Endlich: der Denunzier-Quickie!

Sie wollen Denunziant* werden, wissen aber nicht, wie? Hier wird Ihnen geholfen.

Wir nehmen gerne den etwas verqueren Namen einer neuen Plattform beim Wort: «sägsWiesisch». Beziehungsweise «#SägsWiesisch». Gerne: mieser wurde noch selten zur Denunziation aufgefordert.

Mit einer klaren Ansage:

«Hier sammeln wir Medienartikel, die unsensibel über Gewalt, Sexismus, Rassismus, Trans- und Homophobie berichten oder diese reproduzieren.»

Reproduzieren? Soll das heissen, «unsensible» Medienartikel wiederholen Gewalt, Sexismus und so weiter? Und wer ist «wir»? Wie es sich fürs Denunziantentum gehört: «wir» bleibt anonym. Impressum, Datenschutzhinweise, eine rechtsgültige Adresse? Ach was, das sind zwar obligatorische, aber vernachlässigbare Kleinigkeiten beim bösen Kampf ums Gute.

Die üblichen Verdächtigen sind Partner

Immerhin, die «Partner» outen sich. Überraschungsfrei sind das «Netzcourage» von Jolanda Spiess-Hegglin, «Fairmedia» von Beat Jans, Guy Krneta und Co., sowie «Campax» von Andreas Freimüller & Co. Nun widmen sich bereits «Netzcourage» und «Fairmedia» dem Thema, echte und vermeintliche gewaltverherrlichende, sexistische oder rassistische Flecken im Internet aufzuspüren.

Wieso dann noch eine neue Plattform dafür? Ganz einfach, hier gilt: denunzieren – leicht gemacht. Wie das geht, zeigen erst mal drei von anonymen Denunzianten ausgewählte Beispiele. Aus «Blick», «Thurgauer Zeitung» und, schluck, auch der NZZ:

Brutale Vorgabe für Attacken der anonymen Denunzianten.

Alles da, was es für Sektierer braucht. Erregte Sprache, inquisitorischer Ansatz «solch kolonialistische und rassistische Sprache tolerieren wir nicht mehr!» Für Nicht-Sektierer: Anonymus erregt sich über die Verwendung des Wortes «indianisch». Das ist ungefähr die Liga, die Verwendung des Begriffs «Zigeunerschnitzel» unter Quarantäne zu stellen, wie das die rundum von Belästigungen umstellte Aleksandra Hiltmann schon tat.

Schnell denunziert: zwei Klicks reichen

Falls der Hobby-Denunziant diese Meinung teilt, was kann er tun? Ganz einfach, er ist von der Denunziation nur zwei Klicks entfernt. Entweder kann er seiner Empörung per E-Mail Ausdruck verleihen. Oder per Twitter. Auch für Denk- und Schreibschwache bestens geeignet: der Protest-Text ist bereits vorformuliert.

Hat man aufs Angebot geklickt und kehrt zur Seite zurück, wird man gelobt und gefragt, ob man’s nochmal tun wolle. Oder lieber ein eigenes Fundstück einreichen. Auch hier hält sich der Aufwand in Grenzen; einmal klick, und im E-Mail-Programm erscheint dieser vorformulierte Text:

«Hallo

Ich habe eine problematische Berichterstattung über Gewalt, Sexismus, Rassismus, Trans- oder Homophobie entdeckt:

[Name der Zeitung/Webseite]

Der Link: [Bitte Link einfügen]

Herzlichen Dank und freundliche Grüsse»

An «action@» voradressiert. Zwei Platzhalter ausfüllen, abschicken, fertig. Darauf haben wir gewartet. Endlich kann jeder Halbanalphabet, jeder Fanatiker, jede Schneeflocke angeblich Volkes Stimme erschallen lassen und pfannenfertig vorformuliert alle beliebige Medien in den Senkel stellen.

Oder es zumindest versuchen. Der Denunzianten-Quickie. Fixfertig anonym angeliefert, anonym weiterzuleiten (vorausgesetzt, der Denunziant ist in der Lage, sich eine fiktive Hotmail-Adresse zuzulegen). Das ist wirklich ein Fortschritt in Richtung eines humaneren, brüderlichen (auch schwesterlichen) Umgangs der Menschen.

Königlicher Ratschlag: Rübe runter!

