Ex-Press XVII

Blasen aus dem Mediensumpf.

Neue Regeln, gleiches Spiel. Wir nehmen uns diesmal eine Auswahl der Schlagzeilen der wichtigsten Medien der Schweiz vor. Da es um Einschaltquote geht, kommen natürlich auch swisscom-News, pardon, blue news oder nau vor.

Zunächst die in München und Zürich erscheinende Süddeutsche

Beginnen wir doch mit unserem Lieblings-Qualitätsmedium, der «Süddeutschen Zeitung». Die erscheint doch in München? Das stimmt, aber sie erscheint inzwischen auch in Zürich.

Das merkt man neben vielem anderen an dem Bericht «So dreist ging die Bande um Jan Marsalek vor». Der Wirecard-Skandal ist in Deutschland immer noch eine grosse Nummer, deshalb hat die SZ hier ihr ganzes Recherchierteam aufgeboten. Was das den Leser im Schweizer Tamedia-Imperium interessiert, ist allerdings schleierhaft.

Ausserdem gibt es immer noch die beiden Überthemen. Bei einem gibt es eine gute Nachricht: «Althaus tritt von Taskforce zurück.» Wunderbar, endlich gibt der Twitter-King der Coronalogen auf, allerdings nicht ohne sich mit einem letzten arroganten Spruch zu verabschieden: «Die Politik muss endlich lernen, der Wissenschaft auf Augenhöhe zu begegnen.» Das mag ja sein, aber wieso soll sich die Politik zu Althaus hinunterbeugen?

Die Ergänzung des Geldonkels: die Impftante

Neben dem Geldonkel beschäftigt Tamedia neu auch eine Impftante. Die beantwortet Leserfragen von Impfskeptikern. Das ist wunderbar. Was allerdings die Kollegen von Claire-Anne Siegrist davon halten, dass sie als «renommierteste Schweizer Forscherin zum Thema» hochgelobt wird?

Und das zweite Überthema? Nachdem alle Chefs von Tamedia und alle deutschen Besserwisser der SZ ihren Senf absondern durften, ist jetzt auch Zita Affentranger dran. Als altgediente Kraft darf sie aus der sicher wohlbeheizten Home-Office-Stube auch noch eine «Analyse» beisteuern. «Warum wir trotzdem stärker sind». Wir? Na, die westlichen Demokratien und Affentranger, über die die «Autokraten jetzt lachen», vor allem über «das Chaos in den USA». Dazu haben sie aber «keinen Grund», donnert ihnen die stärkere Redaktorin entgegen. Da bleibt dann sicher Putin und Xi das Lachen im Hals stecken.

 

Im Überblicks-Modus  über den Tag hinaus

Natürlich kann auch die NZZ die beiden Überthemen nicht ignorieren. Also informiert sie über «die Zulassung des Modena-Impfstoffs auch in der Schweiz» und welche Probleme dennoch bleiben. Sie überlegt sich, ob die lebenslängliche Sperrung des Twitter-Accounts des US-Präsidenten nur zu bejubeln sei oder nicht auch «ein noch nie dagewesener Eingriff in die politische Debatte». Daran werden die Vertreter der freien Meinungsäusserung, aber bitte nur Meinungen, die uns genehm sind, zu knabbern haben.

In dem Teil, wo die NZZ einwandfrei alleine dasteht, bei «Nachrichten vertieft», erteilt sie dem alten Politprofi Wolfgang Schäuble das Wort. Denn der Präsident des Deutschen Bundestags ist ein mit allen Wassern gewaschener Fuchs. Und wie sagte der Chefredaktor der NZZ mal maliziös: Wir bauen unsere Redaktion und Berichterstattung über Deutschland aus, Tamedia baut ihre Zusammenarbeit mit der SZ aus.

Aber auch die Rückkehr der Cleveland Browns in die NFL ist für die NZZ ein Anlass für tiefgründige Betrachtungen. Der 80. von Joan Baez ist ihr ein Ständchen wert, ein anderer Jahrestag ein Essay von Graf Kielmannsegg, ob es denn eine Alternative zur Gründung des deutschen Nationalstaats vor 150 Jahren ausgerechnet in Versailles gegeben hätte.

