Neuer Kulturkampf in Zürich

Wir können auch positiv. Der Pfauen soll so bleiben, wie er ist. Richtig und bravo.

Ausgerechnet eine rot-grüne Stadtregierung, die sich nicht zu blöd ist, ein x-tes teures Gutachten über die Kunstsammlung Bührle erstellen zu lassen, will klotzen statt kleckern. Theatersaal Pfauen? Prädikat künstlerisch wertvoll.

Prädikat historisches Monument. Hier war ein Kristallisationspunkt des kulturellen Widerstands gegen die Barbarei des Nazi-Regimes. Bertolt Brecht, der grösste Stückeschreiber des 20. Jahrhunderts, Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, der Saal strotzt vor Gehalt, dem man, auch als Kulturbanause, mit Respekt begegnen sollte.

Matthias Ackeret bringt’s in seinem neusten Blog auf persoenlich.com auf den Punkt: «Stadtpräsidentin Corine Mauch und Hochbauvorsteher André Odermatt wollen den Saal in einem Akt der Geschichtsignoranz für rund 115 Millionen Franken abreissen und umbauen.»

Ausgespielt und kann weg? Saal des Schauspielhauses Zürich.

Glücklicherweise lässt es Ackeret nicht bei schriftlichem Protest bewenden. Er hat das Komitee «Rettet den Pfauen» gegründet. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal auf der gleichen Unterschriftenliste wie Mietmeinung Peter Hartmeier, Ringier-Gespenst Fibo Deutsch oder Spesenreisender Andy Gross stehen würde.

Die Richtigen stehen auf der richtigen Seite

Auf der anderen Seite tröstet, dass auch Prof. Peter von Matt, Jean Ziegler oder Martin Walser mit ihrer Unterschrift bezeugen, dass sie auf der richtigen Seite stehen. Die üblichen Verdächtigen, die Kulturschickeria Zürichs, fetzt sich lieber um ihr vom Steuerzahler finanziertes neues Spielzeug Kosmos. Da ihr recht viele Möchtegerns und recht wenig Bildungsbürger angehören, halten sie den Pfauen vielleicht für ein neues Gebäude im Zoo.

Nun schlägt aber das Imperium zurück, wie Ackeret bemerkt hat. Komitee, das können wir auch, sagt sich der «Verwaltungsrat der Schauspielhaus Zürich AG». Und stampft die eigene Aktion «Pfauen mit Zukunft» aus dem Boden. Aber leider, leider, vergreift man sich hier schon bei der Anrede im Ton. Denn man fordert «eine Diskussion ohne Denkverbote».

Pfauen erhalten bedeutet Denkverbot?

Mit der absurden Begründung, dass eine Gegenwehr gegen die bereits konkretisierte Absicht der Kulturbanausen im Stadtrat, den Theatersaal abzureissen, einem Denkverbot für mögliche Alternativen gleichkomme. Denkverbote sind normalerweise eine Spezialität der von der einzigartigen Richtigkeit ihrer Position überzeugten Gesinnungsmenschen.

Schlecht imitieren ist besser als schlecht erfinden, sagen sich die Macher des Gegenwinds, und haben ebenfalls eine Unterstützerliste veröffentlicht. Dass sich hier in der Mehrheit von Staatsbatzeli Abhängige tummeln, ist so klar wie verräterisch. Aber auch der Präsident des Zoo Zürich hat den Namen Pfauen wohl zu wörtlich genommen. Wer hier nicht aufgeführt ist, vermeidet damit immerhin den Nahkontakt mit Ruedi Noser, Laura sowie Roger de Weck oder Historiker Georg Kreis.

Wieso sich allerdings Sibylle Berg, Pipilotti Rist oder Viktor Giacobbo hierher verirrt haben? Echt jetzt, Angst vor Denkverboten? Oder mangelndes Denkvermögen? Man weiss halt nie, was in Künstlern so vorgeht. Ausser bei Berg. Die führt den ersten «Tender Talk» online und wird vom Schauspielhaus so angekündigt: «Unsere Hausfreundin und Lieblingsautorin Sibylle Berg.» Geist geht nach Geld, nichts Neues unter dem Himmel.

Der VR als Filz, Fett und Klüngel

Der Verwaltungsrat des Schauspielhauses ist grösstenteils mit Vertretern von Stadt und Kanton Zürich besetzt. Als Präsident und Vertreter des Zürich-Filzes amtiert Markus Bachofen Rösner, bis 2015 in der Geschäftsleitung der ZKB, seither bestens vernetzt und selbständig. Quotenfrau und Vizepräsidentin ist Anne Keller Dubach, bei Swiss Re für Kunst zuständig. Natürlich darf auch Ruedi Noser, der wohl begabteste Netzwerker am Platz, nicht fehlen.

