Tamedia hat Krise

Mitgefühl ist eine schöne menschliche Eigenschaft. Ergiessen wir es über Machomedia.

Dumm gelaufen, anders kann man das kaum bezeichnen. Höchstens als: when the shit hits the fan. Das ist ein so wunderbares wie schicklich nicht zu übersetzendes Sprachbild in den USA. Trifft voll ins, na ja, Braune bei Tamedia.

Da war die ganze Rumpfzentralredaktion mitsamt stellvertretenden Zweit-Co-Chefredaktoren so schön feministisch unterwegs. Nein zur Burka-Initiative. Falscher Absender, und überhaupt, wollen wir Frauen verbieten, wie sie sich anziehen wollen? Freiwilligkeit durch Zwang ersetzen? Niemals. Ach, die grosse alte Dame des Feminismus ist dafür? Na, da kann Alice Schwarzer ja noch einiges von den Tagi-Zwergen lernen.

Leider ging dann die Abstimmung verloren, so uneinsichtig ist der Stimmbürger, der dumpfe Macho. Schön, dass wenigstens bei Tamedia geschützte Werkstatt herrscht. Meldestellen für jede Form von Übergriffen, Belästigungen, Mobbing. Ein männlicher Vorgesetzter, der zur schwangeren Untergebenen sagt: «Unter Mühen sollst du Kinder gebären», kann sich nicht hinter dem Bibel-Zitat verstecken und steht schon vor einer Abmahnung.

Schon vor Jahren wurde das Problem erkannt

Nicht zu vergessen das übliche Blabla beim Thema Corporate Responsibility. Vor fast zwei Jahren veröffentlichte Tamedia die Ergebnisse einer erschreckenden Umfrage. Fassungslos kommentierte Simone Rau: «In einer Onlineumfrage des Recherchedesks und des Datenteams von Tamedia berichten 244 weibliche und 34 männliche Medienschaffende, dass sie sexuelle Übergriffe und Belästigungen bei der Arbeit erlebt haben. Das sind 53 Prozent der Frauen und 11 Prozent der Männer, die teilgenommen haben.»

Titel des Kommentars:

«Was sexuelle Belästigung ist, sagen die Betroffenen.»

Hier ist auf engstem Raum das ganze Elend dieser Position enthalten. Tamedia hat rund 1800 Mitarbeiter. 244 der weiblichen Teilnehmer wollen Belästigungen am Arbeitsplatz erlebt haben. Geschützt durch Anonymität.

Unterstützt von der absurden Behauptung, dass angeblich Betroffene die Meinungshoheit haben, was Belästigung sei und was nicht. Der Täter kann so weder seine Unschuld beweisen, noch überhaupt mitreden. Schuldig durch Anschuldigung, seit den Zeiten der Inquisition gab es einen solchen Unsinn nicht mehr.

Belästigung oder Lebensrettung? Der Betroffene (liegend) entscheidet.

Aber leider scheint sich in dieser Zeit nicht viel geändert zu haben. Denn Simone Rau gehört zu den 78 Erst-Unterzeichnern eines Protestschreibens voller ausschliesslich anonymer Klagen über Belästigungen ausschliesslich von Frauen. An die Öffentlichkeit ausgerechnet von Jolanda Spiess-Hegglin gebracht, ohne dass alle Unterzeichner damit einverstanden waren.

Männer werden wohl nicht mehr belästigt

Aber immerhin: damals beklagten sich noch 34 Männer über Belästigungen, diese Unart scheinen die Tamedia-Frauen (und -männer) abgelegt zu haben. Merkwürdigerweise konnten aber die betriebsinternen Meldestellen im Jahr 2020 keine einzige Beschwerde über Belästigung am Arbeitsplatz verzeichnen. Keine. Null. Nada. Aber vielleicht fanden ja alle anonymen Beispiele vor Ende 2019 statt.

