Ex-Press IX

Blasen aus dem Mediensumpf.

Wir müssen, leider, diesen Abdruck der Medienberichterstattung mal wieder einem Thema widmen. Den Balzritualen der Gelben Anakonda? Leider nein.

Die Flut ebbt nicht ab

«Coronavirus-Taskforce warnt», «Hunderte Berner Barbesucher wegen unbrauchbarem Datensatz in Quarantäne». «Berlin, Hamburg und mehrere Regionen in Italien gelten neu als Risikogebiete», «Nati spielt im grössten Seuchenherd Europas», «Demonstration für den Märit in Bern», «Das ist die neue BAG-Quarantäneliste», «Wir können Corona. Wirklich?». «Wir sind doch nicht so schutzlos», «Welche sechs Symptome für einen Corona-Test sprechen», «Jetzt redet ein Quarantänebrecher: 2750 Franken Busse nach Spaziergang, «das ist nicht fair»». «Die Corona-Krise ist auch eine Generationenkrise», «Über 50 Neuansteckungen an einem Tag: Die Aargauer Kantonsärztin Hummel ordnet die hohe Zahl ein.»

Sie haben genug, sie können’s nicht mehr hören? Auch nicht mehr lesen? Verständlich. Weltuntergang, keine Panik, zweite Welle, keine Welle, werden wir alle sterben, oder werden die meisten überleben? Weiss man’s? Eigentlich schon, wenn man einen Blick auf diese einfache Grafik wirft. Die Zahlen stammen vom deutschen Robert-Koch-Institut und gelten für Deutschland. Warum? Weil die Zahlen des BAG bekanntlich nicht zuverlässig sind.

Und was sieht man? Man sieht zwei Dinge. Dass bei einer Verdreifachung der Tests überraschenderweise in absoluten Zahlen die Anzahl der positiv Getesteten steigt. Dass aber richtig in Prozent gemessen die Zahl seit rund 10 Wochen stabil bei 1 Prozent verharrt. Wenn man dazuzählt, dass die Sterblichkeit zurzeit am unteren Rand des statistischen Mittelwerts liegt, muss man aufpassen, dass man keinen Aluminiumhut übergestülpt bekommt, wenn man fragt: Und was soll dann die ganze Aufregung?

Ein Titel für die Ewigkeit

Allerdings hat die «SonntagsZeitung», nach der Durchsicht neuster wissenschaftlicher Untersuchungen und unter Einsatz einer deutschen Schreibkraft der «Süddeutschen», nicht ohne leichte Einschweizerung, eine neue, fundamentale Erkenntnis in einen Titel für die Ewigkeit fliessen lassen: «Sterblichkeit steigt mit dem Alter rasant an».

Leider sind die Nobelpreise gerade vergeben worden, aber vielleicht reicht’s nächstes Jahr.

Aber aus dem Bereich seriöser Wissenschaften gibt es noch mehr schlechte Nachrichten: «Trump missbraucht Fauci für Werbe-Video», klagt das Wissenschaftsorgan «Blick», das seinen gebildeten Lesern zutraut, den Namen des US-Epidemiologen Fauci nicht nur zu kennen, sondern auch aussprechen zu können. Aber auch aus heiligen Bereichen dringen unheilige Nachrichten im «Corona-Ticker» zu uns: «Erster Coronavirus Fall bei Schweizergarde im Vatikan».

Hütet Euch beim Bankomaten

Bei diesem Titel in der «Corona-Krise» weiss man nicht, ob man lachen oder weinen soll: «Nur ein Viertel der Hotels sieht kein Konkurs-Risiko». Auch in der Ostschweiz gehen die Emotionen hoch: «St Galler Narren bangen um die Fastnacht». Ein Aufruf zum Masshalten, zur Sparsamkeit erschallt quer durch die Medien: «Vorsicht am Bankomat. Das Virus überlebt auf einigen Oberflächen bis zu 28 Tage».

Man darf aber nicht vergessen, dass Covid-19 nicht unsere einzige Bedrohung ist. So wird bang gefragt: «Reicht der Grippe-Impfstoff aus?» Daher war Ordnung und Folgsamkeit gegenüber der Obrigkeit noch nie so wichtig wie heute: «Bussen nach Corona-Verstössen». Endlich eine Ergänzung des Begriffs Corona-Leugner. Die Forscher der diversen Task Forces der Schweiz sehen sich hingegen mit einer neuen Kritik konfrontiert: «Die Wissenschafter sind zu handsam.»

Zwei Hoffnung stiftende Schlagzeilen zum Schluss

Aber wir wollen diese Kolumne hoffnungsfroh und optimistisch mit zwei positiven Meldungen ausklingen lassen: «St.-Nikolaus-Besuche werden möglich sein» und «Börsen-Rückschläge als Kaufchance».

2 KOMMENTARE
  1. Alois Fischer
    Alois Fischer says:

    Danke für solche Fakten. Denn als nicht «alle Medienkonsument» ist es wichtig, solche Leistungen und Fehlleistungen rasch, klar und beweisbar zu erfahren um selber einordnen und bewerten zu können. Eine einfache Grafik sagt mehr als tausend schwurblige Worte, doch es tut gut, wenn diese angeblichen wissenschaftlichen Glanzarbeiten immer wieder nach allen Regeln der Kunst hinterfragt und verifiziert werden können. Schwachstellen sollten als solche bezeichnet und ohne falsche Rücksicht erklärt werden.
    Das ist kein Medienbashing, sondern der Aufruf zu mehr Selbstkontrolle und wirklicher Berichterstattung (was war, was ist) und weniger Spekulation.

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  2. Mathias Wyss
    Mathias Wyss says:

    Gestern auf BaZ bzw. TA online:
    Titel: Cristiano Ronaldo ist positiv auf … getestet worden.
    Lead: CR ist an Covid-19 erkrankt.
    Text: Keine Sorge, es geht ihm gut.

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