Offene Fragen zum Fall Luzia Tschirky

Stimmt da alles?

Es war einmal im fernen Minsk, da lief Luzia mit zwei Freunden vergnügt durch die Innenstadt von Minsk. Die drei jungen Menschen waren auf dem Weg zu einem belarussischen Café. Sie blinzelten in die Mittagssonne. Am glücklichsten aber war Luzia. Normalerweise arbeitet sie für den Staatssender SRF. Aber heute hatte sie sich den ganzen Tag freigenommen. «Bald trinken wir leckeren Kaffee», freut sie sich und hakt sich bei ihren Freuden ein. Schmunzelnd ignoriert sie die Pfiffe der belarussischen Männer, die ihr hinterhergucken. Vor einer Strasse warten die drei Freunde, bis die dämliche Ampel endlich auf grün schaltet.

In diesem Moment bremst plötzlich ein schwarzer Minibus scharf vor ihnen. Ein Maskierter reisst die Türe auf und wirft das Trio in den Bus. Luzia ist ausser sich und schreit: «Ich bin eine Schweizer Journalistin! Hier, mein Journalistenpass! Lasst mich raus!» Aber njet da. Luzia und ihre beiden Freunde werden unsanft auf eine Polizeistation gebracht. Luzia schreit weiter: «Ich bin Angestellte vom SRF, ich bin Schweizerin, lasst mich raus!»

Luzia schreit so laut, dass sogar der Leiter der Polizeistation wach wird. Er kommt runter. Luzia brüllt ihn an: «Ich bin Schweizerin, ich will zu meinem Botschafter!» Der Leiter guckt sich Luzia an und versucht sie zu beruhigen: «Keine Angst, du kommst raus. Da ist die Türe, arrivederci.»

Endlich, nach drei Stunden Haft ist Luzia draussen und fährt gleich zur Botschaft. Dort wird sie schon von Claude empfangen. Der Botschafter mit Bauch weiss sofort, was man in diesen Fällen tut: Er holt schnell zwei Gläschen und füllt sie mit Vodka auf. Luzia ist wieder happy. Sie tweetet in alle Himmelsrichtungen und berichtet von ihrer Tortur.

So ungefähr soll am Sonntag der Krimi gelaufen sein. Es ist die Story von Luzia Tschirky, in einem Land fern von uns. Als die Nachricht tröpfchenweise an die Schweizer Journalisten gelangte, herrschte glückliche Alarmstimmung: Schweizer Blondine von russischen Horden gefangen und schliesslich freigelassen – was gibt es besseres bei diesem Scheisswetter?

Nun, die Sache ist wie immer etwas komplizierter. Offen bleibt die Frage, ob sie als Reporterin unterwegs war oder als Touristin. Im Interview mit SRF News sagt Tschirky, dass sie am Sonntag «privat in der Stadt unterwegs» gewesen sei. In der Tagesschau-Anmoderation heisst es aber: «Geplant war eine Schaltung und Analyse zu den Ereignissen.»

Sie soll mit zwei Bekannten in den Bus geworfen worden sein, erwähnt Tschirky immer wieder. Wer die waren und wie sie hiessen, verrät sie nicht. In Interview sagt sie: «Ich hoffe, meine Bekannten kommen rasch wieder frei.» Helfen würde definitiv eine Bekanntmachung der Namen. Das würde den Druck auf die Behörden erhöhen. Oder: es handelt sich um polizeibekannte Protestler. In dem Fall wäre Tschirky fahrlässig reingetappt. Ob das immer noch mutig gewesen war, ist eine zweite Frage.

Auch wer sie schliesslich aus der Polizeihaft befreite, ist unklar. In der «Tagesschau» sagt sie: «Auf der Polizeistation sass ich mehrere Stunden. Da kam der Leiter der Polizeistation und rief mir zu: «Du, komm her.» Er sagte mir dann, der Schweizer Botschafter sei jetzt hier, ich könne mit ihm mitkommen.» Auf srf.ch sagt sie: «Irgendwann kam eine Frau vom Migrationsdienst und meinte, mir würde nichts geschehen. Dann durfte ich gehen» Wer hat Tschirky denn nun erlöst? Der Herr Polizeileiter oder die Frau Migrationsdienst?

Die Fragen bleiben ungeklärt «SRF ist sehr froh, dass Luzia Tschirky schnell wieder freigekommen ist. Auf Ihre Fragen gehen SRF und Luzia Tschirky nicht weiter ein.» Wir sind ja auch glücklich, dass Tschirky wieder draussen ist. Beim nächsten Mal sollte sie sich dreimal überlegen, mit wem sie wann und wo einen Kaffee trinken will.

8 KOMMENTARE
  1. Tobias Amstutz
    Tobias Amstutz says:

    Tschirky hatte vorher mal beim CIA-Sender Voice of Liberty gearbeitet. Vielleicht hat sich Lukaschenko das gemerkt…? Zwielichtige Angelegenheit. Vielleicht könnte Zackbum mal bei der Polizei in Minsk anrufen und nachfragen, warum die Dame *wirklich* festgenommen wurde?

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  2. Beo B. Achter
    Beo B. Achter says:

    Die sich widersprechenden Aussagen der Journalistin ist ein schöner Hinweis auf die journalistische Leistungen unserer SRF-Korrespondenten. Herr Nauer aus Moskau hat auch immer so «Interessantes» zu berichten.

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  3. Robert Holzer
    Robert Holzer says:

    Man könnte auch auf den Gedanken kommen, noch nicht einmal «die Russen» wollten sie behalten.
    Egal, für den schweizer Verlautbarungssender reichts.

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  4. Erich Zweig
    Erich Zweig says:

    Das ist doch die Dame die das SRF direkt bei der CIA rekrutiert hat, also um genau zu sein bei Radio Free Europe, aber die hatten ja noch niemals nie nichts mit der CIA zu tun…
    Ist das SRF jetzt sowas wie die journalistische Crypto AG der Schweiz?
    P.S. Zum Bild mit dem Botschafter ein Detail: gelten in der Schweizer Botschaft eigentlich keine Corona Regeln? Das ist doch Schweizer Territorium, also bitteschön eisfüfzg Abstand und/oder Maske.

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    • Alice
      Alice says:

      @Erich Zweig: Wow, danke vielmals für diesen erhellenden und deprimierenden Hinweis auf Luzia Tschirkys Vergangenheit beim CIA-Ableger Radio Free Europe, der sich tatsächlich mit einer einfachen Google-Suche bestätigen liess.

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  5. Tim Meier
    Tim Meier says:

    Gut zu wissen: «Schweizerin» und «SRF» brüllen reicht aus, um frei zu kommen. Der Journalistenpass dürfte in gewissen Ländern die Haftdauer eher verlängern.
    Der Claude im Freizeitlook hat sie empfangen und trotz «Tortur» strahlt sie bereits wieder. Ist doch schön anzusehen.

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  6. Ruthli vom Rütli
    Ruthli vom Rütli says:

    Das einzige Manko ist, dass es keine blauen Flecken zu präsentieren gab. Einfach nichts. Eine weitere Marketing-Luftnummer von SRF. Hab dieser «Story» von Anfang an misstraut und das Protokoll im Boulevard gar nicht verfolgt (Titel überfliegen reicht dort).

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