Der «Tages-Absteiger»

Miese Performance im Blatt und an der Börse.

Zwei Medientitel: TX Group und New York Times. Zwei Verleger: Pietro Supino und Arthur Gregg Sulzberger. Beide müssen ein traditionsreiches Verlagshaus durch stürmische Zeiten lotsen. Die Zeitung aus Zürich gibt es seit 1893, die aus New York seit 1851.

Auch wenn beide Zeitungen ungleich grosse Märkte bedienen, eines haben sie gemeinsam: Sie kämpfen gegen erodierende Anzeigenverkäufe der gedruckten Ausgabe, Google, Facebook und das vermeintliche Desinteresse an längeren Texten.

Und noch etwas teilen sie: Kontrolliert werden sie seit Generationen von einer Grossfamilie. Die 26 Coninx-Familienmitglieder halten 73 Prozent der TX Group (ehemals Tamedia AG), der Sulzberger Ochs-Clan besitzt zwar nur 13 Prozent der NYT-Aktien, kontrolliert das Unternehmen aber dennoch mit 90 Prozent der Stimmrechte.

1 Mio. pro Nase

Abkassieren. Das ist ein grundlegender und ebenso problematischer Unterschied zwischen den beiden Familien. Zuerst zum weit verästelten Coninx-Clan. Am 2. Oktober 2000 bringt er das Unternehmen an die Börse. Die Coninx’ verdienen an einem Tag eine Viertelmilliarde Franken, und schöpfen in den folgenden 20 Jahren jährlich eine Dividende von 3 bis 4,5 Prozent ab. Insgesamt fast 800 Millionen Franken. Pro Kopf sind das im Schnitt über eine Million Franken pro Jahr.

Im Unterschied zur prosperierenden Eignerfamilie, geht der «Tages-Anzeiger» durch ein Tal der Tränen. In den vergangenen Jahren rutschte der «Tages-Anzeiger» von der Super League die Challenge League ab. Allein in den letzten 12 Jahren verlor die Zeitung über 100‘000 täglich verkaufte Exemplare. 2019 lag die gedruckte Auflage noch bei 112‘500 verkauften Exemplaren.

Was dem Unternehmen bis heute zusetzt, ist das unstillbare Verlangen der Familie nach maximalen Dividendenausschüttungen. Auch in den schwierigsten Zeiten. Das geht an die Substanz. Und das ist letztlich ein entscheidender Unterschied zur Familie Sulzberger. Sie glaubt an den Journalismus, sie  investiert in die Redaktion und begnügt sich deshalb mit einer minimalen Dividende von 0,48 Prozent. Das ist fast zehnmal weniger als der Coninx-Clan abschöpft. Das ist Geld, das für die Garantierung eines qualitativ beständigen Journalismus fehlt.

800 Mio. in einem Jahr

Der Verzicht auf eine dicke Dividende sollte sich für die New York Times bezahlt machen. Die Zeitung ging gestärkt aus den Krisenjahren hervor. Die digitalen Abos brachten ihr 2019 einen Rekorderlös von 800 Millionen US-Dollar ein, ein Jahr früher als vorgesehen. Selbst in schweren Zeiten wurde die Redaktion nicht geschwächt, sondern erweitert. Ihre Qualität hat nicht nachgelassen. Für den politischen Diskurs des Landes ist sie unverzichtbar. Ihre Arbeit hat in der Ära Trump noch an Gewicht gewonnen. Keine andere Zeitung gewinnt so viele Pulitzer-Preise wie die New York Times.

Und der Tages-Anzeiger? In den elf Kategorien des «Schweizer Journalist» gab es dieses Jahr nur noch eine Gewinnerin aus dem Hause Tages-Anzeiger, und zwar in der Sparte «Kolumne».

