Das «Forum» ist ein Brei

Seit rund 30 Jahren regieren sogenannte Forumszeitungen unsere Medienlandschaft.

Wer glaubt, damit seien Ideologien überwunden und objektiver Journalismus endlich an der Macht, ist ein hoffnungsloser Romantiker.

Es ist viele Jahre her. Ich sass in einem Café irgendwo im Fürstentum Liechtenstein, weil ich Zeit vor einem Termin totschlagen musste. Vor mir lagen die beiden Tageszeitungen des Ministaates. Und die schienen direkt einem Monty-Python-Sketch entsprungen. Beide Zeitungen berichteten nämlich mit Bilderseiten über einen politischen Anlass. Das «Vaterland» zeigte allerdings peinlich genau nur die einen Protagonisten der «richtigen» Partei, das «Volksblatt» die anderen. Es gab buchstäblich keinen politischen Gegner in einem der beiden Blätter. Man musste die Seiten nebeneinanderlegen, um einen vollständigen Überblick zur Veranstaltung zu haben und zu wissen, wer wirklich da war. Nordkorea light.

Die nackte Wahrheit?

Das war ziemlich absurd. Es war aber bis in die 90er-Jahre in der Schweiz ähnlich. Die freisinnige Presse hier, die konservative dort, ein Nischenpublikum wurde mit den diversen linken Blättern abgefeiert, die inzwischen fast alle zugrunde gegangen sind. Mit Journalismus hatte das im Grunde nichts zu tun, und so scheint es ein Grund zur nachträglichen Feier, dass danach die «Forumszeitungen» kamen. Die Blätter, die sich von Parteibüchern lösten und sagen wollten, was wirklich war, unbesehen von Empfindlichkeiten des Hauspublikums. Kein Gelübde mehr an CVP oder FDP, nur noch die nackte Wahrheit. Das wollten sie uns liefern, diese Forumszeitungen.

Rund 30 Jahre später muss man sich die Frage stellen: Tun sie das wirklich? Und sind wir echt besser dran?

Denn damals konnte der Zeitgenosse, der sich frei von jeder Ideologie informieren wollte, sein Bedürfnis mit dem Kauf von zwei Zeitungen befriedigen. Das war zwar umständlich und kostspielig, aber das Resultat stimmte: Man hatte den Überblick. Heute kann der Leser in aller Regel nur noch ein Blatt kaufen und ist diesem dann völlig ausgeliefert. Und der Begriff «Forum» ist ziemlich grosszügig. Er stimmt nur, wenn wir davon ausgehen, dass die Redaktion in sich bereits ein Forum bildet. Was sie selten tut. Denn nach wie vor sitzen dort Ideologen. Nur dass sie früher wenigstens zweifelsfrei identifizierbar waren.

Früher herrschte Transparenz

Im Fall der Regionalzeitungen haben schweizweit die freisinnigen Titel den Konkurrenzkampf tendenziell gewonnen. Die einst freisinnigen Titel jedenfalls. Heute schwingt in den meisten von ihnen so viel Freisinn mit wie in einer Basler Mehlsuppe Fleisch schwimmt. Im Unterschied zu früher kann man das Blatt allerdings nicht mehr einfach wechseln, weil es kein anderes gibt. Wir haben also «Forumszeitungen», die wie ehedem einen klaren Kurs fahren, diesen aber nicht deklarieren. Früher herrschte wenigstens Transparenz. Wer das «Liechtensteiner Vaterland» zur Hand nahm, wusste glasklar, was ihn erwartete. Heute fehlt das Preisschild.

Keine Marktplätze der Meinungen

Wer «Forum» sagt, denkt an einen Marktplatz der Meinungen. An einen knallharten Austausch der Argumente, der es dem Leser ermöglicht, sich ein Bild zu machen. Corona hat uns eines Besseren belehrt. Ausgetauscht wurde in den meisten Zeitungen gar nichts, nur «vermittelt» – und zwar der aktuelle Stand des Irrtums des Bundesamts für Gesundheit. Tag für Tag. Was nicht dazu passte, wurde aussortiert. In Zeiten der Parteipresse hätte es wenigstens die minimale Chance gegeben, dass es eine der zwei Seiten anders sieht und Gegensteuer gibt. In Zeiten der «Forumszeitungen» hingegen ist alles über einen Kamm geschert. Denn der Begriff Forum wird nicht als Plattform der Debatte gedeutet. Sondern eher in die Richtung: «Welche Haltung nützt mir am meisten bei der nächsten Runde in der Medienförderung?»

Da liegt viel Ironie drin. Man war vor 30 Jahren ernsthaft überzeugt, dass das Ende der Parteienpresse zu einem Aufschwung der Meinungsvielfalt führt. Pustekuchen. Die wirtschaftlich stärkeren Titel haben die anderen weggefegt, ihre Monopole gesichert und scheren sich nun einen Deut um die offene Debatte. Die ist nämlich ziemlich lästig. Sie verkünden stattdessen wie früher ihre Wahrheit – nur dass sie inzwischen alleine sind damit und es keine Alternativen mehr gibt.

 

Von Stefan Millius, Chefredaktor «Die Ostschweiz».

Packungsbeilage: ZACKBUM.ch-Redaktor René Zeyer publiziert dort regelmässig.

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