Fi-Fa-Faktencheck auf der Intensivstation

Der aktuelle Elendsjournalismus macht aus einer Selbstverständlichkeit ein Riesending.

Früher, in den guten, alten Zeiten, wäre es keiner Redaktion auch nur in den Sinn gekommen, Faktencheck als einzigartige Leistung, als Höhepunkt der Recherchierkunst, extra anzupreisen.

Denn es war völlig klar: Natürlich müssen die Fakten gecheckt werden. Nichts peinlicher als eine Namensverwechslung, eine falsche Tatsache, eine Angabe, die nachweisbar und für den Leser nachkontrollierbar nicht stimmt.

Also «der Zweite Weltkrieg endete 1946», «die Schweiz kennt die Todesstrafe» oder «Zürich hat 20’000 Einwohner», das sind Fälle für einen Faktencheck, der dann ergeben würde: nö, falsch, peinlich, muss korrigiert werden.

Früher selbstverständlich, heute eine Riesenzusatzleistung. Die natürlich ständig versemmelt wird.

Wie viele Plätze gibt es denn in der Schweiz?

Aber wir haben unsere sogenannten Qualitätsmedien. Nun ist es ja so, dass die Anzahl und die Belegung, die Auslastung der Plätze auf den Intensivstationen der Schweizer Spitäler im Zusammenhang mit Corona eine überragende Bedeutung bekommen hat.

Allenthalben wird geunkt, dass die dann mal alle belegt seien, dann müsse in einer Triage entschieden werden, wer noch einen Platz bekommt, und wer nicht. Furchtbar. Unmenschlich, in welcher Situation wären da die Ärzte, die entscheiden müssen.

Abgesehen davon, dass das bei Katastrophen völlig üblich, normal und auch richtig ist, dass Ärzte angesichts beschränkter Mittel entscheiden, bei wem sich eine Behandlung lohnt – und bei wem nicht –, hilft bei dieser Debatte sicher ungemein, wenn wir wüssten, wie viele solche Plätze es denn gibt in der Schweiz.

Was kann Somalia, was die Schweiz nicht kann?

Ich stelle mal die Behauptung auf, dass Timbuktu, Cabo Verde oder gar Somalia in der Lage wären, die Anzahl der Intensivbetten und ihre Belegung sofort anzugeben. Ohne diesen Städten und Staaten zu nahe treten zu wollen, das ist ja auch keine Quantenphysik. Sondern man braucht lediglich eine Grundrechenart, das Zusammenzählen.

Oder das Addieren, wenn man es entwickelter ausdrücken will. Also kann man doch wohl als selbstverständlich voraussetzen, dass wir in der Schweiz – unterstützt von so vielen Qualitätsmedien mit hochkompetenten Journalisten – kein Problem haben, mit unserer typischen Präzision sowohl die Anzahl wie auch die Belegung aktuell, im Durchschnitt, in der Entwicklung, algorithmisiert, mit allen Künsten der Statistik geschmückt, anzugeben.

Könnte man meinen, kann doch nicht so schwer sein. Betten zählen, Patienten zählen, dann noch ein kühner Ausflug in die Prozentrechnung, und wir haben’s.

Wir haben’s natürlich nicht, denn die Schweiz verwandelt sich offenbar immer mehr in eine Bananenrepublik.

Alles voll, alles füllt sich, locker noch Reserven?

Die hochkompetente Schweizerische Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI), geballter Sachverstand von Hunderten von Ärzten, hat gerade mal wieder angekündigt, dass alle Betten belegt seien. Katastrophe, alle 876. Öhm. Unsere Qualitätsmedien verwenden also diese Zahl. Oder die Zahl 1080. Oder irgendwas dazwischen. Oder bis zu 1600. Oder wie auch immer.

Wieso dieser Zahlensalat? Nun, man lese das Kleingedruckte. Die SGI zählt nur von ihr «anerkannte» Intensiv-Betten. Sie schliesst nicht aus, dass es vielleicht noch mehr geben könnte, aber das erkennt sie zwar, anerkennt es aber nicht.