Eine andere Liga halt.

 

Nun zu Masse statt Klasse

Da hätten wir als meistbesuchte Plattform in der Schweiz, die «blue news», die sich immer noch hinter «bluewin news» verstecken. Die wollen es am Samstag eher krachen lassen. Ihr «Corona Ticker», Schönschreib für «wir hauen einfach Agenturmeldungen raus», vermeldet den Abgang von Althaus und die Überlegungen, die Wirte in der Schweiz doch vom Selbstmord abzuhalten. Dazu «Indonesien // Indonesien»: «Flugzeug mit 62 Menschen verschwunden». Unglücksfälle und Verbrechen ziehen halt immer.

Da bleiben dann noch drei Plätze für Aufmacher: «Randale in Zürich», «Adelboden wegen Corona ohne Zuschauer» und «Beizen proben den Aufstand». News sozusagen ins Blaue geplaudert.

Nau.ch setzt hingegen ganz auf Sport. Adelboden, im «Matchcenter» Ergebnisse der Zweiten Bundesliga, und oben rechts noch ein Aufreger: «SVP will Alain Berset das Corona-Dossier entziehen». Dabei hat Fredi Heer nicht so eine attraktive Glatze wie Berset, und diese Augenbrauen plus die scharf geschnittenen Anzüge mitsamt schmalem Schlips, also das kriegt die SVP einfach nicht hin.

Inklusive «20 Minuten» haben die Leser aller drei Plattformen immerhin die willkommene Gnade, dass sie nicht vom Redaktionsvolontär mit seiner Meinung zu den Ereignissen in den USA belästigt werden. Auch «20 Minuten» setzt auf einen gesunden Mix aus «Corona Ticker», Flugzeugabsturz, Adelboden und, bedauerlich, gibt einer weiteren «Epidemiologin» Gelegenheit, den Warnfinger zu erheben: «Es gibt keinen Grund zum Aufatmen».

Mit vereister Scheibe Bub zweimal überfahren

Bei einem Virus, das die Atemwege und die Lungen befällt, nicht ohne unfreiwillige Komik. Aber die «renommierteste» Wissenschaftlerin war halt schon vergeben. Ein echtes Klick-Monster ist natürlich der erschütternde Artikel: «Bub (2) von Lenker mit vereisten Scheiben zwei Mal überfahren». Muss man sich mal vorstellen, kann man aber nicht: Dieser Unmensch nahm die vereisten Scheiben aus seinem Auto und überfuhr damit einen Bub. Auch noch zweimal.

Wollen wir durch den Mund atmen und einen Blick auf «watson» werfen? Nun gut, die Berichterstatterpflicht. Nachdem hier alle Listicals ausgeschossen sind, auch keinem mehr ein weiterer Kommentar einfällt (das ist wunderbar), lässt man einen Journalisten aus der vermeintlichen Oberliga ran. Ein «Zeit online» Kommentator darf zuoberst bei «watson» das Wort ergreifen und es so lange nicht mehr loslassen, bis auch der letzte Leser abgeschaltet hat, weil keine lustigen Fotos oder Videos kommen, nur eine Buchstabenflut.

Allerdings ist es «watson» wohl entgangen, dass die Mitarbeit bei der «Zeit» nicht automatisch bedeutet, dass der IQ des Schreibers überdurchschnittlich ausgebildet ist. Ganz im Gegenteil, hier hat das Zentralorgan der lustigen Listen schwer in die, na ja, in die Verschwörungstheoretikerkiste gegriffen. Denn der «Zeit»-Mann behauptet doch tatsächlich: «Der Mob, der das Kapitol angriff, ist Teil einer globalen Bewegung, die ihn überleben wird, in den USA wie hier

Da gibt es in der Schweiz nur zwei Alternativen: Die Armee postiert sich mit allem, was sie hat, vor und um das Bundeshaus. Oder aber, wir lachen kurz laut und vergessen diesen Unsinn.

