu nehmen. In diesem Punkt kennt der neue «Nebelspalter» nichts. Gratis ist nicht, alles, was mit Buchstaben zu tun hat, kostet, bevor man es lesen darf.

Interessanter Inhalt? Ich als Zahlungs-Leugner kann nur einen im wahrsten Sinne des Wortes oberflächlichen Eindruck wiedergeben. More of the same, würde der Ami sagen; Themen, Autoren, Inhalte: das hat alles so einen Geruch nach eingeschlafenen Füssen und und dem Gestus: Wir haben’s schon immer gesagt, deshalb sagen wir’s hier nochmal.

Neue Entwicklungen sollen doch nicht den Trott stören

Dafür sendet der «Nebelspalter» das Pausenzeichen, wenn es um den wohl grössten Schweizer Krisenfall dieses Jahres, wenn nicht dieses Jahrzehnts geht. Zwar darf der abgehalfterte Eric Sarasin, der noch so schön Akquise nach alter Herren Sitte machte, über «Vom Vehikel zum Megatrend Elektroauto» labern, was einen Newsgehalt nahe beim absoluten Nullpunkt hat.

Aber nachdem Sarasin auch dem deutschen Milliardär Carsten Maschmeyer Cum-Ex-Gebastel angedreht hatte, was der gar nicht komisch fand, hat Sarasin genügend Zeit für Musse und Besinnung.

Was kümmert uns die Credit Suisse?

Man fragt sich allerdings: Und die Credit Suisse? War da nicht was? Gibt’s da nicht ein, zwei kleine Probleme? Oder sogar grosse Probleme? Möglicherweise existenzbedrohende Probleme? Bei einer der beiden übrig gebliebenen Schweizer Grossbanken? Die in den letzten zehn Jahren nach der Finanzkrise eins weiter zu Schanden geritten wurde? Von weissen Westen und schwarzen Hoffnungen? Die den Aktionär mit einem Wertzerfall von 70 Prozent erfreute?

Aber was ist das schon gegen «Die Gurke der Woche»? Oder «Schuh kompliziert»? Oder die gähnlangweilige Abrechnung mit Christian Levrat, der selbstverständlich nicht wegen seinen unternehmerischen Fähigkeiten zu seinem Ruhepöstchen kam? Ex-Banquier Konrad Hummler weist auf eine «gefährliche Kurspflege» der US-Notenbank hin. Aber dass der Aktienkurs der CS mal wieder einstellig geworden ist, das ist kein Thema?

Der umständlich verzettelte Aufbau der Webseite erleichtert es dem Lesewilligen auch nicht gerade; kommt halt davon, wenn der eigene Geschäftsführer auch noch CEO und Gründer der Bude ist, die das Content Management System für den «Nebelspalter» entwickelte. Der findet überraschenderweise sein Produkt ziemlich toll und weigert sich im Übrigen, auf Fragen zu antworten. Weil Hochmut bekanntlich vor dem Fall kommt.

Gab’s denn noch keinen Brüller vom neuen «Nebelspalter»?

Also hat der Nebi bislang keinen einzigen Brüller produziert, einen richtigen Hammer, etwas, das die anderen Medien aufnehmen mussten, das für Aufmerksamkeit sorgte? Jein, muss man da sagen.

Der Ansatz war da: «Breaking News» lärmte der NL am Donnerstag. War zwar nicht ganz der richtige Begriff, aber so in der Eile … Die News war: «Toni Brunner will ins Parlament zurück.» Die Spekulation: «Bundesratsambitionen»? Brunner als Brückenbauer und SVP-Retter und Garant für eine bürgerliche Corona-Bekämpfung, das wär’s.

Hat er Grund zum Grinsen? Toni Brunner.

Aber wieso sollte er das ausgerechnet dem «Nebelspalter» verraten? Einschaltquote kaum messbar, also eine schlechtere Plattform hätte er sich nicht aussuchen können. Dafür wäre ihm nicht nur die WeWo, sondern natürlich auch die NZZ offen gestanden. Oder wollte der Nebi damit klarstellen, dass er die Nachfolgelösung für Christoph Blocher hat, und die heisst nicht Roger K.? Und auch nicht Magdalena M.?

Aber gut, vielleicht war Brunner ja dem Witz und Charme des Chefredaktors Markus Somm erlegen. Immerhin, das wäre tatsächlich mal ein Knaller gewesen. Solange, bis die von vielen schon erwartete Auflösung im zweiten NL des Tages kam: «April, April.» Danach wird es wieder etwas holprig, wenn der Nebi versucht, witzig zu sein.

