Das Schauspiel ums Schauspielhaus

Der Zürcher Stadtrat ist sich sicher: eine «Totalsanierung» sei alternativlos. Das sieht die Schauspielhaus AG genauso.

In der Politik geistert seit einiger Zeit das Unwort «alternativlos» herum. Als Erstschlagwaffe, wenn keine grosse Lust besteht, Entscheide zu begründen oder zu diskutieren.

Vor zwei Jahren schon war sich der Zürcher Stadtrat sicher: die Variante «umfassende Erneuerung» für 115 Millionen Franken sei die beste. Inklusive Herausreissen von Saal, Bühne und Foyer, Ersatz durch Neugebautes.

Das sahen damals Heimatschutz und Parlament anders, da der Stadtrat in seiner unendlichen Weisheit gar keine Alternativen geprüft hatte, erhielt er den Auftrag, das zu tun.

Wieso Alternativen, wenn’s alternativlos ist?

Aber was soll man machen, wenn man doch schon die «alternativlos» richtige Lösung gefunden hat. So teilte der Stadtrat Ende November 2020 mit, dass die «umfassende Erneuerung» den «höchsten Nutzwert» biete. Alternativen? Wenn’s denn sein muss, sagte sich die Regierung, bitte sehr, wenn Uneinsichtige unbedingt unnütze Arbeit machen wollen.

Es gäbe dann auch noch die Varianten «Bestandssanierung», «Sanierung mit kleinen Eingriffen» und Sanierung «mit grossen Eingriffen». Nur: die kosten 122, 126 oder gar 132 Millionen Franken. Nehmt das, ihr Kulturbanausen. Und falls ihr immer noch nicht einseht, was alternativlos bedeutet: für all diese Alternativen müssten «zusätzliche Flächen aus dem Gebäudekomplex erschlossen werden». Es sei dann im Fall gar nicht sicher, ob die überhaupt angekauft werden könnten.

Soweit eine klare Sache. Wer dem Steuerzahler nicht noch mehr Geld aus der Tasche ziehen will, wo doch schon heute jeder Theaterbesuch mit knapp 300 Franken subventioniert wird, muss sich für die billigste, sinnvollste, einzig realistische Variante entscheiden. Schliesslich möchte sich nicht zuletzt der rot-grüne Stadtrat ein Denkmal setzen, das die Zeiten überdauert. Und die Schaffung immer neuer Velowege ist dafür nicht so geeignet.

Kritiker stören den ordentlichen Gang der Geschäfte

Also hätte alles seinen vorherbestimmten Gang an die Urne gehen können, wenn sich nicht ein paar Kulturnostalgiker entschlossen hätten, dagegen anzutreten. Die meinen doch, dass es eine Schande wäre, diesen geschichtsträchtigen Theatersaal abzubrechen, der einmal Zentrum des deutschen Exiltheaters (Bertolt Brecht und viele andere), dann Zentrum des Schweizer Theaterschaffens (Frisch, Dürrenmatt) war, unter Christoph Marthaler bewies, dass auch in diesem angeblich veralteten Saal modernes Theater gespielt werden kann. Zudem, wer’s noch moderner mag, wozu hat Zürich die zweite Spielfläche Schiffbau?

Die Fassade soll bleiben: Schauspielhaus in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts.

Also wurde flugs ein Komitee gegründet «Rettet den Pfauen». Die Liste der Unterzeichnenden schwoll und schwillt an (ja, ich auch). Einen solchen Gegenwind sieht der Stadtrat und die immer noch vernetzte und verschlauchte und verzünftete Zürcher Klüngelwirtschaft gar nicht gerne. Also wurde dem eine Webseite «Pfauen mit Zukunft» entgegengestellt, ebenfalls, originell, mit Unterzeichnerliste.

Finanziell und inhaltlich absonderlich

Während es bei dem Projekt, «Rettet den Pfauen» mit seinem Urheber Matthias Ackeret klar ist, wer das bezahlt – «das machten wir inhouse, also ich» –, interessiert natürlich, wie es bei der Gegenpropaganda-Webseite aussieht. «Die Webseite wurde von der Schauspielhaus AG bezahlt», gibt der Kontaktmann bekannt. Und die Schauspielhaus AG wird vom Stadtrat jedes Jahr mit rund 40 Millionen subventioniert.

