Die dunklen Seiten des Protestbriefs

Viel Ungereimtes und Unerklärtes hinter der harschen Kritik an Tamacho.

Was wünscht man mehr? Hauptbeitrag in «10 vor 10» am Tag der Frau, allgemeine Betroffenheitsgeräusche in den Medien. Solidarität, auch von Männern, Bewunderung des Mutes, die Fassade glänzt.

Was wünscht man sich weniger? Recherchen zu den Hintergründen und Fragwürdigkeiten der ganzen Aktion. Denn da gibt es einiges, was den von Feminismus betrunkenen Investigativjournalisten entgeht, in ihrem Rausch, sich als harte Kämpfer gegen jede Form von Sexismus und Frauenunterdrückung zu outen.

Wie ist dieses Schreiben eigentlich an die Medien und danach an die Öffentlichkeit gelangt? Adressiert ist es an die Geschäftsleitung von Tamedia, es hat auch nicht die übliche und nötige Ansprechperson für Rückfragen, wie 78 Medienschaffende wohl wissen sollten.

Alle angefragt, keine Antworten gekriegt

Aber es hat diese 78 Unterzeichnenden, immerhin. Als wohl einzige Medium in der Schweiz hat ZACKBUM allen protestierenden Frauen Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben und gebeten, ein paar naheliegende Fragen zu beantworten.

Ebenfalls die rund 45 in den Tamedia-Impressen ausgewiesenen Frauen, die nicht unterzeichnet haben.

Das Ergebnis ist ernüchternd. Von den 78 Protestierenden sind 9 nicht unter @tamedia.ch zu erreichen. Bei Weiteren 4 antwortet eine Abwesenheitsmeldung, darunter Salome Müller, eine der beiden Urheberinnen. Sie gönnte sich noch einen Auftritt in «10 vor 10», um anschliessend bis am 23. März in die Ferien zu verschwinden. Man muss sich ja auch mal erholen.

Das gilt ähnlich für die Nicht-Unterzeichner, 8 sind nicht erreichbar, obwohl im Impressum aufgeführt, 4 ebenfalls abwesend. Das bedeutet also, dass immerhin 98 Mitarbeiterinnen in den Redaktionen eine journalistische Anfrage erhielten; mit Absender, mit Begründung, durchaus höflich formuliert.

Fast hundert Journalistinnen angefragt, keine sinnvolle Antwort gekriegt

Bis zur grosszügig gesetzten Deadline trafen insgsamt – 7 Reaktionen ein. Eine der angeschriebenen Redaktorinnen wollte noch ein Hühnchen mit mir rupfen, das gefühlt vor 37 Jahren bereits aus dem Leben schied, und daher habe sie keine Lust, mir zu antworten. Die übrigen kämpferisch gestimmten Damen kniffen ebenfalls den, Pardon, das geht nicht, wurden sehr, sehr schmallippig. Eine Anfrage, in der von ihnen geforderten höflichen und anständigen Form, lautet ohne Anrede oder Gruss: «Und wer sind Sie?»

Nachdem ich mit männlicher Engelsgeduld nochmal erklärte, dass ich wie geschrieben ein Journalist bin, im Namen von ZACKBUM unterwegs, und im Rahmen einer Recherche ein paar Fragen hätte. Darauf kam dann: «Zumindest ich für meinen Teil habe kein Interesse Ihre Fragen zu beantworten.» Da kann ich nicht mal einen nötigen Kommakurs anbieten.

Ein deutlicher Hinweis darauf, dass Frauen und Männer wirklich anders ticken, ist in dieser Antwort enthalten, nachdem grundsätzliche Bereitschaft bekundet wird, journalistische Fragen zu beantworten: «Bei etlichen Fragen könnte ich aber nur mutmassen – ich war nicht dabei, als sich die geschilderten Vorfälle ereignet haben.» Kopfkratz; die Fragen lauteten zum Beispiel, ob diese Unterzeichnerin etwas am Text abgeändert habe, wie viele der anonym geschilderten Vorfälle von ihr beigetragen wurden und ob die sehr düster geschilderten Zustände auch ihrem Erleben entsprechen würden.