Soweit, so Sündenpfuhl. Wie reagierte nun die Führungsspitze von Tamedia? Wie es sich für wohlbezahlte und kompetente Manager gehört? Wie es sich für erfahrene Journalisten in der Chefredaktion gehört? Was hätte sich denn gehört? Kostenloser Ratschlag Nummer eins:

  1. Wir haben von den Anschuldigungen Kenntnis genommen.

  2. Wir bedauern, dass der Weg in die Öffentlichkeit gesucht wurde, statt die dafür vorgesehenen internen Meldestellen zu benützen.

  3. Wir nehmen die Vorwürfe ernst und werden sie sorgfältig prüfen. Vor dem Ergebnis werden wir keine Stellungnahme abgeben.

Auch eiserne Regeln von Tamedia sind dazu da, um sie zu brechen …

So hätte es sein sollen, wenn führende Manager und natürlich Chefredaktoren nicht völlig beratungsresistent wären und alles selber besserwissen. Wollen. Also konstatierte der Oberchefredaktor verschreckt «ein Problem», als sei das neu für ihn. Dann machte er sich ohne Not lächerlich, indem er sich präventiv für angeblich unakzeptable Verhaltensweisen entschuldigte. Ohne den Hauch eines Belegs in der Hand zu haben.

Mit einer solchen Einstellung würde der Oberchefredaktor jeden hoffnungsvollen Anfänger hochkant aus der Probezeit feuern; begleitet von ein paar unfreundlichen Bemerkungen über völlige Inkompetenz. Das kann aber Arthur Rutishauser nicht passieren, weil auch der oberste Boss von Tamedia Pietro Supino in Betroffenheitsgesülze ausbrach, liebedienerisch anmerkte, dass auch er diese Vorwürfe sehr ernst nehme.

Da hilft nur eins …

Kostenloser Ratschlag Nummer zwei:

Das war kreuzfalsch, bescheuert. Hinter die Nummer kommt nun die Führungscrew schwer wieder zurück. Da hilft nur eins. Das gleiche Prinzip, wie wenn der Gast bemerkt, dass er sich beim Löffeln der Tomatensuppe Krawatte und Hemd bekleckert hat. Einfach so tun, als wär’ nichts und weitermachen.

Aber damit noch nicht genug des Elends. Eine Mitunterzeichnerin des Protestschreibens wird damit beauftragt, die Substanz der Vorwürfe zu überprüfen. Das ist ungefähr so, wie wenn man Donald Trump die Überprüfung der Vorwürfe gegen ihn überlassen würde. Nur umgekehrt. Denn entweder ist Claudia Blumer ein U-Boot der Verlagsleitung in der Frauengruppe, oder aber sie ist völlig ungeeignet, diese Untersuchung durchzuführen.

Ratschlag Nummer drei:

Das macht man so, wie’s jeder macht, der ernst genommen werden will. Das macht man so wie der Kita-Betreiber Globe Garden, der von der «Republik» mit anonymen Verleumdungen eingedeckt worden war. Das macht man so wie die «Bild»-Zeitung, deren Chefredaktor mit weiblichen Vorwürfen konfrontiert wurde. Man beauftragt eine externe Untersuchung einer renommierten Firma, deren Reputation über jeden Zweifel erhaben ist.

Die Herausforderung für Tamedia: wie weiter?

Wie soll’s nun weitergehen? Sozusagen als verdächtige Umstände ist zu konstatieren: weder bei CH Media, noch bei Ringier, auch nicht bei der NZZ und noch nicht einmal bei der «Weltwoche» gab es ähnliche Protestbewegungen. Auch nicht beim Schweizer Farbfernsehen. Daraus sind ja nur zwei Schlussfolgerungen möglich. Entweder ist Tamedia der Sündenpfuhl, die Hölle auf Erden für weibliche Mitarbeiter, als Alleinstellungsmerkmal laufen nur dort männliche Neandertaler rum, keulenschwingend und immer für einen Übergriff zu haben.

