Der Glücksspieler im Pech

Oder hat’s die «NZZ am Sonntag»?

Eine Story, von der jeder Boulevard-Journalist träumt: Spieler verliert in einer Nacht 1,5 Millionen. Nachdem er anderthalb Jahre zuvor schon mal über eine Million verzockt habe. Eine Story aus Las Vegas oder Atlantic City? Aber nein, das alles trug sich im Casino Zürich zu.

Gibt es dabei ein Problem? Eigentlich gewinnt immer das Casino, das weiss jeder «High Roller», jeder «Big Spender», jeder Berufsspieler wie der Engländer Henri Cammiade. Vielleicht wäre aber ein Boulevard-Journalist vorsichtiger an diese Story herangegangen – als die «NZZ am Sonntag».

Wohin nur mit so viel Bargeld?

Bei der jammerte sich nämlich der Berufszocker aus. Beim ersten Verlustabend habe er schon einige Gläser Wein intus gehabt. Erschwerend sei hinzugekommen, dass ihm das Casino mehrfach einen Mercedes der E-Klasse mit Chauffeur spendiert habe, womit er zu seinem Gelddepot fuhr, um Nachschub zu holen.

Gelddepot? Hier kommen wir zu einer Absonderlichkeit beim Glücksspiel um hohe Beträge. Gewinne werden in bar ausbezahlt, und nur in bar. Früher kein grosses Problem, aber man versuche einmal heute, zu einer europäischen oder Schweizer Bank zu gehen, einen grösseren Sack auf den Tresen zu wuchten und darum zu bitten, gerne mal eine Million in Cash einzuzahlen.

Woher man das Geld habe? Na, natürlich im Casino gewonnen. Da kichert der Bankangestellte. Ach, ob das Casino eine Bestätigung ausstellt? Nein, tut es nicht. Warum nicht? Aus dem gleichen Grund, wieso die Bank so viel Bargeld nicht annimmt: Angst vor Geldwäsche.

Einfühlsame Schilderung des Belohnungssystems im Hirn

Also muss der High Roller aus England grössere Summen Bargeld umherkutschieren, wenn er gewinnt. Oder sie bei seiner Zürcher Freundin lagern oder wie auch immer. Die NZZaS schildert einfühlsam, wie im Hypothalamus bei Spielsüchtigen das Belohnungssystem anspringt, bei hoher Taktung der Spiele umso stärker. «Noch besser fühlt es sich an, wenn die Suchtmittel kombiniert werden: Spielen, Alkohol, Rauchen.»

Davor sollten eigentlich diverse Mechanismen schützen, ein sogenanntes «Sozialschutzkonzept», ohne das Casinos in der Schweiz keine Konzession erhalten. Nun besteht das Problem natürlich darin, dass Zocker und Berufsspieler wie dieser Engländer unbegrenzt gewinnen dürfen. Aber vor unbegrenzten Verlusten sollen sie geschützt werden, durch gutes Zureden bis hin zur Sperre, dem Verbot, Schweizer Casinos zu betreten.

Der Not gehorchend, eröffnete der Spieler ein Jetonkonto

Hier wird die Story des High Rollers recht abenteuerlich. Nachdem er wieder kräftig gewonnen hatte, habe er Schiss bekommen, überfallen zu werden. Also sei ihm nichts anderes übriggeblieben, als ein Jetonkonto beim Casino zu eröffnen. Alleine im August dieses Jahres gewann er offenbar 1,24 Millionen Franken, die er auf dieses Konto gutschreiben liess.

Dann folgt die nächste Pechsträhne, Verlust auf Verlust. Er habe seinen «Client Relationship Manager» mehrfach gebeten, ihn nicht mehr weiterspielen zu lassen, behauptet Cammiade. Aber in einer Nacht sind wieder 1,5 Millionen weg, alles, was auf dem Jetonkonto lag.