 

Der «Blick» schielt

 

Hatte immer alles im Blick: Marty Feldman.

 

Fast so gut wie Marty Feldman selig. Denn der «Blick» blickt gleichzeitig auf Corona, «Althaus verlässt Corona-Taskforce», BAG-Chefin bittet um «Geduld für die Impfaktion», «Corona-Expertin aus dem Weissen Haus sorgt für Falschmeldung» und «Run auf Impfung». Da sieht man es mal wieder; während in der Schweiz Corona-Experten ausschliesslich für korrekte Angaben sorgen, kann aus dem Weissen Haus ja nichts Gutes mehr kommen.

Apropos, «Diese Capitol-Stürmer winseln nun um Gnade», gibt sich der «Blick» auf den zweiten Blick gnadenlos, «Trump umgeht Twitter-Sperre», «Trump-Fanatiker pöbeln Top-Republikaner an» und erschütternde Bilder: «Hier kämpft ein Polizist mit letzter Kraft gegen den Trump-Mob». Wir hoffen und beten alle, dass er wieder zu Kräften kommt.

Dass der «Blick» allerdings bei Tragödien besser titeln kann als die Konkurrenz, beweist er bei der gleichen Meldung: «Mann (53) überrollt Bub (2) zwei Mal». Warum das passiert ist, versucht der «Blick» nicht auch noch in den Titel zu quetschen, sondern benützt die Oberzeile dafür: «Drama wegen vereister Autoscheibe». So macht man das, meine Damen und Herren von der Konkurrenz.

Schliesslich kann auch der «Blick» jöh, und er braucht nicht mal ein Listical dafür: «Polizei rettet jungen Luchswaisen am Strassenrand».

 

CH Media erschreckt mit einer leeren Handy-Falle

Nachdem wir einmal geschnieft und tief durchgeatmet haben, nun noch CH Media, die andere Hälfte des Kopfblättersalats. Auch hier ist der schimpfliche Abgang von Althaus eine grosse Meldung, aber auch die Forderung, der SVP, dass Berset das Corona-Dossier abgeben soll. Exklusiv weiss aber CH Media: «Bundesräte ärgern sich über Auftritte der Covid-Taskforce». Kleiner Tipp: Wer dieses Gremium von publizitätsgeilen und verantwortungslosen Wissenschaftlern einberufen hat, kann es auch wieder auflösen.

Auch hier fehlt die renommierteste Impf-Spezialistin der Schweiz, denn: «Nur die Hälfte des Aargauer Spitalpersonals will sich gegen Corona impfen lassen». Glänzt denn die auf den Samstag verschobene ehemalige Sonntagszeitung des Konzerns wenigstens mit einem Hammer, einem Primeur, einem Exklusivbericht?

Aber ja. Es geht nichts über einen Artikel aus persönlicher Betroffenheit. Am besten mit einem reisserischen Titel. Bitte sehr: «Wie unser Autor beim Bezahlen mit dem Handy in die Falle tappte». Himmels willen, was ist denn dem armen Raffael Schuppisser passiert? Wurde sein Konto von der Russen-Mafia leergeräumt? Haben die Chinesen einen Trojaner auf sein Handy gespielt? Muss er jetzt monatelang, jahrelang Rechnungen von Pornoshops abstottern? Wurden ihm die ersten fünf Buchstaben seines Nachnamens geklaut?

Wer hat’s erfunden? Das Handy als Portemonnaie

Der Artikel ist dann ziemlich lang, womit er doch deutlich an atemloser Spannung verliert. Besonders, als Schuppisser stolz darauf hinweist, dass er schon 2011 einen Artikel geschrieben habe: «Das Handy wird zum Portemonnaie». Ein Hellseher, Wahnsinn. Aber will er nun Abbitte leisten, das Handy wird zur Falle? Ja nicht zum Bezahlen benutzen?

Hm, nachdem ich mich, was tut man nicht alles für sein Publikum, bis zum Schluss durchgekämpft hatte, singt Schuppisser dort nochmals das Loblied auf das Bezahlen mit dem Handy. Sicher, kontaktlos, problemlos. Aber wo ist denn nun die Falle?

