Internationale! Solidarität!

Die gute Nachricht: Die Schweiz hat eine ganze Armee der Vernünftigen und Solidarischen. Die schlechte Nachricht: In der vordersten Reihe stehen Medienschaffende, denen man das nicht abnehmen mag.

Von Stefan Millius*

Wie geht man mit einer Kundgebung um, deren Botschaft man nicht gut findet? Am besten, indem man einfach nicht hingeht. Und vielleicht sogar noch sagt, wenn man gefragt wird, dass man die Botschaft des Anlasses nicht mitträgt. Aber muss man sich von einer Kundgebung, die behördlich bewilligt ist und nicht zum Griff zu den Waffen aufruft, aktiv distanzieren? Medienwirksam?

Bewegung gegen was?

Muss man unbedingt, finden rund 15’000 Menschen, die heute auf Twitter die Hashtags #NoLiestal oder #NoAltdorf gesetzt haben. Ach ja, und zum Teil auch noch #NoCovid, um sich von den Leuten zu unterscheiden, die total auf der Seite des Virus sind und ihm ein langes und erfolgreiches Leben wünschen. persoenlich.com hat über die Aktion berichtet.

Das sei eine «Gegenbewegung zu den Kundgebungen von Corona-Massnahmen-Kritikern», wie sie in Liestal zusammengekommen sind am Samstag, erfahren wir dort. Und diese Gegenbewegung spreche sich für «Solidarität und Vernunft» aus. Gegenüber wem oder was, wird nicht ausgedeutscht. Offenbar ist das in diesen Kreisen sowieso sofort klar.

Immer bei den «Guten»

Warum das ein Thema für ein Medienportal war? Weil sich auch viele Exponenten aus dieser Branche das Etikett der Vernunft auf die Stirn kleben wollten. Was niemanden verwundern sollte. Denn gerade die Vertreter der Zunft, die Objektivität predigt, empören sich immer besonders schnell. Oder, eleganter ausgedrückt, machen sich gern mit einer Sache gemein, die «vernünftig» ist. Oder «solidarisch».

Ganz schnell war «Republik»-Mann Daniel Binswanger. Man spürt die Aufregung förmlich, die ihn garantiert erfasst hat, als ihm klar wurde: Heute muss ich nur die Maske, die da ja sowieso irgendwo in der Jacke liegt, aufsetzen und ein Foto machen und bin dann einer von den Guten – schneller und leichter geht das selten. Auch Victor Giacobbo lässt eine solche Gelegenheit nie aus, wobei er mehr Arbeit damit hatte. Er stürzte sich für die Aufnahme zuerst noch in die Verkleidung als Abgefucked-Fredy, eine seiner Kunstfiguren. Warum genau? Vielleicht wollte er suggerieren, dass nicht einmal Randständige auch nur den Anflug von Verständnis haben für Coronamassnahmenkritiker. Harry Hasler wäre vermutlich auch gegangen.

Bürgerrechte? Nein!

Und dann natürlich Knackeboul, bei dem die meisten Leute Wikipedia benötigen, um herauszufinden, warum man den eigentlich kennen sollte. Er hat das Pech, dass er berufstechnisch zwischen zwei Welten gefallen ist. Den Alten sagt er irgendwie von irgendwo her etwas, sie wissen aber nicht mehr wieso, und wenn sie es herausfinden, wollen sie sich auch nicht wirklich antun, was er macht. Die Jungen nehmen ihn wahr als jemanden, der krampfhaft für sie da sein möchte, ohne zu wissen, was sie eigentlich gerne hätten. Der einzige Weg zurück in die Wahrnehmung der Öffentlichkeit ist das Gutmenschentum, das er bei jeder Möglichkeit zelebriert und das so vorhersehbar ist wie Osterhasen in den Läden ab Februar. Auch er hat sich heute eine Maske aufgesetzt und sagt, wie schlimm er das alles findet, was in Liestal geschehen ist: Da haben Leute ihre Bürgerrecht wahrgenommen, es ist wirklich zum Heulen.

Für Renato Kaiser, der auch nicht abseitsstehen wollte, weil er ja weiss, dass man mit Worten wie Vernunft und Solidarität die SRG als Auftragsgeberin bei Laune hält, sind Leute, denen die Massnahmen zu weit gehen, übrigens «Virenschleudern». Das wird auch bald bewiesen sein, denn nach Liestal dürften spätestens Ende Woche die Intensivstationen in der Schweiz total überfüllt sein. Waren sie ja bekanntlich bereits nach der frühen Kundgebung 2020 in Zürich.

Aber immerhin gut zu wissen, dass die Leute, die aufgrund der Sparmassnahmen bei den schwer gebeutelten Verlagen unter der Last der Arbeit ächzen, immer noch Zeit finden, um etwas auf eine Maske zu kritzeln.

