Eine Story und ihre Geschichte

Beginn einer neuen Rubrik. Hier werden Artikel obduziert, um ihre Todesursache zu finden. Heute die «SonntagsZeitung».

Beginnen wir die Leichenfledderei mit einem unserer Lieblingsorgane. Dort von einem unserer Lieblingsautoren geschrieben. Immerhin der Wirtschaftschef und somit Publizist in einer Latte von Kopfblättern, meldet sich am Sonntag zu Wort: «Schweiz verliert durch Steuerflucht 5,7 Milliarden pro Jahr».

Damit betritt Peter Burkhardt natürlich Neuland; die Schweiz ist also nicht mehr eine Steueroase, wo viele Reiche ihr Geld in Sicherheit bringen, statt ihren sozialen Verpflichtungen an ihrem Steuersitz nachzugehen? Erschütternd.

Rund 75’000 zusätzliche Krankenpfleger könnte sich die Schweiz von diesem Geld leisten, was ja auch dringend nötig wäre, um die Folgen einer völlig verfehlten Personalpolitik zu korrigieren.

Hat Burkhardt irgendwas selbst gemacht?

Ist denn Burkhardt aufgrund seiner tiefschürfenden Recherchen auf diese Zahlen gestossen? Aber nein, dazu hat heute ein Wirtschaftschef doch keine Zeit mehr. Er muss seine kleiner und kleiner werdende Work Force verteilen, sonstigen administrativen Kram erledigen und immer wieder Optimismus ausstrahlen, dass auch mit weniger Resourcen in jeder Form immer bessere Ergebnisse erzielt werden könnten, der Leser überhaupt nicht merke, wie man auf dem Zahnfleisch geht.

Daher hat er die Zahl der 75’000 Pflegekräfte wie auch die 5,7 Milliarden – wie man weiter unten erfährt, handelt es sich um Dollar – vom Tax Justice Network (TJN). Das hört sich zunächst mal ziemlich amtlich an; Netzwerk für Steuergerechtigkeit. Welchem Regierungs- oder Uno-Departement ist das TJN angeschlossen?

Schön, aber wer kontrolliert die Kontrolleure?

Keinem. Es ist eine private Non-Profit-Organisation mit Hauptsitz in London. Rund 20 Nasen arbeiten hier und basteln Jahr für Jahr Berichte, «The State of Tax Justice». Ranglisten, Indizes wie der «Schattenfinanzindex» liefern zusätzliche Munition für alle Bekämpfer von Steuerhinterziehung oder Steuervermeidung.

Wie berechnet TJN diese exakten Zahlen?

Wie kommt TJN nun auf diese Zahl? Eigene, umfangreiche Recherchen? Nun ja, TJN stützt sich auf Zahlen der OECD. Das ist nun aber irgendwie amtlich? Aber nein, das ist einfach ein Zusammenschluss von 37 gewichtigen Ländern. China, Russland, Indien oder Brasilien sind zum Beispiel nicht Mitglied in diesem exklusiven Club, der in einem ausnehmend hübschen Schlösschen bei Paris residiert.

Hier lässt sich’s leben wie Gott in Frankreich.

Bei der OECD gibt es die Financial Action Task Force (FATF), die sogenannte Standards für die Bekämpfung von Geldwäsche oder Terrorismusfinanzierung setzt. Ist FATF wenigstens …? Aber nein, das ist eine Organisation, die von den G7 ins Leben gerufen wurde, was wiederum, aber das würde nun zu weit führen.

Also zurück zu TJN. Das Netzwerk stützt sich also auf Zahlen der OECD, die wiederum Kriterien benutzt, die von FATF gesetzt werden. Daraus ergibt sich, dass Unternehmen jährlich mit 881 Millionen Dollar die Flucht antreten, Private sogar mit 4,8 Milliarden.

Sind die Zahlen verlässlich und belastbar?

Damit entgingen der Schweiz 4 Prozent des jährlichen Steueraufkommens, Niederlande, Luxemburg und die USA seien die Profiteure. Auf der anderen Seite gewinne die Schweiz, immer aufgrund des TJN-Berichts, durch hierher Flüchtende zusätzlicher Steuereinnahmen von 12,85 Milliarden Dollar. Also unter dem Strich profitiere die Schweiz.

Sind die Fakten und Zahlen verlässlich, mit denen das errechnet wird? Wie soll das zum Beispiel bei privaten Steuervermeidern genau gehen? Unterscheidet das TJN zwischen völlig legaler Steueroptimierung und strafbarer Steuerhinterziehung? Mit solchen Kleinigkeiten kann sich doch ein Wirtschaftschef nicht aufhalten.

Er brauchte sowieso schon einige Zeit, um seinen Lesern diesen Bericht zu präsentieren. Denn der wurde im November 2020 publiziert. Aber am 14. März 2021 ist das sicher immer noch aktuell, denkt sich Burkhardt.

7 KOMMENTARE
  1. Tim Meier
    Tim Meier says:

    75’000 Pflegekräfte? Die würden dann zu 100% von Steuern finanziert oder wie ist diese doofe Milchbüechli-Rechnung zu verstehen? «Wirtschaftschef» einer geschlossenen Beiz? Das könnte dieses Stammtischgepolter erklären.

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  2. Rolf Karrer
    Rolf Karrer says:

    Nehme hier Peter Burkhardt etwas in Schutz. Der am 20. November 2020 erhobene Report ist nicht derart alt. Gewisse Studien in dieser Sorte werden bloss einmal jährlich nachgetragen.

    Auch der World corruption Index von transparency.org und der «Democracy Index» von «The Economist Intelligence Unit» wird jährlich einmal publiziert. Mehr kann man nicht erwarten.

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    • Marcella Kunz
      Marcella Kunz says:

      Der Fehler ist, dass solche Behauptungen und Zahlen völlig unkritisch übernommen und als unumstössliche Wahrheit verkündet werden. In der Gewissheit, dass das noch verbliebene Publikum, inkl. der linkspopulistischen Brachialpolitiker, dankbarer Abnehmer ist.

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      • Beat Reichen
        Beat Reichen says:

        Danke Marcella Kunz für diese Klarstellung. Dass die USA über diese politisch nicht legitimierten Organisationen die unversteuerten Gelder in ihre Steueroasen umleiten ist vielen klar. Dass dabei auch noch ein paar Brosamen für die Kleinen abfallen ist so. Nur die Schweizer Gutmenschen haben freiwillig ihre Vermögensverwaltung geopfert. Weil Widmer Schlumpf den Durchblick nicht hatte.

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      • Rolf Karrer
        Rolf Karrer says:

        Gebe ihnen teilweise recht. Generell ist Vorsicht angesagt. Kommt halt immer auch ein bisschen auf die Reputation dieser Quelle an.

        Ist ja heute auch leicht möglich, ein Gutachten zu kaufen, welches ins Weltbild des Auftraggebers passt.

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        • Gallus Schlegel
          Gallus Schlegel says:

          Genau. Wenn man wissen will, ob Fleisch gesund ist, kann man von swissveg oder vom Metzgermeisterverband eine «Studie» machen lassen.

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