Ex-Press XI

Blasen aus dem Mediensumpf

Persoenlich.com, die Plattform für Medienmitteilungen und Belangloses, hat einen Geschwindigkeitsrekord aufgestellt. Am 16. November überrascht sie ihre Leser mit der traurigen Nachricht, dass Charlotte Peter gestorben sei.

In einem eher lieblosen Kurztext werden die Stationen dieser bedeutenden Schweizer Journalistin runtergeraspelt. Eine Idee schneller war die NZZaS. Sie brachte am 8. November einen Nachruf. Ach, und am gleichen Tag erschien auch eine Würdigung von Mensch und Werk auf ZACKBUM.ch.

Also kann man getrost sagen: persoenlich.com, die Plattform, die Nachrichten von vorgestern schon morgen bringt.

 

Die «Medienwoche» röchelt auch nur noch vor sich hin

Zunächst die Packungsbeilage: Nein, das ist nicht, genauso wenig wie beim «Schweizer Journalist», Neid, Ranküne, haltloses Geschimpfe über Konkurrenten. Im Gegenteil. Es ist Ausdruck von Bedauern. Von Beunruhigung. Medienkritik war noch nie so nötig wie heute. Tamedia hat die Medienseite schon vor Jahren abgeschafft. CH Media berichtet höchstens von Fall zu Fall. Die NZZ hat die Medienseite samt dem langjährigen Redaktor gespült.

«Edito» kann man ja nicht mehr ernst nehmen. Der «Schweizer Journalist» ist so runtergespart, dass er zu grossen Teilen Artikel aus und über Deutschland oder Österreich übernimmt. Und die Medienwoche röchelt seit ihrer Sommerpause schmalbrüstig mit Beiträgen vor sich hin, in denen viel Gesinnung, aber wenig Gehalt oder Handwerk stecken.

Als einzigen Einfall pflegt das Online-Magazin ein neues Gefäss mit dem Namen «The Good, The Bad and The Ugly» Das war und ist ein grossartiger Western, über den man stundenlang schwärmen könnte. Über die Umsetzung in der «Medienwoche» allerdings nicht. Wie man sich trauen kann, mit solchen Geschreibsel um Gönnerbeiträge zu betteln, traurig.

 

Oben ohne beim «Blick»

Das Seite-3-Girl ist zwar schon längst dem Zeitgeist zum Opfer gefallen. Aber vielleicht war es eine versteckte Reverenz an diese Tradition:

Oder vielleicht dachte sich der zuständige Produzent, bzw. der überarbeitete Online-Redaktor: Was Besseres fällt mir da auch nicht ein.

 

Corona muss sein

Es kratzt schon im Hals, hängt zum Hals raus, aber was wollen die Medien machen, als weiter am Virus lutschen. Wir brauchen mehr Sidelines, fordern die noch existierenden Chefredaktoren, nicht immer Fallzahlen, nicht immer Impfung, nicht immer «Trump hat versagt».

Und die letzten real existierenden Redaktoren liefern. «Corona-Konkurse in Zürich: Er muss jeden Tag eine Firma bestatten» (hinter Bezahlschranke). Eine geradezu ideale Personalisierung eines abstrakten Themas, lobt da sicher der Chefredaktor. Weihnachtlich gestimmt schweift hingegen der «Blick» in die Ferne: «Das Wunder von Madrid».

Muss jemand selig oder gar heilig gesprochen werden? Nicht direkt: «Nirgends sinken die Corona-Zahlen schneller – trotz voller Parks und Restaurants». Aber von der Ferne vermeldet der «Blick» schlechte Nachrichten: «Nachbarn schauen besorgt in die Schweiz». Und was entdecken sie da in der Schweiz? Viele Tunnel.

Wir schwingen uns in die Höhe, wo die NZZ den Blick für das Wesentliche behält: «Corona-Lockdown: Economiesuisse stellt sich gegen die Wissenschafts-Task-Force und fordert mehr Verhältnismässigkeit». Denn: Hörte der Bundesrat auf diese Wissenschaftler, dann «sollte er noch diese Woche dem liberalen Weg der Schweiz ein Ende bereiten». Und wo ein liberaler Weg zu Ende ist, da steht die NZZ und fordert weiterschreiten.

Über diesen Aufmacher online stellt die NZZ ein Symbolbild, das den konservativen Kräften in der Redaktion Auftrieb geben sollte. Sie fanden es schon von Anfang an falsch, auf der Frontseite so etwas Neumodisches wie Fotos zu bringen.

Und von oben noch nach unten, zu «watson» Was bietet das Millionengrab? Richtig geraten, Listicals, was denn sonst. «Sieben Tipps, damit du beim Jassen endlich besser wirst». Und damit «du» das dann auch mal ohne Gesichtsmaske und mit mehr als einer anderen Familie spielen kannst: «Diese vier Impfstoff-Kandidaten könnten das Coronavirus am schnellsten besiegen». Tun sie das nicht: wir haben «könnten» geschrieben, he, he.

Aber es gibt auch dann noch Auswege. Passgenau neben dieser grandiosen Eigenleistung steht eine Werbung von Swisscom: «Jasse jetzt mit deinen Freunden und Familie – über Video». Nicht nur mit dem kumpelhaften du hat sich der Staatsbetrieb dem Niveau von «watson» angeschlossen. Auch mit der Grammatik hat er’s nicht so.

 

Die ganze Welt

Die Schweiz ist zwar der Nabel der Welt, Jassen ist ein unverzichtbarer Volkssport, aber war denn sonst noch was los? Auch hier von unten nach oben.

«11 Dinge, die du bisher nicht über «Kevin – Allein zu Haus» wusstest.» Aber vielleicht, trotz «watson», auch gar nicht wissen willst.

Was hält denn CH Media für berichtenswert? Ein literarisches Jahrhundertereignis: «Barack Obama hat sein lang erwartetes Buch endlich geschrieben.» Nun hat der arme Redaktor natürlich noch keine Zeit gefunden, den «768-Seiten-Wälzer» zu lesen. Aber News ist News, also kann er es ja nicht bei dieser Ankündigung  belassen. Sondern füllt die Spalten mit Geraune, was Obama noch alles werden könnte, wollte, sollte. Und was nicht, zum Beispiel Vizepräsident. Aber Minister schon. Oder Richter. Oder was auch immer, und puh, ich habe fertig.

Ganz andere Prioritäten setzt natürlich die NZZ. «Der Brexit weckt in Belfast die Geister der Vergangenheit». Wir erinnern uns schemenhaft, da war doch mal was. Völlig auf dem Laufenden ist das Blatt auch in Lateinamerika: «Peru hat einen neuen Übergangspräsidenten». Das ist gar nicht so einfach, denn im Gegensatz zu den USA wechseln hier die Präsidenten eigentlich fast täglich. Zuerst wird der gewählte Präsident per Misstrauensantrag aus dem Amt gejagt.

Dann wird sein Nachfolger durch Druck von der Strasse abserviert. Und jetzt probiert es Peru mit dem dritten. Daran könnten sich doch die USA ein Beispiel nehmen, aber das schreibt die NZZ natürlich nicht.

1 Antwort
  1. Rolf Karrer
    Rolf Karrer sagte:

    Pflichtstoff bei persoenlich.ch ist tagtäglich mehrmals Zackbum zu lesen. Danke Herr Ackeret.

    Gehe ich richtig in der Annahme, dass der Hinschied von der Pionierin Charlotte Peter keine Resonanz fand beim Tagesanzeiger? 15 Jahre Chefredaktorin bei der damals bedeutsamen „Elle“ und keine Würdigung.

    Antworten

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