Nun benehmen sich Berufsspieler manchmal nicht anders als Zocker an der Börse. Solange es gut läuft und die Gewinne sprudeln, ist alles bestens. Hagelt es Verluste, erhebt sich grosses Geschrei. Man sei nicht richtig über die Risiken aufgeklärt worden, man habe gar nicht so ein Risikoprofil, usw. Das mag manchmal stimmen, meistens aber nicht.

Nachdem andere Versuche scheiterten, wieso nicht Öffentlichkeitsarbeit

Nachdem der Berufsspieler mit seinen Versuchen, dem Casino unstatthaftes Verhalten vorzuwerfen, gescheitert war, ebenso bei der Eidgenössischen Spielbankenkommission (ESBK), der Aufsichtsbehörde über alle Schweizer Casinos, versuchte er es offensichtlich mit Öffentlichkeitsarbeit.

Ihm kam zupass, dass das Swiss Casino Zürich sträflich unterschätzte, welche Wellen dieser Artikel schlagen sollte. Am Montag wurde die Story breit aufgenommen; endlich mal etwas anderes als ewig Corona und US-Wahlen. Das Casino liess sich anfangs nur mit der knappen Mitteilung vernehmen, dass es den Fall an die ESBK gemeldet habe, die keinerlei Unregelmässigkeiten feststellen konnte.

Erst durch Gebrüll aufgeschreckt sagt Swiss Casinos was

Aufgeschreckt durch das Gebrüll vom «Landboten» über «20 Minuten», «Tages-Anzeiger», CH Media und natürlich des «Blick», bequemte sich Swiss Casinos endlich zu einer Stellungnahme. Während seine Medienmitteilungen normalerweise Themen wie «Säulirennen im Casino St. Gallen», «Zwei Zürcherinnen werden über Nacht zu Millionärinnen» oder «Wiedereröffnung Adventure Rooms» bestreichen, rückt der Betreiber  der Schweizer Casinos eine Kleinigkeit zurecht:

Nämlich dass der Berufszocker das Casino Zürich alleine im Jahr 2019 mehr als 30 Mal besucht habe. Und unter dem Strich, Gewinne minus Verluste, bislang mit 220’500 Franken – in der Gewinnzone sei.

Man kann sich also ungefähr vorstellen, welche Beträge er einsetzt, gewonnen hat und jeweils klaglos hinaustrug, wenn er nach über 2,5 Millionen Verlust in zwei Nächten immer noch mehr als das Dreifache eines durchschnittlichen Schweizer Jahreseinkommens als Trostpflästerchen besitzt.

Vielleicht hätte die NZZaS es besser mit Dostojevski probiert

Da er nun aber gesperrt ist, kann er diesen Betrag in der Schweiz weder legal durch Glücksspiel vermehren – oder verringern. Also geht es ihm besser als Dostojevskis «Der Spieler».

Die «NZZ am Sonntag» wäre vielleicht gut beraten gewesen, dieses Gewaltswerk auf zwei Seiten zu präsentieren – statt eine windige und einseitige Story eines Zockers, der sich nicht unter Kontrolle hat und dafür – wie üblich – allen anderen die Schuld geben will. Wie ein solcher Unfug von Rafaela Roth durch alle Kontrollinstanzen flutschte und üppig illustriert den Leser auf einer Doppelseite angähnt – unverständlich und beunruhigend.

3 KOMMENTARE
  1. Victor Brunner
    Victor Brunner says:

    Rafaela Roth hat aus dem Hintergrundressort der «NZZ am Sonntag» einen «Gesellschafts»-Artikel geschrieben, und viele andere Blätter haben abgeschrieben. Beispiel für den copy-paste Journalismus in der deutschen Schweiz. Und für diesen Schrott sollen noch SteuerzahlerInnen zum Handkuss kommen!

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  2. Karli Marxli
    Karli Marxli says:

    Rafaela Roth – ex Watson, ex Tagi. Eine Garantin für Haltungs-/Gesinnungs-/Betroffenheitsjournalismus. Wie andere Ex-Tagianer/-innen, die bei der Sonntags-NZZ angeheuert haben. Diese Zeitung war mal gut.

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