Bevor Corona auch hier zuschlug, betrug die durchschnittliche Auslastung am Pfauen 67 Prozent. Von der Stadt Zürich werden rund 38 Millionen ins Schauspielhaus gesteckt. In der letzten regulären Spielzeit kassierte der Pfauen rund 5 Millionen Eintrittsgelder. Das bedeutet, dass jeder Theaterwillige mit knapp 300 Franken pro Eintritt subventioniert wurde. Also nicht aus dem Kässeli von Stadtpräsidentin Corine Mauch. Sondern vom Steuerzahler natürlich. In diesem Zusammenhang ist interessant, wer denn den Webauftritt des Verwaltungsrats finanziert.

Es ist von Alters her eine Begleiterscheinung des Siegs einer Gesellschaftsordnung über ihren Vorgänger, dass Bauten abgerissen werden und durch neue, symbolisch für das Neue stehende Gebäude ersetzt werden. Das beste Beispiel dafür aus jüngerer Geschichte ist der «Palast der Republik» in Berlin. Als er sich noch am Marx-Engels-Platz in Berlin, Hauptstadt der DDR befand, ersetzte er das Berliner Schloss, die Residenz der Hohenzollern von 1443 bis 1918. Das war zwar durch die Folgewirkungen ihrer Herrschaft am Ende des Zweiten Weltkriegs recht lädiert, wurde dann in einem symbolischen Akt 1950 völlig in Trümmer gelegt.

Gebäude müssen weg oder wieder her – je nachdem, wer der Sieger ist

1994 wurde der Ort in Schlossplatz und Lustgarten umbenannt, bis 2008 wurde dann der Palast der Republik eingeebnet. Und tatsächlich das Berliner Schloss wieder originalgetreu aufgebaut. Mit Kultur und Kunst gefüllt und von einer Humboldt-Stiftung geführt. Typisch für Berlin: zumindest eine Teileröffnung sollte zum 250. Geburtstag des Universalgelehrten Alexander von Humboldt am 14. September 2019 erfolgen. Inzwischen ist von einer Volleröffnung Mitte 2021 die Rede. Selbstredend wurden auch die ursprünglich geplanten Kosten, trotz eifriger Spendensammelei, grosszügig überschritten.

Hier wollte zuerst die DDR, dann die BRD zeigen, für und gegen welche historische Tradition man ist. Die DDR wollte nichts mehr mit dem Junker-Adel zu tun haben, den reaktionären preussischen Landbesitzern. Die BRD wollte eines der Symbole des ersten Arbeiter- und Bauernstaats auf deutschem Boden nicht stehenlassen.

Deutsche Tragödie, Schweizer Groteske

Während das eine typisch deutsche Tragödie ist, spielt sich am Pfauen eine Schweizer Groteske ab. Eine für alles Gute und Bessere, Diverse, Autofreie und eine gendergerechte Sprache eintretende Stadtregierung will nicht etwa eine Erinnerungstafel anbringen, wer in diesem Theatersaal schon seinen Beitrag zur Verbesserung der Welt leistete.

Nein, weg damit, sei für angeblich «modernes Theater» nicht mehr geeignet. Deshalb muss er mit 115 Millionen Steuerfränkli modern gemacht werden, was dann wohl bedeutet, dass er für altes Theater wie von Lessing, Shakespeare, Büchner und anderen Allzeitgenies, nicht mehr geeignet wäre.

Die lange und reiche Geschichte des Pfauen

Die Schauspielhaus AG existiert seit mehr als 82 Jahren. Hinter ihr steht eine wechselvolle Geschichte, Kämpfe zwischen Kulturbanausen und bahnbrechenden Inszenierungen, die Stimmbürger wollten es 1952 nicht der Witwe des letzten Besitzers abkaufen; in einer ihrer wenigen guten Aktionen sprang dafür die damalige SBG (heute UBS) ein.

Wollen wir die lange Reihe von Uraufführungen, Regisseuren, Schauspielern von Weltrang aufführen? Wollen wir an die Zeiten erinnern, als das Schauspielhaus das Zentrum des Emigrantentheaters wurde? Wollen wir an die Blütezeit unter Christoph Marthaler erinnern? Ein eher moderner Intendant, der sich nie über den angeblich ungeeigneten Saal beschwerte.

Also, für einmal: bravo, Matthias, hoffentlich gelingt es, diesen grün-rot-blöden Schildbürgerstreich zu verhindern.

