Berset, versemmelt

Roger Köppels Kommentar wurde heute in der NZZ als Inserat geschaltet. Wenn die Mücke platzt, statt zum Elefanten zu werden.

Man muss der «Weltwoche» lassen: Mit ihrer «Eilmeldung» vom vergangenen Samstag sorgte sie für Furore. «Berset: Erpressung und Vertuschung», das löste Gehampel, Gefuchtel und Gefluche aus.

Letzteres bei der Sonntagspresse, die wohl auch Kenntnis vom einsehbaren Strafbefehl gegen die Erpresserin hatte, aber nicht damit rechnete, dass die am Donnerstag erschienene «Weltwoche» einfach ihren Internetauftritt ausnützt, um den Kollegen eine lange Nase zu drehen.

Zuerst wurden die Kampfhandlungen gegen die WeWo eingestellt

Während aber am Tag des Herrn grummelig einfach nacherzählt wurde, ging’s ab Montag richtig los. Immerhin über 250 Treffer erzielt die SMD-Suche nach «Berset – Erpressung». Da die WeWo nicht gerade beliebt ist bei den Kollegen der sogenannten Qualitätsmedien, wurden zwei Schienen gefahren. Auf der einen wurde eher kurzfristig auf die WeWo eingeprügelt, nach der Devise: Das ist Privatsache, darüber schreibt man nicht, pfui.

Nach einem eigenen Berg von Geschreibsel sah man dann allerdings ein, dass das vielleicht etwas heuchlerisch rüberkommen könne und stellte diese Kampfhandlungen ein. Um sich an der Exegese eines vielfach geschwärzten Strafbefehls zu versuchen. Beruhigendes Resultat: vielleicht hätte Berset schneller die Polizei einschalten sollen, aber sonst: alles in Ordnung, alles sauber, alles kein Problem.

Und im Umkehrschluss: Hätte die WeWo nicht aus durchsichtigen Gründen gegen einen erfolgreichen SP-Genossen Stunk gemacht, hätten wir uns auch diese Woche ausschliesslich auf Corona und Trump konzentrieren können. Aber schön, haben wir drüber geredet.

Die WeWo will aus einem Artikel eine Kampagne machen

Das wiederum will die «Weltwoche» nicht so stehenlassen, also legt sie nach. Gleich mit einem Doppelschlag. Autor Christoph Mörgeli, im Enthüllungsrausch, schreibt trotzig: «Bundesrat Alain Berset (SP) ist erpressbar.» Und sein Chef hat’s letzthin mit filmischen Vergleichen. Nachdem er Donald Trump zum John Wayne der Politik verklärt hat, fällt ihm bei Berset gleich «Pulp Fiction» von Quentin Tarantino ein, dem grössten Kopisten Hollywoods.

In dieser Gaga-Story über zwei philosophierende und unendlich quatschende Killer gibt es eine Szene, in der sie – aus Versehen – ihren Passagier im Auto erschiessen. Das ist für einen Killer natürlich kein grösseres Problem. Aber die verdammte Sauerei im Wagen; Blut, Körperflüssigkeiten, Hirnmasse, schrecklich, das muss weg.

Für solche Fälle hat die Unterwelt natürlich einen Spezialisten. Harvey Keitel hat einen grandiosen Kurzauftritt als «the cleaner». Er räumt professionell Schweinereien aller Art auf. Entsorgt Überflüssiges, stellt Sauberkeit und Ordnung wieder her. Damit alles wieder so aussieht, als sei nichts geschehen.

Was hat «Pulp Fiction» mit Berset zu tun?

Eine der wenigen wirklich gelungenen Szenen im Film, vielleicht abgesehen von der ikonischen Tanzeinlage. Aber was hat das mit Berset und der Erpressung zu tun? Nun, da versucht sich Roger Köppel in einem erkenntnistheoretisch spannenden Looping. Er braucht viele Zeilen dafür, aber die Kernaussage ist: Wo nichts war, muss nichts aufgeräumt werden. Wenn aufgeräumt werden musste, damit Bundesrat Berset in seiner Berufsausübung nicht beeinträchtigt werde, war er beeinträchtigt. Und damit erpressbar.

In der leicht überhöhten Originalformulierung:

«In diesem Fall aber bliebe die wesentliche Frage offen, warum Berset die alles zermalmende Wucht der bundesrätlichen Strafjustiz gegen dieses angebliche Nichts einer Erpressung überhaupt entfesselte, denn wo nichts ist, kann nichts herauskommen und muss auch nichts gelöscht oder geheimgehalten werden.»

Quod erat demonstrandum, würde Köppel sagen, hätte er Latein gehabt.

Chef oben, Mörgeli unten

Während sich der Chef um geistige Flughöhe bemüht, ist Mörgeli unterwegs, um im Nahkampf aus seiner Enthüllung eine Kampagne zu machen. Ein Schuss ist gut, aber danach muss man nachladen. Denn schliesslich habe seine Enthüllung «einen Flächenbrand» ausgelöst, schlimmer noch, «das Abwehrdispositiv wackelt».

Also ruft Oberstleutnant Mörgeli «Attacke» und galoppiert los, als gäbe es noch die Schweizer Reiterarmee. Als geschickter Stratege weiss er, dass man nicht auf breiter Front angreifen sollte. Sondern versuchen, durch eine Bresche zu gelangen.