Immanuel Kant (Liebhaber dieser Denunzier-Plattform: einfach googeln und dann nicht aufgeben) hätte seine helle Freude daran. Ein Versuch, eine Anstalt zur Beförderung der Moralität zu errichten. Nun wird alles gut. Ich gestehe, ich fühlte mich versucht, diese Plattform bei sich selbst zu denunzieren, aber ich befürchte, zu so viel Einsicht und Selbstironie sind die anonymen Macher nicht fähig.

Daher eine öffentliche Frage: seid Ihr eigentlich völlig schamfrei, ohne jeglichen Anstand, als bewusste Helfershelfer für eine der übelsten Angewohnheiten: anonyme Denunziation?

U.A.w.g., aber nicht erwartet.

 

*Oben haben zwei grosse Künstler zusammengearbeitet. Der Merkspruch ist von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, die Zeichnung von Andreas Paul Weber, der allerdings zwischen Nationabolschewismus, Antisemitismus und Antifaschismus herumeierte. Weber erhielt vom deutschen SPD-Bundespräsidenten Gustav Heinemann das Grosse Bundesverdienstkreuz. Wem das alles als Hobby-Denunziant zu kompliziert ist: kein Problem, hindert nicht am Denunzieren.

 

 

7 KOMMENTARE
  1. Hans von Atzigen
    Hans von Atzigen says:

    Ausuferndes Denunziantentum ist eine Diktaturen Begleiterscheinung.
    Die aktuellen Sondervollmachten des Bundesrates sind rechtlich abgesegnet.
    In der Praxis haben die zumindest eine Diktatorische Ausstrahlung
    die schnell Hintergrund—Einflussgeile und Hofschranzen aufs Parket spült.
    Das BAG zusammen mit den Epidemiologen erzeugen keine rechtliche
    jedoch eine psychologische klassische „Macht—Hofkultur” und entsprechende Auswüchse.
    Explizit der Blick und weitere sind ein Treiber des Denunziantentums
    und fungieren als eine ,,Abart- IM» bekannt aus der verflossenen DDR.
    Eine fragwürdige Entwicklung die auf einem entsprechenden Nährboden
    schnell entgleisen könnte, in letzter Konsequenz kann das im
    erzwungenen Denunziantentum ausarten und das Zusammenleben vergiften.
    Die krassesten Beispiele finden sich in der Zeit des Hexenwahns sowie in der Neuzeit im Realsozialismus und im Nationalsozialismus.

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  2. Jürg Streuli
    Jürg Streuli says:

    Das „System“ gleicht dem „Netz Pigcock“ aus Zug Oberwil. Die geistige Urheberschaft dürfte weitgehend identisch sein.

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    • Laura Pitini
      Laura Pitini says:

      Die Penispolizei ist alarmiert.

      Fast jede zweite Frau in der Schweiz habe schon Bilder von männlichen Geschlechtsteilen zugeschickt erhalten, ohne dass sie danach gefragt hätte, teilte der Verein gestern mit. Wer ungefragt Penisbilder verschicke, erfülle den Pornografie-Tatbestand (aus dem heutigen Tagesanzeiger).

      http://www.netzpigcock.ch

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      • Simon Ronner
        Simon Ronner says:

        In gewissen Kulturkreisen gilt das Verschicken von Penisbildern als Teil des spielerischen, aktiven Flirtens: «Ich zeig Dir meins, zeigst du mir Deins?» Es kann natürlich auch seriöser gemeint sein, also quasi eine Art Heiratsantrag.

        Das ist ja das Schönste an der sog. offenen Schweiz: Diese kulturelle Bereicherung.

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  3. .Victor Brunner
    .Victor Brunner says:

    «Netzcourage», «Fairmedia», auf Stufe «Nau» und «BLICK», sagt doch schon einiges über das Niveau aus und was zu erwarten ist. JSH hat es vorgemacht, Brief der TA Frauen unreflektiert publik gemacht. «Frauensolidarität» und Abbau der persönlichen Frustration wichtiger als Nachfragen und prüfen. Was der Sache dienen soll wird durch wenige Hyperventilierende zur Peinlichkeit. Wie heisst es so schön «Das grösste Schwein im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant / die Denunziantin».

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  4. Rolf Karrer
    Rolf Karrer says:

    «Räuber und Poli» im 21. Jahrhundert via Internet. Vorteil: Eine athletische Ertüchtigung ist nicht mehr nötig, weil man in den Pantoffeln und wenigen Mausklicks, die Welt in Unruhe, Angst und Schrecken versetzen kann.

    Shitstormismus, macht jede Halbschlaue zu einer wertvollen Königin.

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