Alpamare auf dem Mond

Wie sich Medien mangels Fachkompetenz einseifen lassen.

186 Seiten stark ist das Jahrbuch Qualität der Medien 2020. Es liest sich so, wie Fachbücher halt geschrieben werden. Ein bisschen Leidenschaft flammt bei den Autoren nur dann auf, wenn sie über die Hörigkeit der Schweizer Journalisten gegenüber den Virologen herziehen:

(…) Gesamthaft aber erfolgte der Umgang mit Zahlen zu wenig einordnend und zu wenig kritisch-distanziert. (S.10) Der Wissenschaftsjournalismus ist unverzichtbar für die Vermittlung wissenschaftlichen Wissens in der Gesellschaft, aber auch für seine kritische Einordnung. (S.19) Insgesamt betrachtet zeigen Pendler- und Boulevardmedien Ansätze eines «nackten», das heisst unkritischen und kaum einordnenden Vermeldens von Zahlen. (S. 48)

Die vielen Zeitungen von CH Media zählen natürlich nicht zu den Pendler- und Boulevardmedien. Es sind Qualitätszeitungen. Sechs Nasen zählt das Impressum für das Ressort «Leben & Wissen» auf

Dr. Rainer Kayser ist studierter Physiker und Astronom. Er lebt im beschaulichen Husum an der Nordsee. Zu den Kunden des freien Wissenschaftsjournalisten zählen unter anderem die «Zeit» und der «Tagesspiegel». Im «Badener Tagblatt» schreibt er wahrscheinlich seltener. Die AZ hat einen Wissenschaftstext bei ihm gekauft, obwohl das Impressum der Aargauerzeitung eigentlich sechs Nasen für das Ressort «Leben & Wissen» aufzählen kann.

Es geht im Artikel um eine eiligst einberufene Pressekonferenz der Nasa. Die klamme US-Bundesbehörde ist auf ziemlich verlorenem Posten. Wer heutzutage ins All will, braucht die behäbige Behörde immer seltener. Private Unternehmen organisieren Transportflüge billiger, schneller und zuverlässiger.

Kann man bald auf dem Mond baden?

Wer Kaysers Text in der Ausgabe vom Dienstag liest, muss davon ausgehen, dass auf dem Mond ein Swimmingpool entdeckt wurde: «Definitiver Nachweis: Es gibt Wasser auf dem Mond», schreibt er im Titel. Und im Untertitel, der den Titel in der Regel etwas abfedert, wird es noch bunter: «(…) fast doppelt so viel wie bisher vermutet»

Also, sogar ein 25-Meter-Schwimmbecken? Andere Medien sind etwas vorsichtiger:

«Moon May Hold Frozen Water in More Places Than Suspected» (Bloomberg); «NASA Says If Found Water Molecules On The Moon’s Surface»; «The moon may contain more water than previously believed»

Man sollte generell immer etwas kritisch eingestimmt sein, wenn die Nasa jubelt. Und einordnen, ja, das sollte man auch. Der «Spiegel» hat das richtig gemacht und die Wasserfunde präzise eingeordnet: «Viel ist es nicht – als habe man eine 0,33-Liter-Getränkedose auf einem Fußballfeld verteilt.» Eine Meisterleistung war das zwar nicht, die Nasa selbst teilte das mit. Es ist schon seltsam, dass die Behörde vorsichtiger mit ihren Daten umgeht als der Journalist. Die Nasa selbst schreibt:

As a comparison, the Sahara desert has 100 times the amount of water than what SOFIA detected in the lunar soil.

Für die deutschsprachigen Leser: Der Mond ist auch nach den jüngsten Entdeckungen hundert Mal trockener als die Sahara. Diese Einordnung steht natürlich auch nicht im Kayser-Text. Nix mit Alpamare auf dem Mond. Aber wenn jetzt ein Aargauer Leserinnen und Leser feuchte Träume wegen Rainer Kasyer bekommen; meinetwegen.

Die Medienstelle von CH Media findet den Text trotzdem okay. Andere Medien hätten ähnlich getitelt wie ihr Autor. Das macht es auch nicht besser.

 

 

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