Wer vertraut noch den Medien?

Sie betreiben Raubbau an ihrem wichtigsten Gut.

Print, online, mit Buchstaben, dem gesprochenen Wort oder dem Talking Head im TV: die Transportwege von Nachrichten sollten eines gemeinsam haben. Das A und O, die Grundlage für alles.

Ist das die knallige Formulierung, die fetzige Schlagzeile, die elegante Schreibe, der Unterhaltungsfaktor? Das kann alles helfen, um Publikum zu finden. Aber das ist alles nichts, wenn Vertrauen fehlt. Vertrauen heisst ganz banal, dass die überwiegende Mehrzahl der Konsumenten glaubt, dass die Information zutrifft. Nach bestem Wissen und Gewissen erstellt wurde.

Denn das meiste, was der Konsument an Informationen via Medien aufnimmt, lässt sich von ihm selbst nicht überprüfen. Gibt es Massendemonstrationen gegen den Machthaber Lukaschenko in Belarus? Hat Trump in seiner Rede vor dem Parteitag wieder ständig gelogen? Hat der Politiker X tatsächlich Y gesagt?

Vertrauen auf Berichte aus fernen Ländern

Da muss der Newsempfänger darauf vertrauen können, dass in fernen Weltgegenden sich wirklich das abspielt, was ihm erzählt wird. Dass Berichte vielleicht eine Tendenz haben, Ausdruck der politischen Position des Autors sind, oder der Generallinie seines Organs. Aber im Faktengerüst, in der Beschreibung objektiver Tatsachen der Realität entsprechen.

Wenn der Berichterstatter zum Beispiel vermeldet, dass gerade zum Zeitpunkt einer Freiluftrede ein Gewitter niederging, dann muss das auch so gewesen sein. Wenn er dann noch Interpretationen liefert, das sei ein böses Omen, der Redner werde von Pech verfolgt, dann kann er das tun; es ist seine Meinung.

Nun gibt es aber ein Thema, das jeden in seinem eigenen Seinszusammenhang betrifft. Und zwar massiv: die Pandemie. Die von ihr ausgelösten Restriktionen, die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die Hochrisikogruppen, die historischen Vergleiche. Und schlichtweg die Zahlen. Darüber haben die Medien so zu berichten, dass das Publikum den Angaben vertraut.

Vertrauensmissbrauch bis auf null

Leider tun die Medien vieles, um dieses Vertrauen so lange zu missbrauchen, bis es schwindet. Nachdem die Schweizer Behörden – notabene viel zu spät – auf diese Pandemie reagierten, verwandelten sich eigentlich alle grossen Publikumsmedien in staatstragende Sprachrohre der Regierung und der Behörden.

Weil im heutigen Elendsjournalismus Abstraktes immer personalisiert werden muss, wurde ein unbeholfen formulierender BAG-Beamter kurz vor seiner Pensionierung zum «Mr. Corona». Der gesamte Bundesrat, vor allem aber der fachfremde Berufspolitiker und Gesundheitsminister Alain Berset, wurde zu einem Heldenseptett, das energisch, aber mit ruhiger Hand die Schweiz durch die Krise führt. Und Marcel Salathé wurde zum einzig relevanten Wissenschaftler für Corona-Fragen.

Kritik, hinterfragen, zweifeln, auf Widersprüche, Folgen, Schäden hinweisen? Nicht jetzt, ganz falscher Zeitpunkt, beschlossen eigentlich alle Medien. Davon haben sie sich langsam wieder erholt, vor allem der Mr. Corona musste erleben, dass es im Fahrstuhl eines Medienhypes nach oben geht – oder zwangsläufig auch wieder nach unten.

Unbelehrbare Medien

Das könnte man noch als lässliche Sünde sehen, man kann ja dazulernen. Unbelehrbar sind die Medien aber auf anderen Gebieten. Haben sie es endlich geschafft, Zahlen zu liefern, anhand derer der Newsempfänger sinnvolle Vergleiche anstellen kann? Nein. Die Zahl der positiv Getesteten in der Schweiz. Auf den Tag genau; 200, dann 350, dann wieder 225.

Schön, nur: Was soll das? Ohne Gewichtung der Anzahl Tests, die durchgeführt werden? Ist das viel oder wenig? Bezogen worauf? Kann man die Zahlen international vergleichen? Nein, dafür müssten sie pro eine Million Einwohner gerechnet werden.

Wenn es mehr Infizierte, aber weniger Tote gibt, woran liegt das? Sind jetzt endlich Hochrisikogruppen wie Alte mit Vorerkrankung besser geschützt? Wie steht es mit den Ferienrückkehrern aus sogenannten Risikogebieten? Werden die alle erfasst, wird die Einhaltung einer Quarantäne kontrolliert?

Wie ist es nun mit der Maskenpflicht? Nützt nichts, ist obligatorisch? Warum setzen einige Kantone ihre Einwohner dem angeblich hohen Risiko aus, ohne Maske einkaufen zu dürfen? Und in anderen werden solche Kunden aus dem Laden gewiesen?