Extremer Wertverlust

Nicht nur publizistisch läuft es harzig. Auch an der Börse hat das Vertrauen in das Geschäftsmodell der Familie Coninx  messbar nachgelassen. Seit dem Börsengang vor 20 Jahren befindet sich die Aktie im Sinkflug. Selbst als die TX-Gruppe diese Woche eine Investition in einen digitalen Vermögensverwalter ankündigte, quittierten die Anleger das mit Verkäufen. Die Aktie ist heute gerade  76 Franken wert, mehr als dreimal weniger als vor 20 Jahren. 20 Prozent beträgt ihr Kursverlust im Vergleich zum Vorjahr.

Und die New York Times? Sie hat in einem Jahr 50 Prozent an Wert gewonnen und befindet sich auf einem Allzeithoch.

4 KOMMENTARE
    • Sebastian Renold
      Sebastian Renold says:

      Nicht nur unanständig, sondern auch unverantwortlich und schäbig gegenüber jenen, die mit ihrer Arbeit das Geld erst geschaffen haben und nun auch noch Opfer zweifelhafter Sparübungen werden.

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  1. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Auch die Aktionäre von TX Group glauben an den Journalismus, sie setzen einfach die Messlatte beim Journalismus tiefer und profilloser, bei den Dividenden höher in der Hoffnung dass Ende Jahr der Rubel rollt. Verständlich, da muss der TA auch die Fixkosten im Auge behalten. Daher langjährige Mitarbeiter, Büttner, wenige Jahre vor der Pensionierung feuern und mit billigen, jüngeren, pflegeleichten «JournalistenInnen» oder Freelancern ersetzen. Mit Stäuble/Amstutz hat das Management willige VollstreckerInnen.

    Die tiefe Messlatte ist jeden Tag ersichtlich:
    «Das Ausmass an Gewalt gegen queere Menschen schockiert mich» von Aleksandra Hiltmann, nimmt eine einseitige Studie zuhilfe um das LGBTIQ-Thema aufzuköcheln. Hiltmann hat in dem Artikel ein neues Wort geschaffen: inputten. Superleistung. Schwerstundinallenthemenkompetentejournalistin Frau Binswanger hilft mitköcheln mit dem Artikel «Niemand freut sich, wenn er merkt, dass er transgender ist».

    «Man darf auch mal mit der Limo reisen», Nora Zukker unterstützt die Promotionstour für das Buch von Martin Suter und Benjamin von Stuckrad-Barre, angefragt vom Diogenes-Verlag. Im Interview wissenswertes zu Badehosen.

    «Da lasse ich mich zu gern einfach zum Helden impfen», 2 JournalistenInnen befragen 15 Personen ob sie sich gegen Corona impfen lassen. Alle natürlich! TA wieder auf dem Mainstream, nachdem ein paar Wochen aufmucken angesagt war

    «So funktioniert der Impfstoff von Pfizer/Biontec», Journalisten: Publiziert heute. Fortschritt: bei schlechten Artikeln muss der Schreiber nicht mehr mit Namen hinstehen. Ich meinte Impfstoff müsse wirken, neuerdings funktionieren.

    Immer wieder ein Brüller der Artikel und Podcast von Mirja Gabathuler, Yvonne Eisenring. Heute im Kreuzverhör: Dimitri Stapfer, who? Titel: «Auf Pinkelspiele habe ich keinen Bock». Gut zu wissen, ob Stapfer auf Pinkelpausen steht wird nicht thematisiert!

    Der Mussartikel aus München, heute vom berüchtigten SZ Journailsten Hubert Wetzel, «Erste indigene Ministerin nominiert». Da kann folgender Satz gelesen werden: «Das Innenministerium ist nämlich in gewisser Hinsicht zuständig für die bitteren Teile der amerikanischen Geschichte».

    In gewisser Weise lohnt es sich tatsächlich Brain abzubauen um Cash aufzubauen. Die Stakeholder werden zufrieden sein.

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    • Victor Brunner
      Victor Brunner says:

      Nachtrag zum Artikel und Podcast von Mirja Gabathuler, Yvonne Eisenring! Die Titelakrobaten der Werdstrasse haben eine neue Überschrift gesetzt: neu: «Beim Sex sind Rollenspiele tabu». Peinlichkeit ist grenzenlos!

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