Bezahlschranke beim «Tagi», «WoZ» gratis

So unterschiedlich gehen Verlage mit der Corona-Krise um.

Ein Blick heute auf die App des Tagesanzeigers zeigt: Mindestens vier Fünftel der angebotenen Artikel kann man nur mit einem Abo lesen. Damit zieht die Tamedia weiter die Schraube an, um nicht noch mehr Geld zu verlieren. Doch der Leser ist verwöhnt. Dann liest er die Inhalte halt nicht mehr. Ein Abo? Sicher nicht. Tamedia hat viele seiner Inhalte jahrelang gratis aufs Netz gestellt. Der treue Abonnent fühlte sich geprellt, der Nichtabonnent sah sich als ganz normaler Zeitungsleser. Die Gratiskultur hat Tamedia zusätzlich gefördert mit dem Pendlerblatt 20 Minuten. Die Geldkuh mit Gratisinhalten für alle sorgte jahrelang für eine Quersubventionierung der Bezahlzeitung «Tages-Anzeiger». Doch seit der Reorganisation vor einem Jahr ist diese Finanzspritze weggebrochen. Seither und unter dem Holdingnamen TX Group müssen die weitgehend eigenständigen Firmen TX Markets (Rubriken, Warenmärkte), Goldbach (Werbevermittlung), 20 Minuten (Pendlermedien) und Tamedia (Bezahlmedien) für sich selber schauen und aufkommen. Das ehemalige Flaggschiff Tamedia ist da am stärksten betroffen. Da nützt auch die Unterstützung wegen Kurzarbeit wenig. Die Abozahlen rasseln in den Keller. Sparen auf den Redaktionen, Zusammenlegen und Übernehmen von der «Süddeutschen» ist angesagt.

Das nennt sich Leserbindung bei Tamedia: Freigeschaltet ist lediglich der Trumpverriss. 

Weil die Abonnenten das natürlich mitbekommen, dreht sich die Sterbespirale weiter. Dass da gefühlt kein einziger Corona-Artikel frei zugänglich ist, passt zum Hü-und-Hot-Konzept von Tamedia.

Völlig anders hingegen agiert die Wochenzeitung WoZ. Die genossenschaftlich organisierte Zeitung wird am 1. Oktober 40 Jahre alt. Die Abozahlen liegen um die 18‘000, Tendenz steigend. Existenzängste scheinen der WoZ-Redaktion fremd zu sein. Darum lässt man in der aktuellen Megakrise auch Nicht-Abonnenten am Kuchen teilhaben. «Alle Texte für alle – Konsequent solidarisch» so ein Inserat in der aktuellen WoZ. «Auch im zweiten Lockdown sind alle unsere Inhalte auf www.woz.ch und in der WOZ-App kostenlos zu lesen.»

Und was macht unsere Lieblingspostille, die Republik, in Coronazeiten? Man hält eisern an der Bezahlschranke fest. Was ihr gutes Recht ist. Immerhin kann man gratis den Covid-19-Uhr-Newsletter«Brauchbares zur Pandemie – immer wenn es dunkel wird» lesen. Im ersten Lockdown wurde er gut 37000 mal abonniert. Ob die zum Teil ellenlangen Texte auch gelesen wurden, ist eine andere Frage.

4 KOMMENTARE
  1. Simon Ronner
    Simon Ronner says:

    There ain’t no such thing as a free lunch.

    Was die «WoZ» als noble solidarische Geste verkündet, ist faktisch irrelevant. Denn dieses Blatt wird ausserhalb des linksaussen-hardcore-Fanclubs, also denjenigen, die eh ein Abo besitzen, von niemandem gelesen.

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    • Victor Brunner
      Victor Brunner says:

      Es kann niemanden befohlen werden intelligente Zeitungen zu lesen und es gibt Leute die mit Scheuklappen geboren wurden! Mit dem journalistischen Mainstream der Schweiz kann es die WOZ locker aufnehmen!

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  2. Tim Meier
    Tim Meier says:

    Klarer Fall: für die Endlosschlaufe Trump-Bashing bezahlt niemand mehr. Corona muss mit knackigen Titeln verkauft werden, ist langsam aber sicher ausgelutscht. Bleibt noch der Klimawandel. Da macht Tamedia weiter auf kostenlosen Erziehungsjounalismus.

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    • Peter Sueton
      Peter Sueton says:

      Sie sprechen mir aus dem Herzen. Genauso so ist es beim Tagi. Nur Corona, Trump, Klima, Frauen und wohl bald wieder Flüchtlinge. Schon fast obsessiv. Und alles in einem unerträglich Besserwisser-Ton. Dummerweise habe ich ein Digitalabo gemacht. Ich werde es sicher nicht verlängern. Es gibt genug und bessere Alternativen. Gerade auch Online.

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