Aleksandra Hiltmann: schon wieder ertappt

Sie ist Kulturredaktorin bei Tamedia. Daher ziemlich kulturlos und flexibel.

Man weiss bei Tamedia immer weniger, woran man ist. Die Unter-Co-Chefredaktorin himmelt die neue Vizepräsidentin der USA an, der Unter-Co-Chefredaktor wirft sich gegen die Verhüllungs-Initiative in die Schlacht.

Silke Wichert von den Münchner Kollegen darf im «Tages-Anzeiger» eine «Stilkritik» neuer Mitarbeiterinnen im Weissen Haus unter Präsident Biden veröffentlichen. «Raspelkurzer Afro, offensichtlich Vorliebe für leuchtenden Lippenstift und markanten Schmuck». Würde ein Mann eine nicht ganz unwichtige Sprecherin so beschreiben – und weitgehend auf die Darstellung deren Fähigkeiten verzichten –, er müsste sich Sorgen um seinen Job machen.

Dass man eigentlich alles so oder so, von der einen Seite und auch von der anderen Seite betrachten kann, das beweist Aleksandra Hiltmann. Zusammen mit einem Münchner Kollegen entrüstet sie sich über eine TV-Talkshow im hohen Norden Deutschlands, die in der Schweiz keinen Menschen interessiert.

F***, hier kommt das Z-Wort wie in Z******-Schnitzel

Da haben ausschliesslich Weisse, darunter auch noch ältere Weisse, über Rassismus diskutiert. Ungeheuerlich. Aber, so wie im US-TV bis heute jedes «fuck» durch einen Piepston ersetzt wird, jede schriftliche Form durch ein «f***», wurde in dieser Sendung ein Wort verwendet, das Hiltmann nicht mal ausschreiben kann. Das Z-Wort, oh Graus. Man redete ungeniert über Z******-Schnitzel. Oder über Z******-Sauce. Oder gar über Z******-Salat.

Das verletzte viele Z****** ungeheuerlich, auch Hiltmann kriegte sich nicht ein, wie man das Wort (wir bitten empfindliche Leser oder Leser mit entsprechendem ethnischen Hintergrund, jetzt die Augen zu schliessen) Zigeuner heute noch so ungeniert verwenden kann.

Als sich Hiltmann aber mit dem Grossneffen des grossen Django Reinhardt unterhielt, ebenfalls ein begnadeter Musiker, wurde er zwar zum «Sinti-Geiger» ernannt, aber (ich bitte Leser unter 16 Jahren, nicht mehr weiterzulesen) als Titelzitat stand über dem Artikel: «Zigeuner ist die richtige Bezeichnung für mich». Ohne Sternchen. Ohne Entrüstung. Ohne Zurechtweisung. Schon wieder eine Schlangenfrau, was Meinungen oder Überzeugungen betrifft.

Hiltmann und ihre Spur des Schreckens

Sie hinterlässt aber weiterhin eine Spur des Schreckens, des Sexismus. Denn wir haben aus dem gleichen Tagi gelernt, dass es eben auch strukturellen Rassismus gibt. Also alles, was unter dem Sammelbegriff läuft: Ich kann’s zwar nicht genau festmachen, aber diese Aussage ist einfach rassistisch. Und wenn nicht, dann die dahinterstehende Gesinnung. Richtig fies ist der positive Rassismus. Also wer sagt, Schwarze können gut tanzen, der lobt nicht, sondern ist in seiner schwarzen Seele ein ganz abgefeimter Rassist. Selbst wenn er Präsident Obama heisst.

In diesem Sinne müssen wir nun einen neuen Anschlag von Hiltmann denunzieren. Nein, nicht gegen Sinti und Roma. Auch nicht gegen Juden. Schlimmer noch: gegen Frauen. Gegen die eigenen Geschlechtsgenossinnen. Denen begegnet sie auch mit positiver Diskrimination. Der Beweis:

Angelina Jolie: Ein Bild von einer Frau, aber kein Foto.

 

Na und? Moment, im «Smalltalk der Woche» titelt Hiltmann: «Die beinahe unwirkliche Schönheit der Angelina Jolie.» Und unterstreicht in der Bildlegende nochmal: «Wir haben schon sooo lange nichts mehr von Angelina Jolie gehört. Jetzt ist sie wieder da, auf dem Cover der britischen «Vogue».

Und so unfassbar schön wie eh und je.»

Ich als entschiedener Verteidiger der Frauenrechte, der Frauenbewegung und des Feminismus schäme mich so oft, ein Mann zu sein, wenn ein Geschlechtsgenosse wieder einmal als Vertreter der Patriarchats das Wort ergreift, dem Grundübel aller Zeiten.

Statt Warnung vor Bulimie und Nachahmung: «unfassbar schön»

Aber was soll ich sagen, wenn das sogar eine Frau tut, die ansonsten – wenn’s geht – so sensibel Diskriminierungen denunziert? Und hier himmelt sie das photogeshopte, weichgezeichnete, mit allen Tricks der modernen Deep-Fake-Technologie behandelte Bild einer Schauspielerin an? Das mit der realen Jolie ungefähr so viel zu tun hat wie ein geföhnter, geschminkter, mit überlanger Krawatte ausgestatteter Donald Trump mit dem Trump, der am Morgen aus den Federn kriecht. Ein Anblick, den sich nicht einmal seine Frau antun will – getrennte Schlafzimmer.