Viele Fragen, kaum Antworten

Wie steht es mit den absehbaren wirtschaftlichen Folgen, in welches Desaster steuern wir? Macht es wirklich Sinn, alle Kritiker der staatlichen Massnahmen als «Corona-Leugner», Aluhutträger, Rechtsradikale, schlichtweg Halbschuhe zu beschimpfen? Und jeden einfach besorgten Bürger davor zu warnen, sich in eine solche Umgebung bei Demonstrationen zu begeben?

Schafft es Vertrauen, fast ausnahmslos den einzigen Fachexperten durchzureichen? Behörden und Regierungen tun schon genug, um die Bevölkerung langsam, aber sicher an der Weisheit ihrer Ratschlüsse zweifeln zu lassen, nur noch schwindendes Vertrauen in deren Weitsichtigkeit zu haben.

Wer misstraut, und tatsächlich kein Verschwörungstheoretiker ist, braucht Fakten, um sich seine Meinung zu bilden. Zahlen, Daten, Analysen, Informationen, die das ganze Spektrum der Betrachtungsweisen abbilden. Wieso machen sich die Medien nicht die kleine Mühe, Corona-Zahlen in verständliche und vergleichbare Werte umzurechnen?

Mainstream und Ausgrenzung

Wenn der völlig berechtigte Einwand formuliert wird, dass der Vergleich der Wochensterblichkeit in der Schweiz zwischen dem 1. Januar 2019 bis 1. September und dem gleichen Zeitraum 2020 ergibt: Kein Unterschied. Keine Übersterblichkeit. Beides im Band der statistisch zu erwartenden Zahlen. Mit der kleinen Ausnahme, dass es im April einen kurzzeitigen Ausreisser nach oben gab. Allerdings nur bei den Ü-65-Jährigen: ist das bereits Corona-Leugnung, fahrlässig, verantwortungslos? Oder warum wird bei allen Demonstrationen gegen die Restiktionspolitik die Anwesenheit von Rechtsradikalen, Verschwörungstheoretikern und anderen Irren ausführlich berichtet?

Einfach: weil’s weniger Mühe macht. Weil’s weniger Aufwand braucht. Weil man meint, mangels eigener Kompetenz, so auf der richtigen Seite zu stehen. Und das mit dem Vertrauen? Mit der Überlegung, dass man für sein Geld auch Leistung sehen will? Ach was, Vertrauen wird überschätzt, Leistung ist schwierig in diesen Zeiten. So stolpern die privaten Medien weiter Richtung Untergang.

3 Kommentare
  1. Henri Leuzinger
    Henri Leuzinger sagte:

    Die berechtigte Grundsatzfrage im Titel wird hier leider an der Corona-Problematik abgehandelt. Schade, denn so ziemlich alles, was dabei an Argumenten ausgebreitet wird, gabs schon x-mal zu lesen oder zu hören. Nichts Neues also.
    Ich glaube nicht, dass primär der Umgang mit der Pandemie zum Vertrauensverlust, wenn er denn so dramatisch ist, geführt hat, sondern das Ausdünnen der Redaktionen und der wachsende Zeitdruck, der seriöses Überprüfen von Fakten und Zitaten nahezu unmöglich macht, um vielleicht die wichtigsten zu nennen. Fehler und Fehleinschätzungen sind die Folge, die sich dann nur schwer korrigieren lassen und so das Vertrauen untergraben.
    Als Ausweg für das Publikum bietet sich eigentlich nur an, mehrere verschiedene Informationsquellen bzw. Medien zu nutzen. Das ist zwar aufwändig, aber führt zu differenzierteren Sichtweisen.

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  2. Victor Brunner
    Victor Brunner sagte:

    Warum soweit ausholen? Diese Woche in verschiedenen Medien, darunter nicht erstaunlich TA, 20 Minuten und BLICK „Die Schweiz ist Risikoland“. Eine Falschmeldung, aber schnell und mit grossen Titeln. Da die Abschreibredaktionen an der Dufourstrasse und Werdstrasse wegen mangelnder Kompetenz nicht prüfen können sei ihnen der Fehler verziehen!Eine Entschuldigung an die Leser wäre angebracht gewesen, zB:
    Geschätzte LeserInnen,
    wir waren schnell, wir haben nicht geprüft, wir können das nicht,
    kommt bestimmt ähnich wieder vor, unsere Stärken, wir können
    über alles schreiben auch wenn wir vom Thema nichts verstehen,
    aber immer voll motiviert!
    Ihre Redaktion

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    • Peter B.
      Peter B. sagte:

      Lieber Herr Brunner, das war keine Falschmeldung. Die SDA hat das zwar so behauptet, aber tatsächlich hatten die von ihnen gescholtenen Medien recht – weil sie anders als die SDA mit den Daten der Kantone arbeiteten, die präziser und aktueller sind als jene des BAG.

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