Reden wir über Trump

Die Medien erhöhen die Schlagzahl. Und senken das Niveau.

«Sonnenkönig Trump», «Maryanne Trump Barry nannte ihren Bruder in Gesprächen mit Mary Trump einen «Lügner» und «grausam».» Ferndiagnosen über den Parteitag der Republikaner eines deutschen Korrespondenten im «Tages-Anzeiger».

«Die Reden am ersten Tag enthielten mehr Lügen und Unwahrheiten als der gesamte Event der Demokraten in der Vorwoche.» Das Blatt der Wahrhaftigkeit, der «Blick», wendet den Lügendetektor an.

«Müssen abwarten, was passiert», kolportiert das «die 20 wichtigsten Irgendwas»-Medium «watson» Trumps Antwort auf die Frage, ob er eine friedliche Machtübergabe garantieren könne. «Maduro bezeichnet die USA als Gefahr für den Weltfrieden», bringt die NZZ eine Sicht von aussen ins Spiel.

Bahnbrechende Erkenntnisse aus Luzern

«Fake News sind falsche Nachrichten oder die verzerrte Darstellung von Teilwahrheiten.» Diese bahnbrechende Erkenntnis von zwei Forschern der Hochschule Luzern verbreitet die «Luzerner Zeitung», denn «der Begriff ist spätestens seit Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump in aller Munde».

«Das ist der letzte Beweis: Dieser Präsident übernimmt keine Verantwortung und lebt von der Schuldzuweisung», weist ein Kommentator der Süddeutschen Zeitung im «Tages-Anzeiger» den US-Präsidenten streng zurecht.

Zusammenfassung: Ein Totalversager auf allen Gebieten

Vielleicht fassen wir mal zusammen: Donald Trump ist ein Egomane, ein Narziss, lügt, wenn er den Mund aufmacht. Er betreibt Vetternwirtschaft wie keiner zuvor, ein Versager auf allen Gebieten. Nicht nur ein Belastungstest für die US-Demokratie, sondern eine echte Gefahr.

Er ist ein Brandstifter, spaltet die Gesellschaft, ein Rassist, befürwortet das harte Durchgreifen der Polizei, bringt sogar Bundesbeamte gegen den Willen der Bundesstaaten zum Einsatz.

Ich gebe zu, dass ich nicht alle 10’000 Treffer gelesen habe, die das Medienarchiv SMD ausspuckt, wenn man den Suchbegriff Donald Trump eingibt. Immerhin noch 156 sind es, wenn man das Begriffspaar Trump und Lügner wählt.

Militante Gegenwehr wird gefordert

Der Vorreiter im Bemühen, Donald Trump eigenhändig wegzuschreiben, wird sogar militant. Zunächst räumt der «Spiegel», so viel Objektivität muss sein, immerhin ein: «Das Vorgehen Donald Trumps und seiner Gefolgsleute ist rechtlich in Ordnung.»

Na und, fährt das Sturmgeschütz der Demokratie fort, «aber nicht alles, was legal ist, ist auch moralisch gerechtfertigt». Deshalb sei es nach dem Tod der Bundesrichterin Ruth Bader Ginsburg «Zeit zum Gegenschlag», ruft der «Spiegel»-Redaktor aus der Ferne zum letzten Gefecht.

Darf ich mich anschliessen? Trump ist tatsächlich wohl der schlechteste Präsident, den die USA je hatten. Und die Latte liegt tief. Ist meine Meinung. Meine völlig unerhebliche Meinung. Ich habe auch keine Berichterstatterpflicht.

Wo bleibt die Berichterstatterpflicht?

Hätte ich die, würde ich mich schämen. Denn das Versagen von Trump wird exakt gespiegelt am Versagen der deutschsprachigen Medien. Selbst im Fall der USA würde es doch Sinn machen, den Leser darüber zu informieren, für welche Politik Trump in seiner zweiten Amtszeit stehen wird, welche Alternativen der Herausforderer Joe Biden anzubieten hat. Deshalb kann der wohlinformierte Leser sicherlich die Eckpunkte der Wahlprogramme auswendig zitieren. Oder etwa nicht?

Den Leser könnte es auch interessieren, wie es denn den USA wirtschaftlich in den letzten vier Jahren so ergangen ist. Ob Polizeigewalt gegen Schwarze wirklich die Ursache für Unruhen, Plünderungen und die Herrschaft des Mobs in verschiedenen Innenstädten der USA ist.

Den Leser würde es – aber ist nur meine Meinung – vor allem interessieren, wieso Trump zumindest gute Chancen hat, wiedergewählt zu werden. Sicher, White Trash, Waffennarren, religiöse Fundamentalisten sind für ihn. Aber warum bekommt er die Stimmen von weiteren 40 Prozent der Staatsbürger?

Dominieren nur Fake News die Medien?

Sein Haussender «Fox News» ist das wohl schlimmste Lügenmedium seit Erfindung des Farbfernsehens. Aber die USA haben immerhin auch den Public Broadcasting Service (PBS) und das National Public Radio (NPR). CNN, andere grosse Newssender, die bedeutendsten Tageszeitungen der USA sind eindeutig Anti-Trump.

Sie beschallen täglich und stündlich ihre Leser mit einer ständigen Aufzählung von allen Lügen, allem Versagen, aller Widersprüchlichkeit, Wankelmütigkeit, Konzeptlosigkeit, Korruptheit ihres Präsidenten.

Niemand weiss, wie die Löcher in den Käse kommen

Kurt Tucholsky hat ein wundervolles Feuilletonstück geschrieben, das sich um die unschuldige Frage eines Kindes dreht, wie denn die Löcher in den Käse kommen. Die Erwachsenen wollen ihrem Bildungsauftrag nachkommen und versteigen sich zu hanebüchenen Erklärungsversuchen, bis das Kind schliesslich weinend ins Bett geschickt wird, ohne seine Frage beantwortet zu haben.

Keine Angst, ich fange nicht an zu weinen, aber ich habe auch eine einfache Frage, die mir bislang noch kein einziges Medium in der Schweiz beantwortet hat: Warum ist es durchaus denkbar, dass Donald Trump wiedergewählt wird?

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