Er verkündet seinen Lesern, dass der Donnerstag der 1. April sei, was denen ja auch mal gesagt werden musste. Um fortzufahren:

«Toni Brunner, der Charismatiker aus dem Toggenburg, wird nicht in die Politik zurückkehren, wie er uns in einem exklusiven Interview im Nebelspalter versprochen hat. For the record: Er hat das Interview vergangene Nacht um 2 Uhr 03 autorisiert, nachdem wir uns diesen Aprilscherz einige Stunden zuvor ausgedacht hatten. Er war bei Verstand, ich auch.»

Ach ja? Zu dieser nachtschlafenden Zeit entsteht noch schnell ein Aprilscherz beim «Nebelspalter»? Weil der 1. April einen zwar jedes Jahr, aber immer wieder so unerwartet anspringt? Ui, ui. Also weiter nach der Devise: Scherz lass nach.

1939: Das waren noch ganz andere Zeiten – und ein anderer «Nebelspalter».

2 KOMMENTARE
  1. Alois Fischer
    Alois Fischer says:

    Habe dem Nebi Zeit eingeräumt (bezahlte Zeit!), mich zu überzeugen. Ziehe in etwa die selbe Bilanz wie Herr Zeyer. Für mich nicht Grund genug, das Abo weiter zu führen.
    Die Artikel waren sehr gut lesbar und in etwa dieselbe Qualität die die Mannschaft (mit ein paar Frauen garniert), schon bei der BAZ präsentiert hat. Soweit weiterhin ein Sympathiebonus von mir.
    Was aber ein grosser Flop war, ist die Strategie, sich ins gemachte Nest (ungemacht, ziemlich langweilig und viel zu lange ohne echten Relaunch) setzen zu wollen. Es zeigt sich, dass sich da nichts Neues bewegen kann.
    Die Zeiten haben sich zu stark geändert und der Feind hockt eben nicht mehr im Osten – auch nicht ganz weit im Osten. Wo bleibt die Innovation? Wo die Neuschöpfung, die überrascht?
    Kindergeburtstag mit Möchtegernopa Somm und Nesthäkchen Laura unter Friendly Fire? Schuss ins Knie und den Fuss getroffen. Leider.
    Der absolute Nonsens und die Gurke der 2 Wochen war und bleibt wohl die chaotische, holprig funktionierende Webpräsenz. Ein Lehrbeispiel wie aus einem Bundesamt!
    Das Gegenteil von Intuitiv und Innovation – und das braucht ein Medium für geübte Leser, die genau das wollen und dank langer Übung auch können. Aber wild im wundertütenhaften Heuhaufen stumpfe Nadeln finden, ohne sie zu suchen, endet eben im Frust und im langsamen Dahinsiechen des Mediums.
    Schade Herr Somm, aber noch übler für mich. Ich hatte mir eine weitere Ergänzung des interessanten Informationsangebots jenseits des Mainstreams und angeregte Diskussionen statt Geschwätz gewünscht.
    Es war nicht einmal das Weisse vom Ei und leider auch kein Appetitanreger für mehr davon.

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  2. .Victor Brunner
    .Victor Brunner says:

    Früher gab es die Tätigkeit des Marktschreiers. Dessen Aufgabe war es auf den Märkten Erzeugnisse mit starker und lauter Stimme zu bewerben. Meistens waren es gute und notwendige Produkte.

    Somm ist auch Marktschreier für seinen Nebelspalter, dessen Redaktionsangehörige Garant für Bewährtes und Langweiliges sind und eher an Gut Aiderbichl denn auf Aufbruch erinnern wie Somm versprochen hat. Aber wenn Berufszyniker meinen sie können Politik und Satire muss es in die Hosen gehen. Gut hat Somm noch seine Überlebenskolumnne in der SoZ, die ihm wöchentlich und sicher etwas Aufmerksamkeit generiert.

    Somm macht auch Marketing, in seinem «Breaking News» zum Aprilscherz macht er als Danke noch etwas unbeholfene Werbung»: »
    «Angesichts der Tatsache, dass seine Beiz im «Haus der Freiheit» ein Ort ist, den ich nur weiterempfehlen kann, weil alles stimmt: Küche, Aussicht, Geselligkeit…». Diese Aussagen sind für einmal richtig. Leider war bei meinem Besuch 2019 Toni nicht anwesend und Esther eher kurz angebunden. Aber Küche, Aussicht etc., korrekt!

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