Etwa in der Schlusspointe?

«Der dampfende Kaffee stand schon auf der Bar, da zeigte das Handy einen schwarzen Bildschirm. Kein Akku.»

Der Hammer, ein Brüller, so eine Pointe muss ins Pflichtprogramm am MAZ aufgenommen werden. Nur: Wo ist da eine Falle? Der Autor war einfach zu blöd, sein Handy aufzuladen oder das Ladekabel dabei zu haben. Ah, doch, nach scharfem Nachdenken sieht man die Falle: Er trinkt zwar einen Kaffee, aber der stand auf «der Bar»!

Da wurde der Autor offensichtlich in eine illegale Falle gelockt, denn welche Bar hat denn noch offen? Gut, das war dann keine Falle, sondern ein Intelligenztest für die Leser.

Ich gestehe: Ich hätte ihn fast nicht bestanden.

1 reply
  1. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Noch eine Blase von letzter Woche, Michèle Roten von der Werdstrasse beantwortet existenzielle Fragen von Hendrik, 42, Red-Star-Fan:

    «Was finden Sie, wäre es nicht besser, der FCZ und GC würden endlich fusionieren?».
    Frau Roten ist eine ehrliche Haut, sie schreibt:
    «Schön, dass Sie mir diese Frage stellen und damit jemandem, der sich noch nie durch auch nur minimales Fussballwissen oder -interesse profiliert hat».
    Ist doch nichts Neues dass JournalistenInnen von der Werdstrasse über ein Thema schreiben von dem sie wenig bis nichts verstehen. Die Fortsetzung von Nichtverstehen macht heute Claudia Blumer mit ihrem Kommentar:

    «Wengen wäre kein zweites Ischgl geworden».
    Da hat sie natürlich recht, Ischgl ist im Tirol in Österreich und Wengen liegt im Berner Oberland in der Schweiz. Was sie nicht vermerkt dem Covid-19 und seinen Mutanten ist das völlig egal. Sie sieht keine Gefahr. Sie geht wahrscheinlich davon aus dass die Teams ihr Hotelpersonal mitbringen, die abkommandierten Soldaten in Zelten neben der Piste schlafen und die DorfbewohnerInnen eine Woche nicht aus dem Hause gehen. Mindestens Tastaturkompetenz hat Frau Blumer.

    BLICKonline:
    Die Corona-Rolle der Medien.
    Im Rahmen des «Corona-Dialogs» diskutierten am Montagabend, 11. Januar, unter der Leitung von Markus Somm:
    Fabian Renz, Tamedia, Alex Baur, «Weltwoche», Stefan Millius, «Die Ostschweiz», Christian Dorer, BLICK
    Eine Art journalistisches Onanieren unter Gleichgesinnten, natürlich kein kritischer Blick von Aussen, unter sich bleiben und den Mainstream pflegen!

    Die Nau-Redaktion (kann Millionen und Milliarden nicht unterscheiden) hat in den USA eine Mensch gewordene Barbie-Puppe, Ex-Freundin von Melanie Trump gefunden die meint:

    Melania Trump hat nach Kapitol-Eklat «Blut an Händen».
    Artikel ist natürlich von gleich hoher (tiefer) Intelligenz wie die Ex-Freundin. Dem Nau-Niveau entsprechend droht Fadegrad-Kolumnist und Hündler Reda El Arbi:

    «Ich werde auf jeden Fall da sein und mein Maul aufreissen»
    Auch er ist ehrlich. Er behauptet nicht dass er erst überlegt bevor er in die Tasten haut. Maul aufreissen kann sogar mein 16 Monate alter Enkel Jules, nur lacht er dann und gibt witzige Laute von sich und macht Freude. Reda El Arbi ist 51, also 612 Monate, speit Feuer und Galle und verabschiedet siich von Freunden, die wahrscheinlich froh sind denn Sermon und das Jammern von ReA nicht mehr hören zu müssen.

    Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Möchten Sie an der Debatte teilnehmen?
Ihre Meinung interessiert. Beachten Sie die Kleiderordnung dabei.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.