Gehören Staumeldungen am Radio abgeschafft?

Navis haben Staumeldungen am Radio längst abgelöst. Doch SRF will an diesem alten Zopf festhalten. Einer der Gründe: Die Sicherheit.

Wie das Amen in der Kirche werden auf Radio SRF 1 und 3 jede Stunde, oft sogar jede halbe Stunde, Staumeldungen verlesen, die niemanden interessieren oder die alle Betroffenen eh schon kennen. Wie die Zeitungen von CH Media kürzlich meldeten, «verbringen Autofahrer nirgends so viel Zeit wie in der Zürcher Gemeinde Weiningen». Freiwillig tun sie das nicht. Aus dem Limmattal kommend quält sich die Blechschlange dort auf der A1 in Fahrtrichtung St. Gallen über das Limmattaler Kreuz, bevor sie im Gubristtunnel verschwindet. Ähnlich lang stehen die Autofahrer auch auf der A3 vor dem Limmattaler Kreuz. Weitere Stauorte sind die A2 vor dem Schweizerhalle-Tunnel in Basel und die A1 zwischen Oensingen und Härkingen. Der Krux: Diese Staus sind Normalität, jeder Autofahrer weiss, was ihm dort blüht. Und wenn was Spezielles zu vermelden ist, meldet das jedes Auto-Navigationsgerät rasch und zuverlässig. Warum also hält Radio SRF an einem Uraltzopf fest? Denn die erwähnten Staumeldungen hört man nicht nur im Büro in Zürich-Schwamendingen. Auch der Bauer im Bündnerischen Safiental wird nicht davor verschont, ebenso wenig wie der Altersheimbewohner in Heerbrugg und die Pflegefachfrau in Interlaken. Fazit: Voll die Zielgruppe verfehlt.
Relevanteste Einschaltgründe
Andrea Di Meo, Mediensprecher vom Schweizer Radio und Fernsehen, sieht das anders. Für ihn ist klar: «Staumeldungen gehören zum Grundversorgungsauftrag eines Service Public Unternehmens und sind in den hörerreichweitenstärksten Programmen von Radio SRF 1 und SRF 3 unbestritten.» Laut Umfragen gehörten «Verkehrsmeldungen am Radio zu den relevantesten Einschaltgründen.» Dafür spreche, dass auch neue Privatradios Verkehrsmeldungen in ihr Programm aufnehmen. eine Aussage, die nicht gerade für die Qualität der Radioprogramme spricht.
Die Kritik, dass Navis dem Radio schon längst den Rang abgelaufen haben, kontert Di Meo mit einem spezielle Argument:
«Beim Autoverkehr ist es auch eine Frage der Sicherheit: Navigationsgeräte oder mobile Apps lenken den Blick weg von der Strasse, bei Radiomeldungen können die Automobilisten den Blick stets auf der Strasse halten. Zudem verwenden viele Autofahrende auf ihnen bekannten Strecken wie zum Beispiel beim Arbeitsweg kein Navi und sind entsprechend auf Verkehrsmeldungen angewiesen.» Zudem liege der Info-Fokus längst nicht mehr auf den alltäglich wiederkehrenden Staus sondern vielmehr auf den speziellen Situationen wie Gefahrenmeldungen, Unfällen, Sperrungen oder schwierigen Strassenverhältnissen.
Tendenzöse Staumeldungen?
Und die Variante,  dass Staumeldungen nur in den entsprechenden Regionen gesendet werden, analog den Regionaljournalen? «Regionale Verkehrsmeldungen werden bereits von den Lokalradios übernommen. Um nicht in eine direkte Konkurrenzsituation mit den Privatsendern zu gelangen, wurde auf eine Realisierung von regionalen Verkehrssendungen verzichtet», so der Sprecher. Dass in den allermeisten Fällen nur über Strassenstaus berichtet wird und nicht über allfällige Zugsausfälle, will Di Meo nicht gelten lassen: «Störungen im Bahnbetrieb werden gemeldet.» Gefühlt ist dies freilich nie der Fall, was für ein stabiles Bahnnetz zu sprechen scheint. Im Umkehrschluss suggerieren die täglichen Staumeldungen, dass das Strassennetz völlig am Anschlag ist.
Experten finden, dass etwa die Abstimmung über eine zweite Gotthardröhre nur wegen diesen Meldungen gewonnen wurde. Die Kritik aus dem linksgrünen Lager lautet, dass SRF somit unausgewogen, ja tendenzös berichtet. Der SRF-Sprecher sieht das anders: «SRF berichtet darüber, was sich auf den Strassen abspielt und orientiert sich dabei an den publizistischen Leitlinien, welche für die gesamte Berichterstattung gelten. In den publizistischen Leitlinien ist klar festgehalten, dass unser Programmangebot sachgerecht und unabhängig ist.»
Firma mit SRG, TCS und SBB im Rücken
A propos unabhängig. Wer steht organisatorisch eigentlich hinter den Verkehrsmeldungen? Es ist die Viasuisse AG. Laut Di Meo sind die drei wichtigsten Hauptaktionäre der Viasuisse AG für die Redaktion der Verkehrsmeldungen zuständig. SRG SSR (36%), TCS (36%) und SBB (20%). «Eine Vereinbarung sieht vor, dass SBB und TCS als Leistungsträger vereinzelt im Rahmen der «Verkehrsinseln» auf Radio SRF 1 genannt werden – allerdings nur, wenn die Rubrik nicht von einem anderen Sponsor gebucht ist», so Di Meo. Anderer Sponsor im offiziell werbefreien Radio SRF? Ein Beispiel, wie die Vorgaben scheinbar legal geritzt werden, ähnlich wie Alkoholwerbung am Fernsehen (alkoholfrei geniessen). Aber das ist wieder ein anderes Thema.
Bald das 60-jährige Bestehen
Radio SRF will also am «alten Zopf» mit den Verkehrsmeldungen festhalten. Das Bedürfnis sei nach wie vor sehr hoch. Zudem seien die Publikumsreaktionen, wenn eine Meldung fehlt, ein starkes Indiz, dass die Hörerschaft an Staumeldungen durchaus interessiert sei.
Also besteht durchaus die Möglichkeit, dass im Jahr 2022 das 60-jährige Bestehen der Verkehrsmeldungen gefeiert werden könnte. Dann jährt sich der Start im Jahr 1962. Damals begleitete Radio DRS mit der Sendung «Autoradio Schweiz» die Autofahrer (bis 1973), dazu kam die abendliche Sendung «Chömed guet hei». In den 70er Jahren begann das Schweizer Radio, infolge des zunehmenden Verkehrsaufkommens, nach den Nachrichten Verkehrsmeldungen zu verbreiten.

 

 

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