Schön, dass ein kleiner Teil der Kohle in Propaganda gesteckt wird. So viel zum Finanziellen. Inhaltlich wirft die Webseite der Befürworter einer Totalentkernung aber auch Fragen auf. Man setze sich hier «für eine Diskussion ohne Denkverbote» ein. Das muss nun aber ein Bühnenkniff sein. Denn der Stadtrat selbst setzt sich bis heute für ein Denkverbot ein, andere Varianten als seinen ursprünglichen Vorschlag auch nur ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

Das sieht dieser Veranstalter entschieden anders: «Die Diskussion um die unbestritten notwendige Modernisierung des Pfauen wurde bisher unserer Meinung nach sehr stark von jenen Stimmen dominiert, für die der Erhalt des alten Publikumssaals unabdingbar ist.» Dagegen sollen auch die «Argumente des Theaters und seine Geschichte angemessen berücksichtigt werden». «Diskussion öffnen», «Pros und Contras», das hört sich bis hierher wie eine Kritik am Stadtrat, nicht an den Gegnern einer Totalsanierung an.

«Verschiedene Zukunftsszenarien – auch ein Neubau» müssten gegeneinandergestellt werden.

«Auch ein Neubau»? Wieso auch? Das ist seit zwei Jahren die alternativlose Position des Stadtrats. Zudem: «Wir erachten jede und jeden der Unterzeichnenden, als kompetent und glaubwürdig.» Das richtete sich gegen meine Kritik, dass doch sehr, sehr viele Unterzeichner auf die eine oder andere Art am Staatssäckl angeflanscht sind. Das überflüssige Koma im Originaltext. Allerdings überschätzte ich die Geschwindigkeit halbstaatlicher Institutionen: «Es haben keine Mitglieder des aktuellen Verwaltungsrates unterschrieben. Der falsche Eindruck mag entstanden sein, weil auf der die Website des Schauspielhauses leider die neue Zusammensetzung des Verwaltungsrates noch nicht publiziert war.»

Totalsanierungen: Kann das gutgehen?

Man bittet um Entschuldigung. Gewährt. Dafür. Aber sagen wir so: Kommunikation, Propaganda für ein Anliegen, da könnten die Leute von der Schauspielhaus AG sich noch ein paar dicke Scheiben von vielen Autoren abschneiden, deren Werke auf dieser Bühne aufgeführt werden. Nun gut, die «Hausfreundin und Lieblingsautorin» Sibylle Berg (hat natürlich auch pro Totalsanierung unterzeichnet) gehört nicht unbedingt dazu. Aber von Brecht lernen, hiesse siegen lernen.

Allerdings: Von der Kulturnation Deutschland hat man mehrfach gehört, wie solche Totalsanierungen ganz, ganz schwer ins Gebüsch fahren können. Später, viel später, und vor allem: teurer, sehr, sehr viel teurer.

 

Packungsbeilage: Der Autor hat sich spontan entschlossen, auch beim Komitee «Rettet den Pfauen» zu unterschreiben. Was seine Kritikfähigkeit (siehe erster Artikel) keinesfalls beeinträchtigt.

1 reply
  1. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Die Diskussion läuft quer. Die einzige sinnvolle Frage ist: Braucht es ein Schauspielhaus, Ja oder Nein. Die beiden Intendanten der „Deutschen Bühne am Pfauen“ geben die Antwort: Nein! Das Schauspielhaus ist in schwierigen Zeit abgetaucht. Kein Streamingangebot, Nichts. Gerade während der Pandemie sollte doch das Haus ein minmales Angebot auf die Beine stellen und den TheaterenthusiastenInnen etwas zur Unterhaltung, zum Nachdenken bieten. Es gibt Dutzende von interessanten Zweipersonenstücken die in kurzer Zeit zu produzieren wären um den Publikum etwas zu bieten. Aber da ist Kreativität, Flexibilität, Wissen gefordert und üppig besoldete „Staatsbaeamte“ stehen ja nicht unbedingt im Verdacht über die beiden Eigenschaften zu verfügen! Sollte die Pandemie vorbei sein kommen bestimmt Stücke über die Pandemie, im Rückblick, nicht in der Gegenwart.

    Die Pfauenbühne kam zum guten Ruf weil in schwierigen Zeiten brandaktuellesund engagiertes Theater von mutigen Leuten, Intendanten, KünstlerInnen gemacht wurde, und heute…? Definitiv, eine Hasenfussbühne braucht die Stadt nicht!

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