Keystone-SDA disst Gemeinderat

Die Nachrichtenagentur kassiert Geld, erscheint aber nicht.

Gibt es unter den Medien auch Gewinner im Scheusaljahr 2020? Gewiss. Die Nachrichtenagentur Keystone-SDA erhält vom Bundesrat ab diesem Jahr nicht mehr 2, sondern maximal 4 Millionen Franken.
Mit dem Geld soll die regionale Berichterstattung sichergestellt werden. Konkret ist damit vor allem die regionale politische Berichterstattung aus den Regionen gemeint.

In Zürich also vor allem der Kantons- und Gemeinderat. Die Sitzungen des Kantonsrats finden am Montagmorgen statt, die des Gemeinderats am Mittwochabend. Letzteres ist also die Arschlochkarte im Regionaljournalismus. Die Sitzungen dauern nämlich gerne bis in den späten Abend. Kein Journalist meldet sich freiwillig für den Gemeinderat.

Die Redaktionen sind darum froh, sitzt dort jemand von Keystone-SDA und beliefert sie am gleichen Abend mit den wichtigsten Ratsbeschlüssen. Der «Landbote», zum Beispiel, bringt am Donnerstagmorgen ein paar der Geschäfte aus dem Zürcher Gemeinderat. Und die Zürcher Radiostationen quasseln, worüber am Vorabend debattiert wurde. Die Nachrichtenagentur Keystone-SDA berichtete seit Jahrzehnten und ohne Unterbruch aus dem Zürcher Gemeinderat.

Neue Bräuche bei Keystone-SDA

Das scheint nicht mehr aktuell zu sein. Und die Erklärung zu einer nichtanwesenden Sitzung sagt viel über die Entwicklung aus. «Da keine unverzichtbaren Themen auf der Traktandenliste waren, wurde auf eine Berichterstattung verzichtet», erklärt Keystone-SDA auf Anfrage. Gemeint ist die Sitzung vom 26. August. Es ist erstens neu, dass eine Nachrichtenagentur eine ganze Ratssitzung als verzichtbar deklariert und somit ihre Kunden nicht bedient.

Die Erklärung macht aber noch weniger Sinn, wenn man das Protokoll der 105. Ratssitzung studiert. Da ging es unter anderem um die Teilrevision der Bau- und Zonenordnung, um einen erweiterten Kredit für einen Doppelkindergarten oder ein dringliches Postulat zur Eindämmung der Jugendarbeitslosigkeit. Keine unverzichtbaren Themen?

Auch am 19. August wurde nicht live aus dem Ratsgeschehen berichtet. Erst am Tag darauf gab es eine Meldung. «Keystone-SDA deckt die Sitzungen wie bisher ab», beschwichtigt die Nachrichtenagentur. Eben nicht.

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