Das BAG, auch eine amtliche Stelle, zählt etwas über 1000 Intensiv-Betten. Die auf über 1600 gesteigert werden können, wenn das nötig ist. Das war im April dieses Jahres der Fall, als sich die Wissenschaftler, nachdem sie die Pandemie zuerst ignoriert, dann kleingeredet hatten, in Schreckenszahlen nur so überboten.

Auch die SGI jammerte damals, dass alles belegt sei, also alle «anerkannten» Betten. Da sah sich selbst das BAG zur Richtigstellung veranlasst, dass über die Hälfte frei seien. Über die Hälfte.

Erschütternde Antwort: niemand weiss etwas Genaues

Nebenbei, was ist eigentlich ein Bett auf der Intensivstation (oder ausserhalb)? Ganz einfach, von einem «normalen» Krankenhausbett unterscheidet es sich durch eine 24-stündige Überwachung durch Maschinen und Menschen. Nichts mehr, nichts weniger.

Aber wie schaut es denn aktuell wirklich aus; laufen wir tatsächlich in die Katastrophe, in den Tod? Sind «in vielen Kantonen die Intensiv-Betten ausgelastet», wie die neue Mrs. Corona Virginie Massery amtlich verkündet?

Erschütternde Antwort: Wir wissen es nicht. Wir wissen aber: es hat noch jede Menge Reserve. Doch ein Schreckgespenst verliert ja seinen Schrecken, wenn man ihm das Laken runterzieht.

Was auch nur ganz leise gesagt wird: Intensivstationen sind eigentlich immer mit rund 75 Prozent belegt. Denn auch ein leeres Bett kostet und kostet. Also schon ein kleiner Anstieg kann schnell dafür sorgen, dass man an einigen Orten an die Kapazitätsgrenze kommt. Was dann umverteilt wird, während die Zahl der Plätze hochgefahren wird.

Zahlen liefern weiterhin private oder teilprivate Organisationen

Wer’s nicht glaubt, kann sich mal diese beiden wohl verlässlichsten Grafiken anschauen, angeboten von SRF. Nebenbei: Ist es nicht peinlich, dass auch nach zehn Monaten Pandemie immer noch private Institutionen wie die Johns Hopkins-Uni die verlässlichsten Zahlen liefern?

Übrigens, diese Statistiken werden von icumonitoring.ch geliefert. Einer Organisation, die bei der ETH angesiedelt und unter Leitung eines Professors diese Daten sammelt. Weil offensichtlich sonst niemand in der Schweiz dazu in der Lage ist. Das ist vielleicht peinlich.

Was man hier exemplarisch sieht: Sowohl Anzahl wie Verfügbarkeit von Betten und Beatmungsgeräten kann problemlos gesteuert werden.

 

Deshalb umfasst die faktengescheckte Berichterstattung von Tamedia, CH Media, NZZ, Ringier und so weiter je nach Laune und Tagesstimmung beruhigende Aussagen «Es sind genügend Spitalbetten frei», vermeldet die SDA. Oder Alarm: «Platz auf Intensivstationen wird knapp», wusste die Südostschweiz schon am 4. November. Und was macht unser Lieblingsorgan «watson»? «Diese 8 Punkte zeigen die aktuelle Lage der Schweiz in der Coronakrise».

1 Antwort
  1. Hans von Atzigen
    Hans von Atzigen sagte:

    Die ganz Corona-Sache kann man wie volgt Be resp.Umschreiben.
    1.Ein Virus das weitestgehend nur im ,,Kombipaket“ tötet.
    2.Alles andere Begleitende das blanke Chaos und Chaotentum.
    Peinlich aber oberpeinlich das im Jahre 2020 Römisch-Christlicher Zeitrechnung.
    Das ,,stinkt“ gewaltig nach Rückfall ins Spätmittelalter.

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