6 KOMMENTARE
  1. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    „eine Diskussion ohne Denkverbote“ würde auch heissen „Soll das Schauspielhaus Zürich erhalten bleiben?“. Diese Frage müssten die StimmbürgerInnen der Stadt beantworten. Nicht abstimmen über 115 Mio, nach Bauende dann ca 135 Mio. Nicht abstimmen über eine mögliche sanfte Renovation. Sondern eine offen Grundsatzdiskussion Ja oder Nein zum Schauspielhaus. Da könnten die ZürcherInnen auch beurteilen ob ihnen das Abendvergnügen Einzelner horrende Fr. 300 Steuergelder wert ist und geschätzt eine halbe Mia Franken über 10 Jahre mit dem Projekt Mauch/Odermatt.

    Es gibt keinen „Pfauen“ mehr! Es gibt nur noch die Erinnerung an den „Pfauen“ während und nach der Nazizeit. Als einzige deutschsprachige Bühne die unabhängiges, kritsches und freies Theater bot. Zuflucht von vielen aus Deutschland, Giese, Langhoff und andere. Schweizer SchauspielerInnen Chancen bot. Aber das war eben einmal und das mantraartig beschwören der alten Geister ist eher peinlich um die Bühne und hohe Kosten zu legitimieren! Tatsache ist wenn man in den miefigen Theatersaal eintritt sucht man immer noch den Soldaten aus dem 2. Weltkrieg der mit seinem Karabiner Wache hält. Die vielen schwarzen Beleuchtungskörper erinnern an Mörser und kleine Feldhaubitzen. Vorteil, in den alten Sitzen lässt sich gut schnarchen.

    Was war das Schauspielhaus der letzten Jahre? Marthaler konnte noch Theater machen, nicht innerhalb des Budgets aber unterhaltsam. Dann „wollte“ er gehen und Spillmann kam für ein Jahr und verwaltete. Hartmann folgte, der vor allem durch die Villa die von der Stadt zur Verfügung gestellt wurde und Personalquerelen aufmerksam machte. Barbara Frey, kam zur grössten Aufmerksamkeit als sie die Diskussion zu ihrem Gehalt als Neiddebatte bezeichnete. Transparenz war ihr da nicht wichtig! Mit Stemann und von Blomberg haben wir heute die Deutsche Bühne am Pfauen. Die beiden versuchen (versuchten) Genderbeschwörung (auf den Zug aufspringen) und klassisches Theater unter einen Hut zu bringen. Also eine Art Wischi-Waschi-Bühne.

    Wirkliche Theaterhighlights gab es unter den genannten Intendanten wenige oder keine. Aber man/frau war stolz wenn einzelne Stücke an anderen Orten, Theatertreffen aufgeführt werden durften, Sibiu, Berlin, Bozen, etc.

    Die beiden genialen Theaterstückeschreiber Frisch und Dürrenmatt sind leider tot und können nicht mehr schreiben. Dafür werden dann ihre Drehbücher „aufgeppt“, bis zur Unendlichkeit verstümmelt auf die Bühne gebracht.Das gleiche Schicksal erleidet Shakespeare seit Jahrzehnten. Mittelmässige RegisseureInnen kan­ni­ba­li­sie­ren Kulturgut! Dazu fehlen in den „lokalen“ Medien TA und NZZ Leute die Theater verstehen, über Stücke schreiben und dem Volk näher bringen können. Auch kan­ni­ba­li­sie­ren der Kultur.

    Das Schauspielhaus wie das Opernhaus hängen an den Beatmungsmaschinen und Infusionstöpfen die von den SteuerzahlerInnen teuer finanziert werden müssen. Da helfen auch die „Eliten“ aus Wirtschaft und Politik die im VR und anderen Gremien der Häuser sitzen nichts. Ideen die beiden Häuser zu privatisieren kommen nicht auf, nicht einmal beim „liberalen“ Noser. Die richtigen Ansprechpartner für die Bühnen wären „EXIT“ oder „Dignitas“.

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    • Beth Sager
      Beth Sager says:

      Ausgezeichnet geschrieben als Denkanstoss, Herr Brunner. Eine derart engagierte Meinungsäusserung würde ich eigentlich im Tagesanzeiger erwarten………..

      Auf dem Prüfstand müsste fairnesshalber auch das Opernhaus sein mit jährlichen 70 Millionen Franken Subventionen, dazuhin auch die Tonhalle.

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      • Eveline Maier
        Eveline Maier says:

        Anmerkung: Während für das Opernhaus allein der Kanton Zürich zuständig ist, gingen die anderen grossen städtischen Kulturbetriebe – Schauspielhaus, Kunsthaus und Tonhalle – in die alleinige Verantwortung der Stadt Zürich über.

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    • Dieter Kalbermatter
      Dieter Kalbermatter says:

      Im Jahre 2015 subventionierte der Kanton Zürich jeden Besucher im Zürcher Opernhaus mit 343 Franken. Die heutigen Zahlen dürften eher schlechter sein.

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