Kurzer Kassensturz des Sonntags

Die Sonntagszeitungen werden wieder am Kiosk und von Shops verkauft. Ach ja.

Ich gebe zu: Ich benützte die «Sonntags alles geschlossen, alles»-Totalsperre zum Test, ob es auch ein Leben ohne Sonntagspresse gibt. Wie dieser Text beweist: jawohl.

Nachdem gestern der erste Sonntag war, an dem wieder an den üblichen Verkaufsstellen die drei Blätter aufliegen, machte ich den zweiten Test. Kosten, Nutzen, wie schaut’s nun aus, Gewohnheit siegen lassen?

Zunächst die SoZ

Die SonntagsZeitung verlangt für 62 Seiten 6 Franken. Also rund 10 Rappen pro Seite. Peter Schneiders Glosse ist das wert. Dass die Parteipräsidenten die SoZ als Lautsprecher verwenden, na ja, wieso soll ich dafür zahlen? Blätter, blätter, St. Moritz, Putin, Rechtsradikale in den USA, zweiter Bund.

3 Seiten Haue für St. Gallen: «Chronik einer tödlichen Verharmlosung». Schon der Titel ist ein starkes Signal, dass hier kein Thesen- oder Gesinnungsjournalismus betrieben wird. Dann die Doppelseite voller Meinungen. Ach ja. «Ein Mann erzählt, warum er seine Partnerin geschlagen hat». Ach ja. Im Wirtschaftsbund erklärt Beat Schmid der UBS, wieso sie nicht am neu amtierenden CEO Hamers festhalten kann. Mal schauen, ob die UBS das auch so sieht. Gesellschaft, Wissen, Gesundheit? Ach ja.

Kultur: Wieso hat der Freundeskreis um Annemarie Schwarzenbach sich nicht im Kampf ums Frauenstimmrecht engagiert? Das wollte ich schon immer nie wissen. Genauso wenig, wie sich «eine Kreuzfahrt jetzt anfühlt», «unterstützt von Hapag-Lloyd Kreuzfahrten».

Kassensturz: rausgeschmissenes Geld.

Wir erheben uns zur NZZaS

Die NZZaS will 6.50 Franken für 56 Seiten, plus 31 Seiten lahmendes «Magazin». Sie zeigt ihre feministische Seite gleich auf der Front: «Gesucht: 114 Frauen für die oberste Etage in Grossfirmen». Ach was, fehlt es da an Reinigungskräften, kann sonst niemand die Kaffeemaschine bedienen? Nein, Scherz beiseite, die börsenkotierten Firmen wollen die Vorgabe von mindestens 30 Prozent Verwaltungsrätinnen erreichen. Da hat die UBS gerade einen schweren Rückschlag erlitten. Eine der 5 Frauen im 12-köpfigen VR hat gerade das Handtuch geschmissen.

Was bewegt neben Frauen sonst noch? Genau, der Tierschutz, der grausame Handel mit Tigern. Furchtbar, deshalb widmet sich das Magazin diesem typischen Januarloch-Thema.Dann, immerhin, ein ansatzweise interessantes Interview mit einem der unendlich vielen US-Professoren über, Überraschung, was bleibt von Trump, was sollte Biden tun?

Natürlich wird auch über Putins «Protzpalast» an der Schwarzmeerküste berichtet. Ergiebiger und typisch NZZ dann ein Artikel über die Privatisierung der Landwirtschaft und die Auswirkungen in Indien. Auch lesenswert ein erschreckter Bericht über den Milliardär Alfred Gantner (Partners Group) und andere stinkreiche oder mindestens sehr intelligente Bürgerliche, die neben SVP und FDP eine neue politische Kraft installieren wollen, blätter.

Hintergrund? Blätter.  Ausser vielleicht ein Loblied auf Neuseeland. Allerdings beruhend auf einer Studentenreise anno 2003. Wirtschaft? Sanft-Interview mit dem Präsidenten des Börsenbetreibers SIX, zum sixten (Pardon) Mal die Ungerechtigkeiten bei der unfairen 2. Säule, ein Doppelschnarch-Artikel über Klaus Schwab (ja, lebt noch), blätter. Bund «Wissen»? Blätter. «Kultur»? Eskapismus, nichts ist da besser als ein gutes Buch. Hammer, die Erkenntnis, die Rettung, die Lösung. Wenn nicht ein unterhaltender Artikel über das Wörterbuch von Johann Jacob Spreng (1699 – 1768) drin wäre … Ach ja, dann noch Das «Tiger-Kartell» im Magazin. Lang. Vor allem lang. Dann Billie Eilish als «Stilikone», da habe ich aufgegeben, ich gesteh’s.

Kassensturz: Also für 50 Prozent Rabatt könnte man drüber nachdenken.

Hm, eigentlich sind es doch drei Sonntagsblätter?

Fehlt noch was? Ach ja, der SoBli. Mit 4.90 Franken der Billigste im Angebot.

Geschätzt die Hälfte seiner Artikel beschäftigen sich mit der Feier von «50 Jahre Frauenstimmrecht». Einmal hätte auch gereicht. Das hätte auch Platz für interessantere Themen geschaffen.

Kassensturz: 100 Prozent Sparpotenzial.

 

 

3 KOMMENTARE
  1. Alois Fischer
    Alois Fischer says:

    Lieber Herr Brunner, Ihre selbsthassende Obsession ist genau so wenig den Kommentar wert, wie eine gönnerhaft aufgezäumte Antwort auf diese Reklamation.

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  2. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Mein Highlight in der SOZ:
    Markus Somm hat es geschafft einmal eine Kolumne zu schreiben ohne gegen Sommaruga oder Berset zu keifen. «Der Mann, der die Schweiz liebte» über den verstorbenen Spitzendiplomat Franz Blankart.

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