Aber offenbar war die Dame ziemlich abwesend in jeder Beziehung. Grössere Höflichkeit wurde hier an den Tag gelegt: «Ich bitte Sie um Entschuldigung, aber ich werde nicht auf Ihre Fragen antworten, Es ist nicht der Sinn der Sache, dieses gemeinsame Schreiben nun zu individualisieren.» Plus noch ein «sage nix»

Eine einzige leuchtende Ausnahme

Leuchtende Ausnahme ist Michèle Binswanger, deshalb sei Ihre Stellungnahme vollständig zitiert:

«Sexismus und sexuelle Belästigung gibt es in jeder Branche, auch in der Medienbranche. Wenn solche Vorwürfe auftauchen, ist es richtig und wichtig, ihnen nachzugehen und sie mit journalistischen Mitteln aufzuarbeiten: Nämlich recherchieren, nachfragen, belegen. Auch die Behauptung, es gebe strukturellen Sexismus sollte auf der Basis belastbarer Daten getroffen werden. Was Tamedia und die im offenen Brief aufgelisteten Vorwürfe betrifft, verstehe ich mich als Teil dieses Teams und erachte es nicht als zielführend, diese Interna öffentlich zu diskutieren.»

Was zur einleitenden Frage zurückführt, wer es denn zielführend fand, dieses Schreiben über die Bande an die Medien und die Öffentlichkeit zu spielen. Da taucht wieder ein Name auf, der in eigener Sache und bei solchen Themen eigentlich immer auftaucht. Denn ins Netz gehängt hat diesen Brief – Jolanda Spiess-Hegglin.

 

Die sehr spannenden Hintergründe dazu in der Fortsetzung morgen.

 

 

 

9 KOMMENTARE
  1. Eveline Maier
    Eveline Maier says:

    Herr Supino möchte ich als Frau mitteilen: KOMPETENZ muss ganz klar vor Quote kommen. Gerade im Haifischbecken einer Tageszeitung braucht es sehr belastbare, auch krisenerprobte Journalistinnen und Journalisten. Es ist stossend, wenn überforderte Frauen aus falschem Verständnis ( und Quotengründen) verheizt werden. Gleichmacherei führt zu einer Spirale nach unten.

    Übrigens: Eine Arbeitsstelle im Journalismus kann auch in einer Regionalzeitung eine sinnvolle Tätigkeit sein.

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    • Sam Thaier
      Sam Thaier says:

      Sie erwähnen den Begriff «Haifischbecken», der vieles umschreibt. Auch beim Tagesanzeiger muss man sich aufdrängen und ständig beweisen.

      Ein Beispiel von gestern: Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch gab bekannt, das sie nochmals für ihr Amt kandidieren wird. Innert kürzester Zeit mussten zwei Journalisten kluge Interviewfragen bereitstellen für Frau Mauch.

      Sehe ich mir die beiden Rädelsführerinnen an, so bezweifle ich, dass sie auf dieser Klaviatur überhaupt mithalten könnten. Die Einte kam vom «bubble» der harmoniedurchtränkten Wohlfühloase «Annabelle» und die Andere scheint eher der Typus einer Literatin zu sein, die im stillen Kämmerlein ihren (alltags)philosophischen Observationen nachgeht. Die unbarmherzig forsche und schnelle Medienwelt ist leider bloss selten eine «gspürsch mi»- Kuschelecke.

      Als positives Beispiel möchte ich nun explizit die Isabel Strassheim erwähnen. Sie hat vorher fünf Jahre im Farmteam von «20 Minuten» im Wirtschaftsressort gearbeitet. Seit bald einmal zwei Jahren schreibt sie vielfältig beim Tagesanzeiger mit Schwerpunkt Wirtschaft. Ihr breiter Rucksack inklusive Arbeit im diplomatischen Dienst ist beeindruckend. Nehme sie übrigens explizit nicht als Frau wahr, sondern als ausgesprochen befähigte Fachperson.

      Apropos Farmteam: Ähnlich wie im Fussball, sollten sich Journalistinnen und Journalisten vorteilhafterweise in diesem Farmteam beweisen. Natürlich drängt sich bei Tamedia die Pendlerzeitung»20 Minuten» auf für diese Aufgabe.

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  2. Tim Meier
    Tim Meier says:

    Wie bei einem Schnitzelbank: die Pointe kommt am Schluss. Als Nicht-mehr-Pendler und demzufolge Nicht-mehr-20min-Überflieger habe ich die sporadischen «Schlagzeilen» über diese Protagonistin seit über 1 Jahr nicht vermisst. Ohne passendes Medium verschwinden solche Leute im Nirgendwo. Nun tauchen wie unvermittelt wieder auf.

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  3. Rolf Karrer
    Rolf Karrer says:

    Ist ja ziemlich klar, dass dieses Netzwerk (inklusive Jolanda Spiess-Hegglin), diese höchst diffuse Geschichte langfristig am Köcheln halten will. Diese Taktik wurde in den USA schon oftmals erfolgreich erprobt. Dazu gibt es dort fabrizierte Prozessklagen mit Millionenabfindungen. Spezialisierte Anwältinnen und Anwälte liefern die exakte Vorgehensweise.

