«Die Texte wurden sogar schon auf Beerdigungen als Nachruf verlesen»

Gudrun Sachse über ihre 15 Jahre als Macherin der Folio-Rubrik «Wer wohnt da»?

«Wer wohnt da» ist seit 2005 eine der heissgeliebten Merkmale des NZZ Folio. Die unter Gudrun Sachse erstmals erschienene Serie bietet feinfühlige Einblicke in Wohn- und Lebenswelten. Und den Kick, dass man als Leser selber mitraten kann, wer die Bewohner der vorgestellten vier Wände sind. Auch nach dem Redesign und dem Wechsel auf die Erscheinungsweise nur noch alle zwei Monate wurde an «Wer wohnt da» nicht viel geändert. Hinter der Erfolgsstory steht mit Gudrun Sachse eine 48-jährige Journalistin und Autorin, die Bücher publiziert, Reportagen schreibt und am MAZ die Kunst des Interviews lehrt. Im Gespräch mit ZACKBUM.ch geht es um blaue «OP»-Überschuhe, das Gegenlesen und  den inneren Zensor.

Gudrun Sachse, die Serie «Wer wohnt da» hat seit 2005 alle Folio-Neuerungen und Sparrunden überlebt. Warum ist die Rubrik so erfolgreich?
Bei Fremden ins Wohnzimmer zu schauen, ist per se spannend – wer kennt das nicht, wenn man abends durch die Strassen geht und Licht in den Wohnungen brennt, man einen Blick wagt und sich denkt: krass. Zur Befriedigung der Neugier kommt eine weitere Dimension, indem eine Psychoanalytikerin und ein Designer ihre Einschätzung abliefern. Sehen Fachleute dasselbe wie ich? Wie würden die aufgrund ihrer Einschätzung wohl mein Daheim beurteilen?

Seit 15 Jahren eine Erfolgsstory im Folio. Gudrun Sachses Rubrik.

Hatten Sie die Idee für die originelle Serie oder wie kamen Sie darauf?
Als ich 2005 beim Folio als Redaktorin begann, stellte sich die Frage nach einer Rubrik, die die Rubrik «Menschen und Räumen» meiner Vorgängerin und Folio Mitbegründerin Lilli Binzegger ersetzen sollte. Ich habe unter anderem Architekturgeschichte studiert, mag Architektur und die menschliche Psyche und so kam eins zum andern: ich gebar «wer wohnt da?». Und es läuft und läuft. Wenn das so weitergeht, werden diese drei Worte vermutlich auch mal auf meinem Grabstein stehen.

Können Sie abschalten oder «müssen» Sie bei jeder Einladung den inneren Scan laufen lassen?
Ich bin entspannt. Es ist immer ein langes, angenehmes Gespräch und meist merken die Bewohner nach kurzer Zeit gar nicht, dass ich beruflich dort bin. Durch diese Stimmung ist es möglich, ein persönliches Gespräch zu führen. Es ist immer wieder überraschend, wie rasch Fremde Vertrautes / Intimes offenbaren. Nach all den Jahren habe ich einen inneren Zensor, der weiss – warum mir jemand etwas erzählt und was ich davon auch wirklich weitergeben möchte. Jemanden der Unterhaltung zuliebe blosszustellen, ist der Rubrik nicht würdig. Die Leute sind beim Gegenlesen oft derart berührt von ihrem eigenen Leben, dass sie den Text als Resümee ihres Lebens sehen. Die Texte wurden sogar schon auf Beerdigungen als Nachruf verlesen.

Vor dem Redesign des Folio war die Rubrik grosszügiger gestaltet.

Erzählen Sie mal, welches war das lustigste, komischste, ärgerlichste Erlebnis in «fremden» Wohnungen?
Ungewohnt war es (lange Jahre vor Corona), als mich ein Bewohner blaue OP-Überschuhe anziehen liess. Es war eine etwas gruselige Stimmung. Und dann wollte er abends auch noch mit mir Essen gehen. Seither habe ich immer darauf geachtet, dass jemand mitbekommt, wo ich gerade eine Wohnung aufsuche. Es gab Bewohner, die tagelang durchgeputzt haben, bevor ich kam – obwohl ich immer darauf hinweise, dass ich den authentischen Stil in der Rubrik sehr schätze. Aber die wenigsten Menschen wollen ihre Socken über der Stuhllehne in Hochglanz sehen. Warmherzig wurde ich bei einer Bäckersfamilie empfangen, wo mir noch Gebäck für die ganze Familie mitgegeben wurde – bei anderen gibt’s nicht mal ein Glas Wasser – meist bei denen, die sich das durchaus leisten könnten.
Wie kommen Sie jeweils auf die Fallbeispiele?
Zu Beginn habe ich den Bekanntenkreis abgeklappert, bis die Rubrik ein wenig Bekanntheit erlangt hatte. Manchmal spaziere ich zufällig an Häusern vorbei, die mich interessieren und dann läute ich. Wenn ich Glück habe, kennen sie die Rubrik, das macht es einfacher. Einmal sagte einer: aber er bezahle nichts dafür. Ab und zu spreche ich auch Leute auf der Strasse an, kürzlich eine Frau an der Tankstelle, die einen riesigen Plüschtiger auf dem Rücksitz hatte. Da erwartet man schon ein besonderes Daheim – und so war es dann auch. Oder es ergibt sich etwas ganz spontan bei einer Recherche zu einem anderen Thema. Oder ich suche im Internet: nach einem Igelretter. Einem Alleinunterhalter. Ganz normalen Menschen mit Nöten und Freuden eben, die ich gern mal ans Licht holen möchte. Selten werde ich auch angefragt. Jeder Besuch ist einzigartig. Die Rubrik macht echt Spass. Nicht nur zu lesen – auch zu schreiben.

Dürfen die Portraitierten die Texte gegenlesen?
Ja. Der Porträtierte muss schliesslich damit leben.

Gibt es da nie Stunk?
In all den Jahren kam es zwei Mal vor, dass wer den Text umgeschrieben hat. Schulaufsatzmässig. Das ist wie ein Herzstillstand. Es wird dann geredet und erklärt und wieder umgeschrieben. Seither habe ich immer einen Ersatz-Bewohner parat.

Wie hoch ist eigentlich das Budget pro Artikel? Der Aufwand ist mit dem Besuch, Profifotos, den Urteile der Psychologen und Innenarchitekten, sowie Ihrem Beitrag unzeitgemäss hoch.
An der Rubrik sind vier Fachleute beteiligt. In der heutigen Zeit ein Luxus. Noch dazu werden alle entlöhnt – und meines Erachtens sogar fair, was in der Branche leider immer seltener der Fall ist. In meinem Part stecken viele, viele Tage Arbeit.

Sie haben ja 2012 ein Buch mit den «Best of-Portraits» herausgegeben. Ist ein weiteres Werk geplant?
Nein. Aber schön wäre es, zumal der erste Band vergriffen ist. Fehlt nur noch ein Sponsor.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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