* Stefan Millius ist Chefredaktor von «Die Ostschweiz» und Mitarbeiter des «Nebelspalter».

 

9 KOMMENTARE
  1. Adrian Venetz
    Adrian Venetz says:

    Schade, dass hier so oft auf den Mann bzw. die Frau gespielt wird. Bin ein grosser Verfechter von klaren Ansagen und Worten, auch von provokativen Thesen mit einer Prise Polemik. Aber dieses derbe Zusammenstauchen und Lächerlichmachen von Einzelpersonen (vor allem in den Kommentarspalten) muss doch wirklich nicht sein. Sich über Frisuren lustig machen? Das bringts doch nicht. Wär schade, wenn Zackbum zuletzt auch nur noch eine Bubble von wütenden Gleichgesinnten ist, wo alle einander applaudieren.

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    • Simon Ronner
      Simon Ronner says:

      Eigenartiger Kommentar. Auf solchen Plattformen sind die Artikel relevant, die Kommentare bloss Beigemüse. Ausserdem behändigen auch Sie sich in Ihrem Artikel «Traktat über den adäquaten Umgang mit Vogelscheisse» grosszügig der Fäkalsprache. Und derbes «Zusammenstauchen und Lächerlichmachen von Einzelpersonen»? Ihnen sind «Einzelpersonen» ja offenbar nicht genug:

      «Wer fleissig twittert, ist entweder strunzdumm oder weiss mit sich selbst nichts anzufangen.»

      Ich finde Ihren Artikel übrigens grundsätzlich gut und fände es toll, mehr von Ihnen hier zu lesen. Aber Ermahnungen über Stil, Eleganz und Salontauglichkeit werden üblicherweise von denjenigen initiiert, welche vom Kern unangenehmer Themen ablenken möchten.

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      • Adrian Venetz
        Adrian Venetz says:

        Danke. Ganz unrecht haben Sie nicht. Klar: Beim Twitter-Artikel bin ich mit dem Vorschlaghammer aufgefahren – polemisch und provokativ. Es handelt sich aber um ein Stilmittel der Übertreibung (zumal allen klar ist, dass es sehr wohl Leute gibt, die oft twittern und völlig in Ordnung sind). Was ich weniger mag: mit dem Vorschlaghammer öffentlich auf Einzelpersonen eindreschen. Für mich gehört sowas eher auf den Pausenplatz von Pubertierenden. Allzu oft werden gute und wichtige Argumente entkräftet, weil sie plump auf dem Buckel von persönlichen Animositäten und aufgrund reiner Antipathie ausgetragen werden. (Der Weltwoche-Artikel von Baur über Brotz ist übrigens eine Paradebeispiel dafür.) Aber letztlich ist das wohl Geschmackssache.

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  2. Tim Meier
    Tim Meier says:

    Mit krakeliger Handschrift irgendwelche oberschlauen «Weisheiten» auf einen Fresszettel pinseln, dann noch ein Selfie mit Maske, absenden und gebannt auf Reaktionen warten. Hauptsache, man ist «dabei».
    Die SP-Initiantin von #NoLieschtel schwafelt was von «braunem Gedankengut». Lokale SP-Protagonisten fällt nichts besseres ein als: «entschlossen gegen Antisemitismus! «. Plumper Versuch von Framing, mehr nicht.

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  3. Jürg Streuli
    Jürg Streuli says:

    Wenn ich den Namen von Daniel Binswanger höre, so wird mir schlecht. Er ist die schreiende Karikatur des geschniegelten Cüpli-Sozialisten und so schreibt er auch seit dem Tagi-Magazin. Aus solchen Typen besteht heute die linke Avantgarde. Das scheinheilige Gutmenschentum und der bedingungslose Opportunismus als Programm. Es ist zum Verzweifeln.

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  4. Martin Arnold
    Martin Arnold says:

    Genau so ist es.
    In dieser Corona-Krise haben diese „Satiriker“ ihr wahres Gesicht gezeigt. Jetzt wo sie Flagge zeigen müssten bleiben sie schön unter dem Radar, geben sich staatstragend und befürworten die noch nie dagewesenen Freiheitsbeschränkungen.
    Göbbels hätte seine helle Freude.
    Man möchte es eben nicht verscherzen mit den Medien. (zukünftige Aufträge).
    Auf den billigen Klamauk dieser Gilde kann ich in Zukunft verzichten.
    Einen SVP Polteri durch den Kakao zu ziehen ist völlig risikolos und einfach. Jetzt Flagge zeigen würde etwas Mut brauchen, denn es könnte zum eigenen Schaden sein.
    Man muss die Meinungen von Marco Rima oder Andreas Thiel nicht teilen.
    Aber für ihre aufrechte Haltung haben sie Respekt verdient.

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