Die Übelsetzung der NZZaS

Schludrig und falsch

Wer sparen will, muss übersetzen. Die Zeiten, in denen Reporter für eine Woche nach Miami flogen und einen schmissigen Text über Land und Leute schrieben, die sind endgültig vorbei. Heute sieht das so aus: Übersetzer mit günstigem Stundenansatz gehen fremde Texte durch und schicken sie der Redaktion zu.

Auch Sonntagsblätter, die 6.50 Fr. kosten, schrecken vor diesem Economy-Journalismus nicht mehr zurück. Wir reden über die NZZ am Sonntag (NZZaS). Seit einem Jahr liegt dem Blatt ein Magazin bei, das in den ersten Monaten hochwertig und frisch daherkam. In den letzten Nummern ist von beidem nichts mehr zu erkennen. Die alte Leier von Kostendruck funktioniert natürlich immer. Aber man kann auch mit wenig Geld etwas Schönes fabrizieren.

Die Titelgeschichte des Magazin ist natürlich eingekauft und vom Englischen übersetzt. Der Print-Titel lautet «Barcelona will in eine neue Richtung». Der englische Originaltitel ist länger aber programmatischer: « Rethinking Barcelona: how the pandemic is reshaping tourism in the Spanish city» Geschrieben wurde die insgesamt halbgute Geschichte von Matteo Fagotto. Übersetzt wurde sie von Christina Heyne.

Barcelona oder Mailand?

Fagotto soll angeblich selber in Barcelona leben, schreibt die NZZaS. Sein Twitter-Account und der Originaltext geben hingegen Mailand als Wohnort an. Der Text selbst ist schlecht übersetzt. Das erkennt man an einer Unzahl von Beispielen. Im Zusammenhang mit einer Kathedrale kommt das Wort «rose window» vor. Heyne übersetzt es mit «Fensterrose». Gemeint ist natürlich eine Rosette.

Kern des Artikels sind die Touristenhorden, die Barcelona in der Vergangenheit überfallen haben. Zwischen 1992 und den Vor-Corona-Jahren kam es zu einer Vervierfachung («has quadrupled») der Besucherzahlen. Heyne mag es anscheinend nicht so konkret wie der Autor und schreibt von «Vervielfachung».

Auch sonst werden in ihrer Übersetzung detaillierte Zahlenangaben über den Kamm geschoren. Fagotto schreibt an anderer Stelle von sinkenden Tourimuseinnahmen: «Tourist income fell by an estimated 72.6 per cent in the first seven months of 2020.» Also: «Die Einnahmen aus dem Tourismus sind in den ersten sieben Monaten des Jahres 2020 im Jahresvergleich um schätzungsweise 72,6 Prozent zurückgegangen.»

42’000 Top-Führungskräfte lesen die NZZaS

Heyne hingegen schreibt: «Seit Beginn des Jahres fielen die Tourismuseinnahmen um über 70 Prozent.» Das ist sehr wahrscheinlich falsch, Fagotto beschrieb nur die Vergleichszeit Januar-Juli. Ist das jetzt spitzfindig? Nein, denn wenn sich ein Journalist schon die Mühe nimmt, korrekte Zahlen zu recherchieren, sollte die Übersetzerin (und die Redaktion) die Daten so auch übernehmen.

Auch sprachlich hat die Übersetzung ihre Buckeln. Stolz ist die NZZ am Sonntag auf ihre Leser. Die verkaufte Printauflage liegt bei exakt 88‘917 Exemplaren. Die Zahl der Führungskräfte, die die Zeitung beim Sonntagsbrunch lesen, soll bei 89‘000 liegen, die der «Top-Führungskräfte» sogar bei 42‘000. Wäre schön, gäbe es so viele in der Schweiz. Ich vermute aber, dass auch Supertop-Führungskräfte Schwierigkeiten mit folgendem Schwurbelsatz haben:

«Ein erstes Zeichen dafür, dass der Einsicht nun wohl auch Taten folgen, ist ein 30‘000 Quadratmeter grosser Gebäudekomplex, den die Stadtverwaltung nun beschlossen hat, in einen Technologie- und Startup-Hub umzuwandeln, ein erster Schritt einer Langzeitstrategie, im Rahmen derer die Wirtschaft diversifiziert und junge Talente angelockt werden sollen.»

Fazit: Wenn schon eingekauft, dann bitte hübsch verpacken und den Sonntag nicht vermiesen.

2 KOMMENTARE
  1. Simon Ronner
    Simon Ronner says:

    «Freude an Qualität» (NZZ-Claim, schon ein paar Jahre her)

    Larifari scheint aktuell voll ok zu sein. Wer eine solch schludrige Arbeit abliefert, geht wohl auch sonst leidenschaftslos durchs Leben. Der Schwurbelsatz am Ende – was soll das?

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