Oder aber, das «strukturelle Problem», das die 72 Erstunterzeichner sehen wollen, existiert nur in ihrer Einbildung. Dient den Initiantinnen nur dazu, sich Kündigungsschutz zu verschaffen, weil sie journalistisch keine Bäume ausreissen. Dafür spricht auch, dass der Brief als interne Beschwerde angepriesen wurde, um dann kaltlächelnd an die Öffentlichkeit durchgereicht zu werden.

Letzter kostenlose Ratschlag:

Will die Führungscrew von Tamedia nicht völlig die Kontrolle über Teile der Belegschaft und das Arbeitsklima verlieren, muss sie sich zu mannhaften Entscheidungen aufraffen. Die Initiantinnen werden per sofort bis zum Ende der Untersuchung freigestellt. Sollte sich erweisen, dass die überwiegende Mehrheit der Vorwürfe nicht verifizierbar ist, erfunden wurde oder aus dem letzten Jahrtausend stammt, dann müssen sie fristlos entlassen werden. Üble Nachrede, Geschäftsschädigung, Verstoss gegen Treu und Glauben, kein Arbeitsgericht würde das bestreiten wollen.

Die übrigen Unterzeichner hätten als nächstes eine öffentliche Entschuldigung zu unterzeichnen, so kämen sie mit einer strengen Abmahnung davon. Wer das nicht tut, dem wird ordentlich gekündigt.

Wir sind gespannt. Aber ab hier wären Ratschläge kostenpflichtig.

11 KOMMENTARE
  1. Benno Derungs
    Benno Derungs says:

    «Frauen sind verwöhnt»

    Die mittlerweilen 85 Jahre alte Authorin Esther Vilar wird morgens in der Sonntags-Zeitung Klartext reden.

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  2. Sam Thaier
    Sam Thaier says:

    Die externe Untersuchungskommission wird mit grosser Wahrscheinlichkeit herausfinden, dass der Oberchefredaktor seinen Laden überhaupt nicht im Griff hat. Zero Points Herr Rutishauser.

    Kann doch nicht sein, dass eine kleine wild gewordene Frauentruppe, eine ganze Unternehmung in Geiselhaft nimmt. Ganz klar, müssen die Initiantinnen umgehend zur Rechenschaft gezogen werden. Die Geschäftsschädigung dieser naiven Frauen verlangt nach einer sehr harten Lösung.

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    • Hannes Ganz
      Hannes Ganz says:

      Vorteilhafterweise Untersuchungshaft für die mutmasslichen Unruhestifterinnen.

      Die Leistungsgesellschaft gilt natürlich auch für Frauen. Die extreme Launenhaftigkeit gewisser TA-Journalistinnen ist eine sehr teure Hypothek für diese TX Group. Millionenschaden für nichts.

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  3. Simon Ronner
    Simon Ronner says:

    In Ihrem Abschnitt «Letzter kostenlose Ratschlag» ist alles enthalten, was ein Unternehmen in solchen Fällen üblicherweise unternimmt. Doch auf Tamedia ist dies meines Erachtens nicht anwendbar.

    Denn der Brief der 78 fügt sich bloss ein in den seit Jahren zu beobachtenden Trend bei Tamedia: Die Transformation in ein Medium mit dezidiert links-feministischer Agenda. Diese Kreise sind personell zu einer relevanten Grösse im Haus (in der Medienszene allgemein) angewachsen. Diese Aktivisten wollten schon immer die ungeteilte Macht, Kompromisse werden sie niemals akzeptieren. Nun verlieren sie eben die Geduld und werden immer frecher, rotziger, arroganter. Und, wie Figura zeigt, perfider.

    Auf den beschriebenen, sehr schwer vorstellbaren Befreiungsschlag müsste also zusätzlich eine radikale Kursänderung erfolgen. Doch es wird nicht gelingen, den Geist wieder in die Flasche zurückzuführen, Kontrolle über die tobende Meute zu erlangen. Dafür ist die Unterstützung aus der Bubble (intern wie extern) zu gross, die damit permanent drohenden Sanktionsmöglichkeiten sind zu abschreckend.

