«Und, wie fühlen Sie sich?»

Sportlerinterviews sind voraussehbar. Aber nicht immer.

Interviews mit Sportlerinnen und Sportlern sind oft langweilig. Uninspirierte Fragen, zaghafte Antworten. Emotionale Ausbrüche wie die Weizenbieraffäre auf ARD oder Carlos Varelas Ausraster («Heb de Schlitte») sind Mangelware. Verpasst haben das Nachhaken kürzlich auch Sandra Studer und Rainer Maria Salzgeber. Sie moderierten die Liveshow «Sports Awards» zur Kürung der besten Sportlerinnen und Sportler der letzten 70 Jahre. Die nominierte Kunstturnerin Ariella Kaeslin wollte über ihre Depression nach dem Rücktritt erzählen. Und wurde schnöde überhört. Negatives, Trauriges, Ernstes hat oft nichts zu suchen in der Sportberichterstattung. Schneller, höher, weiter. Die Verlierer, die Geschichte hinter dem Sieg, die Zweifel und Abgründe interessieren weniger. Zumindest nicht die Reporterschar.

Als Ausnahme aufgefallen ist der NZZ-Artikel von Sportredaktor Flurin Clalüna, erschienen am 5. Januar 2021. Eine ganze Seite schreibt er von all den Vorkommnissen, über die er nie schreiben durfte oder wollte. Cholerische Fussballclubpräsidenten, falsche Teammanager und aufgebrachte Trainer, die in der Nacht zum Telefonhörer greifen. Weil der Text nur via Bezahlschranke zu lesen ist, hier das pdf.

Aber warum schreibt Clalüna so offen und ehrlich? Weil er das Ressort wechselt. Er geht zum Folio. Schade für den Sportteil, gut fürs Folio.

Wohl eines der besten Sportinterviews der vergangenen 12 Monate hat Michael Luisier mit Petra Kronberger geführt. Die Österreichern ist eine der erfolgreichsten Skirennfahrerinnen der Renngeschichte. Dreimal gewannt sie den Gesamtweltcup, dazu Abfahrtsweltmeisterin und Doppelolympiasiegerin. Heute, gut 25 Jahre später, ist sie Frauenbeauftragte des Österreichischen Skiverbandes. Luisier fragt einfühlsam und doch nicht unterwürfig. Das Resultat sind interessante und überraschenden Antworten. Die einzige Kritik: gerne hätte man erfahren, warum Petra Kronberger nicht Nachfolgerin des streitbaren ÖSV-Präsidenten Peter Schröcknadel werden möchte.

Speziell am gelungenen Interview ist, dass Michael Luisier zum Team von Radio SRF 2 gehört. Nicht unbedingt der Sender, dem man Sportkompetenz geben würde. Schön, wird man immer wieder überrascht.

 

 

 

 

 

 

2 KOMMENTARE
  1. Karli Marxli
    Karli Marxli says:

    Meine Lieblingsfrage, zu hören jedes Wochenende nach Fussball- oder Hockeyspielen: „Wie erleichtert sind Sie nach diesem Sieg?“ Die Sender erwähne ich nicht, da ich nicht zu den Abonnenten gehöre. Wobei es auch beim Staats-TV nicht viel besser ist.

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    • Victor Brunner
      Victor Brunner says:

      Beim Staatsfernsehen haben sie den Vorteil dass in der Pause und nach dem Match ihnen 2 Leute erklären was sie eben gesehen haben! Die gehen davon aus dass eh alle ZwangsgebührenzahlerInnen total bescheuert sind!

      Antworten

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