    Die auserwählte Claudia Blumer soll nun ausfindig machen, weshalb die firmeninterne Stelle umgangen wurde. Bestimmt wird sie niemals schlüssige Antworten erhalten, weil man das Softie-Gespann Rutishauser/Supino vorführen will. Mit der Taktik von Verschwommenheit und Unbestimmtheit will man sich auf ein Déjà-vu in der Zukunft vorbereiten. Realistische Lösungsansätze darf es gefälligst keine geben, weil eine jährliche Fortsetzung dieses folkloristischen Rituals ist von der hard core-Truppe Ziel der Dinge. Subtile Sabotagemittel könnten gar der nächste Schritt der Zündstufe beinhalten.
    Die Betroffenheit von Rutishauser und das Gesäusel von Pietro Paolo Supino ist bloss gespielt. Erfahrene Leute in der Krisenkommunikation haben ihnen notfallmässig das Drehbuch dazu geliefert.

    Wegen ihrer schlechten Theatralik geben sie uns trotzdem verklausuliert selber zu verstehen, dass ziemlich vieles (zu) merkwürdig ist in diesem Aufstand von gerade mal 12% der weiblichen Belegschaft.

    Ja, es gäbe eigentlich enorm viel zu «eruieren» in diesem verlogenen Spiel………..

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    • Sam Thaier
      Sam Thaier says:

      Danke Rolf Karrer. Es ist das Prinzip des «gekochten Frosches». Man erhöht den Druck (beziehungsweise reduziert die Leistungen) immer nur so viel auf’s Mal, dass es keinen totalen Aufstand gibt. Nach einiger Zeit haben die Betroffenen (Tamedia) die Kröte geschluckt. Danach erfolgt der nächste Schritt und so weiter………..

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    • Gerold Ott
      Gerold Ott says:

      Morgens Sonntag um 11h kann man Claudia Blumer (Frauenbeauftragte Tamedia) in der Sendung «Doppelpunkt» in seinem Radio 1 begegnen. Roger Schawiski dürfte bestimmt klügere Fragen stellen als die Bigna Silberschmidt beim Farbfernsehen.

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  4. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Jolanda Spiess-Hegglin auch dabei, wer ihr wohl den Brief gesteckt hat? Egal, dank der Landammannfeier in Zug vom 20. Dezember 2014 hat sie «Ruhm» erlangt und ist heute Teil der Betroffenheits-Community und Beschäftigungsgarantin für Zuger Behörden!

    Dass keine der Frauen Fragen beantwortet hat erstaunt nicht, ist aber auch Armutszeugnis vor allem für Aleksandra Hiltmann (die sich für zustimmende Kommentare bei ihren Artikel artig bedankt, nicht zustimmende werden von der TA Zensur unterdrückt), und Salome Müller. Für Wellness-Interview bei SRF stehen sie selbstverständlich zur Verfügung, es werden ja keine kritischen Fragen gestellt. Obwohl nachfragen durchaus angebracht gewesen wäre. Ein Hinweis gibt Marco Boselli in Persönlich:
    «Boselli gibt zudem zu bedenken, dass die von Supino erwähnte firmeninterne Stelle, an die sich Mitarbeitende bei sexueller Belästigung oder Mobbing hinwenden können, von diesen 78 Frauen nicht genutzt worden war. «Warum das so ist, müssen wir nun eruieren».

    Eine entsprechende Stelle ist vorhanden und keine «betroffene» Frau hat sie genutzt? Bin kein Freund der TA Media Führung, sie ist mitverantwortlich für die Talfahrt von TA und SoZ, aber wenn Bosellis Aussage stimmt dann müssen die Unterzeichnerinnen sich überlegen ob sie weiterhin das Unternehmen gezielt schädigen wollen oder ob eine Kündigung nicht konsequenter wäre. Vielleicht können sie dann wieder in den News Sendungen von Wappler TV ihren Kummer ausschütten!

    Zeyer ist für seine Arbeit zu danken, nicht copy-paste-Journalismus, sondern investigative Arbeit!

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  5. Stefan Bertolin
    Stefan Bertolin says:

    Praktisch null Antwort der angeblich Betroffenen, wenn zur Sache nachgefragt und recherchiert wird. Sagt eigentlich schon alles. Danke Zackbum.

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  6. Eveline Maier
    Eveline Maier says:

    Wer eine freundlich Anfrage mit «Und wer sind Sie?» beantwortet, lässt in Stilfragen keine Frage offen. Bin erfreut, dass sich Michèle Binswanger (mit eigenem Gehirn) nicht instrumentieren lässt, von einer Agenda des Gruppendrucks.

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