Die heisst «Erpressbarkeit». Da fährt Mörgeli alles auf, was er zusammenkratzen kann. Natürlich die Meinung eines Strafrechtsprofessors: «Das geht für mich nicht auf.» Die Hinter- und Abgründe eines Strafbefehls. Gar das Fehlen oder das Vorhandensein eines s am Ende des Wortes «Foto». Denn manchmal war’s nur eins, manchmal waren es mehrere. Hochverdächtig.

Verdächtig, wackelige Wagenburg, hilflos

Dagegen verberge sich Berset in einer «eiligst zusammengekarrten Wagenburg». Während die Kontrollinstanzen, vom Parlament angefangen – was Wunder – «einen hilflosen bis ausweichenden Eindruck» machten. Als Ausdruck dieser Haltung wird Ständerat Andrea Caroni (FDP) in den Senkel gestellt; der behaupte, Berset habe «sofort» Strafanzeige gestellt.  Pfeife, Unsinn, setzen, donnert da der Besitzer des Diploms fürs Höhere Lehramt, das sei «nachweislich falsch».

In diesem ganzen Sumpf könnten noch Sumpfblasen in Form von «weiteren undichten Stellen» (wieso weiteren?) in Form von «Fakten, aber auch Gerüchten» nach oben steigen. Aber das einzige Phänomen, das wir zurzeit beobachten können: Zwei erwachsene Männer versuchen, eine Eintagsfliege möglichst lang am Leben zu erhalten und zum Elefanten aufzupumpen. Beim Platzen gibt das keine Sauerei, die einen Cleaner bräuchte. Aber den guten Ratschlag: Man muss wissen, wann es mal gut ist.

Nehmt Euch doch ein Beispiel am «Blick». Als erfahrenes Boulevard-Medium hat der «Blick» schnell gemerkt: Berset, Erpressung, Frau, super Story. Aber genauso schnell wurde es ihm klar: das war’s; ausser, wir treiben die Erpresserin auf, ist die Story auserzählt.

7 KOMMENTARE
  1. Leonie Walker
    Leonie Walker says:

    Ein wie meist hervorragendes Editorial dieses hochbegabten Schreibers. Alles ist schlüssig begründet, hervorragend formuliert und die Analogie zum Film einfach genial. Das soll ihm erst mal einer nachmachen unter der Journalistengilde hierzulande. Herrn Zeyers Kritik empfinde ich als kleinkariert.

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  2. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Schon das zweitemal dass Roger Köppel einen Kommentar als Inserat in der NZZ geschaltet hat. Eingständnis dass er mit seinem Wochenblättli wenig LeserInnen und Wirkung erreicht. Enttäuscht ist der Oberstleutnant der Infanterie (unglaublich wer früher alles für einen Führungsgrad in der Armee taugte), dass aus dem erwarteten Flächenbrand nichts wurde. Aber Mörgeli weiss es selber, Scheitern ist Teil seiner Existenz und grosse Auftritte nicht mehr sein Ding. Immerhin hat er es noch mit Britschgi in TalkTaglich von Tele Züri, korrekt wäre Tele Mittelland, geschafft. Das mag man ihm gönnen. Gönnen mag man es auch Köppel wenn er einen saftigen Mengenrabatt bei der NZZ ausgehandelt hat.

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    • Simon Ronner
      Simon Ronner says:

      Falsch. Es ist bereits das dritte Grossinserat in der NZZ. Darunter übrigens jeweils ein Bestelltalon für Probeausgaben. Das wäre doch etwas für Sie! Mal nicht nur bitter über die WW und RK gifteln, sondern mal lesen, danach sich selbst ein Urteil darüber bilden. Glauben Sie mir: Sie werden so überrascht wie erstaunt sein.

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    • Alois Fischer
      Alois Fischer says:

      Dass Journalisten und Sie nicht begreifen, wie verführung und Spiegel hinhalten funktioniert, erstaunt nicht, denn sonst hätten die Medienarbeiter endlich Qualität und nicht nur schlechte Laune.
      Herr Köppel ist sogar bereit dafür zu bezahlen. dass man in einer anderen Zeitung auf intelligente Weise (jaaaa, das ist ja der Seich!) zeigt, dass es sich lohnen würde, die Weltwoche zumindest in deren Verhalten zu kopieren, die eben bereit ist, statt irgendwelche erzwungenen Gegendarstellungen (eher Rechthabereien?) abdrucken zu müssen, den Andersschreibenden als Autor seiner Meinung mit einer halben oder sogar ganzen Seite «einzustellen»; win-win – für den Leser, natürlich noch ein Gewinn.
      Was also soll die primitive Anmacherei von Herr Mörgeli mit dem Editorial von RK zu tun haben?

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  3. Simon Ronner
    Simon Ronner says:

    Der Blick behandelt diesen Fall (zu) auffällig zurückhaltend. Der Boulevard lebt doch schliesslich genau von solchen Stories; an der Dufourstrasse müsste man entzückt sein ab dieser Causa. Plus: Kein anderes Medium ist so versiert darin, solche Fälle in die Länge zu ziehen, aufzustückeln, permanent am Köcheln zu halten.

    Der Fall Berset wird jedoch nicht wie gewohnt behandelt. Warum?

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