Keiner zu klein, Chefkommentator zu sein

Mario who? Also bitte, Mario Stäuble ist Tagi-Co-Chefredaktor. Aber leider nicht Bundesrat.

Mario who Stäuble darf endlich seine Leidenschaft ausleben. Denn dank seiner neuen Position traut sich keiner, ihn vor sich selbst zu schützen. Also kommentiert er wie wild vor sich hin. Kein Thema zu klein, um nicht seiner Ratschläge, Zurechtweisungen, Kritiken zu bedürfen.

Alleine in den letzten sechs Monaten gehen sie in die vielen Dutzende. Da kennt er kein Pardon: «Eine kapitale Peinlichkeit» sei die Entstehungsgeschichte des Forscher-Campus in Dübendorf. «So geht man nicht mit Genossenschaftern um», rügt er streng die Genossenschaft Sunnige Hof.

Aber sein Lieblingskommentarthema ist natürlich, Überraschung, die Pandemie. Da erweckt er den Eindruck, dass er gar nicht weiss, wo und bei wem er mit seinen Ratschlägen, Anweisungen, Urteilen, Forderungen anfangen soll.

Stäuble kann auch nicht gleichzeitig überall sein

Schon Ende Juni wusste Stäuble: «Die Clubs sollen schliessen und nachbessern.» Bereits eine Woche später war er sicher: «So funktioniert das mit der Quarantäne nicht.» Am 24. September warnte er streng: «Zürich darf nicht nachlassen» bei der Corona-Abwehr. Am 15. Oktober war er bereits leicht verzweifelt: «Zürcher Regierung verschläft die zweite Welle.»

Am 19. Oktober musste dann der Bundesrat gerüffelt werden. Seine Massnahmen seien ungenügend, «um die Corona-Kurve zum Abflachen zu bringen». Lassen wir das mal sprachlich durchgehen, denn wir sind ja nicht Stäuble, der nassforsch fortfährt, dass der Bundesrat dann schnell zugeben müsse: «Der Spagat funktioniert nicht. Wir müssen verschärfen.» Man beachte den Pluralis Majestatis (kann man googeln). Oder aber, Stäuble sieht sich schon insgeheim als achter Bundesrat.

Hinter den Kommentaren versteckt sich ein grosses Leid

Aber das grosse Leid von Stäuble ist, dass einfach keiner auf ihn hören will. Obwohl er doch unablässig mahnt, warnt, mit dem Zeigefinger wackelt. «Zürich macht viel zu wenig, viel zu spät», wechselt er schon am 23. Oktober wieder das Angriffsziel. Dann muss er erschöpft eine Pause eingelegt haben, aber am 4. Dezember ist er wieder voll auf der Höhe der Rechthaberei: «So schwindet das Vertrauen in den Schweizer Weg.»

Aber nicht das Vertrauen Stäubles in seine Fähigkeiten als Weg- und Zurechtweiser. Am 8. Dezember schliesslich übertrifft er sich selbst. Er haut gleich zwei Kommentare raus. Um 17 Uhr eine erste Watsche für die Zürcher Regierung: «Die Standpauke aus Bern war nötig.» Das hat Seltenheitswert; der Co-Chef des Tagi lobt Bern und brät Zürich eine über. Aber er hat nachgeladen; um 21.13 greift er nochmals ins Weltgeschehen ein: «Endlich klemmt der Bundesrat das «Gstürm» ab.»

Was für ein «Gstürm»? Nun, damit meint Stäuble den Föderalismus, den man wohl zusammen mit dem Ständemehr auch gleich abschaffen sollte. Denn endlich soll das «föderalistische Corona-Wirrwarr» mit einem Machtwort aus Bern beendet werden. Allerdings: obwohl der Bund nun die Kontrolle übernehme, sei «der Schaden längst angerichtet».

Ein brutal klingender Schritt vorwärts

Aber jetzt endlich: Sperrstunde für Läden und Gastro ab 19 Uhr, Kulturleben noch mehr lahmlegen. Restaurants ganz schliessen, wenn die Fallzahlen nicht sinken. Da kann Stäuble keine Rücksichten nehmen: «Was für die betroffenen Branchen brutal klingt, ist in Wirklichkeit ein Schritt vorwärts», behauptet der Angestellte Stäuble. Für den brutal wäre, wenn er keine Geschäftsspesen mehr machen dürfte. «Jetzt müssen landesweite Entscheide her», weiss er.

Die Welt, zumindest die Schweiz, wäre eine viel bessere. Wenn sie nur endlich ein Einsehen hätte und auf Stäuble hören würde. Statt sich bei dieser Kommentarflut zu fragen, was ein Tagi-Co-Chefredaktor eigentlich sonst zu tun hat.