Statt auf die erschreckende Magerkeit (man schaue sich nur Arme und Beine an) hinzuweisen und Jugendliche vor Nachahmung und Bulimie zu warnen, statt eine Philippika gegen die unbelehrbare Modeindustrie mit ihren unerreichbaren Schlankmodels vom Stapel zu lassen: «unfassbar schön».

Eine Frau reduziert eine andere Frau auf Äusserlichkeiten. Ich fass’ es nicht. Kein Wort über die durchaus beeindruckenden politischen und humanistischen Tätigkeiten von Jolie. Kein Wort über ihre Nehmerqualitäten, ihre Selbständigkeit, ihre Kinderschar. Nein, «beinahe unwirkliche Schönheit», fällt der Kulturredaktorin nur ein. So backfischartig würde sie wohl auch die Venus von Milo oder die Mona Lisa beschreiben. Mehr Kultur ist halt nicht mehr.

9 KOMMENTARE
  1. Eveline Maier
    Eveline Maier says:

    Man soll Herr Zeyer sehr dankbar sein, dass er diese Deepfake-Geschichte auf Tapet brachte.

    Müsste auch intensiv am MAZ, der Schweizer Journalistenschule in Luzern diskutiert werden. Dieses Beispiel ist prädestiniert dafür. Jungjournalistinnen sollten im Zeitalter von Influencern und Schwindel intensiver (und kritischer) geschult werden. Die Fallstricke werden zweifellos nicht kleiner in unserer Zombiewelt.

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  2. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Aleksandra Hiltmann ist die spätpubertierende «Wonder Woman» der Werdstrasse. Immer für etwas zu begeistern, besonders «Kultur & Gesellschaft, Balkan enthusiast, blogger, sometimes hobby photographer, degree in Political & Media Science», haben es ihr angetan, wie in ihrem Twitter Account zu lesen ist. Von Kompetenz schreibt sie korrekterweise nichts.

    Empörung im höchsten Grade gehört zu ihren Kernkompetenzen und da ist sie schon mal froh wenn sie aus München Empörungshinweise und professionelle Unterstützung bekommt, da tickt sie gleich wie Kollege Münger. Da ohne Support bei Hiltmann wenig geht ist zu vermuten dass sie selber nicht genau weiss was struktureller Rassismus ist, möglicherweise schreibt sie nächstens einen grossen Artikel über schwarz lackierte Autos, schwarze Pneus, eindeutig rassistisch! Oder sie wittert beim «Führerschein» braunes Gedankengut.

    Ihre Freude über Angelina Jolie scheint echt, aber beim Vogue Titelbild ist sie überfordert. Besser für sie: BRAVO, Alles, was Teenager bewegt – Deutschlands größte Jugendzeitschrift im Bauer Zeitschriftenabo, 12 Monate, Gesamtpreis (inkl. MwSt & Versand) 75,40 CHF. Da kann man einiges über AJ lesen, schöne Bilder anschauen und vielleicht die Künstlerin aus 12 Teilen in Echtgrösse an die Zimmerwand pappen! Auch möglich von der Kulturredaktorin der Umgang von AJ mit dem Brustkrebs zu thematisieren. Da gibt es im Internet genügend Material zum abschreiben, ohne Hilfe aus München.

    Nora Zukker, die Möchtegern RR auf dem Platz Zürich macht Freundinnenwerbung für das neue Buch von Simone Meier (Zürichs Champagner-Literatin liefert alle 2 Jahre ein Buch), mit dem Titel «Reiz». Verlag Kein & Aber, Zürich 2021, 256 S., ca. 28 Franken. Nicht weitersagen, die 50jährige Autorin schreibt über S**! Im Artikel schreibt Zukker über «Das smoothe Leseerlebnis». Passt zu Hiltmann, zu vielen Themen «smoothen», viele Zutaten gut schütteln und dann ein ungeniessbarer Saft!

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  3. Ray Sinniger
    Ray Sinniger says:

    Grossartig geschrieben und aufmerksamst beobachtet Herr Zeyer, ich gratuliere. Kein internationales Medium hat bis anhin diesen Schwindel kritisch kommentiert. Die ehemalige Annabelle-Journalistin Hiltmann ist auf dieses äusserst aufwendig inszenierte Deepfake-Cover reingefallen. Aus dem „Guardian“ als kurze Umschreibung: „Deepfake technology can create convincing but entirely fictional photos from scratch“.

    Angelina Jolie wurde beispielsweise partiell in die Länge gezerrt, damit sie spindeldürr erscheint. Es wäre nun die Aufgabe der Frau Hiltmann für eine umfassende Recherche dieses Schwindels. Busse tut Not.

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    • Rolf Karrer
      Rolf Karrer says:

      Der Englische Modefotograf Craig McDean könnte ihnen Frau Hiltmann bestimmt Auskunft geben über sein Werk mit der Angelina Jolie.

      Ein 2.Versuch diese Arbeit korrekt abzuarbeiten, inklusive der Thematik Bulimie täte not.

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  4. Martin Schwizer
    Martin Schwizer says:

    Ich warte auf den ersten Tagi-Starschnitt, wahlweise von Harris oder gar Biden. Aber in Zeiten von Food-Porn tuts auch ein Zigeunerschnitzel.

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    • Peter Sueton
      Peter Sueton says:

      Ein Centerfold von gelifteten Biden und von Harris im gedruckten Tagi, solange es ihn noch gibt. Das wär doch was😀 Würde ich mir an die Wand pinnen.

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      • Martin Schwizer
        Martin Schwizer says:

        …noch besser, an die Toiletteninnentür. Dafür würde ich mich sogar in die Tagi-Redaktionsräume schleichen, um es dort anzubringen.:-)

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