Corona sei Dank

Am Unispital Zürich geht es zu und her wie in einer Metzgerei. Skandal nach Skandal. Segelt aber unter «ferner liefen».

Es gibt die (wenigen) Guten in diesem unglaublichen Skandal. In erster Linie ist das Professor Paul Vogt. Als es Anfang dieses Jahres nicht gelang, anschwellendes Gemurmel bezüglich der Herzklinik des Uni-Spitals und ihres damaligen Leiters unter dem Deckel zu halten, liess sich die Spitalleitung mühsam zu einer externen Untersuchung tragen.

Als dann verdienstvollerweise der «Tages-Anzeiger» und «Inside Paradeplatz» immer tollere Stücke aus diesem Tollhaus veröffentlichten, sah sich die Spitalleitung gezwungen, ihren bis dahin hochgelobten Herzchirurgen, weltbekannten Experten, hochangesehenen Professor Dr. Francesco Maisano, zu beurlauben. Nur für die Zeit der Untersuchung, die dann, Überraschung, ein paar kleine Fehler fand, aber eigentlich nichts Gravierendes.

Was einer alleine alles ausrichten kann

Aber während die Spitalleitung bis hinauf ins Kontrollgremium Spitalrat meinte, in Vogt einen stillen Verwalter in Notzeiten gefunden zu haben, täuschte sie sich schwer. Denn der stiess innert kürzester Zeit auf einen ganzen Berg von Schweinereien. Was Operationen, den Einsatz eines nutzlosen Ersatzteils, das aber von einer Firma hergestellt wird, an der Maisano beteiligt war, aber auch, was finanzielle Ungereimtheiten betrifft.

Was die Spitalleitung falsch eingeschätzt hatte: Vogt ist nicht nur völlig unabhängig, er ist auch ein Arzt, dem es nicht in erster Linie um das Wohl seines Portemonnaies geht, sondern um das der Patienten. Also setzte er die Spitalleitung so lange unter Druck, bis die die Beurlaubung Maisanos auf unbestimmte Zeit verlängerte.

Was den aber nicht daran hinderte, unter Ausnützung seiner Seilschaften an der Klinik, weiterhin sein Büro und die Infrastruktur zu benützen. Schliesslich räumt Vogt weiter auf; es gibt einen Exodus von rund 10 Maisano-Anhängern, der ehemalige Klinikdirektor wird dann fristlos gefeuert und es wird Strafanzeige wegen Urkundenfälschung gegen ihn eingereicht. Es besteht der Verdacht, dass Maisano Patientenakten manipuliert haben soll.

Ein völlig überforderter Spitalratspräsident

Dass der Whistleblower, der den ganzen Fall ins Rollen brachte, zuerst entlassen wurde, dann wieder eingestellt, dann nochmals entlassen, das ist nur eine Groteske am Rande. Nachdem sich der völlig überforderte Spitalratspräsident Martin Waser zunächst mit dem üblichen «es wurden Fehler gemacht» aus der Verantwortung stehlen wollte, muss er unter zunehmendem Druck zurücktreten.

Scherbenhaufen neben Scherbenhaufen; auch andere Klinikdirektoren sollen sich unrechtmässig bereichert haben, wurden entweder stillschweigend entsorgt oder zum Rücktritt getragen. Der Fall Maisano ist noch längst nicht abgeschlossen. Neben möglichen Operationsfehlern mit tödlichen Folgen, was zu unabsehbaren Haftungsfolgen führen wird, ist es auch nur dem Insistieren des Sohnes einer in der Herzklinik verstorbenen Patientin zu verdanken, dass sich an ihrer horrenden Rechnung bestätigte, was vorher schon vermutet wurde.

Krankenkasse zahlt, also kann abgezockt werden

Dass es zum guten Brauch, nicht nur an der Herzklinik, gehört, dass Ärzte sich für Operationen einschreiben, die sie gar nicht selbst durchführen. Dass sie an Besprechungen teilnehmen, die dann vierstellig in Rechnung gestellt werden, obwohl sie nicht gleichzeitig an vier oder mehr Meetings teilnehmen könnten oder sicher nicht sieben Stunden eines Arbeitstags damit verbrachten.