Eine neue Kassandra ist unter uns

Man muss sich dieses tragische Schicksal vor Augen führen: eine moderne und männliche Kassandra, sieht das Unheil voraus, warnt, zeigt sogar Lösungen auf, weiss immer, wer was falsch macht – und wie man’s besser machen könnte.

Aber wie Kassandra, der Gott Apollon die Gabe der Weissagung gab, dann aber auf sie sauer wurde, als sie sich nicht verführen liess, und sie damit bestrafte, dass niemand ihren richtigen Vorhersagen glauben werde, ist auch Stäuble mit diesem Schicksal geschlagen. Er weiss es, er weiss es besser, er sieht’s kommen – aber nichts, keine Reaktion, kein Innehalten, keine Umkehr der Regierenden auf ihren Irrwegen.

Wir wissen Trost

Das schlaucht ganz schön. Aber voller Mitgefühl können wir Trost spenden: Weil keiner auf ihn hört, kann er völlig haftungs- und verantwortungsfrei seine Weisheiten verkünden, seine Forderungen raustrompeten. Er wird nie in der peinlichen Situation sein, sich rechtfertigen zu müssen, wenn man auf sein Gequatsche gehört hätte. So gesehen sind doch alle besser dran.

4 KOMMENTARE
  1. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Stäuble, who? 1/2 Chefredaktor TA meint: ««Was für die betroffenen Branchen brutal klingt, ist in Wirklichkeit ein Schritt vorwärts», um 19 Uhr Beizen schliessen. Da ist er voll auf BR Linie wie zu Anfang der Pandemie. Was die frühe Beizenschliessung bringen soll kein Thema, kein Hinterfragen mehr. Die Lage ist kritisch, also vom halben Chef wieder Hofberichterstattung. Stäuble ist halt der typische Schreiberling aus der Wellnessoase Werdstrasse, Realitätsbezug gering, Kompetenz gering, Durchblick gering, eigenes Profil viel geringer.

    Da macht es Philipp Looser, Permanentmahnfingerjournalist, (liest viele Bücher und erwähnt in seiner Kolune im Magi auch immer eines) anders. Im TA von heute prügelt er, auf BR, auf kantonale Regierungen. Looser ist ein aufmerksamer Beobachter in «Bern». Er hat jeden Auftritt von Sommaruga und Berset während der Pandemie gesehen und kann urteilen. Die beiden BR: «haben diese Woche die bisher schlechteste Medienkonferenz seit Beginn der Pandemie gegeben». Was noch schlimmer ist, Sommaruga hat an der falschen Stelle gelächelt! Enttäuschend dass er keine Hintergrundinformationen zum Make-up von Sommaruga geliefert hat. Wahrscheinlich folgt da noch etwas von Frau Amstutz.

    Was ist an der Werdstrasse passiert? Die Staats- und Obrigkeitsgläubigkeit des Philipp L. wurde stark gebeutelt, während die Gläubigkeit bei seinem Chef Mario S. gestiegen ist. Das heisst der Zickzack-Kurs des TA ist weiterhin gewährleistet, erkennbares Profil nach wie vor nicht erkennbar.

    Zusammengefasst hat Philipp L. den Zustand des TA richtig bezeichnet: «Wir haben den Tiefpunkt erreicht», «Wir werden uns alle ein bisschen schämen».

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    • Alois Fischer
      Alois Fischer says:

      Wann entdecken unsere Mainstream-Leuchtfeuerwärter von CH-Media, TX Group und Ringier endlich, wie wohltuend solche Kommentare, wie der von Herr Brunner sein könnten? Nicht für Ihn, sondern für Sie, Sie und Sie …
      Warum werden die in allen *richtigen» Medien einfach gecancelt ( oder «Entfernt» oder einfach nicht veröffentlicht)?
      Ja, das mit den Zeigefingerwacklern (Danke Herr Zeyer) scheint unausrottbar mit der Arroganz, dem Besserwissen und dem Elitedenken verknüpft.
      Wer nicht die Kraft, die Stärke und den Willen dazu hat, sollte sich nicht medial engagieren, geschweige denn als Unternehmer seine Angestellten und sich selber gefährden.
      Ich darf mir als Konsument jede Menge gut- oder schlechtgemeinter Kommentare, rat- und radschlagende Meinungen reinziehen, aber wo darf ich mich mit einem Hinweis, einem Lob oder einer eigenen Meinung jederzeit unbeliebt machen?
      Daran krankt die öffentliche Information und Mehrweg-Kommunikation ganz gewaltig.

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