Von der Parteipresse zum Medienmonopol

Der Bündner Journalist Hansmartin Schmid hat die Churer Presse historisch aufgearbeitet.

Mit seinem kantigen, bündnerdeutsch eingefärbten «Hauchdeutsch» ist er den älteren TV-Zuschauern noch ein Begriff. Der aus Chur stammende Hansmartin Schmid. Er startete seine Karriere als Printjournalist und war dann viele Jahre für SRF als Korrespondent aus Graubünden, Rom, Bern und Bonn (damals noch Hauptstadt der BRD) im Einsatz. Sein Markenzeichen: Die Schirmmütze. Nun hat der 81-jährige Historiker ein besonders für Medienschaffende interessantes Werk herausgegeben. «Die Geschichte der Churer Presse – von 1797 bis zur Gegenwart». Das handliche, 80-seitige Büchlein ist auch darum speziell, weil es zu jeder der 28 beschriebenen Zeitungen seit 1797 ein abgedrucktes Titelblatt gibt. Für den Schnellleser, eine Spezies mit wachsender Ausbreitung, ist das besonders spannend. Die Titelblätter geben einen Überblick über die jeweiligen Stile der Zeitungssetzer. Das Buch ist aber auch eine Ehrerbietung an all die mutigen Zeitungsmacher der letzten 220 Jahre. Man findet quasi Eintagsfliegen, die schon um 1800 ähnlich lange wie kürzlich die Basler «Tageswoche» (2011-2018) durchhielten. Etwa die Churer Zeitung (1799-1806) oder der Volksfreund (1878-1885). Bis in die 1930er Jahre war die aus heutiger Sicht nur schwer lesbare Frakturschrift Standard. Dafür wurde noch selber in die Tasten gehauen, oft vom Verleger persönlich. Später machte man es sich einfacher.

Viele Agenturmeldungen prägten die Titelseite der Bündner Zeitung in den 1970er Jahren.

So sind die Texte des Bündner Tagblatts von 1987 auf Seite 1 allesamt von der Schweizerischen Depeschen- oder der Deutschen Presseagentur. Das ist bei der Bündner Zeitung von 1975 nicht anders. Dort kommen die Artikel von Reuter und von der DDP.

Eigentlich erstaunlich, ist doch jene Ausgabe vom 3. Januar 1975 die erste gemeinsame Ausgabe der bisherigen Konkurrenten «Neue Bündner Zeitung» und «Der Freie Rätier». Waren damals die Redaktionen so klein oder so faul? Oder wollte man die grosse Welt markieren, hatte aber keine Korrespondenten?

Braver Verlautbarungsjournalismus

Hanspeter Lebrument, heutiger Quasi-Monopolist der Churer Medienwelt, hat durchaus recht, wenn er im Nachwort davon schreibt, dass bis weit in die 1970er Jahre die Zeitungen parteipolitisch gefärbt waren. «Die Zeitungen transportierten die jeweilige Parteimeinung, übten sich in bravem Verlautbarungsjournalismus und huldigten ansonsten der Aussenpolitik», so Lebrument (79). Ob die heutigen Monopolisten auf dem Platz Chur – die Südostschweiz und das Bündner Tagblatt aus dem Haus Lebrument – wirklich kritischer sind? Wenn Frau Martullo-Blocher ruft, wird pariert. Die Ems-Chemie ist die grösste private Arbeitgeberin des Kantons. Auch der Konkurs einer Sägerei, die den Steuerzahler gut 23 Millionen Franken kostete, wurde vor einigen Jahren nicht kritisch beleuchtet. Zu sehr hing die Kantonsregierung im Schlammassel mit drin.

Viva war der Stachel im konservativen Chur

A propos kritische Zeitungen. Eine in den wilden 70er und 80er Jahren erscheinende Zeitung ist bei der Aufstellung vergessen gegangen, wie Hansmartin Schmid auf Anfrage sagt. Es war das «Viva». Zwischen 1972 und 1988 hatte ein linkes Redaktionskollektiv 71 Ausgaben mit durchschnittlich 12 Seiten im A3-Format herausgebracht. Rund um das «Viva» entwickelte sich die «Linke Alternative», die den «Viva»-Redaktor, Rechtsanwalt Andrea Bianchi, ab 1980 in die Politik brachte und der neuen Partei Stimmenanteile bis 10 Prozent. Das Projekt «Viva» ging dann unter, weil «der Generationenwechsel misslang», so Fredi Lerch in einem Editoartikel.

Alles in allem hat Hansmartin Schmid aber einen sehr aufschlussreichen Überblick über die Churer Medienlandschaft abgeliefert. Ein kurzweiliges Werk gegen das Vergessen längst aufgegebener Blätter. Und eine Zusammenstellung, die aufzeigt, wie es zum aktuellen  Medienmonopol in Chur kam.

Hansmartin Schmid wohnt heute in Domat-Ems und schreibt noch regelmässig Kolumnen im «Bündner Tagblatt».

Somedia Buchverlag: Die Geschichte der Churer Presse von 1797 bis zur Gegenwart
ISBN: 978-3-907095-19-5
Erschienen: Oktober 2020
Preis: 25 Franken

 

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