Neues aus dem Nebel

Der neue «Nebelspalter» geht in den Countdown; der Newsletter erwacht zum Leben.

Eines ist sicher: Was immer auch die Online-Wiedergeburt des «Nebelspalter» sein wird, Häme und Kanonade aus allen Rohren ist ihr sicher. Das fing schon vor Geburt an; dass im Print-«Nebelspalter» eine Doppelseite mit gehörig-ungehörigen Karikaturen über den neuen Chefredaktor Markus Somm erschien, wurde nicht etwa als Beweis für Liberalität gewertet, sondern man entblödete sich nicht, zu schreiben: «Nebelspalter verspottet Somm».

Kaum je vor einem Relaunch, nicht einmal bei der «Weltwoche», war man sich allgemein so sicher: das wird grauenhaft. Das wird rechtspopulistisch. Das wird eine neue Hetzschrift aus dem ganz rechten Lager. Das dreht allen aufrechten Freunden des «Nebelspalter» den Magen um. Mehrfach.

Es geht nichts über das Hegen von Vorurteilen

Mit den gleichen Vorurteilen hatte Markus Somm auch während seiner gesamten Zeit als Chefredaktor der «Basler Zeitung» zu kämpfen. Ich gebe zu, ich bin da Partei, aber ich bin glücklicherweise nicht der Einzige: völliger Unsinn. Somm ist meinungsstark und im Zweifelsfall sicher eher Rechtsausleger. Aber niemals konnte sich jemand beschweren, von der Redaktion oder von aussen, dass er Zensur ausübe, unliebsame Meinungen unterdrücke.

All die besorgten BaZ-Redaktoren, die unter Absingen schmutziger Lieder von Bord und dann mit der «TagesWoche» untergingen, niemand konnte ein Beispiel erwähnen, wie Somm ihm eine Meinungsäusserung in der BaZ abgeklemmt hatte. Niemand. Ich auch nicht.

Also mangelnde Liberalität wird sicher nicht das Problem des neuen «Nebelspalter» sein. Ganz im Gegensatz zu den heulenden Mainstream-Medien; wo bei Tamedia, bei CH Media und auch bei der NZZ klare Grenzen existieren, was im Rahmen des Gesinnungsjournalismus erlaubt ist, was nicht. Selbst Redaktoren wie Kurt Pelda, der sich in diesem Thema etwas auskennt, ist dort untersagt, seine fundierte Meinung zur Verschleierung der Frauen im fundamentalistischen Islam zu sagen.

Wer also unkt und tobt, dass da ein rechtsgewickeltes, einseitiges Meinungsorgan geschaffen wird, sollte vielleicht mal zuerst vor seiner eigenen Türe kehren. Aber das gibt natürlich die verzweifelte Arroganz der um ihre Stelle fürchtenden Wendehalsjournalisten nicht her.

Was er wohl nicht ist, wissen wir. Was wird aber der neue Nebi?

Damit wäre mal klar definiert, was der «Nebelspalter» alles nicht ist. Weiterhin sehr im Nebel bleibt, was er denn sein soll. So etwas wie «Le canard enchaíné» oder «Private Eye»? Das kann nur behaupten, wer die beiden Magazine nicht kennt. 80 Prozent Politik und Wirtschaft, 20 Prozent Humor? Online? Geleitet von einem Chefredaktor und Initiator, der ungefähr gleichviel vom Internet wie von Humor versteht?

Offenbar ist ausreichend Geld zusammengetrommelt worden, aber schon die «Republik» hat bewiesen, wie schnell das auch wieder verröstet werden kann. Mit Konrad Hummler wurde sicherlich ein begabter VR-Präsident gefunden, aber ob er den Sack der Mitinvestoren wirklich gut hüten kann? Und ob seine Ansage, dass er selbst gerne noch ein paar Hühnchen publizistisch rupfen will, so furchtbar clever ist?

Wann erfahren wir etwas über das nicht ganz unwichtige Geschäftsmodell?

Und wie steht’s denn mit der Mannschaft, mit dem Businessmodell, der Finanzflussplanung, dem Return on Investment? In vier Jahren soll Break-even erreicht sein, sagte Hummler in einem Interview. Die vielleicht etwas wichtigere Frage: wie denn, die liess er aber unbeantwortet. Abo, Reichweite, Bezahlschranke, Inserate, Gönner-Abos, pay per click, pay per view, was soll’s denn sein? Wird man sich auch wie alle anderen von Google und Facebook & Co. die Butter vom Online-Werbebrot nehmen lassen? Man weiss nichts.

Nun hat Somm den guten alten Newsletter aktiviert, um etwas für Stimmung zu sorgen und den Countdown herunterzuzählen. Immerhin: Mit 2100 Anschlägen ist der erste NL schlank und rank, im Vergleich zum Sprachdurchfall, den die «Republik» seit Anfang serviert.