    Antworten
    • Gerold Ott
      Gerold Ott says:

      Genau. Schon lange hätte die Formel lauten sollen: «Bis hierhin – und nicht weiter». Dank Hinweis von ZACKBUM, will die Tamedia nun schlussendlich ein externes Gremium mit der Untersuchung beauftragen.

      Kick the can down the road………on….. and…… on…….

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    • .Victor Brunner
      .Victor Brunner says:

      Voraussetzung wäre ein VRP, ein VR, eine GL und eine Chefredaktion mit Profil! Leider alles Hasenfüsse denen unbelegte Anschuldigungen genügen um zu kriechen. Ich wette dass die Untersuchung durch Externe wenig wirklich Relevantes bringen wird.

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    • Mathias Wyss
      Mathias Wyss says:

      Richtig, ein Kurswechsel kann nicht im Interesse dieses Blatts sein. Sein Zielpublikum ist urban, selbsternannt progressiv, kurz: links-grün. Es will seine Weltsicht im Tagi gespiegelt sehen und erwartet politische Propaganda, sonst ist es vorbei mit der Zuneigung. Siehe BaZ nach der Übernahme durch Blocher/Somm.

      Nichtlinke/-grüne Leser sind längst weg, entsprechend ist die Auflage gesunken, und zwar massiv. Sie lag mal bei 260’000. Einen weiteren Schwund kann man sich nicht mehr leisten.

      Antworten
  4. .Victor Brunner
    .Victor Brunner says:

    Tamedia ist schon viel weiter. Intern wurde ein Projekt, 40 % Anteil Frauen, unter dem Titel: «Wir sind lieb* zueinander, wir schreiben zusammen!» augegleist.

    Da gibt es online schon mal 2 Artikel zu lesen:
    https://www.tagesanzeiger.ch/viola-amherd-und-andere-verpasste-merkel-momente-

    Michael Marti, Susanne Kübler, Andreas Tobler, Guido Kalberer, Linus Schöpfer, Alexandra Kedves, Philippe Zweifel versuchen witzig zu sein und verlangen Entschuldigung. Nicht lesbar wann sich die Journalisten*Innnen (für Salome, ist sie noch bei TA oder schon gefeuert?), für ihren Schrott entschuldigen. Anteil Frauen beim Artikel: 28,57%, Ziel nicht erreicht!

    Unter dem Titel: Wieder mal ganz Gast sein
    machen Daniel Böniger, Christoph Ammann, Nina Kobelt, Denise Jeitziner, Andreas Tobler, Martin Fischer Werbung für Herbergen mit guter Küche, die Lieblingsadressen der Redaktion. Wahrscheinlich wurde beim Artikel der Hinweis SPONSORED vergessen. Aber immerhin schon ein Anteil Frauen von 33%.

    https://www.tagesanzeiger.ch/wieder-mal-ganz-gast-sein-147521396985

    Aber das Wichtigste ist heute in der Prinausgabe, Seite 5, ganz unten rechts, ganz klein zu lesen:
    Externe Firma soll Sexismus-Vorwurf untersuchen.
    Dass es dabei um Tamedia geht ist im Titel nicht ersichtlich. Aber immerhin, die LeserInnen werden schon mlinformiert, nachdem es schon zuvor in anderen Medien zu hören und lesen war!

    *lieb:im Sinn von christlich!

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    • Rolf Karrer
      Rolf Karrer says:

      Beschämend lückenhaft und bieder geschrieben, der versteckte Artikel auf Seite 5 des TA. Eine externe Untersuchung hat damals René Zeyer als Erster gefordert, in dieser üblen Saga. Dubios bleibt aber nach wie vor die Rolle der Claudia Blumer als «interne Ansprechperson».

      Antworten

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