Das alles führte im Fall dieser betagten Patientin, über die noch beratschlagt wurde, als sie bereits im Koma lag, zu einer Gesamtrechnung von fast 200’000 Franken. Inklusive Eingriffen, Operationen, die von Fachleuten als völlig überflüssig taxiert werden. Aber das Problem ist: Krankenkasse zahlt, Kanton St. Gallen als Überweiser zahlt, dem Sohn blieb ein Selbstbehalt von lediglich 100 Franken.

Deswegen macht normalerweise niemand ein Büro auf, aber hier ging es einmal einem Unternehmer ums Prinzip. Alleine schon, um Einsicht in die detaillierte Rechnung zu bekommen, musste er einen Regierungsratsentscheid aufbieten; das Spital weigerte sich.

Ein Riesenskandal auf kleiner Flamme gekocht

Alles in allem ein Riesenskandal. Ein völlig unfähiges Kontrollgremium, das wie viele solcher staatlich dominierter Aufsichtsräte nicht nach Kompetenz, sondern nach Parteibuch und Seilschaften besetzt wird. So kam ein Waser, ehemaliger Lehrer und Stadtrat für Schulen, zu diesem Amt, da man noch ein Abklingbecken bis zur Pensionierung für ihn brauchte – mit einem netten jährlichen Salär.

Bislang im Amt halten konnte sich der Spitaldirektor Gregor Zünd. Er laviert geschickt damit, dass die unmögliche Struktur des Spitals – eine Kreuzung zwischen Uni Zürich und Kanton Zürich, ihm gar nicht die Möglichkeit gäbe, richtig durchzugreifen. Dann noch die Leier von bedauerlichen Einzelfällen, durchaus Handlungsbedarf, aber das sei oberhalb seiner Gehaltsklasse.

Maisano fuhr gewaltige Geschütze auf

Maisano zeigte zusätzlich, was man heutzutage alles auffahren kann, wenn man genügend Geld aufwirft. Er liess sich ein ihn völlig entlastendes Gutachten erstellen, mit dem er sich als unschuldiges Opfer darstellen konnte. Er motivierte die «Weltwoche» dazu, eine mehrteilige Kampagne gegen seinen Nachfolger und für Maisano zu fahren, der hier auch als Opfer finsterer Machenschaften verteidigt wurde.

Bis immer mehr Ungereimtheiten zum Vorschein kamen und die WeWo abrupt in ihrem Kreuzzug pro Maisano stoppte und verstummte. Ebenso wie die Solidaritätsadressen versiegten; nur das Kantonsspital St. Gallen war so blöd, sich stramm hinter Maisano zu stellen.

Anhaltend kranke Zustände am Spital

Also alles in allem ein anhaltender Skandal. Das wichtigste Spital des Kantons Zürich ausser Kontrolle. Versagen auf allen Ebenen. Gefährdung des Patientenwohls, Ärzte als gierige Beutelschneider zum Wohl der eigenen Geldbörse. Unfähige Aufsicht, unfähiger CEO, und was passiert? Ein paar Rücktritte, ein paar übliche Ankündigungen – und die berechtigte Hoffnung, dass man das aussitzen kann.

Corona sei Dank. Denn wenn das Unispital in den Medien auftaucht, dann als Mitsänger im Chor, dass dringend die Fallzahlen gesenkt werden müssten, man sei wieder an der Kapazitätsgrenze, schon erste Operationen mussten verschoben werden.

Missmanagement, über Jahre hinweg geduldet, offener Betrug auf Kosten der Krankenkassen und des Steuerzahlers? Jahrelang geduldet. Versagen aller Kontrollinstanzen und der Spitalleitung? Jahrelang geduldet. Abhilfe in Sicht? Nicht mal am Horizont. Corona sei Dank.

Praktisch keine Eigenleistung der Medien

Und den Medien, die auch hier weitgehend ihre Funktion als vierte Gewalt eingebüsst haben. So aufsehenerregend auch die Enthüllungen im Tagi und auf «Inside Paradeplatz» waren: Das war alles angefüttert, zugehalten. Keine Eigenleistung. Ausser vielleicht, sich juristisch abzusichern.

Genauso machte es Maisano auf der anderen Seite. Er beschäftigte sogar eine der üblichen, sackteuren und völlig ineffizienten Agenturen, die zunächst eine Riesenstrategie entwickeln, einen nicht minder riesigen Vorschuss kassieren, um dann kläglich zu versagen. Und die übrigen Medien machten das, was sie inzwischen am besten können: copy/paste.

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