Der AZ-Faktencheck

Nicht alles stimmt von A bis Z.

Für alle sportlichen Leser eine kleine Übung: Beginnen Sie bitte zur Aufwärmung mit einer aufrechten Pirouette. Strecken Sie sich nun ruckartig nach hinten über die Schulter und halten den linken oder rechten Schuh mit der Hand. Bitte dehnen Sie sich langsam Richtung Decke. Ihr Körper soll dabei aufrecht bleiben. Und jetzt: Lächeln. Sehr schön. Sie haben gerade die Biellmann-Pirouette geschafft und dürfen sich im Eisfach mit etwas Süssem belohnen.

Alle anderen machen bitte eine AZ-Pirouette. Benannt nach der Aargauer Zeitung, die ein Interview mit zwei deutschen Wissenschaftlern machte. Das Gespräch habe «Wellen geworfen», schreibt die Zeitung ein paar Tage später. Grund: Die Journalisten luden nicht Daniel Koch zu einer Plauderrunde ein, sondern die beiden Autoren des Spiegel-Bestsellers «Corona Fehlalarm?»

Feige oder peinlich? Wahrscheinlich beides

Was also tun? War es mutig oder übermutig den zwei Ärzten eine Plattform zu geben? Wahrscheinlich letzteres. Die AZ entschied sich deswegen für eine Pirouette. Sie schreibt: «Die deutschen Wissenschaftler Sucharit Bhakdi und Karina Reiss haben umstrittene Aussagen gemacht. Der Faktencheck.»

Zuerst interviewt man also zwei Ärzte und distanziert sich ein paar Tage später von ihren Aussagen. Ist das feige oder peinlich? Wahrscheinlich beides. Und es ist auch noch falsch. Eine der neun inkriminierten Aussagen war:

Die Kinderpsychologen in Deutschland haben keine freien Termine mehr, weil Kinder unter dem Maskentragen leiden.

Die Aussage ist – natürlich – überspitzt. Sie spielt auf die deutschen Zustände ab. Wenn man das Zitat widerlegen will, muss man also Experten befragen, die über Deutschland berichten können. Das wird im «Faktencheck» nicht gemacht. Befragt wurde nur ein Schweizer Verbandspräsident. Der sagt natürlich nichts über Deutschland, ergreift aber gleich die Gelegenheit für die Forderung nach zusätzlichen Ressourcen in der Beratung.

Willkürlicher «Faktencheck»

Ja, es stimme, schreibt eine Journalistin zurück, dass man im Faktencheck die deutschen Verhältnisse nicht berücksichtigt habe. Aber es «spielt keine grosse Rolle: Hier wie dort werden Kinder teilweise von maskierten Personen betreut. Hier wie dort nur zu einem kleinen Teil. Diese Unvollständigkeit finde ich vernachlässigbar angesichts der offensichtlich übertriebenen (ergo auch für Deutschland falschen) Aussage, dass alle Kinderpsychologen wegen der Masken ausgebucht sein sollen.»

Im Faktencheck wird also eine Aussage als übertrieben und falsch gewertet. Die Recherche hingegen stützt sich auf einen einzigen (Schweizer) Experten. Übrigens: Der Gute warnt seine eigenen Patienten vor einer Wartezeit von bis zu 4 Wochen.

Einen Beitrag zum Thema «Fake News» leistet sich CH Media aber mit der Verstümmelung einer weiteren Aussage der beiden Wissenschaftler gleich am Anfang.

Bhakdi: «Es wird ein nicht validierter und nicht zugelassener Labortest verwendet.»

Daraufhin wird im «Faktencheck» behauptet: «Die in Deutschland von Coronaskeptikern oft geäusserte These hat ihren Ursprung bei den ersten mangelhaften Covid-Tests Anfang der Krise in Deutschland.» Und zack, schon sind die beiden Wissenschaftler zu «Coronaskeptikern» heruntergestuft. Allerdings mit unlauteren Mitteln. Indem schlichtweg die zudem noch völlig richtige Begründung für diese Aussage unterschlagen wird:

«Dieser stellt auch noch Trümmer des Erregers fest, also irrelevante Virusgen-Fragmente. Das bedeutet: Es wurden zahllose Infektionen registriert, ohne dass die Personen an Covid-19 erkrankt oder gar infektiös waren. Dass diese gesunden Menschen andere mit dem Coronavirus anstecken, ist niemals belegt worden. Eine Behauptung also, und nichts mehr.»

Übrigens eine wissenschaftliche Feststellung, die auch vom deutschen Robert-Koch-Institut geteilt wird, was damit wohl nicht ins Lager der «Coronaskeptiker» übergelaufen ist. Das ist also kein «Faktencheck», sondern ein Beitrag dazu, dass die Medien selber ihre Glaubwürdigkeit zerstören.

Nochmals Nachtreten in einem Kommentar

Ist damit die Beckmesserei beendet? Nein, es wird noch in einem Kommentar nachgetreten: «Coronaskeptiker wie die Professoren Bhakdi und Reiss schüren Emotionen und lenken ab von der Tragödie.» Und ein solches Verhalten macht die Leser muff und lenkt nicht ab, sondern zeigt deutlich: Thema nicht beherrscht.

Wurden die beiden eingeladenen und später kritisierten Interviewpartner wenigsten mit dem «Faktencheck» konfrontiert?   «Nein», lautet die Antwort, «wir haben den Faktencheck Bhakdi und Reiss nicht vorgelegt. Die beiden haben mit dem Interview Platz bekommen für ihre fast unwidersprochenen Aussagen.»

Jetzt auch noch Schelte für die eigenen Journalisten? Das reicht sogar für den dreifachen Axel.

1 reply
  1. Alois Fischer
    Alois Fischer says:

    Oh jehhh, Faktencheck Juheeeee! Wie liebe ich diese unsäglichen Dinger. irgenwann in 20 Jahren wird man sich darüber kugeln vor Lachen.
    Aber zuzeit gaubt man einfach jeden Dreck, der sich nicht so nennt, sondern verschämt, mit sexy Augenaufschlag so gibt, wie man es eigenlich erwarten würde, wenn diese Bezeichnung nicht bereits dermassen zu Tode geritten worden wäre.
    Sie beschreiben das Vorgehen sowie das Ziel korrekt und der Tatsache gewiss, dass das vonb Tokio bis Hammertfest genau gleich funktioniert – oder eben nicht. Und das Recht dazu haben Sie und meine Übereinstimmung ebenso
    Was beweist das? Nichts. Aber es sollte uns abhalten weiterhin solche verballhornungen journalistischer, aber auch politischer Arbeit zu akzeptieren. Lautstark dagegen protestieren oder zumindest (meine Variante) wirklich laut heruszulachen, unanständig zu prusten und in einer gewissen Art von Schnappatmung zu verharren. Oder ganz einfach irgendwo anders weiterzulesen.

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