Nicht gerade atemberaubend: der erste NL des neuen «Nebelspalter».

Und was will uns der Chefredaktor sagen? Dass er nun so alle drei Tage über Inhalt, Mitarbeiter, Kolumnen, Aufbau usw. informieren will. Zudem für jede, aber wirklich jede Kritik, jeden Einwand, jede Anregung offen sei. Und gleich die ersten zwei Mitarbeiter vorstellt. Dominik Feusi, langjähriger Begleiter Somms bei der BaZ, der es dann erstaunlich lange bei Tamedia aushielt. Ebenso wie der einzig weitere bekannte Redaktor des «Online»-Nebi sozusagen die Hausmannschaft. Neu hingegen Gioia Porlezza als «Video Kolumnistin». Dazu kommt noch als Talkmaster Reto Brennwald.

Weiterhin bleiben mehr Fragen offen als Antworten geschlossen

Dann war der Disput zwischen ihm und Somm bei der letzten Ausgabe von «Sonntagszeitung Standpunkte» offensichtlich nur ein Stunt, um Aufmerksamkeit zu erzielen. Ob Tamedia allerdings liberal genug ist, an Brennwald festzuhalten, muss sehr bezweifelt werden.

Soweit die erste umfangreichere Wortmeldung. Sagen wir mal so: Es bleiben so viele Fragen offen, dass es auch einen täglichen Newsletter bis zum genauen Erscheinungstermin, der auch noch nicht enthüllt wurde, vertragen könnte.

8 KOMMENTARE
  1. Rolf Karrer
    Rolf Karrer says:

    Man glaubt es nicht, dem unerschrockenen, bestens informierten Kurt Pelda wurde eine Schere implantiert beim Tagesanzeiger.

    Kritische Medien: „Bleiben sie dran“

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    • Victor Brunner
      Victor Brunner says:

      Das ist doch TA. Das tragische, Pelda, ein hervorragender Journalist akzeptiert die Schere und riskiert damit seine Glaubwürdigkeit zugunsten seiner ökonomischen Sicherheit!

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      • Ray Sinniger
        Ray Sinniger says:

        Der Marktwert von Kurt Pelda müsste hoch sein. Solche Journalisten, die sich auch dreckig machen können, sind äusserst rar.

        Mir ist Kurt Pelda erstmals aufgefallen, als er vor 12 Jahren bei der NZZ unter dem Titel „Kasinokapitalismus statt Hammer und Sichel“ eine interessante Geschichte aus dem Norden von Laos brachte. Übrigens ist Pelda nicht bloss ein sehr guter Journalist, sondern auch ein hervorragender Fotograf.

        Jede Redaktion wäre froh, um eine solche Ausnahmeerscheinung mit Format.

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        • Beth Sager
          Beth Sager says:

          Leider bekam Kurt Pelda die Etikette „Kriegsreporter“ verpasst. Dies ist schade, weil er universell ein grosses Interesse zeigt, wo immer er sich befindet.

          Der promovierte Wirtschaftswissenschafter ist ein Generalist. Er müsste eigentlich jederzeit wieder bei der „Financial Times“ arbeiten können wie anno 2001. Mit seiner Erfahrung als Reporter in dreckigen Kriegen, wäre er auch im Wirtschaftsbereich wieder eine grosse Bereicherung. Krieg und Wirtschaft sind sich nicht unähnlich…….

          Der Tagesanzeiger ist vergeudete Zeit für diesen hungrigen Schaffer.

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    • Sam Thailer
      Sam Thailer says:

      Die Wankelmütigkeit, der Schlingerkurs und der Eiertanz beim Tagesanzeiger muss totalitäre Züge annehmen.

      Kurt Pelda, der hochverdiente Preisträger „Journalist des Jahres 2014“, soll sich Gedanken machen, dieser Konzerndoktrin zu entfliehen.

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      • Theo Locher
        Theo Locher says:

        Merke mir die Umschreibung „Eiertanz“. Passt ziemlich gut zum Tagesanzeiger, der absorbiert ist mit lachhaften Gendersternchen-Diskussionen.

        Jetzt hat man offenbar dem fähigen Kurt Pelda noch Handschellen angelegt.

        Frau Flagship Salome Müller und Co scheint sich auf geradem Kurs zu befinden.

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        • Esther Rothacher
          Esther Rothacher says:

          Der Duden definiert Eiertanz als umgangssprachlich für sehr vorsichtiges, gewundenes Verhalten, Taktieren in einer heiklen Situation.

          Heute würde man wohl stattdessen das Wort „opportunistisch“ gebrauchen.

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    • Eveline Maier
      Eveline Maier says:

      Mag sein, dass die Sicherheitskosten für Kurt Pelda bei der darbenden TX Group nicht mehr gestemmt werden können.

      Sparen ohne Ende……

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